mini|Herme des Pythagoras (um 120 n. Chr.). Kapitolinische Museen, Rom Pythagoras von Samos (; * um 570 v. Chr. auf Samos; † nach 510 v. Chr. in Metapont in der Basilicata) war ein antiker griechischer Philosoph (Vorsokratiker), Mathematiker und Gründer einer einflussreichen religiös-philosophischen Bewegung. Als Vierzigjähriger verließ er seine griechische Heimat und wanderte nach Süditalien aus. Dort gründete er eine Schule und betätigte sich auch politisch. Trotz intensiver Bemühungen der Forschung gehört er noch heute zu den rätselhaftesten Persönlichkeiten der Antike. Manche Historiker zählen ihn zu den Pionieren der beginnenden griechischen Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft, andere meinen, er sei vorwiegend oder ausschließlich ein Verkünder religiöser Lehren gewesen. Möglicherweise konnte er diese Bereiche verbinden. Die nach ihm benannten Pythagoreer blieben auch nach seinem Tod kulturgeschichtlich bedeutsam.
Leben Da verlässliche Quellen fehlen, die Legendenbildung schon früh wucherte und die überlieferten Berichte einander widersprechen, sind viele Angaben über das Leben des Pythagoras in der wissenschaftlichen Literatur umstritten. Der aktuelle Forschungsstand ergibt folgendes Bild: Pythagoras wurde wohl um 570 v. Chr.Zur Datierung Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 51 f. als Sohn des Mnesarchos geboren, der auf der Insel Samos lebte. Mnesarchos stammte wahrscheinlich nicht (wie behauptet wurde) aus einer vornehmen samischen Familie, sondern war ein eingewanderter erfolgreicher Kaufmann (nach anderer Überlieferung Steinschneider).James A. Philip: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Toronto 1966, S. 185 f.; Nancy Demand: Pythagoras, Son of Mnesarchos. In: Phronesis 18, 1973, S. 91–96. Als Lehrer des Pythagoras wird am häufigsten der Philosoph Pherekydes von Syros genannt.Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 50 f. beurteilt diese Überlieferung skeptisch; Peter Gorman: Pythagoras. A Life, London 1979, S. 25–31 hingegen schenkt ihr Vertrauen. In seiner Jugend soll sich Pythagoras zu Studienzwecken in Ägypten und Babylonien aufgehalten haben; nach verschiedenen Berichten machte er sich mit dortigen religiösen Anschauungen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen vertraut und kehrte dann nach Samos zurück.Kurt von Fritz: Pythagoras. In: Pauly-Wissowa RE, Bd. 24, Stuttgart 1963, Sp. 172–209, hier: 179–186; James A. Philip: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Toronto 1966, S. 189–191; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 44–48; Peter Gorman: Pythagoras. A Life, London 1979, S. 43–68; ablehnend Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 57–64. Dort hatte um 538 v. Chr. Polykrates zusammen mit seinen Brüdern die Macht an sich gerissen und später seine Alleinherrschaft etabliert. Pythagoras stand in Opposition zu diesem Tyrannen und verließ die Insel. Nach der Datierung des Chronisten Apollodor reiste er 532/531 v. Chr. ab.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 81–83.
Frühestens 532 v. Chr., spätestens 529 v. Chr. tauchte Pythagoras im griechisch besiedelten Unteritalien auf und gründete eine Schule in Kroton (heute Crotone in Kalabrien).Zur Datierung Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 176; Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 21–23; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 51 f.; zum antiken Kenntnisstand über die Datierung siehe Cicero, De re publica 2,28–30 und dazu Karl Büchner: M. Tullius Cicero, De re publica. Kommentar, Heidelberg 1984, S. 197–199. Deren Mitglieder (d. h. der innere Kreis) bildeten eine enge Gemeinschaft, legten sich auf eine disziplinierte, bescheidene Lebensweise fest („pythagoreische Art des Lebens“) und verpflichteten sich zur Treue gegeneinander. Pythagoras, der ein vorzüglicher Redner war, erlangte großen Einfluss auf die Bürgerschaft, den er auch politisch geltend machte. Er gewann auch in anderen Gegenden der Region Anhänger, sogar unter der nichtgriechischen Bevölkerung.Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 148–150. Im Konflikt Krotons mit der Stadt Sybaris, der anscheinend von den Sybariten provoziert wurde, trat er für eine feste Haltung ein. Weil Kroton sich auf Veranlassung des Pythagoras weigerte, geflüchtete sybaritische Oppositionelle auszuliefern, brach 510 v. Chr. der Krieg aus, der mit der Zerstörung von Sybaris endete.Siehe dazu Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 203–206.
Nach dem Sieg kam es in Kroton zu inneren Spannungen, unter anderem wegen der Verteilung des eroberten Landes; der Unmut der Bürger richtete sich gegen die Pythagoreer. Daraufhin übersiedelte Pythagoras nach Metapontion (heute Metaponto in der Basilikata), wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Erst nach seiner Abreise aus Kroton brach dort der Konflikt offen aus, und die Pythagoreer unterlagen. Angaben, wonach damals viele von ihnen getötet wurden, beruhen möglicherweise auf Verwechslung mit späteren Unruhen. Eine abweichende Überlieferung, der zufolge Pythagoras in Kroton blieb und den dortigen Unruhen zum Opfer fiel, ist nicht glaubwürdig.Eduard Zeller, Rodolfo Mondolfo: La filosofia dei Greci nel suo sviluppo storico, Bd. 1(2), 5. Auflage, Firenze 1938, S. 423–425, besonders S. 425 Anm. 2; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 178 und Anm. 20, S. 182 f.; Rita Cuccioli Melloni: Ricerche sul Pitagorismo, 1: Biografia di Pitagora, Bologna 1969, S. 35–38. Für eine Datierung seines Todes liegen keine Anhaltspunkte vor. Die Metapontier, bei denen Pythagoras in hohem Ansehen stand, wandelten nach seinem Tod sein Haus in ein Demeterheiligtum um.Pierre Boyancé: Le culte des Muses chez les philosophes grecs, Paris 1937, S. 234–236; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 178 Anm. 20; Georges Vallet: Le „stenopos“ des Muses à Métaponte. In: Mélanges de philosophie, de littérature et d’histoire ancienne offerts à Pierre Boyancé, Rom 1974, S. 749–759.
Pythagoras war verheiratet. Nach einigen Quellen hieß seine Frau (nach anderer Überlieferung eine Tochter des Philosophen) Theano.Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 180; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 55 f. Er hatte Kinder, darunter – falls man der Überlieferung trauen kann – eine Tochter namens Myia. Manche Quellen nennen angebliche Namen weiterer Kinder des Pythagoras, doch wird die Glaubwürdigkeit dieser Angaben in der Forschung sehr skeptisch beurteilt.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 103 (mit Literaturhinweisen).
Lehre Da keine Schriften des Pythagoras überliefert sind, stößt eine Rekonstruktion seiner Lehre auf große Schwierigkeiten. Die uns bekannte antike Überlieferung besteht größtenteils aus späten Quellen, die erst in der römischen Kaiserzeit – mehr als ein halbes Jahrtausend nach Pythagoras’ Tod – entstanden sind. Die antiken Hinweise und Berichte sind voller Widersprüche und stark von Legenden durchsetzt. Das Ziel vieler Autoren war die Verherrlichung des Pythagoras, einige wollten ihn verunglimpfen. Daher gehen trotz intensiver Klärungsbemühungen seit dem 19. Jahrhundert – die Spezialliteratur umfasst Hunderte von Veröffentlichungen – noch heute die Meinungen der Forscher auch über Grundlegendes weit auseinander. Eine Hauptschwierigkeit besteht in der Unterscheidung zwischen Auffassungen späterer Pythagoreer und der ursprünglichen Lehre.
Im 5. Jahrhundert v. Chr. behauptete der Dichter Ion von Chios, Pythagoras habe Gedichte verfasst, und Autoren der römischen Kaiserzeit nannten Titel von Werken, die er angeblich geschrieben hatte. Zu den Gedichten, die ihm zugeschrieben wurden, gehörte insbesondere eine „Heilige Rede“ (hieròs lógos), deren erster Vers überliefert ist,Diogenes Laertios 8,7. sowie die „Goldenen Verse“, ein in der Antike beliebtes und mehrmals kommentiertes Gedicht (71 Hexameter, lateinischer Titel Carmen aureum). Es enthält Lebensregeln und religiöse Verheißungen und bietet eine zusammenfassende Einführung in pythagoreisches Gedankengut.Johan C. Thom: The Pythagorean Golden Verses, Leiden 1995 (Textausgabe mit englischer Übersetzung, Einführung und Kommentar). Dieses Gedicht wurde als Ganzes sicher nicht von Pythagoras verfasst, enthält aber möglicherweise einzelne von ihm stammende Verse aus der „Heiligen Rede“.
Forschungsmeinungen In der Forschung stehen einander zwei Richtungen gegenüber, die sehr unterschiedliche Pythagoras-Konzepte vertreten. Die eine Richtung (Erich Frank,Erich Frank vertrat diesen Standpunkt in seiner Untersuchung Plato und die sogenannten Pythagoreer, Halle 1923 radikal; in einer späteren Arbeit (Wissen, Wollen, Glauben, Zürich 1955, S. 81 f.) rückte er von der extremen Position ab. Karl Ludwig Reinhardt, Isidore Lévy, Walter Burkert, Eric Robertson Dodds) sieht in Pythagoras einen religiösen Führer mit geringem oder keinem Interesse an Wissenschaft; nach Burkert gehört er zum Typus des Schamanen („Schamanismusthese“). Zu den Gegnern der Schamanismusthese gehören Werner Jaeger, Antonio Maddalena, Charles H. Kahn und vor allem Leonid Zhmud, der die gegenteilige Pythagorasdeutung detailliert ausgearbeitet hat.Zhmud hat seine Position in der 1997 veröffentlichten Monographie Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus ausführlich dargelegt und 2005, auf seither erschienene Literatur eingehend, seine Argumentation zusammengefasst: Leonid Zhmud: Überlegungen zur pythagoreischen Frage. In: Georg Rechenauer (Hrsg.): Frühgriechisches Denken, Göttingen 2005, S. 135–151. Sie besagt, dass Pythagoras in erster Linie Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler gewesen sei („Wissenschaftsthese“). Manche Philosophiehistoriker suchen eine mittlere Position zwischen den beiden Richtungen, und nicht alle, welche die eine These ablehnen, sind Verfechter der anderen.
Die Schamanismusthese ist von Walter Burkert eingehend begründet worden.In der Monographie Weisheit und Wissenschaft (1962); in der überarbeiteten englischen Übersetzung Lore and Science in Ancient Pythagoreanism (1972) hat Burkert, auf Kritik reagierend, einige seiner Annahmen geändert. Sie kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Pythagoras hat sehr wahrscheinlich keinen einzigen Beitrag zur Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und Astronomie geleistet und dies auch gar nicht beabsichtigt. Sein Anliegen war kein wissenschaftliches, sondern es ging ihm um spekulative Kosmologie, um Zahlensymbolik und besonders um die Anwendung magischer Techniken im Sinne des Schamanismus. Für seine Anhänger war er ein übermenschliches Wesen und hatte Zugang zu unfehlbarem göttlichem Wissen. Der Legitimierung dieses Anspruchs dienten ihm zugeschriebene Wundertaten. Die Pythagoreer bildeten eine Kultgemeinschaft, die hinsichtlich ihrer Riten den Mitgliedern ein rigoroses Schweigegebot auferlegte, und waren an zahlreiche im Alltag streng zu befolgende Regeln gebunden. Der Zweck der Schule war primär religiös und schloss auch politische Aktivitäten ein. Wissenschaftliche Bestrebungen traten – wenn überhaupt – erst nach dem Tod des Pythagoras hinzu. Von einer pythagoreischen Philosophie kann zu Lebzeiten des Pythagoras nicht gesprochen werden, sondern erst ab der Zeit des Pythagoreers Philolaos. Das Weltverständnis des Pythagoras war insgesamt ein vorwissenschaftlich-mythisches. Burkert illustriert dies durch Parallelen zur altchinesischen Kosmologie (Yin und Yang) und zu archaischen Vorstellungen indigener Völker.