Die Therapeuten (, Plural zu ) waren eine der Mystik zugewandte Gruppe jüdischer Einsiedler in Ägypten vom Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr.
Die Quelle dessen, was wir über die Therapeuten wissen, ist Philon von Alexandria,Maren R. Niehoff: Philon von Alexandria. Eine intellektuelle Biographie. Mohr Siebeck, Tübingen 2019, ISBN 978-3-16-156298-3, S. 101–103 ( auf books.google.de; hier S. 102) der in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebte. Er beschreibt die Therapeuten in der Schrift („Über das kontemplative Leben“; griechischer Titel ). Der Titel bedeutet „Über das visionäre Leben“ oder „Das beschauliche Leben“.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 372, Fußnote 1100.
Die Therapeuten gelten mit den Essenern als Vorläufer des christlichen Mönchtums, werden aber auch den antiken Gnostikern und der Gnosis zugerechnet. Ihre religiösen Ideen galten innerhalb des Judentums als Häresie.
Von einigen Historikern wird auch die Hypothese vertreten, dass die Bezeichnung für den vorchristlichen Mönchs- und Nonnenorden in Ägypten (Ptolemäer) möglicherweise eine Verformung des Sanskrit-/Paliwortes „Theravāda“ war, einer Form des Buddhismus, die gänzlich von den Vorstellungen einer buddhistischen Askese durchdrungen war.
Lebensweise und Denkungsart Sie seien, so Philon, vielerorts auf dem Erdkreis zu finden, auch in nichtgriechischen Ländern, besonders zahlreich seien sie aber in der Gegend um Alexandria.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 385. Die Therapeuten verschenkten all ihre Habe und zogen sich aus ihren Familien in die Gärten außerhalb der Städte zurück. Ihre Siedlungen lagen vor allem oberhalb des Marioutsees von Alexandria. Die jüdischen Einsiedler lebten asketisch und ehelos einzeln in Hütten, nur mit dem Nötigsten an Essen und Kleidern versorgt. In ihrer Gemeinschaft waren Männer wie Frauen gleichberechtigt zugelassen, die weiblichen Mitglieder nannten sich „Therapeutriden“ (, Singular ).
Die Therapeuten versuchten, sich mit Wein- und Fleischverzicht selbst zu läutern und dadurch Gott näher zu kommen:
Zur Sexualität bestand eine autochthon aversive Einstellung, die sich aus der religiös-spirituellen Gruppenidentität ergab.
mini|300px|Die Lage des (heutigen) Marioutsees südöstlich von Alexandria. Karte aus dem Jahre 1861
Nach Philon suchten die Therapeuten die Einsamkeit und Wohnstellen außerhalb der Stadtmauern in Gärten oder auf entlegenen Grundstücken auf. So sollen sie vor den Toren Alexandrias, oberhalb des Marioutsees, bevorzugt gesiedelt haben, wo sie andererseits aber auch in der Nähe eines wichtigen ägyptischen Verkehrsknotenpunktes lebten.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 386. mini|Alexandria um 30 v. Chr. in römischer Zeit; südöstlich des Marioutsees (mareotis lacus). Der Stadt lag ein rechtwinkliges Straßennetz zugrunde. Die lange Kanopische Straße durchzog die Stadt in Ost-West-Richtung, hier waren alle bedeutenden Gebäude errichtet worden. Die wichtigste Querachse bildete ein Damm, der das Festland mit der Halbinsel Pharos verband. Sie beteten zweimal täglich, jeweils zum Aufgang und Untergang der Sonne. Das Morgengebet diente der Bitte, dass ‚himmlisches Licht‘ ihren Geist erfüllen möge, während das Abendgebet der Fürbitte galt, dass ihre Seele von der Unruhe durch die Sinne und deren Objekte frei werde. Die Zeit zwischen den Gebeten sei der Askese und den geistigen Übungen geweiht gewesen.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 392.Vergleiche hierzu Samādhi, das zusammen mit Weisheit (prajna) und Tugend (sila) den achtfachen Pfad im Buddhismus bildet.
Philon schilderte die Körperhaltung der Therapeuten, wenn sie dem Vortrag folgten, dabei verbargen sie die Hände in ihrem Gewand, dabei die rechte Hand zwischen Brust und Kinn, die linke Hand zurückgezogen an die Taille.Hermann Detering: Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISBN 978-1-9807-9605-3, S. 55.
Sie hatten sie im Vergleich zu den gläubigen Juden (jüdische Feste) einen anderen Festtagskalender.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. Essener, Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten und Therapeuten. (= Schriften der Forschung. Band 2: Historische Theologie). Seminar Schloss Bogenhofen, St.Peter/Hart 2012, ISBN 978-3-900160-86-9, S. 396–403; 419.
Am siebten Tag (vergleiche „Sabbat“ und „Uposatha“Im Buddhismus gibt es keinen Siebentage-Rhythmus, der Uposatha (Sanskrit उपवसथ upavasatha) ist ein Tag der inneren Einkehr, der Kontemplation und Erneuerung der Dhamma-Praxis, er wird alle fünf bis sieben Tage begangen. Zu den Uposatha-Tage, im eigentlichen Wortsinn Fastentage, versammeln sich Buddhisten, um miteinander zu meditieren. Vorträge von Bhikkhu und Bhikkhuni zum Dhamma haben eine wichtige Bedeutung. In seiner Funktion entspricht er dem jüdischen Sabbat.) kamen sie zu einer gemeinschaftlichen Versammlung zusammen, auch würden dann die Anforderungen der Gemeinschaft gelockert. Frauen und Männer waren gemeinsam an den Festivitäten beteiligt, auch wenn sie getrennt saßen. Da die Therapeuten jüdischer Herkunft waren, ist zu vermuten, dass der Siebentage-Rhythmus in der ursprünglichen Form erhalten wurde. Nach Detering (2018),Hermann Detering: Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISBN 978-1-9807-9605-3, S. 54; 62 Thundy (1993),Zacharias P. Thundy: Buddha and Christ: Nativity Stories and Indian Traditions. Brill, Leiden 1993, ISBN 90-04-09741-4, S. 206–208. Lockwood (2010),Michael Lockwood: Buddhism’s Relation to Christianity: A Miscellaneous Anthology with Occasional Comment by Michael Lockwood. T.R. Publications, Chennai (India) 2010, S. 14. Mansel (1875)Henry Longueville Mansel, Joseph Barber Lightfoot: The Gnostic Heresies of the First and Second Centuries. J. Murray, London 1875, S. 31 f. u. a. wurde die Gemeinschaft der Therapeuten von indischen bzw. buddhistischen Gehalten bestimmt, die ihre jüdische Toraexegese geprägt hätten.
Alle sieben mal sieben Tage, am Vorabend ihres Hochfestes (am fünfzigsten Tag), versammelten sich Frauen und Männer zu einem heiligen Mahl, dem wiederum Gebet, Wechselgesang und Schriftlesung vorangingen, um so das Hochfest einzuleiten.Hermann Detering: Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISBN 978-1-9807-9605-3, S. 42. Da es zum üblichen Tagesablauf zur Nacht Tanz und Gesang vorsah, stand nunmehr die sinnliche Wahrnehmung deutlich stärker im Vordergrund und drängte das kontemplative Element in den Hintergrund.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 420. Das Mahl am Vorabend des fünfzigsten Tages bestand ebenfalls nur aus Brot und Salz. Dem Salz war Ysop beigemengt. Während des Mahls ließen sich die Therapeuten nicht von Sklaven bedienen, vielmehr übernahmen Ordensnovizen den Tafeldienst.
Tieropfer wurden von ihnen abgelehnt. Sie verachteten Habsucht und Besitz. Einfache weiße Kleidung war bevorzugt. Eine Verbindung zu Gott war nach ihrem Verständnis nur durch die Heiligung des Geistes, durch Selbstbeherrschung und Studium erreichbar. Im Denken standen sie den früheren Pythagoreern nahe.René Gehring: Die antiken jüdischen Religionsparteien. S. 440–445. Die Therapeuten lehnten die Sklaverei ab.Hermann Detering: Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISBN 978-1-9807-9605-3, S. 43.Hubert Frankemölle: Frühjudentum und Urchristentum. Vorgeschichte-Verlauf-Auswirkungen (4. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.). Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 3-17-019528-X, S. 69–76.
Verbindung zum Buddhismus Schon von Mansel (1875)Henry Longueville Mansel, Joseph Barber Lightfoot: The Gnostic Heresies of the First and Second Centuries. J. Murray, London 1875, S. 31 f. wurde die These vertreten, dass die Therapeuten oder kontemplativen Mönche Ägyptens aus einer Vereinigung des alexandrinischen Judentums mit den Vorschriften und Lebensweisen von Anhängern buddhistischer Vorstellungen hervorgegangen seien. Auch Peter von Bohlen (1830)Peter von Bohlen: Das alte Indien, mit besonderer Rücksicht auf Aegypten. Bd. 1, Gebrüder Bornträger, Königsberg 1830, S. 370 f. (books.google.de auf books.google.de) verfolgte diese These, wobei u. a. er auf Jean Leclerc verwies, ebenso zog Marcus (1952)Ralph Marcus: The Sebomenoi in Josephus. Jewish Social Studies, Vol. 14, No. 3 (Jul., 1952), S. 247., ein Experte für das hellenistische Judentum, sie in Betracht.
Zwischen dem römischen Imperium, dem griechisch-römischen Okzident und Indien gab es schon früh enge Handelsverbindungen über die Seidenstraße, Weihrauchstraße und den Seeweg nach Ägypten (römisch-indische Beziehungen, Graeco-Buddhismus). So stellte etwa die Seidenstraße in der antiken Welt das umfangreichste Netzwerk an Straßen und Wegen dar. Prägend war für die Regionen, die entlang dieser Handelsroute lagen, ein konstant hohes Handelsvolumen sowie die zunehmende Ausbreitung des Buddhismus.Der Buddhismus versteht sich als ein ‚spiritueller Übungsweg‘. Der Buddhismus war von seinen Ursprüngen an recht offen dafür, ob seine Adepten ‚Götter‘ verehrten oder nicht. In Alexandria in Ägypten wurden indische Grabsteine aus der Zeit der Ptolemäer gefunden.William Woodthorpe Tarn: The Greeks in Bactria and India. Cambridge University Press, 2010, ISBN 978-1-108-00941-6, S. 370. Unter Ptolemaios II. Philadelphos, der mit König Ashoka in Kontakt stand, erlebte Alexandria einen starken Aufschwung. Für die Ptolemäer bestand ein großes Interesse an einem Warenaustausch mit dem indischen Subkontinent. Dabei entwickelte sich nicht nur der Landweg, sondern in stärkerem Ausmaß auch der Seeweg über das Rote Meer zur Indusmündung und weiter nach Südindien in bedeutungsvoller Weise.Heinz Gerster: Budjas Buddhisten. Wege und Welten des frühen Buddhismus. Elster, Zürich 2015, ISBN 978-3-906065-33-5, S. 26–28
So schrieb Clemens von Alexandria, ein griechischer Theologe und Kirchenschriftsteller, im Kapitel I, 15/6Clemens von Alexandria: Stromata I, 15/6 unifr.ch. seiner Stromata, dass ihm die Anhänger des Buddha () bekannt seien: „Zu den Indern gehören die Anhänger der Lehre des Buddha, den sie wegen seiner alles überragenden Heiligkeit wie einen Gott geehrt haben.“Oliver Freiberger: Zum Vergleich zwischen buddhistischem und christlichem Ordenswesen. ZfR 4, 1996, 83–104 puls.uni-potsdam.de