Was ist Metaphysik? ist der Titel eines von Martin Heidegger am 24. Juli 1929 gehaltenen Vortrags. Es ist die öffentliche Antrittsvorlesung Heideggers, der zu diesem Zeitpunkt an der Freiburger Universität den Lehrstuhl Edmund Husserls übernahm.

Heidegger bestimmt in dem Vortrag den Menschen als das Wesen, welches in der Metaphysik nach dem Ganzen fragt. Er setzt sich mit der Beziehung von Philosophie und Wissenschaft auseinander, indem er deren Verhältnis zum Nichts thematisiert. Dabei zeigt sich, dass erst durch das Nichts die „Grundfrage“ der Philosophie und somit auch der Wissenschaft motiviert wird: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ Da die Logik sich als untauglich erweist, das Nichts zu begreifen, lehnt Heidegger sie als zentrale Methode der Metaphysik ab.

Der Vortrag stellt einen wichtigen Übergang zwischen dem Denken aus „Sein und Zeit“ und Heideggers Spätwerk dar. Seine Bedeutung lässt sich auch daran ermessen, dass Heidegger nachträglich 1943 ein Nachwort und 1949 eine Einleitung verfasst, in denen er sich jeweils selbst interpretiert.

Inhalt Die Ausgangsfrage Heidegger beginnt den Vortrag mit der Entfaltung dessen, was es heißt metaphysisch zu fragen. Zwei Dinge bestimmen nach ihm diese Frage: Es ist der Mensch, der fragt, und dieser fragt nicht nach einer einzelnen Sache, sondern nach dem Ganzen. Heidegger hält als Vergleich die Wissenschaften entgegen. Diese fragen nach einzelnen Aspekten, sie fragen nicht nach dem Sein im Ganzen, sondern nach dem Seienden. Entsprechend verfolgen sie in getrennten Fachrichtungen ihre Forschung. Das wissenschaftliche Vorgehen lässt sich dabei durch folgende drei Punkte charakterisieren:

Weltbezug: Die Wissenschaften beziehen sich auf das Seiende. Haltung: Ihr Vorgehen wird durch den Untersuchungsgegenstand bestimmt, hierzu abstrahieren sie vom Menschen. Einbruch: Wissenschaft wird betrieben als systematische Freilegung des Seienden.

Heidegger stellt nun über eine – zunächst wie ein Sprachspiel aussehende – Formulierung einen vorläufigen Bezug zwischen Metaphysik und Wissenschaft her, indem er festhält: „Erforscht werden soll [durch die Wissenschaft] nur das Seiende und sonst – nichts; das Seiende allein und weiter – nichts; […] Ist es Zufall, daß wir ganz von selbst so sprechen?“GA 9, S. 105. Er hält fest: Wenn die Wissenschaft das Nichts nicht beachtet, thematisiert sie es damit als „unwissenschaftlich“ und definiert sich so gerade mit seiner Hilfe.

Das Nichts Um zu verstehen, ob es sich hierbei nur um eine Redeweise handelt, oder tatsächlich ein Bezug zum Nichts vorliegt, muss geklärt werden, was unter „Nichts“ verstanden wird. Offensichtlich, so Heidegger, reicht es nicht, das Nichts als Verneinung eines Seienden zu denken, denn dann würde es gerade über das definiert, was doch gerade seinen Gegensatz ausmacht. Heidegger macht diese Aussage unter einem gewissen Vorbehalt, denn es ist ein logischer Widerspruch, der sich hier zeigt. Über die Rolle der Logik wird aber noch zu entscheiden sein.

Auch eine Auffassung, die das Nichts als Verneinung des Ganzen vorstellt, erweist sich für Heidegger als untauglich, denn das Ganze ist uns als endlichen Wesen niemals als Ganzes zugänglich. Zudem bliebe es wieder eine Sache des Verstandes das Ganze vorzustellen und es zu verneinen. Heidegger möchte stattdessen vielmehr eine Erfahrung des Nichts ausfindig machen. Auf der Ebene der Erfahrung lässt sich nämlich außerdem, so Heidegger, das Ganze als etwas inmitten dessen wir sind, durchaus begreifen. Hier jedoch nicht durch den Verstand, sondern durch Stimmungen und Befindlichkeiten. So rücken zum Beispiel in der Langeweile alle Dinge und Möglichkeiten als uninteressant von uns fort. Ebenso kann in der Stimmung der Freude in der Gegenwart eines geliebten Menschen uns das Ganze, inmitten dessen wir sind, offenbar werden.

Diese Stimmungen aber heben das Ganze in eine Bedeutsamkeit für uns, sie offenbaren damit gerade nicht das Nichts. Die Stimmung, welche das Nichts hingegen als solches erschließt, ist für Heidegger die Angst. Sie richtet sich – anders als die Furcht vor etwas – nicht auf etwas bestimmtes, sondern in ihr wird uns unheimlich und die Welt verliert ihre Bedeutsamkeit, sie wird gleichgültig, sie ist „nichts“ für uns. Das Nichts wird in der Angst also nicht erfasst, sondern es begegnet. Hierfür ist es auf das Seiende angewiesen: es zeigt sich gerade am in der Unbedeutsamkeit versinkenden Seienden. Die Widerständigkeit, das Versagen, das Verschließen und sich Verweigern der Welt ist für Heidegger eine Grunderfahrung, welche zum Menschsein gehört. Es ist die Grunderfahrung des Nichts in der Angst. Für Heidegger ist das Nichts daher nichts Abstraktes, sondern eine konkrete Erfahrung, was er in der drastischen Formulierung zum Ausdruck bringen will, der Mensch sei in das Nichts „hineingehalten.“

Heidegger spricht im Weiteren jedoch nicht von der „Erfahrung des Nichts“, sondern von „dem Nichts“ – eine Formulierung, an der viel Anstoß genommen wurde. Dies hat jedoch seine Gründe in Heideggers Bemühungen den neuzeitlichen Subjektivismus zu überwinden. Es ist kein Subjekt, welches in der Angst von der Welt abrückt, sondern die Welt rückt vielmehr vom Menschen ab, ihr Entzug steht nicht in seiner Macht. Heidegger bezeichnet dieses Abrücken der Welt als Nichtung: „Diese im Ganzen abweisende Verweisung auf das entgleitende Seiende im Ganzen, als welche das Nichts in der Angst das Dasein [d.h. den Menschen] umdrängt, ist das Wesen des Nichts: die Nichtung.“GA 9, S. 114. Die Stimmung der Angst ist nichts, das man bewusst hervorrufen könnte, sie überfällt einen: „So endlich sind wir, daß wir gerade nicht durch eigenen Beschluß und Willen uns ursprünglich vor das Nichts zu bringen vermögen.“GA 9, S. 118. Es ist daher für Heidegger keine bloße sprachliche Raffinesse, durch Substantivierung von „nicht“ zu „das Nichts“, dieses der Verfügbarkeit eines Subjekts zu entziehen und zu sagen: „Das Nichts selber nichtet.“GA 9, S. 114.

Die im praktischen Umgang mit der Welt gemachte Erfahrung des Nichts und der Angst ist also keine durch ein Subjekt produzierte. Auch zeigt sich jetzt, warum das Nichts nicht aus der Verstandesfunktion der Verneinung zu verstehen ist: diese wäre eine jeglichem Weltbezug vorangehende Fähigkeit eines Subjekts. Der Mensch ist für die Verneinung jedoch viel mehr auf die ursprünglichere Erfahrung des Nichts angewiesen, denn erst im vorausblicken auf das Nichts wird die Verneinung möglich. Da auch die Erfahrung nichts ist, das er herbeiführen kann, sondern es das Nichts ist, das nichtet, entspringt die Verneinung dem Nichts: „Das Nicht entsteht nicht durch die Verneinung, sondern die Verneinung gründet sich auf das Nicht, das dem Nichten des Nichts entspringt.“GA 9, S. 116f.

Folgerungen Die Untersuchung hatte gezeigt, wie die Angst das Nichts erfahren lässt: Die Dinge sind nicht mehr interessant, anregend, auffordernd – gleichwohl sie deshalb nicht „verschwinden“. Daher sagt Heidegger, das Nichts zeigt sich am Seienden. Damit ist aber offensichtlich der Logik, die eine solche Verbindung von Seienden und Nichts ja als widersprüchlich abgelehnt hatte, keine bevorzugte Position als Methode der Metaphysik einzuräumen.

Da das Nichts sich am Seienden zeigt, ordnet es Heidegger dem Sein dieses Seienden zu. Er grenzt sich jedoch von Hegel ab, der Nichts und Sein gleichgesetzt hatte („Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe.“ Hegel: Wissenschaft der Logik I. Buch WW III, S. 78). Hegel hatte diese Gleichsetzung vorgenommen, da Sein als auch Nichts beide in ihrer Absolutheit differenzlos sind; beide Begriffe sind gleichermaßen abstrakt und leer. Für Heidegger hingegen gehören Sein und Nichts zusammen, da beide auf den Menschen angewiesen sind, um sich zu offenbaren: Nur der Mensch weiß, dass Sein ist und nur er erfährt das Nichts. Wegen dieser Angewiesenheit des Nichts auf den Menschen nennt Heidegger den Menschen auch den „Platzhalter des Nichts.“GA 9, S. 118.

Da das Nichts nicht ein einzelnes Seiendes betrifft, sondern das Seiende im Ganzen, ist die Frage nach dem Nichts eine metaphysische. Wenn erst durch die Angst und das Nichts das Sein im Ganzen offenbar wird, dann ist damit offensichtlich das Nichts Voraussetzung für die Abgrenzung der Wissenschaft, die sich nur auf das Seiende bezieht – denn erst wenn das Ganze in den Blick gebracht ist, kann festgestellt werden, dass man sich nur auf Einzelnes bezieht. Damit bleibt die Wissenschaft in ihrem Selbstverständnis auf das Nichts und damit auf die Metaphysik angewiesen.

Außerdem hatte sich gezeigt, dass die verstandesmäßige Verneinung auf das Nichts (die ursprünglichere Erfahrung des Nichts) angewiesen ist und nicht umgekehrt. Daher bleibt die Wissenschaft auch für ihre fragende Praxis auf das Nichts angewiesen, denn nur die Verwunderung über das Nichts bringt das Fragen nach dem Warum auf den Weg: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“GA 9, S. 122.

Kritik Rudolf Carnap kritisierte zwei Aspekte an Heideggers Rede. Dies ist zum einen der Wortgebrauch. Er bemerkt hierzu, dass „nichten“ eine nicht zulässige Wortbildung im Sinne einer alltagssprachlichen Verwendung darstellt: „Hier […] haben wir einen der seltenen Fälle vor uns, daß ein neues Wort eingeführt wird, das schon von Beginn an keine Bedeutung hat.“Zitiert nach Michael Friedmann: Carnap. Cassirer. Heidegger. Geteilte Wege. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 25, Anmerkung 16. Dort aus Rudolf Carnap: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache. In: Rudolf Carnap. Scheinprobleme in der Philosophie und andere metaphysikkritische Schriften (= Philosophische Bibliothek, Band 560), hg. von Thomas Mormann, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 978-3-7873-1728-8, S. 81–109, hier S. 95 (zuerst in: Erkenntnis 2, 1931, 219–241, hier S. 230f.). Außerdem habe die moderne Logik gezeigt, dass der Begriff „Nichts“ weder Substantiv noch Verb ist, sondern die logische Form des Begriffs allein durch Existenzquantifikation und Negation bestimmt wird.Vgl. Michael Friedmann: Carnap. Cassirer. Heidegger. Geteilte Wege. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 25. Hauptkritikpunkt Carnaps ist jedoch, dass Heidegger die zentrale Stellung von Logik und Naturwissenschaft ablehnt. Dieser Punkt ist mehr politischer als philosophischer Dimension, denn Carnap macht sich Sorgen darüber, dass Heideggers „metaphysische Lehre, […] gegenwärtig in Deutschland den stärksten Einfluß ausübt.“Zitiert nach Michael Friedmann: Carnap. Cassirer. Heidegger. Geteilte Wege. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 25. Er sah seine Kritik an Heidegger daher als notwendigen Bestandteil eines umfassenden sozialen, politischen und kulturellen Kampfes gegen die Metaphysik.Vgl. Michael Friedmann: Carnap. Cassirer. Heidegger. Geteilte Wege. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 34.