mini|Blick von Osten auf Tempel und Praetorium mini|Lage des Magdalensbergs in Kärnten (grau), Österreich Die Stadt auf dem Magdalensberg ist eine vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zur Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. bewohnte norische Siedlung an den Hängen und am Gipfelplateau des Magdalensbergs am Rand des Kärntner Zollfelds. Sie war vor und in der Anfangsphase der römischen Besatzung ein wichtiger Handelspunkt, insbesondere für das norische Eisen. Die Siedlung wurde nach dem Bau der römischen Stadt Virunum am Zollfeld aufgegeben, wobei die dokumentierte Siedlungsdauer nur rund 90 Jahre betrug. Bedeutendster Einzelfund ist der Jüngling vom Magdalensberg.

Geschichte Siedlungsbeginn mini|Der Jüngling vom Magdalensberg Im 3. Jahrhundert v. Chr. hatten sich die keltischen Noriker im Gebiet des heutigen Kärnten niedergelassen. Aufgrund der reichen und qualitativ hochwertigen Eisenvorkommen (ferrum Noricum – norisches Eisen) entstand ein lebhafter Handel mit dem Mittelmeerraum. Im Jahr 170 v. Chr. schlossen die Noriker mit Rom einen Gastfreundschaftsvertrag (hospitium publicum). Die Handelsbeziehungen führten um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. dazu, dass römische Händler sich auf dem Magdalensberg niederließen und einen Markt (emporium) gründeten.

Der Ort wurde von ihnen gewählt, weil sich auf dem Magdalensberg der Sitz des norischen Königs befand, oder aber im Schutz des Gipfelheiligtums, während sich der Königssitz in der näheren Umgebung befand. Allerdings ist bis heute keine keltische Siedlung auf dem Magdalensberg bekannt, was durch die Konzentration der Ausgrabungen auf die römische Epoche bedingt sein könnte.Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. 15 v. Chr. – 378 n. Chr. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3970-2, S. 47. Jedenfalls befand der Ort sich in unmittelbarer Nähe der Eisenerzvorkommen im Görtschitztal (Hüttenberger Erzberg) und in der Lölling.

Erste Grabungen auf der Nordseite des Berges 2006 konnten einen von mehreren im Gelände sichtbaren Wällen in die Zeit zwischen 40 und 30 v. Chr. datieren, wobei die Funde noch vor der Zeitenwende abreißen. Der Wall ist aus Erde aufgeschüttet und hat keine Schalenmauern oder Holzbalken. Vor dem Wall befinden sich ein Sohlgraben und eine Kontereskarpe. Der Wall ähnelt dem Typus Fecamp, der vorwiegend im spätkeltischen Zentral- und Nordfrankreich anzutreffen ist.Wolfgang Artner, Heimo Dolenz, Eleni Schindler-Kaudelka, Martin Luik: Ein Wallbefund am Magdalensberg. In: Rudolfinum. Jahrbuch des Landesmuseums Kärnten. Jahrgang 2006, ISBN 978-3-900575-38-0, S. 73–77 ().

Über die Anfangsphase des römischen Marktes gibt es noch wenige Erkenntnisse. Es dürfte sich hauptsächlich um Schmelzplätze für das norische Eisen und einfache Unterkünfte gehandelt haben. Die Bedeutung des Platzes bereits zu dieser Zeit wird durch die Weihung des Jünglings vom Magdalensberg durch zwei Händler deutlich, die in diese Zeit fiel.

Der Handel mit Rom nahm um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. einen großen Aufschwung. Als Ursachen werden der hohe Bedarf an Waffen und anderen Gütern aufgrund der gallischen Feldzüge Caesars und der folgenden Bürgerkriege angenommen. Um diese Zeit entstand in der Siedlung ein Forum. Das Forum war von Häusern, sogenannten Tabernen, umgeben, die zum Teil in den Boden versenkt waren und als Warenlager, Kontore und Wohnungen dienten. An der Westseite wurde eine Basilika errichtet, die als Badehaus diente. An der östlichen Schmalseite stand eine 30 × 17 m große Marktbasilika. Diese Anlage am Südhang unterhalb des Gipfelbereichs entspricht in seiner Anlage italischen Vorbildern und ist im inneren Ostalpengebiet einzigartig. Dieser vor- und frühaugusteischen Bauperiode folgen noch drei weitere: eine reif-augusteische, eine spätaugusteisch-frühtiberische und eine früh-claudische.

In den 20er Jahren v. Chr. wurde von den Norikern auf dem Gipfelplateau ein Befestigungswerk mit zentralem Heiligtum von geradezu propagandistisch-repräsentativer Gestalt errichtet. Die Ausgestaltung der Händlerbauten zu dieser Zeit lässt auf eine materielle wie kulturelle Blüte schließen. Die Häuser wurden in Mörtelmauertechnik mit Verputz errichtet und innen bemalt. Hervorzuheben sind Fresken im zweiten und dritten pompejanischen Stil (um 20 v. Chr.) mit mythologischen und bukolischen Motiven.

Der Wohlstand der Händler spiegelt sich auch im übrigen Lebensstil wider: sie ernährten sich nach italischer Sitte unter anderem von importiertem garum (würzige Fischsauce), Oliven und Wein, die in Bronze-, Glas- und Terra-Sigillata-Geschirr serviert wurden.Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. 15 v. Chr. – 378 n. Chr. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3970-2, S. 64. Aus Porträtskulpturen, den ältesten auf dem Gebiet des heutigen Österreich, kann man auf die Anwesenheit römischer Bildhauer schließen. Porträts norischer Frauen und Inschriften keltischer Namen zeigen, dass die Einheimischen regen Anteil an der römischen Kultur hatten. Neben dem Handel gab es eine umfassende Güterproduktion. Im Viertel östlich des Forums gab es Werkstätten zur Buntmetallverarbeitung (wohl vorwiegend Messing). Hier wurden Fibeln, Gürtelschnallen und andere Produkte für den lokalen Bedarf wie für den Export innerhalb des norischen Bereichs hergestellt.

Römische Besatzung mini|Aus Schuttresten rekonstruierte Wandmalereien aus dem Beratungszimmer Die Eingliederung in das römische Reich 16/15 v. Chr. erfolgte in Noricum friedlich. Dies hatte zur Folge, dass die norischen Traditionen und Stammesstrukturen weitgehend erhalten blieben. Für die Stadt auf dem Magdalensberg war die Eingliederung mit einer Aufwertung verbunden. Sie wurde zum politischen Mittelpunkt des römischen Ostalpengebietes. Damit verbunden waren umfangreiche Baumaßnahmen. Möglicherweise wurden die bisherigen Bauten bei einem – in den Quellen nicht belegten – Erdbeben zwischen 10 und 20 n. Chr. beschädigt bzw. zerstört. Im Gebiet des Forums ergaben sich umfangreiche Änderungen: die Tabernen im Nordwesten wurden zugeschüttet und auf dem Gelände das Praetorium errichtet. Die Händlerbasilika auf der Ostseite wurde abgetragen und der freie Platz somit vergrößert. Bei den Tabernen an der Ostseite wurden die ursprünglichen Kellergebäude durch oberirdische Bauten ergänzt.

Zur Zeit des Tiberius wurde der Podiumtempel an der Nordseite errichtet, zunächst mit viersäuliger Fassade. In dieser Zeit gab es im östlichen Forumsbereich einen großen Brand, bei dem vor allem Wohnbauten und Warenlager zerstört wurden.Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. 15 v. Chr. – 378 n. Chr. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3970-2, S. 66. In frühclaudischer Zeit wurde der Umbau zu einem Peripteraltempel mit sechssäuliger Fassade begonnen, aber nicht mehr beendet. Die Buntmetallwerkstätten östlich des Forums wurden weitgehend durch Wohnhäuser ersetzt und durch eine Straße vom Forum her erschlossen, die zu einem Doppeltor am Ostrand der Bergmulde führte.

Auf der Terrasse südwestlich des Forums wurde ein großes Badegebäude errichtet, das das nunmehr zum Repräsentationshaus umgebaute ursprüngliche Bad am Forum ersetzte. Am östlichen Südhang entstanden große, zweigeschoßige Wohnbauten mit Wohnflächen bis zu 150 m².

In dieser Zeit erreichte die Stadt eine Ausdehnung von rund 3 km². Die Einwohnerzahl dürfte zwischen 3000 und 5000Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. 15 v. Chr. – 378 n. Chr. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3970-2, S. 65. betragen haben.

Aufgabe der Siedlung Unmittelbar vor der Mitte des 1. Jahrhunderts enden die Funde auf dem Gebiet der Stadt, mit Ausnahme des Heiligtums am Berggipfel, wo es Funde bis in spätantike Zeit gibt. Die Siedlung wurde ziemlich rasch aufgegeben, etliche Bauten wie der Tempel blieben unvollendet. Abgelöst wurde die Stadt vom Municipium Claudium Virunum direkt am Fuß des Bergs im Zollfeld, das in den späten vierziger Jahren an der Stelle eines kleinen Straßenortes angelegt wurde. Der Straßenort lag an der wichtigen zentralnorischen Straßenverbindung von der Donau nach Italien, von hier führte der Weg auf den Magdalensberg.

Virunum war wie viele andere ähnliche Städte in den neuen Provinzen eine planmäßige Gründung als autonome römische Stadt und übernahm von der Stadt am Magdalensberg die Rolle als Hauptstadt und möglicherweise auch den Namen.

Name der Stadt Der Name der Stadt auf dem Magdalensberg ist nicht durch Quellen überliefert. Es gibt zwei Theorien zum Namen der Stadt.

Eine Theorie sieht in der Stadt auf dem Magdalensberg die Stadt Noreia, bei der die Schlacht bei Noreia zwischen Römern und Germanen stattgefunden hat und die bei Caesar erwähnt wird. Gegen diese These spricht, dass auf dem Magdalensberg bis dato noch keine Funde aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert vorliegen, in dem Noreia bereits erwähnt wird. Diese These verliert in letzter Zeit immer mehr an Zustimmung.Verena Gassner, Sonja Jilek, Sabine Ladstätter: Am Rande des Reiches. Die Römer in Österreich. 15 v. Chr. – 378 n. Chr. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3970-2, S. 40.

Stattdessen rückte die Annahme in den Vordergrund, dass die Stadt auf dem Magdalensberg wie ihre Nachfolgerin auf dem Zollfeld Virunum hieß. Zum einen übernahmen neugegründete römische Municipia häufig die Namen ihrer Vorläufersiedlungen, die meist auf Hügeln lagen, zum anderen wurde in der Vorhalle des Repräsentationshauses das Fragment einer Inschriftentafel gefunden, auf dem in der Schlusszeile die Buchstaben VIRV[…] zu lesen sind.Gernot Piccottini, Hermann Vetters: Führer durch die Ausgrabungen auf dem Magdalensberg. Mit Ergänzungen von Heimo Dolenz. Verlag des Landesmuseums für Kärnten, Klagenfurt 2003, ISBN 3-900575-24-X, S. 24. Anders als dort angenommen ist auf dem Stein kein N als fünfter Buchstabe zu lesen, siehe Franz Glaser: Der Name der Stadt auf dem Magdalensberg. In: Rudolfinum. Jahrbuch des Landesmuseums für Kärnten. Jahrgang 2003, S. 85–88 (Digitalisat). Gerhard Dobesch vermutete zudem, dass sich eine in spätantiken Quellen überlieferte Gründungssage von Virunum aufgrund der Lagebeschreibung auf die Stadt auf dem Magdalensberg bezieht.Gerhard Dobesch: Zu Virunum als Namen der Stadt auf dem Magdalensberg und zu einer Sage der kontinentalen Kelten. In: Carinthia. Band 187, 1997, S. 107–128. Das VIRV auf der Inschrift vom Magdalensberg muss jedoch nicht zwingend als Ortsname interpretiert werden, sondern könnte auch Rest einer Grabinschrift sein („VIR V(ivus) F(ecit)“ = „Der Gemahl hat es (das Grabmal) zu Lebzeiten errichtet.“), und die geographischen Angaben in der Gründungssage Virunums sind so allgemein gehalten, dass sie alleine keine sichere Lokalisierung zulassen. Daher ist der Name der Stadt auf dem Magdalensberg weiterhin unsicher.Franz Glaser: Der Name der Stadt auf dem Magdalensberg. In: Rudolfinum. Jahrbuch des Landesmuseums für Kärnten. Jahrgang 2003, S. 85–88 (Digitalisat).

Otto Helmut Urban wiederum hält auch einen Namenswechsel von Noreia zu Virunum für möglich.Otto H. Urban: Der lange Weg zur Geschichte. Die Urgeschichte Österreichs. Bis 15 v. Chr. (Österreichische Geschichte). Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3969-9, S. 368–370.

Wirtschaft mini|Äxte, eines von vielen Eisenprodukten, die in der Stadt gehandelt wurden