mini|Ronald Grossarth-Maticek, 2015 Ronald Ferdinand Grossarth-Maticek (* 19. Juni 1940 in Budapest; † 16. November 2025 in Heidelberg) war ein deutscher Medizinsoziologe und Buchautor in Heidelberg, Deutschland.

Leben Ronald Grossarth-Maticek studierte Soziologie, Psychopathologie, Kriminologie und Medizin in Heidelberg und Belgrad. 1973 promovierte er an der Universität Heidelberg im Fach Soziologie. 1981 wurde in Heidelberg sein Sohn Jan Grossarth geboren. 1991 promovierte er an der Universität Belgrad zum Doktor der medizinischen Wissenschaften.

Er leitete von 1973 bis 1995 die Heidelberger Prospektive Studie, eine Langzeituntersuchung, in der rund 30.000 Menschen aus 18.000 Heidelberger Haushalten über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren in regelmäßigen Abständen hinsichtlich einer Vielzahl von gesundheitsbeeinflussenden Variablen untersucht wurden.Ronald Grossarth-Maticek und Helm Stierlin: Krebsrisiken – Überlebenschancen – Wie Körper, Seele und soziale Umwelt zusammenwirken. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 1998, S. 110 f. Er arbeitete eng mit Hans Jürgen Eysenck zusammen. Von 1990 bis 2006 war Grossarth-Maticek Direktor des Instituts für präventive Medizin, politische, Wirtschafts- und Gesundheitspsychologie in Heidelberg. Anschließend übernahm er die Leitung des Heidelberger Zentrums für Multidisziplinäre Forschung (ZMF).Zentrum für multidisziplinäre Forschung und Entwicklung präventiver VerhaltensstrategienZMF Autonomietraining Seit 2007 war er außerdem Direktor des zwischenstaatlichen Programms für multidisziplinäre Studien des Europäischen Zentrums für Frieden und Entwicklung (ECPD), das zur Friedensuniversität der UN in Costa Rica gehört.Ronald Grossarth-Maticek: Selbstregulation Autonomie und Gesundheit De Gruyter Verlag 2003Limstudies: University for Peace

Werk Ronald Grossarth-Maticek ist bekannt durch seine Vortragstätigkeit, zahlreiche Bücher und Artikel in Fachzeitschriften. Er arbeitete schwerpunktmäßig auf dem Fachgebiet der Psychosomatik. In der Heidelberger Prospektiven Studie, einer prospektiven randomisierten Studie mit experimenteller Intervention, erfasste er auf umfangreichen Fragebögen Dutzende physischer Faktoren (etwa Rauchen, Bewegung, Organvorschädigungen, genetische Disposition und Ernährung) sowie psychische Faktoren (frühkindliche Mutterbindung, Stressoren, Distress, Eustress, Selbstregulation). Die Auswertungen zeigten, dass bei den physischen und psychischen Faktoren Synergieeffekte auftreten.

Grossarth-Maticeks Forschungsergebnissen zufolge wird das Krankheitsrisiko durch eine schlechte Selbstregulation vervielfacht. Physische Risikofaktoren wirken vor allem in der Summe, besonders aber bei gleichzeitig vorhandenen psychischen Risikofaktoren. Grossarth konnte in der Heidelberger Prospektiven Studie eine überwiegend multikausale Krankheitsentstehung nachweisen. Bei Menschen mit ungünstiger Selbstregulation, die Verhaltensalternativen nicht erkennen, nicht in Betracht ziehen oder nicht umsetzen, spricht Grossarth-Maticek von einem „eigentümlichen Zwang, ohne Not genau so und nicht anders zu handeln“. Ein solches Verhalten entstehe durch eine Verfestigung von Verhaltensmustern in den ersten Lebensjahren. Wurde der „freie Fluss der Liebe“ durch frühkindliche Zurückweisungen, Traumata, Enttäuschungen oder andere Erlebnisse gestört, könne es im Erwachsenenalter zu Störungen der inneren und äußeren Kommunikation kommenGrossarth-Maticek zitiert durch , S. 1, die sich in Kombination mit anderen Faktoren synergistisch auf das Gesundheitsgeschehen auswirken. Angeregt durch die Zusammenarbeit mit dem Psychologen Hans Jürgen Eysenck und anhand der Ergebnisse seiner eigenen Forschungen erarbeitete Grossarth eine eigene neue Verhaltenstypologie:

Grossarthsche Verhaltenstypologie In der von Grossarth entwickelten Verhaltenstypologie werden sechs Typen von Verhaltensmustern unterschieden:R. Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Krankheitsrisiken und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System, 2002, ISBN 978-3-11-017495-3 Kapitel 4. Grossarthsche Verhaltenstypologie, S. 118–120

Typ I: Leid in der Isolation: Zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein ersehntes, aber sich entziehendes Objekt; Hemmung bei der Verwirklichung der ersehnten Nähe, somit Hemmung der Befriedigung dieses emotional wichtigsten Bedürfnisses.

Typ II: Hilflose Aufregung: Zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein störendes, hinderndes Objekt, ohne Erreichung der ersehnten Distanzierung, mit immer wieder aufkommender Übererregung und einem Gefühl hilflosen Ausgeliefertseins.

Typ III: Ambivalenz: Narzisstische Ambivalenz und starke Egozentrik. Emotional instabil mit zwischenzeitlichen Phasen autonomer Selbstregulation, aber auch mit Phasen intensiver Suche nach Nähe bei emotionalen Bedürfnissen einerseits und nach Verletzungen Phasen hyperaktiver übermäßiger Distanzierung andererseits.

Typ IV: Gute Selbstregulation: Ausrichtung auf gegenwärtige Objekte, die Wohlbefinden, Lust und Sicherheit ermöglichen oder durch die eine Sinnerfüllung erlebt werden kann. Situations- und bedürfnisangepasste flexible Selbstregulation.

Typ V: Betont rational: rationales und antiemotionales Verhalten. Bei Überwältigtsein durch Emotionen entstehen Krisen wie depressive Verstimmung.

Typ VI: Irrational-emotional: irrationales, von eigenen Gefühlen dominiertes Verhalten, ohne rationale Überprüfung des eigenen Verhaltens.Ronald Grossarth-Maticek: Synergetische Präventivmedizin - Strategien für Gesundheit. Springer Medizin Verlag, 2008, Seite 58–59.

Diese Typologie ist das Ergebnis der von Grossarth-Maticek durchgeführten Untersuchungen und Überlegungen zur Vorgeschichte und zur Häufigkeit von chronischen Erkrankungen und Gesundheit. Er hebt Ähnlichkeiten zwischen den Typen I und II hervor und sieht Typ III als eine Mischform von I und II. Selbstverständlich können bei einem Probanden Merkmale mehrerer Verhaltenstypen gleichzeitig vorhanden sein, dennoch ist meistens eines davon im Verhalten dominierend.

Autonomietraining Grossarth-Maticek und seine Mitarbeiter, darunter der Psychiater und Psychoanalytiker Helm Stierlin,Ronald Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit – Krankheitsfaktoren und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System Inhaltsübersicht mit lesbaren Seiten. De Gruyter Verlag 2003 entwickelten ein Autonomietraining, das darauf zielt, die Selbstregulation anzuregen. Die Wirksamkeit dieser von ihm als Autonomietraining bezeichneten kognitiven Verhaltenstherapie wurde in einer Interventionsstudie (Randomisierte kontrollierte Studie) überprüft. Bei diesem Autonomietraining wird in Gesprächen die Fähigkeit gestärkt, durch eigenaktive Problemlösung Wohlbefinden, Lustgewinn, Sicherheit und Sinnerfüllung zu erreichen. Der Trainee wird dabei ermuntert, sich selbst wahrzunehmen und zu erkennen, welche Eigenaktivitäten sein Wohlbefinden steigern. Das Autonomietraining eigne sich demnach als präventive Intervention, um effektive Verhaltensänderungen in relativ kurzer Zeit zu erreichen und diese dann in ein langfristiges Präventivprogramm einzubauen.Ronald Grossarth-Maticek: Kompetent Gesund Seite 10

Den Begriff Autonomie verwendet Grossarth im Sinne einer inneren Unabhängigkeit von Objekten mit negativ erlebten Folgen, welche durch Selbsterkenntnis und Neugestaltung der Kommunikation entsteht. Zur Selbstregulation gehöre die persönliche Fähigkeit, in zwischenmenschlichen Beziehungen durch das eigene Verhalten die Bedingungen für Lust, Wohlbefinden, Sicherheit und innere Ausgeglichenheit zu schaffen. Ziel des Automonietrainings sei aber kein egozentrischer Epikureismus, der Mitmenschen ignoriert, sondern ein Erlangen von Glück in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen, der sowohl die Mitmenschen als auch die eigene Person respektiert und unterstützt.Interview mit Ronald Grossarth: Wenn Liebe und Schmerz zur Versöhnung führen Rhein-Neckar-Zeitung, Januar 2019 2001 ließ er es unter dem Begriff Autonomietraining Gesundheit und Problemlösung durch Anregung der Selbstregulation markenrechtlich schützen.Der Titelschutz Anzeiger Nr. 516, Woche 18/2001

Die in der Heidelberger Prospektiven Studie nachgewiesene im statistischen Durchschnitt deutlich lebensverlängernde Wirkung des Autonomietrainings bei Krebspatienten kann nicht so interpretiert werden, dass das Autonomietraining eine Methode wäre, mit der in jedem Falle eine dauerhafte Heilung erzielt werden kann, sondern die Ergebnisse zeigen, dass die Verbesserung der Selbstregulation einer der Faktoren ist, die zu einer Verbesserung der Funktion des Immunsystems beitragenR. Ader, N. Cohen: Behaviorally conditioned immunosuppression. In: Psychosomatic medicine. Band 37, Nummer 4, 1975, S. 333–340, . PMID 1162023. etwa durch Verhaltensänderungen hinsichtlich gesundheitsschädlicher bzw. gesundheitsfördernder Gewohnheiten, Stressreduktion und Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens. Entsprechende Ergebnisse erbrachte seine klinische Studie zur Misteltherapie in Verbindung mit Verbesserung der Selbstregulation.Renatus Ziegler, Ronald Grossarth-Maticek: Individual Patient Data Meta-analysis of Survival and Psychosomatic Self-regulation from Published Prospective Controlled Cohort Studies for Long-term Therapy of Breast Cancer Patients with a Mistletoe Preparation (Iscador). In: Evidence-based complementary and alternative medicine : eCAM. Band 7, Nummer 2, Juni 2010, S. 157–166, doi:10.1093/ecam/nen025, PMID 18955332, . Nach den Erkenntnissen von Grossarth-Maticek ist ein hohes Maß an Selbstregulation auch ein signifikanter Faktor für die Prävention (Vorbeugung). Das zeigte sich sowohl an denjenigen in dieser Langzeituntersuchung untersuchten Menschen, die bereits eine gute Selbstregulation aufwiesen, als auch bei denen, die diese im Rahmen der Studie durch ein Autonomietraining erlernten.Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen Strategien zur Aufrechterhaltungen der Gesundheit. De Gruyter, Berlin 1999Synergetische Präventivmedizin. Strategien für Gesundheit. Springer, Heidelberg 2008H. Goodare: In: Jahrbuch der Psychoonkologie, Seite 112Ulla Franken: Emotionale Kompetenz – Eine Basis für Gesundheit und Gesundheitsförderung Seite 122 f. In Grossarths Buch Kognitive Verhaltenstherapie finden sich die Überprüfungsergebnisse seiner hier auch als Programmtherapie bezeichneten Therapieform, die u. a. als wirksamer Bestandteil der Raucherentwöhnung experimentell getestet wurde.Grossarth-Maticek: Kognitive Verhaltenstherapie – Rauchen Übergewicht Emotionaler Stress

Bezugnahme auf die Gesundheits- und Sozialpolitik

Grossarth weist darauf hin, dass nach seinen Forschungsergebnissen die Kosten im Gesundheitssystem deutlich gesenkt werden können, wenn die Patienten durch Anregung der Eigenaktivität und Eigenverantwortung aus der herkömmlichen Passivbetreuung gerissen werden, und dass arbeitslos gewordene Menschen, die über eine gute Selbstregulation verfügen, deutlich kürzer ohne berufliche Betätigung sind als in einer passiven Erwartungshaltung erstarrte Menschen.Hajo Schuhmacher: Der ideale Bürger – Den Reformern der Regierung Schröder fehlte bislang der selbstbestimmte und veränderungsfrohe Mensch. Eine Studie versucht erstmals zu beweisen: Wer vom Staat nichts erwartet, lebt länger. Der Spiegel 23. Juni 2000. In diesem Zusammenhang beschäftigen sich Grossarth und seine Kollegen auch mit der Urteilsbildung zum Bedingungslosen Grundeinkommen.Wolfgang Eichhorn: Das Grundeinkommen: Würdigung – Wertungen – Wege Ronald Grossarth-Maticek, Johannes Eurich: Das bedingungslose Grundeinkommen in der Diskussion

Rezeption und Auszeichnungen