mini|hochkant=0.85|Tariq Ramadan (2017)
Tariq Ramadan (* 26. August 1962 in Genf; ) ist ein Schweizer Islamwissenschaftler und Publizist ägyptischer Herkunft. Er gilt als ein Vordenker eines europäischen Islam, wird aber auch oft als Vordenker des Islamismus kritisiert. Ab 2009 war er Professor für Islamwissenschaft an der Oxford University.
Seine Tätigkeit ruht seit 2017 aufgrund des Vorwurfs mehrerer sexueller Übergriffe. 2024 wurde er von einem Schweizer Gericht rechtskräftig wegen der Vergewaltigung und sexueller Nötigung einer Frau zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. 2026 verurteilte ein französisches Gericht ihn in Abwesenheit wegen der Vergewaltigung dreier weiterer Frauen zu einer weiteren Freiheitsstrafe von 18 Jahren. Dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Sein Großvater mütterlicherseits ist Hassan al-Banna, der Begründer der Muslimbrüder. Sein Vater, Said Ramadan, war führender Aktivist und Vertreter der Muslimbrüder.
Leben Herkunft, Ausbildung und frühes politisches Engagement Tariq Ramadan wurde 1962 in Genf als das jüngste von sechs Kindern geboren. Er ist ein Enkel von Hassan al-Banna, dem Begründer der ägyptischen Muslimbrüder, der 1949 nach von ihm verübten islamistischen Anschlägen auf die Obrigkeit von unbekannten Attentätern erschossen wurde. Gamal al-Banna (1920–2013), ein liberaler Islam-Gelehrter, war Ramadans Grossonkel. Sein Vater Said Ramadan, ein Vertreter der Muslimbrüder, musste 1954 unter dem politischen Druck des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser seine Heimat verlassen, ging nach Deutschland, wurde von der Universität zu Köln promoviert und ließ sich später in Genf nieder. Sein Bruder Hani Ramadan ist der Direktor des Islamischen Zentrums Genf.
Ramadan besuchte eine Schweizer Schule, studierte dann Philosophie, französische Literatur und Sozialwissenschaften in Genf und schloss sein Lizenziat mit einer Arbeit über Friedrich Nietzsche ab. Anschließend lehrte er an einer Genfer Sekundarschule, dem Collège des Coudriers. Zu dieser Zeit engagierte er sich in Dritte-Welt-Initiativen, reiste im Rahmen der Initiative Coup de Main mit seinen Schülern in verschiedene Entwicklungsländer und war dort für Hilfsorganisationen tätig.Ian Hamel: La vérité sur Tariq Ramadan. Sa famille, ses réseaux, sa stratégie. Favre, Lausanne 2007, ISBN 978-2-8289-0854-6, S. 155 (). Damals kam er auch in Kontakt mit dem seinerzeitigen SP-Nationalrat Jean Ziegler. Dieser verdankte seine Wiederwahl nach eigener Aussage unter anderem „Unterstützern wie Tariq“. 1991 ging Ramadan nach Ägypten, um islamische Theologie zu studieren, entschied sich jedoch gegen die langwierige Ausbildung an der al-Azhar-Universität und stattdessen für einen beschleunigten Intensivkurs bei einem Privatlehrer und Freund der Familie, Scheich Aqwabi.
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz war Ramadan wieder als Lehrer tätig, nun am Collège de Saussure bei Genf. 1992 trat er als einer der Hauptredner auf der Jahrestagung der Union des Organisations Islamiques de France (UOIF) auf, die der Muslimbruderschaft nahesteht. Im Jahr darauf führte er eine Kampagne gegen die Aufführung des Stückes Mahomet der Prophet von Voltaire. 1994 initiierte Ramadan die Gründung der Organisation Musulmans et Musulmanes de Suisse, die jedoch ohne größeren Erfolg blieb. Ein großer Teil der rund 300 Teilnehmer auf dem Gründungskongress kam aus Frankreich und stand der algerischen Islamischen Heilsfront (FIS) nahe. Die Beiträge waren sehr radikal und lösten ein ausgesprochen negatives Echo in der Schweizer Presse aus. Anschließend verlegte er sein politisches Engagement wieder nach Frankreich. Er schaltete sich in die dortige Kopftuch-Kontroverse ein. So näherte sich Ramadan 1994 der Union des Jeunes Musulmans (UJM) an und trat regelmäßig auf deren Veranstaltungen in den Banlieues von Lyon auf. Im selben Jahr veröffentlichte er sein erstes Buch: Les Musulmans dans la Laïcité. Dass er in diesem Buch schrieb, Inhalte des Schulunterrichts in Biologie könnten der islamischen Lehre entgegenstehen, und Eltern dazu aufrief, ihre Kinder dagegen mit „Kreationismus“ zu indoktrinieren, löste einen Konflikt mit anderen Lehrern an seiner Schule aus.
Ramadans zweites Buch Islam – Le face-à-face des civilisations erschien 1995. Im selben Jahr belegte ihn das französische Innenministerium mit einem Einreiseverbot, weil er eine „Gefahr für die öffentliche Ordnung“ darstelle. Die französischen Behörden waren zu der Zeit wegen eines Terroranschlags der algerischen Groupe Islamique Armé (GIA) auf eine Pariser Metrostation alarmiert. Sie gingen davon aus, dass das von Ramadan geleitete Islamische Zentrum Genf als europäischer Unterschlupf für FIS- und GIA-Unterstützer diente. Ein Aufruf gegen diese Maßnahme wurde von 17.500 Menschen unterzeichnet, neben der Genfer Moschee und dem Islamzentrum nahestehenden Islamisten auch von Vertretern der politischen Linken, der katholischen Kirche und der Französischen Liga für Menschenrechte. Ramadan stellte sich erfolgreich als Opfer einer ungerechten Verschwörung dar. Jean Ziegler setzte sich im Nationalrat für eine Aufhebung der „willkürlichen“ Einreisesperre ein. Zeitweise wurden Ramadan auch Vorträge an Schweizer Schulen untersagt, aber das Waadtländer Departement für Bildung sprach ihn schließlich von „jeglichem Verdacht des Fundamentalismus“ frei. Im Mai 1996 hob das Verwaltungsgericht Besançon das Einreiseverbot auf, was Ramadan zu einer „triumphalen Rückkehr“ nach Frankreich nutzte.
Bis 1998 wurde er an der Universität Genf mit einer Dissertation über die islamische Erweckung (Nahda) im 19. Jahrhundert promoviert. Die Dissertation wurde von der ersten Prüfungskommission unter seinem Doktorvater Charles Genequand abgelehnt, weil in ihr Ramadans Grossvater Hassan al-Banna ideologisch verklärt werde. Nachdem er – auf Vermittlung Jean Zieglers – zu Reinhard Schulze als neuem Betreuer gewechselt war (mit Richard Friedli als weiterem Gutachter), akzeptierte eine zweite Kommission die Arbeit und verlieh den Doktorgrad, allerdings ohne die übliche Ehrung und Gratulationen. Die Jury genehmigte die Veröffentlichung der Arbeit ausdrücklich „ohne Meinungsäußerung zu den beinhalteten Ansätzen“.Jörg Schlabach: Scharia im Westen. Muslime unter nicht-islamischer Herrschaft und die Entwicklung eines muslimischen Minderheitenrechts für Europa (= Islam in der Lebenswelt Europa. Band 7). LIT Verlag, Berlin / Münster 2009, , S. 79 (Zugl.: Erfurt, Univ., Magisterarbeit, 2009). Anschließend ging Ramadan auf Einladung der dortigen Islamic Foundation für ein Jahr mit seiner Familie nach Leicester, um seine Kenntnisse des Islam zu vertiefen. Die Leicester Islamic Foundation ist laut Gilles Kepel „eines der größten Zentren für die Verbreitung militanten sunnitisch-islamistischen Denkens“. Dort veröffentlichte er auch sein Buch Muslims in France – The Way Towards Coexistence. Ramadan gilt als eine der Persönlichkeiten, die im westlichen Kulturkreis die Ideologie der Muslimbruderschaft-Bewegung verbreiten.Emrah Erken: Die Religionsfreiheit wird für illiberale Glaubensauffassungen missbraucht / Die Rechtsordnung im Westen ermöglicht den Islamisten, was kein muslimisches Land tolerieren würde. In: Neue Zürcher Zeitung. 15. April 2024, S. 32.
Berufliches mini|Tariq Ramadan (2009)
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz war Tariq Ramadan erneut als Lehrer am Collège de Saussure tätig. Parallel gab er bis zum Universitätsjahr 2003/04 als Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg (Üechtland) Kurse zur Einführung in den Islam mit einer Wochenstunde.Dominique Avon: Islam und Muslime im europäischen Kontext. Reden eines medienwirksamen Menschen (1993–2013): Tariq Ramadan. In: Sabine Schmitz, Tuba Işik: Muslimische Identitäten in Europa. Dispositive im gesellschaftlichen Wandel. transcript Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-2561-5, S. 267–298, hier S. 270.Urs Altermatt: Wie katholisch ist die Universität Freiburg wirklich? Eine historische Annäherung 1889–2007. In: Ders.: Die Universität Freiburg auf der Suche nach Identität. Essays zur Kultur- und Sozialgeschichte der Universität Freiburg im 19. und 20. Jahrhundert (= Essays zur Kultur- und Sozialgeschichte der Universität Freiburg im 19. und 20. Jahrhundert. Band 50). Academic Press Fribourg, Fribourg 2009, ISBN 978-3-7278-1600-0, S. 13–71, hier S. 64. Als Experte gehörte er mehreren Kommissionen des Europaparlamentes an und war 2003 Mitglied der von der Europäischen Kommission unter Romano Prodi einberufenen Hochrangigen Beratergruppe für den Dialog der Völker und Kulturen im euro-mediterranen Raum.
Anfang 2004 hätte er an der katholischen Universität von Notre Dame in Indiana (USA) eine Professur für Religion, Konflikt- und Friedensforschung antreten sollen. Das nach dem 11. September 2001 geschaffene Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten zog allerdings ein schon erteiltes Einreisevisum kurzfristig wegen der Finanzierung von Terrorismus wieder zurück. Das US-Außenministerium stützte seine Entscheidung auf eine Spende von 900 $, die Ramadan an palästinensische Hilfsorganisationen geleistet hatte, die auch die Hamas unterstützen. Im Januar 2010 unterzeichnete US-Außenministerin Clinton eine Ausnahmegenehmigung für Ramadan,. In: state.gov, abgerufen am 31. Mai 2020 (Auszug aus der täglichen Pressekonferenz des US-Aussenministeriums vom 20. Januar 2010). sodass dieser inzwischen wieder in die USA einreisen konnte.
Tariq Ramadan ist seit Oktober 2006 als Research Fellow am St Antony’s College der University of Oxford tätig. Seit 2009 hat er zudem eine Stiftungsprofessur für zeitgenössische Islamwissenschaft am orientalistischen Institut inne, finanziert vom Emirat Katar.Gero von Randow: #MeToo, Ramadan! Ein umstrittener Islamwissenschaftler wird der sexuellen Gewalt beschuldigt. Seine Anhänger in Frankreich glauben an eine Verschwörung. In: Die Zeit. Nr. 46/2017 (8. November 2017), S. 5 (Artikelanfang frei abrufbar). Er lehrt auch an der theologischen Fakultät derselben Universität. Des Weiteren ist er Direktor des 2012 gegründeten Research Centre of Islamic Legislation and Ethics (CILE) in der katarischen Hauptstadt Doha.
Die von Ramadan seit 2007 ausgeübte Tätigkeit als Gastdozent an der Erasmus-Universität Rotterdam zum Thema „Identität und Bürgergeist“ sowie seine Tätigkeit als Berater der Stadt Rotterdam in multikulturellen Fragen wurden von beiden Institutionen im August 2009 fristlos gekündigt mit der Begründung, Ramadan sei als Moderator in einem weitgehend vom iranischen Staat finanzierten Sender aufgetreten.Dirk Schümer: In: FAZ. 24. August 2009, abgerufen am 31. Mai 2020. Unter der Landesangabe „England“ ist er Präsident des European Muslim Network (EMN) mit Sitz in Brüssel.. In: eumuslim.net. Er ist einer der Unterzeichner der Botschaft aus Amman (Amman Message), ebenfalls der Initiative Ein gemeinsames Wort (A Common Word).
Anfang April 2019 teilte die Presse auf Grundlage einer Mitteilung des Nachrichtendienstes Tracfin mit, dass Tariq Ramadan von der Qatar Foundation als Berater monatliche Zahlungen in Höhe von 35.000 Euro erhalten hat, obwohl er immer behauptete, seine Konferenzen auf freiwilliger Basis abzuhalten. So führte Tariq Ramadan am 1. Juni 2017 590.000 Euro von seinem katarischen Konto wieder nach Frankreich zurück, was ihm ermöglichte, eine Maisonettewohnung auf dem Montmartre-Hügel in Paris zu kaufen.Tariq Ramadan aurait touché 35 000 euros par mois de la part du Qatar. In: Le Parisien. 5. April 2019, abgerufen am 31. Mai 2020.
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