Mohammad Ebrahim Ardjomandi (; * 1. April 1932 in Lar, Iran; † 11. August 2023) war ein iranisch-deutscher Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker und Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapeutische Medizin in Göttingen.
Leben und Ausbildung Ardjomandi wurde 1932 in der südiranischen Stadt Lar geboren. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann zunächst nicht in der Psychoanalyse, sondern in der klinischen Neurologie und Psychiatrie. 1967 stellte er gemeinsam mit P.-M. Reisert, S. Wahl und H. V. Henning auf der 68. Tagung der Nordwestdeutschen Gesellschaft für innere Medizin in Hamburg Untersuchungsergebnisse zur Beeinflussung der Nebennierenrindenfunktion durch neuroleptische Therapie vor. 1968 veröffentlichte er zusammen mit W. Firnhaber in der Fachzeitschrift Der Nervenarzt einen Beitrag zu epileptischen Psychosen ohne nachweisbare epileptische Anfälle. In den folgenden Jahren verlagerte sich sein Arbeitsschwerpunkt zunehmend in Richtung Psychotherapie und Gruppenanalyse.
Berufliche Tätigkeit Ardjomandi war als Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapeutische Medizin tätig und leitete den Funktionsbereich klinische Psychotherapie am Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn bei Göttingen. In diesem institutionellen Umfeld entwickelte er zusammen mit Karl König, Ursula Henneberg-Mönch, Reinhard Kreische, Wulf-Volker Lindner und Ulrich Streeck das sogenannte „Göttinger Modell“ der analytischen Gruppenpsychotherapie, das die Grundlage für Publikationen zur Struktur und Praxis gruppenanalytischer Behandlungsverfahren bildete. Nach der deutschen Wiedervereinigung befasste er sich gemeinsam mit Andreas Dally und Yvo Kühn in einem Fachaufsatz mit Dynamiken einer „wiedervereinigten Großgruppe“ im Rahmen der psychotherapeutischen Klinik. 1994 verfasste Ardjomandi zudem einen Beitrag zur Geschichte und Arbeitsweise der Arbeitsgemeinschaft für die Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen Göttingen e.V., einer Institution, die im selben regionalen Umfeld wie das Fachklinikum Tiefenbrunn Fortbildungsseminare zur Gruppenanalyse anbot.
Forschungsschwerpunkte Einige Ardjomandis Forschungsthemen gruppieren sich um die Ethnopsychoanalyse des schiitischen Islam, so auch die Möglichkeit einer psychoanalytischen Psychotherapie iranischer Patienten. Der Aufsatz Die fremde Kultur der Schiiten, der 1993 erschien, beschäftigt sich mit Scham, Schuld und Narzissmus in der psychoanalytischen und interkulturellen Arbeit mit schiitisch-muslimischen Patienten. Sein Aufsatz wird in späterer Fachliteratur zur interkulturellen Psychoanalyse immer wieder als Bezugspunkt zitiert. In einem weiteren Beitrag beschäftigte er sich mit Etikette und Ehre als bedeutsame Aspekte im Ödipuskonflikt des islamischen Kulturkreises im Vergleich zur griechisch-antiken Tradition der europäischen Kultur (2001 in einem von Reinhard Lindner und Michael Klöpper herausgegebenen Sammelband).
Destruktivität und Versöhnung im schiitischen Islam, das Verhältnis von Sigmund Freud zur „mohammedanischen Religion“ unter dem Titel Ödipus – ein Weltbürger?, eine kulturvergleichende Sicht auf den Ödipuskonflikt, das Thema Migration (gemeinsam mit Ulrich Streeck ein Beitrag zur Frage, ob Migration Trauma oder Chance sei), das gebrochene Ich der „aufgeklärten“ iranischen Frau sowie die Faszination von Gewalt im kulturellen Kontext der iranischen Frau waren weitere Themen.
Herausgebertätigkeit Ardjomandi war Mitherausgeber der Reihe Jahrbuch für Gruppenanalyse und ihre Anwendungen, die im Mattes Verlag Heidelberg erschien. Die Herausgeberschaft übte er gemeinsam mit Angelika Berghaus und Werner Knauss aus. Die Reihe umfasste 14 Jahrbücher und 1 Doppeljahrbuch zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten der Gruppenanalyse, darunter Neid und Eifersucht, Schuld und Schuldgefühle, Konflikt und Solidarität, Leitung und Autorität im gruppenanalytischen Prozess sowie Trennung, Trauer und Aufbruch in Gruppen.
Publikationen Destruktivität und Versöhnung im schiitischen Islam. In: E. Herdieckerhoff, D. Ekesparre, R. Elgeti, C. Marahrens-Schürg (Hrsg.): Hassen und Versöhnen. Psychoanalytische Erkundungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, S. 121–137. Macht und Ohnmacht der therapeutischen Gruppe und des Leiters bei Live-Demonstration von Gruppen. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. 27, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, S. 100–110. mit U. Streeck: Bewegungsstörungen als seelische Stütze. In: H.-G. Willert, G. Wetzel-Willert (Hrsg.): Psychosomatik in der Orthopädie. Bern. Hans Huber, Stuttgart/Toronto 1991, S. 210–214. mit F. Leichsenring: Gibt es borderline-verdächtige Symptome? In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. 28, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, S. 29–39. Die fremde Kultur der Schiiten. Scham, Schuld und Narzißmus in der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Behandlung von Iranern. In: U. Streeck (Hrsg.): Das Fremde in der Psychoanalyse. Erkundungen über das „Andere“ in Seele, Körper und Kultur. J. Pfeiffer, München 1993, S. 65–77. Der Ausgang des ödipalen Konfliktes im persisch-sprachigen Raum. In: R. Rohner, W. Köpp (Hrsg.): Das Fremde in uns, die Fremden bei uns : Ausländer in Psychotherapie und Beratung. Roland Asanger, Heidelberg 1993, S. 43–53. Der fremde Gruppenanalytiker und die gruppenanalytische Kultur. In: Gruppenanalyse. 2, Mattes Verlag, Heidelberg 1993, S. 1–18. Die Arbeitsgemeinschaft für die Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen Göttingen e.V. – Geschichte und Arbeitsweise. In: Gruppenanalyse. 2, Mattes Verlag, Heidelberg 1994, S. 105–117. Vom ausgesetzten Kind. In: U. Streeck, K. Bell (Hrsg.): Die Psychoanalyse schwerer psychischer Erkrankungen. Konzepte, Behandlungsmodelle, Erfahrungen. Pfeiffer, München, 1994, S. 101–111. mit A. Dally und Y. Kühn: Und plötzlich war die Mauer weg....Die „Wiedervereinigte Großgruppe“ in der psychotherapeutischen Klinik. In: Gruppenanalyse. 1, Mattes, Heidelberg 1994, S. 97–113. Die inneren und die äußeren Grenzen. In: K. Bell, K. Höhfeld (Hrsg.): Psychoanalyse im Wandel. Psychosozial-Verlag, Gießen 1994, S. 46–55. M. E. Ardjomandi, A. Dally, D. Gerau, Y. Kühn: Analytische Gruppenpsychotherapie in der Klinik – Modifikationen und Interventionsstile. In: M. E. Ardjomandi, A. Berghaus, W. Knauss (Hrsg.): Jahrbuch für Gruppenanalyse und ihre Anwendungen. Mattes, Heidelberg 1995, S. 107–120. Die Faszination der Gewalt. Über die gebrochene Identität der „aufgeklärten“ iranischen Frau. In: K. Bell, K. Höhfeld (Hrsg.): Aggression und seelische Krankheit. Psychosozial, Gießen, 1996, S. 167–192. Migration – ein Trauma? In: A.-M. Schlösser, K. Höhfeld (Hrsg.): Trauma und Konflikt. Psychosozial-Verlag, Gießen 1998, S. 309–322. mit U. Streeck: Migration – Trauma und Chance. In: D. Kiesel, H. v. Lüpke (Hrsg.): Vom Wahn und vom Sinn. Krankheitskonzepte in der multikulturellen Gesellschaft. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, S. 53–69. Der Ausgang des ödipalen Konfliktes im iranischen Kulturraum und seine Auswirkungen auf die analytische Psychotherapie iranischer Patienten. In: K. Rodewig (Hrsg.): Identität. Integration und psychosoziale Gesundheit. Aspekte transkultureller Psychosomatik und Psychotherapie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2000, S. 107–148. Destruktivität und Versöhnung im Islam. Eine kulturanalytische Rückschau. In: M. Klöpper, R. Lindner (Hrsg.): Destruktivität. Wurzeln Gesichter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S. 83–107. Von der Chance, bikulturell (auf-)zuwachsen. In: M. J. Froese, C. Seidler (Hrsg.): Leben im Übergang. 2, edition bodoni, Berlin 2001, S. 40–57.
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