Der Bremer Marktplatz liegt im Zentrum der Hansestadt und ist einer der ältesten öffentlichen Plätze Bremens. Auf der gut 3.484 Quadratmeter großen Freifläche, in die fünf Straßen münden und an die sich zwei weitere Plätze anschließen, findet heutzutage kein Markt mehr statt. Ausnahmen sind der Bremer Weihnachtsmarkt und der Kleine Freimarkt. Von Einheimischen wird der Marktplatz auch als „gute Stube“ der Stadt bezeichnet. Als Postadresse heißt er Am Markt. Er steht unter Denkmalschutz seit 1917.
Lage Der Bremer Marktplatz liegt im östlichen Teil der Altstadt auf der rechten Weserseite und ist nordwest-südöstlich-orientiert. In seine westliche Ecke münden die Langenstraße sowie die Stintbrücke, und an seinem nördlichen Ende schließen sich die Obernstraße und der Liebfrauenkirchhof an. Im Osten grenzt der Platz an den Grasmarkt und im Süden an die Straße „Am Markt“. Der Marktplatz hat die Form eines leicht eingedrückten Trapezes. Die Nordostseite weist eine Länge von 60 Meter auf, die Südostseite misst gut 54 Meter, die Nordwestseite etwa 51 und die Südwestseite 74 Meter.
Der gesamte Marktplatz ist, ebenso wie einige anschließende Straßen, eine Fußgängerzone. Vom Grasmarkt führen jedoch Straßenbahnschienen für die Linien 2 und 3 an der nordwestlichen Seite des Platzes zwischen Rathaus und Roland entlang zur Obernstraße.
Geschichte und Entwicklung Anfänge Während in den 1950er Jahren vermutet wurde, vor dem Bau des Rathauses sei nur bei der wahrscheinlich im frühen 9. Jahrhundert von Bischof Willerich gegründeten St.-Veits-, heute Liebfrauenkirche Markt gehalten worden, geht man aufgrund von seit den 1970er Jahren durchgeführten archäologischen Untersuchungen heute davon aus, dass sich Marktareale zunächst gleichzeitig am Ufer der Balge und auf dem Dünenkamm entwickelt haben.
Das an die Balge grenzende Gelände hatte im Verlauf des Weserarmes eine unterschiedliche Gestalt: Im westlichen Teil stieg es deutlich an, dort entstand die Langenstraße mit Schiffsländen auf der Südseite und Häusern der Händler am Dünenhang. Im unteren Teil des heutigen Marktplatzes war das Gelände flach, ungeeignet für den Bau fester Häuser, aber gut geeignet für provisorische Marktbuden. Die Südecke diente als Fischmarkt, wie umfangreiche Abfallfunde belegen. Im oberen Teil des heutigen Platzes stieg das Terrain steiler an als heute.
Der heute Unser Lieben Frauen Kirchhof genannte Platz bei der St.-Veits- bzw. Liebfrauenkirche, die auch als Marktkirche bezeichnet wurde, war wohl vom Marktprivileg des Königs Arnulf von Kärnten bis ins 19. Jahrhundert Hauptstätte des jährlichen Freimarktes. Die Marktfläche bei der Kirche stand allerdings bis ins 13. Jahrhundert in Platzkonkurrenz zu deren Friedhof.Manfred Rech (Hrsg.): Gefundene Vergangenheit – Archäologie des Mittelalters in Bremen, S. 69–75, Bremer Archäologische Blätter, Bd. 3, 2004, ISBN 3-7749-3233-6.
Platzanlage mini|240px|Marktgrundriss 1796: Rathaus rot, Palatium blau, Schütting oliv; Alte Börse (braun) – 1614 bis 1687 eine Freifläche, sonst 1796 wie 1630; mögliche (rot) und fiktive (grün) Sichtlinien Merians In der Chronik Adams von Bremen wird das große Tor („porta grandis“) der Domburg gegen den Markt („contra forum“) erwähnt, das um 1030 errichtet, aber wenig später wieder abgerissen wurde, um die Steine für den Neubau des Doms zu nutzen. Pflasterreste der durch das Tor führenden Straße wurden 2002 gefunden, nördlich vor den Fundamenten des Balleerhauses, gegenüber den südöstlichsten Bögen der Rathausarkade. Beides zusammen legt nahe, dass „forum“ schon im 11. Jahrhundert den heutigen Marktplatz bezeichnete.
Damals bildete dessen östliche Begrenzung der Außenrand des bei Anlage der Mauer zugeschütteten 12 m breiten Burggrabens. Unter dem Keller des Balleerhauses 2002 gefundene Spuren eines hölzernen Kellers aus dem 12. Jahrhundert zeigen, dass hundert Jahre nach dem großen Tor schon begonnen worden war, das Areal des Befestigungsrings zu bebauen. Die 1860 für den Bau der Börse abgerissenen Häuser waren erst Mitte des 15. Jahrhunderts (Balleerhaus) und später errichtet wurden, aber die Baulinie ihrer Marktgiebel folgte noch annähernd der Außenseite des Grabens der Domburg.
Zum Westrand des Marktplatzes gibt es die Theorie, dass er sich bis an die heutige Hakenstraße erstreckt habe, was auf ein zusammenhängendes Areal von der St. Veits-Kirche bis zur Balge hinauslaufen würde. Allerdings weist der archäologische Fund einer Feuerstelle darauf hin, dass schon im 9. Jahrhundert mit der Bebauung des Streifens zwischen Hakenstraße und heutigem Rand des Platzes begonnen wurde.
Seit dem späten 12. Jahrhundert wurde in mehreren Schritten das untere Ende des Platzes etwas erhöht und insgesamt ein gleichmäßiges Gefälle hergestellt. Dazu wurde vorwiegend Schlamm aus der Balge verwendet, die man auf diese Weise schiffbar zu erhalten suchte. Schon Ende des 13. Jahrhunderts, also hundert Jahre vor dem Bau des heutigen Rathauses, war das heutige Bodenrelief hergestellt und der gesamte Platz mit Steinen gepflastert.Dieter Bischop: Die Bremer Balge im frühen Mittelalter (2011) – In: Flüsse als Kommunikations- und Handelswege. Marschenratskolloquium 2009, S. 359–378.Dieter Bischop: Mit Knochen gepflastert: Die archäologischen Beobachtungen und Grabungen am historischen Bremer Markt. (2006) – In: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters vol. 34 (2006) S. 215–230.Dieter Bischop: Am Rande der Domburg. Vorbericht über die Grabung 2002 auf dem historischen Marktplatz von Bremen (2005) – In: Festschrift Torsten Capelle S. 9–24.
Markt am Rathaus
Etwa gleichzeitig mit dem Bau des Rathauses erneuerte man auf dem Marktplatz die Roland-Statue. In den folgenden Jahren wurde eine 110 bis 120 Zentimeter hohe Steinmauer errichtet, die den Platz in einen inneren Bereich und einen äußeren Ring teilte. Der Markt wurde im inneren Bereich abgehalten und es galt die Regelung, dass nur Händler teilnehmen durften, deren Wagen durch einen der sieben Durchlässe in der Umfriedung passten. Mit dieser Verfügung wollte der Rat der Stadt den Marktkunden mehr Platz zum Umhergehen zwischen den einzelnen Verkaufsständen bieten, da zuvor oftmals ein zu großes Gedränge geherrscht hatte.Informationsbroschüre des Focke-Museums aus dem Jahr 2006, S. 7.Nicolaus Roller: Versuch einer Geschichte der Kaiserlichen und Reichsfreyen Stadt Bremen (1799) Theil 1, III.III.B.a.1. Der Markt (S. 33 ff.) S. 34: „Der Fleisch- und Fischmarkt ist rundumher als ein großes Viereck mit einer etwa 4 Fuß hohen Mauer …“
Anfang des 19. Jahrhunderts baute man die Mauer ab und ersetzte sie durch einzelne Steinsäulen, die einen Kreis bildeten. Damals hatte der Platz seine herausragende wirtschaftliche Bedeutung als Handels- und Umschlagplatz für Bremen längst verloren, obwohl noch bis in die 1930er Jahre dort Markt für den lokalen Konsum abgehalten wurde. Im Jahr 1863 wurden auf dem Platz Sandsteinplatten verlegt. Das Innere des Säulenkreises zeigte ein zehnspeichiges Rad aus dunkleren Steinen, dessen Zentrum ein mit rötlichem Stein gebildetes Hanseatenkreuz (Tatzenkreuz) bildete. Das Kreuz, welches einen Durchmesser von 4,8 Metern aufweist, sollte an die Bedeutung der Hanseatischen Legion während der Epoche der Befreiungskriege erinnern. Der Pflasterbelag des Bremer Marktplatzes wurde von Februar bis Juni 2002 erneuert. Der neugestaltete historische Bremer Marktplatz wurde darauf der Öffentlichkeit am 10. Oktober mit einer Eröffnungsparty übergeben.
Ausgrabungen mini|Grabung 2002
Während dieser Erneuerungen stieß man an verschiedenen Stellen auf archäologische Fundstücke aus dem 6. bis 18. Jahrhundert. Zwar erlaubte die Baubehörde keine umfassenden Grabungen, es konnten jedoch punktuelle Untersuchungen durchgeführt werden. Die Ausgrabungen wurden vom Landesarchäologen durchgeführt. Im Rahmen der Grabungen wurden unter anderem Reste von Ummauerung und Markttor der frühmittelalterlichen Domburg gefunden und Grundmauern jener Häuser dokumentiert, die vor der Erweiterung des Marktplatzes beim Bau der Börse dessen Ostseite markiert hatten. Ferner gelang die Bergung von 5.719 Knochen und Knochenstücken sowohl von Menschen als auch von Haustieren und Vögeln. Außerdem wurden Keramikfragmente und andere Alltagsgegenstände wie Knochennadeln, Knochenwürfel, Gefäße und Münzen geborgen.
Nach der Beendigung der archäologischen Arbeiten wurden für einige Wochen Glasplatten ebenerdig in die Ränder der Gruben eingelassen, so dass Passanten die Möglichkeit hatten, einen Blick auf die Fundstellen zu werfen. Im Sommer 2002 waren diese Platten Anstoß für eine öffentliche Diskussion, in der darum gestritten wurde, ob die „Gucklöcher“ eine dauerhafte Einrichtung seien oder man sie nach dem Ende der Marktplatz-Sanierung entfernen sollte. Letztendlich entschied man sich dafür, die Gruben wieder aufzufüllen. Heute ist nichts mehr von ihnen zu sehen.
Gerichtsbarkeit, Strafjustiz und Marktwache mini|Der Schandesel und Kaak (Pranger) auf dem Marktplatz. Zeichnung um 1730 (am linken oberen Bildrand der Schütting, rechts ein Teil der Rathausfassade)
Seit dem Beginn seines Bestehens war der Marktplatz auch Ort der Gerichtsbarkeit und der Strafvollstreckung.
Durch den Bau des Rathauses musste im Jahr 1405 auch das Gericht des Stadtvogts an einen anderen Standort verlegt werden, da der vorherige überbaut wurde. Man entschied sich für den Bereich unter dem zweiten Rathausbogen von Westen. Anders als das Gericht des Stadtrates tagte dieses öffentlich. Zudem gehörten ihm auch bürgerliche Beisitzer an. Mit dem Umzug verlor das Gericht jedoch an Bedeutung gegenüber dem Ratsgericht. An den drei jährlichen Verhandlungstagen wurden vor allem Eigentums- und Anspruchskonflikte verhandelt. Zudem musste der Stadtvogt die Urteile des Ratsgerichts bestätigen. Mit der Auflösung der Stadtvogtei im Jahre 1802 hörte auch das Gericht auf zu bestehen.Konrad Elmshäuser: Die Vogtei- und Kriminalgerichtsbarkeit. In: Konrad Elmshäuser/Adolf E. Hofmeister (Hrsg.), 700 Jahre Bremer Recht, Veröffentlichungen des Staatsarchivs Bremen Bd. 66, Selbstverlag des Staatsarchivs Bremen, 2003, ISBN 3-925729-34-8, S. 212 ff.
Mit einem Pranger (dem so genannten Kaak) und einem Schandesel befanden sich auch die äußeren Zeichen der Gerichtsbarkeit auf dem Marktplatz. Der Pranger wurde im 16. Jahrhundert errichtet, wies eine achteckige Form auf und war an der Ostseite des Platzes in die Marktmauer integriert. Im Inneren des kleinen Gebäudes führte eine enge Wendeltreppe auf die obere Plattform, auf der der Schandpfahl stand. An diesen wurden die Verurteilten angebunden und ausgepeitscht.Thomas Lediard, der englische Reiseschriftsteller schildert in seinem Reisebericht The German Spy von 1738 (2. Aufl. 1740, S. 50–52) empört eine solche, mit Brandmarkung verbundene Leibesstrafe. Je nach Art des Verbrechens mussten sie jedoch auch lediglich die öffentliche Schande ertragen. Der Kaak wurde im Jahr 1786 wegen Baufälligkeit abgerissen.
Vermutlich bereits vor dem Kaak stellte man den Schandesel auf dem Platz auf. Sein Standort lag nahe dem des Prangers, allerdings außerhalb der Marktmauer. Der Schandesel war ein Holzgestell mit vier Beinen, auf dem ein Körper in der Form eines Esels montiert war. Die Delinquenten wurden auf ihn gesetzt und zum Teil auch festgebunden. Auf dem Schandesel fand aber keine Auspeitschung statt. Er diente, wie der Name schon andeutet, der Hervorhebung der Schande des Verbrechens. Zwischen 1734 und 1738 entfernte man ihn.Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon. 2., aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Auflage. Edition Temmen, Bremen 2003, ISBN 3-86108-693-X, S. 759.
Außerhalb der Marktmauer, in der Nähe des Schandesels, stand im 17. Jahrhundert noch ein kleines, mehreckiges Wachthäuschen mit barocker Haube für die „Posten an Rathaus, Akzise und Konsumptionshaus“, das mit der Marktmauer 1813 verschwand.Hans Hermann Meyer: Die Bremer Altstadt, Bremen 2003, Abb. A014 und Beiheft S. 3.
Bebauung