mini|Bhagwan Shree Rajneesh, 1984 Osho, eine Eigenbezeichnung von Chandra Mohan Jain (; * 11. Dezember 1931 in Kuchwada, Bhopal, Britisch-Indien; † 19. Januar 1990 in Pune (früher auch „Poona“ geschrieben), Maharashtra, Indien), war ein indischer Philosoph, spiritueller Lehrer und Begründer des Neo-Sannyas (der so genannten Bhagwan-Bewegung). Bis heute wird er als Anführer einer neuen religiösen Bewegung kritisiert. Seine Lehre beeinflusste in der westlichen Welt unter anderem die Ideologie des New Age.Paul Heelas: The New Age Movement: Religion, Culture and Society in the Age of Postmodernity. Oxford 1996, ISBN 0-631-19332-4, S. 22, 40, 68, 72, 77 und 95–96.Thomas A. Forsthoefel, Cynthia Ann Humes: Gurus in America. Albany 2005, ISBN 0-7914-6574-8, S. 177. Zudem entwickelte er auch die Dynamische Meditation.

Chandra Mohan Jain gab sich während seines Lebens wechselnde Namen. Mitte der 1960er bis Anfang der 1970er Jahre nannte er sich Acharya Rajneesh nach seinem Spitznamen Rajneesh (रजनीश), danach bis Ende 1988 Bhagwan Shree Rajneesh, kurz Bhagwan, und erst ab 1989 bis zu seinem Tod im folgenden Jahr „Osho“ (Ehrentitel im japanischen Zen).

In jungen Jahren studierte er Philosophie und übernahm ab 1960 in diesem Fach eine Professur an der Universität Jabalpur. Während der 1960er Jahre reiste Chandra Mohan Jain nebenbei als Vortragsredner durch Indien. Zunächst war er damals als Kritiker des Sozialismus, von Mahatma GandhiFrances FitzGerald: Rajneeshpuram, erschienen am 22. September 1986 in The New Yorker, S. 77.Lewis F. Carter: Charisma and Control in Rajneeshpuram: A Community without Shared Values. Cambridge 1990, ISBN 0-521-38554-7, S. 44.James S. Gordon: The Golden Guru, erschienen 1987 in Lexington, Massachusetts, ISBN 0-8289-0630-0, S. 26–27. sowie der Mainstream-Religionen bekannt.„India’s Most Dangerous Guru“. Rajneesh and India after Independence. In Hugh B. Urban: Zorba the Buddha. Sex, Spirituality, and Capitalism in the Global Osho Movement. University of California Press, 2016, ISBN 978-0-520-28667-2. Abgerufen am 25. März 2019 in der auf web.archive.org hier am selben Tag archivierten Version.Uday Mehta: Modern Godmen in India: A Sociological Appraisal. erschienen 1993 in Mumbai, ISBN 81-7154-708-7, S. 150.Vasant Joshi: The Awakened One. erschienen 1982 in San Francisco, Kalifornien, ISBN 0-06-064205-X, S. 1–4. Er betonte die Wichtigkeit von Meditation, Achtsamkeit (mindfulness), Liebe, Zelebration, Mut, Kreativität und Humor — Qualitäten, die er durch das verbreitete Anhaften an statische Glaubenssysteme, religiöse Traditionen und Sozialisation als psychologisch unterdrückt ansah. Seine Befürwortung der freien Liebe und einer offeneren Haltung gegenüber der menschlichen Sexualität wurde im Indien der späten 1960er Jahre heftig kritisiert. Er lehrte, durch Sex käme der Mensch der Erleuchtung näher. Auch im deutschsprachigen Raum wurde er deshalb als Sex-Guru bekannt.Hugh B. Urban: Zorba The Buddha: Capitalism, Charisma and the Cult of Bhagwan Shree Rajneesh. Religion, 26 (2): 161–182, doi:10.1006/reli.1996.0013, S. 82. Veröffentlicht 1996.Lewis F. Carter: Charisma and Control in Rajneeshpuram: A Community without Shared Values. erschienen 1990 in Cambridge, ISBN 0-521-38554-7, S. 45.

1970 zog er nach Bombay, jetzt Mumbai. In dieser Zeit erweiterte er sein Repertoire um Diskurse zu bedeutenden religiösen Texten und den Werken bekannter Philosophen und Mystiker. Er wurde zum spirituellen Anführer, und aus seinen ersten Anhängern entwickelte sich die schnell wachsende Neo-Sannyas-Bewegung. 1974 zog er nach Pune um, wo um ihn herum ein Ashram entstand. Hier wurde der wachsenden Gefolgschaft aus der westlichen Welt eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten angeboten und Finanzquellen erschlossen. Die Therapien stützten sich unter anderem auf Methoden aus dem Human Potential Movement.Vasant Joshi: The Awakened One. erschienen 1982 in San Francisco, Kalifornien, ISBN 0-06-064205-X, S. 123.Bob Mullan: Life as Laughter: Following Bhagwan Shree Rajneesh. erschienen 1983 in London, Boston, Melbourne und Henley, ISBN 0-7102-0043-9, S. 26.

Ende der 1970er Jahre wurde die bis dahin stetige Vergrößerung des Ashrams durch sich intensivierende Spannungen mit der herrschenden Regierung, der Janata Party unter Premierminister Morarji Desai, sowie hohe nachträgliche Steuerforderungen gedämpft.Lewis F. Carter: Charisma and Control in Rajneeshpuram: A Community without Shared Values. erschienen 1990 in Cambridge, ISBN 0-521-38554-7, S. 63–64. Dadurch wurde seine Bewegung dazu gezwungen, ihren Hauptsitz in die Vereinigten Staaten zu verlegen. So entstand 1981 in Wasco County in Oregon die Stadt Rajneeshpuram mit mehreren tausend Einwohnern. Aufgrund anhaltender Konflikte mit Anwohnern und der US-Regierung war der Aufbau und Betrieb des Ashrams dort nur wenige Jahre lang erfolgreich. Nachdem einige seiner Anhänger unter der Führung seiner persönlichen Sekretärin Ma Anand Sheela in den Jahren 1984 und 1985 mehrere schwere Verbrechen begangen hatten, wurde er 1985 infolge eines Gerichtsurteils aus den USA ausgewiesen. Nach kurzen Aufenthalten in weiteren Ländern kehrte er ein Jahr später nach Indien zurück, wo er den Großteil seines restlichen Lebens in seinem wiederbelebten Ashram in Pune verbrachte. Dort starb er 1990 im Alter von 58 Jahren. Oshos Popularität vergrößerte sich nach seinem Tod noch weiter und hält bis heute an.Hugh B. Urban: Tantra: Sex, Secrecy, Politics, and Power in the Study of Religion. erschienen 2003 in Berkeley, Kalifornien, ISBN 0-520-23656-4, S. 242.Thomas A. Forsthoefel, Cynthia Ann Humes: Gurus in America. erschienen 2005 in Albany, New York, ISBN 0-7914-6574-8, S. 182–183.

Namen Osho verwendete im Laufe seines Lebens verschiedene Namen. Die Annahme derartiger Namen entspricht indischen Gepflogenheiten und ergibt sich im dortigen Kulturbereich als Konsequenz aus der Aufnahme einer spirituellen Lehrtätigkeit.Joachim Süss (1996), S. 30. Seine Namen können folgendermaßen in seine Biographie eingeordnet werden:

Chandra Mohan Jain als bürgerlicher Name Rajneesh als Spitzname aus seiner KindheitVasant Joshi (1982), S. 15.Frances FitzGerald, The New Yorker 22. September 1986, S. 77. Acharya Rajneesh von Mitte der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre. Acharya bedeutet „Lehrer“, auch „spiritueller Lehrer“ oder – in etwa – „Professor“.Lewis F. Carter (1990), S. 44. Bhagwan Shree Rajneesh oder kurz Bhagwan von Anfang der 1970er-Jahre bis Ende 1988. Letztere Bezeichnung steht übertragen für Erhabener, Gesegneter, Liebenswerter sowie Verehrungswürdiger oder allgemeiner spiritueller Meister. Shree (auch Shri oder Sri) dient in Indien als alltägliche Anrede, ähnlich wie „Herr“ im Deutschen. Osho im letzten Jahr seines Lebens, von Anfang 1989 bis zu seinem Tod am 19. Januar 1990. Oshō ist ein Titel im Zen-Buddhismus, der eigentlich „Mönch“ oder „Lehrer“ bedeutet und auch der Würdename von Bodhidharma war. Der Name wurde Osho von Schülern vorgeschlagen, weil er in verschiedenen Zen-Geschichten aufgetaucht war, die Osho kommentiert hatte. Osho selbst erklärte einmal, der Name beziehe sich auf William James’ Verwendung des Wortes „oceanic“.Judith M. Fox (2002), S. 35. In der Literatur der Osho-Bewegung wird noch eine weitere Deutung vertreten: Die Silbe „O“ stehe für Liebe, Dankbarkeit und Synchronizität und „sho“ für ein sich in alle Richtungen ausbreitendes Bewusstsein. Alle Neuausgaben seiner Bücher und anderen Werke werden heute unter dem Namen Osho veröffentlicht.

Im Folgenden wird in jedem von Oshos Lebensabschnitten der Name verwendet, unter dem er zum jeweiligen Zeitpunkt bekannt war.

Leben Kindheit und Jugend (1931–1950) Chandra Mohan Jain wurde im kleinen Dorf Kuchwada im Fürstenstaat Bhopal geboren, als ältestes von elf Kindern eines Tuchhändlers, und die ersten sieben Jahre von seinen Großeltern aufgezogen.Judith M. Fox (2002), S. 9. Seine Familie, die ihn bei dem Spitznamen Rajneesh oder Raja („König“) rief, gehörte zur Religionsgemeinschaft der Jainas. Rajneesh war ein aufgewecktes Kind, das gute Schulleistungen erbrachte, gleichzeitig aber auch viel Ärger mit seinen Lehrkräften hatte, da er aufsässig war, oft die Schule schwänzte und seine Klassenkameraden zu allerlei Streichen anstiftete.

Rajneesh wurde früh mit dem Tod konfrontiert. Sein geliebter Großvater starb, als er sieben Jahre alt war. Als er fünfzehn Jahre alt war, starb seine Freundin (und Cousine) Shashi an Typhus.Judith M. Fox (2002), S. 10. Beide Verluste trafen ihn tief, und seine späten Teenagerjahre waren von Melancholie, Depressionen und chronischen Kopfschmerzen geprägt.Lewis F. Carter (1990), S. 42. Er lief in dieser Zeit täglich 15 bis 25 km und meditierte oft bis zur völligen Erschöpfung.

Als Jugendlicher wurde Rajneesh Atheist; er interessierte sich für Hypnose und engagierte sich vorübergehend für Kommunismus, Sozialismus und zwei nationalistische Bewegungen, die für Indiens Unabhängigkeit kämpften: die Indian National Army und den Rashtriya Swayamsevak Sangh. Er las viel und wurde ein hervorragender Debattierkünstler. Sein Ruf war der eines egoistischen, hochfahrenden, sogar aufrührerischen jungen Mannes.

Studium (1951–1960) Im Alter von neunzehn Jahren begann Rajneesh sein Studium der Philosophie am Hitkarini College in Jabalpur.Joachim Süss (1996), S. 29. Wegen heftiger Streitereien mit einem Lehrer musste er das College verlassen und wechselte darauf zum D. N. Jain College, ebenfalls in Jabalpur.Lewis F. Carter (1990), S. 43. Noch während seines Studiums hatte er in Jabalpur am 21. März 1953 beim Meditieren im Bhanvartal-Park in einer Vollmondnacht eine außergewöhnliche Erfahrung, in der er sich von Glückseligkeit überwältigt fühlte – eine Erfahrung, die er später als seine spirituelle Erleuchtung beschrieb.Osho: The Discipline of Transcendence, Vol. 2, Kapitel 11; Auszüge hier.

1955 schloss er sein Studium am D. N. Jain College mit dem Bachelor-Grad ab; 1957 wurde ihm von der University of Sagar der Master-Grad in Philosophie verliehen. Er erhielt sofort eine Anstellung am Raipur Sanskrit College, war aber auch dort schon bald so kontrovers, dass ihn der Rektor aufforderte, sich binnen eines Jahres eine andere Stelle zu suchen – er habe einen zersetzenden Einfluss auf die Moralität, den Charakter und die Religiosität seiner Studenten. 1958 wechselte Rajneesh zur Universität Jabalpur, wo er zunächst als Lecturer und ab 1960 als Professor lehrte.

Vortragsreisen (1961–1970) In den 1960er Jahren unternahm Rajneesh, wann immer es ihm seine Lehrtätigkeit erlaubte, ausgedehnte Vortragsreisen durch Indien, in denen er Gandhi und den Sozialismus kritisierte. Sozialismus und Gandhi, so sagte er, verherrlichten beide die Armut, anstatt sie abzulehnen. Indien brauche Kapitalismus, Wissenschaft, moderne Technik und Familienplanung, um seiner Armut und Rückständigkeit entkommen zu können. Auch zum orthodoxen Hinduismus äußerte er sich kritisch: die brahminische Religion sei steril, alle politischen und religiösen Systeme seien falsch und heuchlerisch. Mit solchen Äußerungen machte er sich bei vielen unbeliebt, aber sie brachten ihm auch Aufmerksamkeit. Etwa um diese Zeit begann er, den Titel Acharya zu verwenden. 1966 gab er seine Lehrtätigkeit an der Universität auf und widmete sich von nun an ganz seiner Karriere als Redner und spiritueller Lehrer.