mini|„Schädel 3“, D 2700 (Original) mini|Der vermutlich zu „Schädel 3“, D 2700, gehörende Unterkiefer D 2735 (Original) Die homininen Fossilien von Dmanissi sind die ältesten außerhalb Afrikas entdeckten Fossilien aus dem Formenkreis der Hominini, der engsten Vorfahren des Menschen. Ihre Überreste wurden seit 1991 unter Leitung von Dawit Lortkipanidse bei Dmanissi (international: Dmanisi) in Georgien ausgegraben und als Angehörige der Gattung Homo gedeutet. Fundschichten im Liegenden wurden auf ein Alter von nahezu 1,85 Millionen Jahren datiert.Reid Ferring et al.: Earliest human occupations at Dmanisi (Georgian Caucasus) dated to 1.85–1.78 Ma. In: PNAS. Band 108, Nr. 26, 2011, S. 10432–10436, doi:10.1073/pnas.1106638108.

Die homininen Fossilien von Dmanissi gelten als mögliches Bindeglied zwischen den frühesten Vertretern der Gattung Homo aus Afrika und den späteren, aus Asien bekannten Fossilien des Homo erectus. Sie belegen, dass Vertreter der Gattung Homo 300.000 Jahre früher nach Eurasien vordrangen, als zuvor angenommen.

Zunächst blieb jedoch ungeklärt, welcher Art der Gattung Homo die Dmanissi-Funde zuzuordnen sind. Im Jahr 2000 wurden die Fossilien von ihren Entdeckern zunächst in die Nähe von Homo ergaster gestellt. 2002 wurden sie in französischen Fachzeitschriften als Homo georgicus bezeichnet, ab 2006 aufgrund weiterer Knochenfunde in die Nähe von Homo habilis und Homo erectus gestellt.G. Philip Rightmire, David Lordkipanidze und Abesalom Vekua: Anatomical descriptions, comparative studies and evolutionary significance of the hominin skulls from Dmanisi, Republic of Georgia. In: Journal of Human Evolution. Band 50, Nr. 2, 2006, S. 115–141, doi:10.1016/j.jhevol.2005.07.009.Ann Gibbons: First globetrotters had primitive toolkits. In: Science. Band 323, Nr. 5917, 2009, S. 999, doi:10.1126/science.323.5917.999a, . 2013 wurde schließlich die Zuschreibung der Funde zu Homo georgicus widerrufen und die Fossilien als lokale Variante einer Unterart von Homo erectus ausgewiesen und – verbunden mit weitreichenden Neuinterpretationen der verwandtschaftlichen Nähe der frühen Homo-Arten – als Homo erectus ergaster georgicus bezeichnet. David Lordkipanidze et al.: A Complete Skull from Dmanisi, Georgia, and the Evolutionary Biology of Early Homo. In: Science. Band 342, Nr. 6156, 2013, S. 326–331, doi:10.1126/science.1238484.

Fundgeschichte rechts|300px 300px|rechts

Die archäologischen Grabungen auf dem Dmanissi-Plateau im südlichen Georgien (1171 Meter über dem Meeresspiegel gelegen) galten ursprünglich – ab 1983 – einer aufgegebenen mittelalterlichen Stadt. Im Verlauf dieser Grabungen wurde festgestellt, dass unter der Stadt die Überreste weit früherer Ansiedlungen liegen; neben fossilen Säugetierknochen wurden auch Steinwerkzeuge vom sehr ursprünglichen Oldowan-Typ (Mode 1) entdeckt. Bei Grabungen der Georgischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum entdeckte Antje Justus 1991 unter anderem einen UnterkieferLeo Gabunia, Abesalom Vekua: A Plio-Pleistocene hominid from Dmanisi, East Georgia, Caucasus. In: Nature. Band 373, 1995, S. 509–512, doi:10.1038/373509a0. (Inventarnummer D211; Geodaten der Fundstelle: ). Dieses Fossil wurde im selben Jahr während einer Fachtagung im Forschungsinstitut Senckenberg erstmals öffentlich vorgestellt.4. Internationale Senckenberg-Konferenz „100 Jahre Pithecanthropus – das Homo-erectus-Problem“. Dessen Altersbestimmung (1,8 bis 1,6 Millionen Jahre) und Zugehörigkeit zu Homo erectus blieben allerdings – trotz seiner großen Ähnlichkeit mit dem Unterkiefer des Nariokotome-Jungen – umstritten.Ann Gibbons: Jawing with our Georgian ancestors. In: Science. Band 255, 1992, S. 401, doi:10.1126/science.255.5043.401. Auch ein 1997 entdeckter, gleich alter homininer Fußknochen brachte keine Klärung.

miniatur|Die Umgebung der Fundstätte Im Mai 1999 wurde nach starken Regenfällen ein Hirnschädel im Erdreich sichtbar, der mutmaßlich einem jungen Erwachsenen gehört hatte (Inventarnummer D2280) und möglicherweise durch stumpfe Gewalt verletzt worden war.Ann Margvelashvili et al.: An ancient cranium from Dmanisi: Evidence for interpersonal violence, disease, and possible predation by carnivores on Early Pleistocene Homo. In: Journal of Human Evolution. Band 166, Mai 2022, 103180, doi:10.1016/j.jhevol.2022.103180. Begleitfunde von Zähnen der fossilen Nager-Gattung Mimomys bezeugen ein Alter von 1,6 bis 2,0 Millionen Jahren, Datiert werden die Leitfossilien von Ralf-Dietrich Kahlke von der Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, siehe dazu: Jenaer Paläontologen bereiten Grabungsprojekt in Georgien vor. Auf: idw-online vom 6. August 1998. und mit Hilfe der Argon-Argon-Methode konnten die fossilienführenden Erdschichten sicher auf 1,8 bis 2,0 Millionen Jahre datiert werden; andere Datierungsmethoden wiesen auf ein Alter von 1,77 Millionen Jahren hin.Michael Balter, Ann Gibbons: A Glimpse of Humans' First Journey Out of Africa. In: Science. Band 288, 2000, S. 948–950, doi:10.1126/science.288.5468.948, .

In den folgenden Jahren wurden aus derselben Bodenschicht insgesamt fünf gut erhaltene Schädel, davon vier mit zugehörigem Unterkiefer, sowie weitere hominine Knochen geborgen und wissenschaftlich beschrieben, darunter der besonders gut erhaltene „Schädel 3“ (D 2700, siehe Abbildung). Der 2005 entdeckte, gleichfalls ungewöhnlich gut„Schädel 5“ (D 4500 + D 2600) ist der am besten erhaltene Schädel eines Erwachsenen aus der Zeit zwischen 2,6 – 0,9 Millionen Jahren vor heute. Quelle: Fred Spoor: Small-brained and big-mouthed. In: Nature. Band 502, Nr. 7472, 2013, S. 452–453, doi:10.1038/502452a. erhaltene „Schädel 5“ (Sammlungsnummer: D 4500 mit zugehörigem, seit dem Jahr 2000 bekannten Unterkiefer D 2600Léo K. Gabunia, Abesalom Vekua, Marie-Antoinette de Lumley, David Lordkipanidze: A New Representative of Homo from the Lower Pleistocene of Dmanisi. In: Archaeology, Ethnology and Anthropology of Eurasia. Band 4, Nr. 12, 2002, S. 145–153.) wurde erst 2013 ausführlich beschrieben; seine bei keinem zuvor bekannten Homo-Fossil gesehenen Besonderheiten – insbesondere das kleine Schädelinnenvolumen von nur rund 450 cm³ in Kombination mit einer weit vorspringenden, also ausgeprägt prognathen Schnauze und großen Zähnen – veranlassten die Autoren der Studie, die bis dahin getroffenen Abgrenzungen der Arten Homo ergaster und Homo erectus sowie Homo rudolfensis und Homo habilis infrage zu stellen.

Die besondere Bedeutung der Dmanissi-Funde besteht vor allem darin, dass auf einer Fläche von knapp 20 × 20 Metern mindestens sieben Individuen unterschiedlichen Alters aus derselben Epoche gefunden wurden, die Aussagen zur inter-individuellen Variabilität dieser Homo-Population ermöglichen. Die Gründe, warum diese Individuen gleichzeitig oder nahezu gleichzeitig zu Tode kamen, wurden bisher nicht zweifelsfrei rekonstruiert. Im Februar 2008 publizierten französische Forscher allerdings nach der Untersuchung von 30 Bodenproben die Vermutung, es habe sich möglicherweise um eine Familie gehandelt, die von einem Vulkanausbruch überrascht und unter einer Ascheschicht begraben wurde; als Alter der Skelette wurden nunmehr 1,81 ± 0,05 Mio. Jahre genannt.Marie-Antoinette de Lumley et al.: Impact probable du volcanisme sur le décès des Hominidés de Dmanissi. In: Comptes Rendus Palevol. Band 7, Nr. 1, 2008, S. 61–79, doi:10.1016/j.crpv.2007.09.002 .

Im September 2022 gab das nationale Forschungszentrum für Archäologie und Frühgeschichte von Georgien bekannt, unweit Dmanissi, in der Nähe des Dorfes Kvemo Orozmani, sei ein Zahn entdeckt worden, dem vorläufigen Studien zufolge ein Alter von 1,8 Millionen Jahre zugeschrieben wurde und der vermutlich ein Verwandter der Dmanissi-Funde sei.1,8 Millionen Jahre alter Zahn wurde in Georgien gefunden. Auf: ulukayin.org vom 11. September 2022. 2025 wurde ein gleich alter Unterkiefer geborgen.1,8 Mio. Jahre alter Kieferknochen gefunden. Auf: science.orf.at vom 29. August 2025.

Fundbeschreibungen 1991: Der erste Unterkiefer In der ersten Fundbeschreibung von 1995 wurde der 1991 entdeckte Unterkiefer D211 aufgrund seiner Altersdatierung – 1,8 bis 1,6 Millionen Jahre – sowie der Übereinstimmung mehrerer Merkmale mit vergleichbar alten afrikanischen und asiatischen Fossilfunden Homo erectus zugeordnet L. Gabunia, A. Vekua: A Plio-Pleistocene hominid from Dmanisi, East Georgia, Caucasus. In: Nature. Band 373, 1995, S. 509–512, doi:10.1038/373509a0, ., 1998 wurde ihm eine Nähe zu Homo ergaster [„Homo sp. indet. (aff. ergaster)“] zugeschrieben.Antonio Rosas und José María Bermúdez de Castro: On the taxonomic affinities of the Dmanisi mandible (Georgia). In: American Journal of Physical Anthropology. Band 107, Nr. 2, 1998, S. 145–162, Da bis dahin kein Forscher mit einem derart frühen Auftreten von Vertretern der Gattung Homo in Eurasien gerechnet hatte, wurde die Datierung weithin angezweifelt; manchen Forschern erschien die Form des Kiefers zu „modern“ für einen derart alten Homo erectus, so dass sie vermuteten, der Unterkiefer sei erst sehr viel später – lange nach dem Tod des Individuums – in die alten Bodenschichten geraten.

1999: Zwei gut erhaltene Schädel miniatur|links|„Schädel 2“, D 2282 (Rekonstruktion)

Klarheit brachten erst die beiden 1999 entdeckten, gut erhaltenen Schädel, die in zwei Metern Entfernung zu D211 ausgegraben und zweifelsfrei auf zirka 1,7 bis 1,8 Millionen Jahre datiert werden konnten. Der eine, mutmaßlich einem erwachsenen Mann gehörende Schädel D 2280 wies nur ein Schädelinnenvolumen von 775 cm³ auf; bei ihm waren auch Teile des Gesichtsschädels und des Oberkiefers mitsamt vier Zähnen erhalten geblieben. Der zweite, aus der gleichen Bodenschicht geborgene Schädel D 2282 gehörte mutmaßlich einer jugendlichen Frau und wies nur ein Volumen von 650 cm³ auf (zum Vergleich: heutige erwachsene Männer verfügen über ein Volumen von etwa 1500 cm³). Diverse andere Merkmale der Schädel wurden als übereinstimmend mit den aus Afrika bekannten Funden von Homo ergaster erkannt. „Überraschend“ sei die geringe Übereinstimmung der durchgehend als „Dmanisi-hominids“ bezeichneten Funde mit späteren europäischen und asiatischen Homo-Funden. Leo Gabunia, Abesalom Vekua, David Lordkipanidze et al.: Earliest Pleistocene Hominid Cranial Remains from Dmanisi, Republic of Georgia. Taxonomy, Geological Setting, and Age. In: Science. Band 288, 2000, S. 1019–1025, doi:10.1126/science.288.5468.1019 .

2001: Ein Homo ergaster mit extrem kleinem Gehirn?