mini|Ein Bank Run in New York im Jahr 1873

Als Gründerkrach bezeichnet man den Börsenkrach des Jahres 1873, wobei im Speziellen der Einbruch der Finanzmärkte gemeint ist. Dieser Börsenkrach, von dem Österreich-Ungarn stärker betroffen war als Deutschland, beendete die Gründerzeit im Sinne einer Phase nicht selten spekulativer Firmengründungen. Vorausgegangen war eine Überhitzung der Konjunktur, die von verschiedenen Faktoren begünstigt worden war – in Deutschland vor allem durch den gewonnenen Krieg 1870/1871 gegen Frankreich, die daraus erworbenen Reparationszahlungen Frankreichs und die Reichsgründung. Der Begriff Gründerkrach wurde bereits im Jahr 1873 verwendet, so etwa am 26. September 1873 in einem Artikel der Tageszeitung Das Vaterland. (Im Artikel heißt es: „Die ‚Politik‘ bespricht ‚Blagatinsek’s Glück und Ende‘ und constatirt, daß jetzt mit Schindler, Giskra, Skene, Sturm und Kaiserfeld die fünfte Säule des Decembrismus im Gründerkrach fällt.“)

Die nachfolgende Deflationsphase ist als Gründerkrise bekannt. Die Volkswirtschaften der sich industrialisierenden Staaten gingen in eine Phase des verlangsamten Wachstums und der Deflation über, die bis in die 1890er Jahre anhielt. Wirtschaftstheoretiker der 1920er Jahre prägten dafür den Begriff „Große Depression“.

Wiener Börsenkrach von 1873

Euphorie vor der Weltausstellung Den unmittelbaren Ausgang nahm der Gründerkrach in Österreich-Ungarn mit dem Wiener Börsenkrach. Obwohl das Ende der Annäherung an den Deutschen Zollverein und die Silberdeckung des Österreichischen Guldens die österreichische Wirtschaft belasteten, erholte sich Österreich wirtschaftlich von der Niederlage im Deutschen Krieg, und schnell wuchs die Wirtschaft wieder, verbunden mit einer großen Fortschrittseuphorie. Diese heizte noch die Planung der Weltausstellung an, die am 1. Mai 1873 in Wien eröffnet wurde. Das Kaiserreich wollte sich sieben Jahre nach der Niederlage von Königgrätz international als fortschrittliches Land mit einer starken Wirtschaft präsentieren, wofür keine Kosten und Mühen gescheut wurden. Die Presse war angehalten, im Vorfeld der Weltausstellung nur positiv zu berichten, und die damalige Politik der Regierung gegenüber den neu gegründeten Banken und Industriebetrieben war sehr liberal (Laissez-faire). Nur bei großen Skandalen wurde in die Wirtschaft eingegriffen. So wurde etwa 1872 die k. k. priv. Lemberg-Czernowitz-Jassy-Eisenbahngesellschaft unter staatliche Kuratel gestellt, nachdem untragbare Mängel Eisenbahnunfälle verursacht hatten.

Spekulationsblase Aufgrund des vorherrschenden Optimismus, der mit allgemeiner Sorglosigkeit und staatlicher Zurückhaltung bis zum Verzicht auf Regulierung (Laissez-faire) einherging, entstand eine große Spekulationsblase. In den Monaten vor der Weltausstellung stiegen die Aktienkurse an der Wiener Börse in astronomische Höhen. Ebenso stiegen die Immobilienpreise in Wien und anderen Städten der Habsburgermonarchie. Zur Finanzierung von Bauprojekten wurden von den Hypothekenbanken leichtfertig Pfandbriefe ausgegeben, denen als Sicherheit oft nur halbfertige Häuser, später gar nur geplante Häuser dienten.Karl Gaulhofer: Finanzkrise: Genau wie damals beim Gründerkrach. In: Die Presse. 11. Juli 2009, abgerufen am 6. September 2026. Aktien konnten damals bereits durch Hinterlegung einer Teilsumme (heute Margin genannt) gekauft werden, mit erst später erfolgender Zahlung des Restbetrages. Selbst liquiditätsschwache Personen konnten so große Aktienpositionen aufbauen, ausgegangen wurde schließlich von stetig steigenden Kursen. Der später fällige Restkaufpreis sollte aus den erhofften Kursgewinnen beglichen werden.

Der Zufluss von deutschem Kapital heizte die Wiener Börse weiter an. Die französischen ReparationszahlungenNach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurden Frankreich im Friedensvertrag von Frankfurt unter anderem Reparationen von fünf Milliarden Francs auferlegt. wurden im neu gegründeten Deutschen Reich von der Regierung Bismarck hauptsächlich zur Tilgung von Staatsanleihen verwendet. Private Investoren suchten andere (oft risikoreichere) Anlageformen. Der hauptsächlich auf Anleihen konzentrierte Börsenplatz Frankfurt verlor damals an Bedeutung, und deutsches Privatkapital floss nach Wien. Dabei waren schon damals die größeren Aktienwerte (heute würde man Standardwerte sagen) an mehreren Börsen gelistet. Durch die Einführung der Telegraphie konnten die Kurse und Kauforders zwischen diesen Handelsplätzen rasch übermittelt werden, und so wurden etwa die k. k. privilegierte Österreichische Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe, die k. k. privilegierte österreichische Staatseisenbahn-Gesellschaft und die Vereinigte Südösterreichische, Lombardische und Central-Italienische Eisenbahngesellschaft nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin, Frankfurt und Paris gehandelt, letztere auch noch in London.Markus Baltzer: European financial market integration in the Gründerboom and Gründerkrach. Evidence from European cross-listings. Österreichische Nationalbank, Working paper 111, Wien 2006.

Der Wirtschaftsoptimismus dieser Zeit und die Aussicht auf rasche Gewinne vermischten sich zu einem verhängnisvollen Gründungsfieber. Nahezu alle Bereiche der Wirtschaft entfalteten eine rege Gründungstätigkeit. Dies traf auch auf Finanzdienstleistungen zu. Während es im Jahr 1867 beispielsweise in der österreichischen Reichshälfte lediglich elf Aktienbanken (einschließlich der Nationalbank) gab, stieg die Zahl bis Mai 1873 auf 141 an. Bei den sogenannten Maklerbanken handelte es sich zumeist um Spekulations- und Schwindelbanken. Eduard März nannte sie „ureigenste Kinder der neuen Gründungsperiode“.Peter Eigner, Helmut Falschlehner, Andreas Resch: Geschichte der österreichischen Privatbanken. Springer VS, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-20124-1, S. 66.

Schwarzer Freitag mini|Der Schwarze Freitag an der Wiener Börse, 9. Mai 1873

Am 1. Mai 1873 eröffnete Kaiser Franz Joseph I. die Weltausstellung mit dem Satz, Österreich-Ungarn sei „nach allen Richtungen in erfreulichem Aufschwunge begriffen“. Dabei war die Spekulationsblase zu dieser Zeit bereits am Platzen. Kurz zuvor hatte die größte Bank, die k. k. privilegierte Österreichische Kredit-Anstalt für Handel und Gewerbe, wegen Gerüchten über eine bevorstehende Börsenpanik in Paris alle Börsendepots gekündigt, ihre Kontokorrentkredite eingeschränkt und Anleihen im Wert von 20 Millionen Gulden verkauft. Dies führte zu fallenden Kursen und Liquiditätsengpässen vor allem bei den Maklerbanken.30 ausgewählte Finanzkrisen, vom 16. Jahrhundert bis heute. (PDF; 1,0 MB) MoneyMuseum, S. 10; abgerufen am 25. Juni 2020.

In den Morgenstunden des 9. Mai 1873 brach der Damm. Als erster gab Adolf Petschek seine Zahlungsunfähigkeit bekannt, der als „König der Maklergeschäfte“ galt.Erwin Christian Lessner: The Danube. The Dramatic History of the Great River and the People Touched by Its Flow. Doubleday, 1961, S. 466. Die Insolvenz seines Bank- und Kommissionshauses erzwang die zeitweilige Aussetzung des Börsenverkehrs und gab das Signal zum allgemeinen Zusammenbruch.Siegfried Pressburger: Das Österreichische Noteninstitut. 1816–1966. Österreichische Nationalbank Wien, 1966, S. 1131.Die privilegierte oesterreichische National-Bank. „Die Bankakte“ von 1862 und der „Große Krach“ von 1873. Oesterreichische Nationalbank, abgerufen am 22. Juni 2020. Noch am gleichen Vormittag wurden 120 weitere Banken insolvent.Claudio Franzetti: Investmentbanken. Geschäftsfelder, Akteure und Mechanismen. Springer Gabler, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-20790-8, S. 20 f. Um 13 Uhr wurde die Börse polizeilich geschlossen. Dieser Tag ging auch als „Schwarzer Freitag“ in die Geschichte Österreichs ein.

Ausweitung der Krise Danach setzte eine Prolongationskrise ein, das heißt, kurzfristige Kredite wurden nicht mehr verlängert, was weitere Anleger zahlungsunfähig machte. Immer mehr Anleger und Bankkunden wurden misstrauisch, verkauften ihre Wertpapiere und „räumten ihre Konten“ aus Angst vor Wertverlusten. Dadurch wurde dem Kapitalmarkt viel Geld entzogen, was die Krise auf immer mehr europäische und US-amerikanische Börsenplätze ausweitete.

Am 19. September 1873 erreichte die Krise New York, wo der Bankrott des vor allem in Eisenbahnen und Immobilien investierenden Bankhauses Jay Cooke & Company Panik auslöste. Die New Yorker Börse wurde daraufhin zum ersten Mal in ihrer Geschichte geschlossen – bis zum 29. September.

Im Oktober 1873 war mit dem Zusammenbruch der Quistorp’schen Vereinsbank auch Berlin betroffen. In der Folge brachen weitere Börsen-, Aktien- und Spekulationsunternehmen zusammen. Zur gleichen Zeit zahlte Frankreich die letzten Reparationen an das Deutsche Kaiserreich. Damit versiegte dieser Devisenzufluss.

In Österreich-Ungarn verschwand durch den Gründerkrach ein Großteil der Banken und etwa die Hälfte der in den Jahren zuvor gegründeten Aktiengesellschaften.Schwarzer Freitag. Austria-Forum, abgerufen am 6. September 2026.

Eine Wirtschaftskrise folgte. Ende 1873 stiegen die Zinsen für Kredite stark an, was besonders Eisenbahngesellschaften in Bedrängnis brachte. In der Industrie ging die Produktion zurück, es kam zu umfangreichen Entlassungen und Lohnkürzungen. Ein allgemeiner Rückgang der Nachfrage, der Kaufkraft, des Konsums, der Investitionen und der Preise (Deflation) war zu verzeichnen. Der Kurswert von 444 deutschen Aktiengesellschaften sank vom Dezember 1872 bis zum Dezember 1874 um ca. zwei Milliarden Mark.Friedrich-Wilhelm Henning: Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands. Band 2: Deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn u. a. 1996, ISBN 3-506-73862-3. Offenbarungseide (Vermögensauskunft des Schuldners), Suizide und Familientragödien (erweiterter Selbstmord) häuften sich.

Aus heutiger Sicht gilt die „Gründerkrise“ als eine Stagnation und nicht als eine Depression, weil damals die – in den Jahren zuvor überhöhten – Wachstumsraten ausgeglichen wurden. Auch die gesamte Zeit von ca. 1873–1890 war nicht, wie von vielen Zeitgenossen wahrgenommen, eine große Depression, sondern vielmehr eine Zeit des schwankenden Wirtschaftswachstums. Die unmittelbare Krise dauerte in den USA etwa vier Jahre, in den betroffenen europäischen Ländern sechs. Ab 1879 kam es wieder zu leichtem Wirtschaftswachstum.

Gründerjahre und Deflation in Deutschland Die Zeit ab 1870 war in Deutschland geprägt durch zahlreiche Unternehmensgründungen und insbesondere Aktiengesellschaften, die starke Zunahme der Industrieproduktion und den Ausbau des Eisenbahnnetzes. Dieses Wachstum wurde durch mehrere Faktoren begünstigt, auch von einer allgemeinen Euphorie nach der Reichsgründung.

Französische Reparationszahlungen Ein Faktor war der Sieg im Deutsch-Französischen Krieg, der sich in mehrerlei Hinsicht auswirkte. Zunächst flossen durch den Frieden von Frankfurt französische Reparationszahlungen in Höhe von etwa fünf Milliarden Francs (was etwa 4,5 Milliarden Mark entsprach) nach Deutschland, von denen etwa 2,5 bis 3 Milliarden Francs direkt dem deutschen Kapitalmarkt (Kreditinstitute und Börsenplätze) zugutekamen. Dies wird vielfach als eine Ursache für die konjunkturelle Überhitzung angesehen, die durch den Gründerkrach bereinigt wurde.So zum Beispiel Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Ullstein, Berlin / Frankfurt am Main 1978, S. 239; Michael Stürmer: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866–1918. Siedler, Berlin 1994, S. 84. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 226.