mini|Carsten Nicolai (li.) und Olaf Bender (re.) live

Raster-Noton, mit vollem Namen raster-noton. archiv für ton und nichtton, war ein 1999 aus dem Zusammenschluss zweier junger Labels namens „raster music“ und „noton.“ hervorgegangenes Label für experimentelle elektronische Musik mit Sitz in Chemnitz. Seit der Gründung der Vorgängerlabels Mitte der 1990er Jahre wurden bis Anfang 2012 annähernd einhundertfünfzig Veröffentlichungen vorgelegt. Mit ihnen wurde das Label vor allem im Clicks-&-Cuts-Genre innerhalb weniger Jahre eines der renommiertesten Labels weltweit und galt neben A-Musik und Mille Plateaux als eines der führenden Label für experimentelle elektronische Musik in Deutschland.

Gründer und Betreiber von Raster-Noton waren Carsten Nicolai und Olaf Bender. Die enge Verbindung der Betreiber und vieler Künstler des Labels zur bildenden Kunst führte zu einer besonderen Betonung der Gestaltung der Veröffentlichungen wie auch der Präsentation des Labels. Zahlreiche der Veröffentlichungen erschienen als Teil von Serien, die gestalterisch und auch konzeptionell zusammengehören.

2017 entschlossen sich Nicolai und Bender, getrennte Wege zu gehen und das Label wieder in raster-media und Noton aufzusplitten.

Musik mini|Ryoji Ikeda (li.) und Carsten Nicolai live in Moskau 2007

Die musikalische Bandbreite des Labels reichte von elektronischer Kunstmusik (William Basinski, Kim Cascone) über experimentellen Techno, Ambient und Dub bis hin zu außerhalb der Musik stehender Klangkunst oder Noise (Ryoji Ikeda, Franz Pomassl, Marc Behrens, Disinformation). Viele Künstler bzw. Projekte ließen sich dem Clicks-&-Cuts-Genre zuordnen, einer speziellen Spielart elektronischer Musik, die sich seit der Mitte der 1990er Jahre vor allem in Europa entwickelte, manche entstammten dem Kunstbereich.

Das spezielle Merkmal zahlreicher, insbesondere früher Raster-Noton-Veröffentlichungen über alle stilistischen Kategorien hinweg war eine Armut des Klangs. Häufige Kennzeichen sind im Extremfall vollständig repetitive oder nur geringfügig variierte rhythmische Strukturen aus manchmal oft nur mehr Sekundenbruchteile währenden Klangereignissen, deren Frequenzspektrum sehr schmal ist, bis hin zum reinen Sinuston. Zugleich sind die Klangräume von nur geringer Dichte, ganze Stücke werden aus nur wenigen, äußerstenfalls vollkommen vereinzelten Tönen bestritten, deren Frequenzspektren sich möglichst wenig überschneiden und die teilweise auch nicht parallel erklingen.

Gegensätze wie „sehr tief – sehr hoch“, „sehr laut – sehr leise“, „sehr lang – sehr kurz“ und „sehr schnell – sehr langsam“ werden hart gegeneinander gestellt. Unüblich ist oft auch die Herkunft der Klänge: Knistern, Knacksen, Krachen und Rauschen entstanden in klassischer Glitch-Manier aus Störimpulsen oder nahmen deren Ästhetik an.

Viele Künstler haben über die Jahre eng und viel mit Raster-Noton zusammengearbeitet, ausschließlich hier veröffentlichende Hauskünstler gab es jedoch nicht, selbst der Kern der Gründer veröffentlichte immer auch außerhalb des eigenen Labels. Zum besonders engen Umkreis des Labels mit vielen, regelmäßig wiederkehrenden Veröffentlichungen zählten vor allem Сон und Senking, aber auch Ryoji Ikeda (als Solist und in Kollaborationen) sowie zeitweise das finnische Duo Pan Sonic (sowohl gemeinsam wie auch als Solisten).

Selbstverständnis und Präsentation Von Anfang an arbeitete Raster-Noton mit den Methoden der Konsumwelt und verstand sich zu einem gewissen Grad auch als Teil davon. Bereits 1998, noch zu Zeiten der Einzellabels, sagte Nicolai: „Keine Frage – in erster Linie ist noton ein Musiklabel und arbeitet mit den Strukturen der Industrie. […] noton arbeitet als ein Label, ein Markenname, ein Überbegriff, als etwas Wiedererkennbares.“Carsten Nicolai in: Frank Eckart: Zerlegen und Zusammensetzen – Gespräch zwischen Frank Eckart und Carsten Nicolai. In: Carsten Nicolai: Polyfoto. Nürnberg 1998, ISBN 3-928342-91-6, S. 74 Trotzdem sind die Betreiber bemüht, Unabhängigkeit und Distanz zu dieser zu wahren: „Die Inhalte sind schwer zu konsumieren – auf diese Weise ist es kein Massenprodukt.“

Manifest wurde dieses Selbstverständnis auch in den Veröffentlichungen selbst. Sowohl die (scheinbare) künstliche Verknappung durch limitierte Auflagen von nur mehreren Hundert bis wenigen Tausend Stück und ausbleibende Nachpressungen regulärer Veröffentlichungen wie auch die für Tonträger aufwendige und teils luxuriöse und aufwendige Gestaltung gab den Veröffentlichungen den Charakter des Besonderen.

Mit zunehmendem Erfolg versuchte Raster-Noton sich gegen eine Vereinnahmung durch den Markt zu stellen: „Wir beschäftigen uns mittlerweile schon mit Karl Marx. Denn wir merken natürlich auf einmal, dass wir Warenfetischismus betreiben. Aber wir versuchen, auf die Zeit zu reagieren.“, ohne jedoch das spezifische und ureigene Profil aufzugeben: „Wir haben mit ‚Xerrox‘ jetzt eine Speicherkarte released, das wäre dann mehr unsere Intention.“

Die anfängliche Radikalität im Konzept wich dabei nach über einem Jahrzehnt einem vielfältigeren, weniger puristischen Ansatz: „Es ging uns früher noch entschiedener darum, nur die reine Information herzustellen und zu kommunizieren. […] Es gibt natürlich die Diskussion, etwas in dieser Erscheinung […] zu brechen.“ „Natürlich engt auch der formalistische Zwang ein […]. Viele bei uns haben gerade das Bedürfnis mit Stimmen zu arbeiten, es geht schon weg vom Technologischen“, als erstes Ergebnis dieses Ansatzes erschien am 26. März 2008 „Сон plays Cosey“, eine stark gesangsbasierte Gemeinschaftsarbeit von Сон mit Cosey Fanni Tutti.

Deutlich wurde auch, das trotz der Radikalität des Konzeptes die spezielle Ästhetik, derer sich das Label bediente, bald durch Imitationen und Adaptionen selbstverständlich wurde: „… die Musik ist insofern präsenter als je, als die einstmalige Bewegung von heutiger Musik assimiliert ist. Wenn du dir Produktionen von Timbaland, Björk oder Madonna anhörst – die verwenden all diese Momente und wir nehmen sie nicht einmal mehr wahr, sie sind selbstverständlich geworden und in der populären Musik aufgegangen.“Carsten Nicolai in Timo Feldhaus und Martin Conrads: 11 Jahre Raster-Noton – Die Physik des Minimalen. In: De:Bug 117, 2007

Rezeption Die Kritik war sich weitgehend einig in der Charakterisierung der typischen Stilmerkmale von Raster-Noton, immer wiederkehrende Begriffe waren „minimal“,“… the minimal electronics label …”, Ben Borthwick: Raster-Noton: The Perfect Strom. Interview in: The Wire Magazine, Issue 238, Dezember 2003, S. 40 „reduziert“ und „experimentell“, auch Verweise auf die Genres Glitch bzw. Clicks’n’Cuts fanden sich häufig.“…Raster-Noton music label brand of experimental, minimal, and glitchfused beat music.” Anonymus: Music: See Hear Now! In: News In: Computer Music Journal, 2005, Vol. 29, No. 4, S. 8 Ebenso wurden – vor allem auch in Verbindung mit Nicolais künstlerischem Werk – Verbindungen zu Wissenschaften wie Physik oder Mathematik geknüpft. Dabei wurde auch nicht die intendierte Übereinstimmung zwischen Innen und Außen, Inhalt und Design übersehen: „Raster-Noton erforscht Serielles, Verschiebungen und Minimalinterferenzen auf Musikebene wie auch bei der Gestaltung ihrer Produkte.“ In: Intro, No. 82, März 2001, Online

Rob Young betonte: „Raster-Notons Material kann auf den ersten Blick abstoßend abstrakt erscheinen, doch ist es nicht ihre Absicht, eine fremdartige, dehumanisierte Vision zu schaffen“, und resümierte „Es geht nicht allein um die Maschine, sondern um den Fehler, die Alternative und die Wahl: die Qualitäten, die uns menschlich machen.““It’s not only about the machine, but about error, contingency and choice: the qualities that make us human.” / „Raster-Noton’s materials can appear forbiddingly abstract at first encounter, but their intention is not to create an alien, dehumanised vision.“' Rob Young: Raster-Noton: Impulse to line. BBC Radio 3, Cut And Splice 2005

Während Young Verwandtschaften zu Wassili Kandinsky und Oskar Fischinger sah, fragte Timo Feldhaus danach, ob Raster-Noton nicht „die Zu-Ende-Gedachten Kraftwerk“Timo Feldhaus und Martin Conrads: 11 Jahre Raster-Noton – Die Physik des Minimalen. In: De:Bug 117, 2007 seien. Den sich hierin andeutenden Spagat zwischen Kunst und Tanzfläche beschrieb das Magazin Intro mit den Worten „So wandert raster-noton mit seinen pulsierenden, trockenen Frequenz-Datenströmen zwischen den Orten und Welten und interessiert sich für Kunstkontexte ebenso wie für aufgeschlossene Club-Kultur.“

Geschichte Vorläufer Rastermusic mini|80px|Logo von Rastermusic

Frank Bretschneider hatte 1986 im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, die Band AG. Geige mitgegründet, eine experimentelle Elektronikformation, die als reine Undergroundband begann und zwei Kassetten im Selbstverlag veröffentlichte, nach einigen Jahren jedoch zu einigem Erfolg gelangte und 1990 offiziell von AMIGA in den Vertrieb aufgenommen wurde. 1988 stieg auch Olaf Bender bei AG Geige ein und löste später Torsten Eckhardt an den „Electronics“ ab. Nach der Auflösung der Band 1993 blieben Bretschneider und Bender miteinander aktiv und gründeten 1995 das Label „Rastermusic“.

Im Oktober 1995 erschien als erste Veröffentlichung die Maxisingle Poly Acid Morph Basic Track von Kyborg, einem Berliner Acid-Techno-Projekt. 1996 folgten dann vier CD-Alben (cdr002 bis cdr005). Obwohl die Intention „… dass wir nicht eindeutig für einen Club oder eine Hörsituation oder für eine Galerie produzieren …“Olaf Bender in Timo Feldhaus und Martin Conrads: 11 Jahre Raster-Noton – Die Physik des Minimalen. In: De:Bug 117, 2007 bereits hier klar formuliert war, lassen die Rastermusic-Produktionen stilistisch die Verbundenheit der Musiker vor allem mit dem zu dieser Zeit besonders populären Minimal Techno oder auch dem Dub teilweise noch deutlich erkennen. Sie teilen mit zwei Anfang 1997 erschienenen CDs (cdr010 und cdr 011) das Erscheinungsbild (Cover mit weißem Hintergrund, darauf eine karoförmige Computergrafik) und werden gemeinsam mit den (konzeptionell eigentlich unverbundenen) Kyborg-Maxisingles (vyr001 / vyr009) als Raster-Serie zusammengefasst.Siehe die Raster-Noton-Website zur Raster-Serie vom 1. Juni 2000 , sowie zum Beleg der Verwendung dieser Begriffe in der Rezeption Ive Stevenheyden: Kijken met de oren – Enkele aandachtspunten bij Carsten Nicolai’s geluidswerk / Seeing with the Ear: Some Points of Focus in Carsten Nicolai’s Sound Work. In: audio visual spaces, S. 17 bzw. S. 24 (niederl. bzw. engl.)

noton. archiv für ton und nichtton mini|80px|Logo von Noton

Unter den vier ersten Veröffentlichungen von Rastermusic befand sich auch das Album Spin von Noto (cdr003), neben Alva Noto eines der Pseudonyme von Carsten Nicolai, ebenfalls ansässig in Chemnitz. Der Landschaftsarchitekt und Künstler gehörte bereits von Anfang an zum Umfeld von Rastermusic und hatte 1994 bzw. 1995Die Angaben für das Datum widersprechen sich in den unterschiedlichen Quellen. Die Angabe 1994 findet sich in Carsten Nicolai: Polyfoto, 1998, Nürnberg, ISBN 3-928342-91-6, S. 96; Susanne Binas: modul r-n. ein porträt., in: Raster-Noton und Taktlos-Bern (Hrsg.): raster-noton.oacis - [optics acoustics calculated in seconds], Ss. 13–14 sowie in Anti Reflex, Katalog zur Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, S. 194, 2005; die Angabe 1995 hingegen in Carsten Nicolai aka Noto: ∞, o.p., letzte Seite und Gianni Romano, Carsten Nicolai: Facts & Arti-Facts, Interview in: Simona Verdrame (Hrsg.): „Carsten Nicolai - diary # 03“, S. 7 ein eigenes Label namens „noton. archiv für ton und nichtton“ gegründet, das als Plattform zur Dokumentation von Klangkunst gedacht war.Susanne Binas: modul r-n. ein porträt., in: Raster-Noton und Taktlos-Bern (Hrsg.): raster-noton.oacis - [optics acoustics calculated in seconds], Ss. 13–14