mini|hochkant=1.3|Junkers-Werk Aschersleben: Serienbau von Ju-88-Rümpfen Als Aufrüstung der Wehrmacht werden wirtschafts- und finanzpolitische Maßnahmen zwischen der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa am 1. September 1939 bezeichnet, die der Vergrößerung des Militärs des Deutschen Reiches dienten.

Die Aufrüstung der ab 1935 in der Wehrmacht zusammengefassten Teilstreitkräfte Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe war integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Politik und für Hitler die wichtigste Voraussetzung für die Wiedergewinnung der Großmachtstellung des Deutschen Reiches. Als Bilanz des energisch vorangetriebenen Rüstungsprogrammes, dessen Fundament schon in der Weimarer Republik gelegt wurde, entstand mit der Wehrmacht ein starker militärischer Machtfaktor auf dem europäischen Kontinent, wobei zugunsten eines schnellen Aufbaus materielle und personelle Qualitätsmängel in Kauf genommen wurden. Die im Friedensvertrag von Versailles zugestandenen 115.000 Mann der Reichswehr konnten aufgrund der 1935 eingeführten Wehrpflicht bis 1939 zu einer 1,1 Millionen Mann starken „aktiven Truppe“ erweitert werden, welche durch die Mobilmachung bei Kriegsbeginn auf 4,5 Millionen Mann anstieg.

Im direkten Zusammenhang mit der Aufrüstung entstand die Vierjahresplan-Behörde, deren Aufgabe neben der Funktion als eigene Rüstungsorganisation auch die Erweiterung der Wirtschaft zur „Kriegsfähigkeit“ war. Mit dem rasant ansteigenden Militärhaushalt ging eine enorme Staatsverschuldung einher. Wegen ineffizienter Organisation und des Fehlens eines Gesamtrüstungsplanes konnten aber die für einen längeren Krieg notwendige Tiefenrüstung nicht aufgebaut und umfassende Reserven nicht bereitgestellt werden.

Vorgeschichte Ausgangslage in der Weimarer Republik Die Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie der daraus resultierende Friedensvertrag von Versailles bestimmte das Denken der Reichswehr. Die auferlegten drastischen Beschränkungen stießen seitens der Politik und in der Bevölkerung auf breiten Widerstand, sodass das vertragsmäßig zugebilligte, aber wie beispielsweise in der Ruhrbesetzung zu keiner Verteidigung fähige 100.000-Mann-Heer mit seinen sieben Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen nicht nur in den Augen der militärischen Spitzen als Übergangslösung und als Ausgangsformation für eine größere und keinen Bedingungen unterworfene Streitmacht angesehen wurde.Rainer Wohlfeil, Edgar Graf von Matuschka: Reichswehr und Republik (1918–1933). Bernard & Graefe, 1970, ISBN 3-7637-0304-7, S. 207 ff. Um dieses Ziel zu erreichen, war die Reichswehrführung bereit, gegen den als Reichsgesetz geltenden Versailler Vertrag zu verstoßen und illegale Maßnahmen zu ergreifen wie die Ausrüstung der Einwohnerwehren mit militärischem Gerät, die Billigung der Schwarzen Reichswehr, die Einrichtung von Schwarzen Kassen wie zum Beispiel bei der Lohmann-Affäre, die Verschleierung von staatlichen Rüstungsinvestitionen durch das Montan-Schema, die geheime Rüstungsplanung durch die Stega, „schwarze Rüstungsforschung“ in enger Zusammenarbeit mit der Kaiser-Wilhelm-GesellschaftHelmut Maier (Hrsg.): Gemeinschaftsforschung, Bevollmächtigte und der Wissentransfer. Die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im System kriegsrelevanter Forschung des Nationalsozialismus. Göttingen 2007, S. 84., die Weiterführung des verbotenen Generalstabes unter der Tarnbezeichnung Truppenamt und die militärische Kooperation mit der Sowjetunion im Rahmen des Rapallo-Vertrages zur Gewinnung von grundlegenden taktischen und technischen Kenntnissen. Bis zum Beginn der dreißiger Jahre blieben jedoch das Ausmaß und die militärische Effizienz dieser Maßnahmen auf personellem und materiellem Gebiet relativ gering.Wohlfeil/Matuschka: Reichswehr und Republik. S. 218 ff.

Erstes Rüstungsprogramm mini|hochkant|Reichskanzler Wilhelm Marx billigte die Finanzierung der geheimen Rüstung

Die Entlassung Hans von Seeckts als Chef der Heeresleitung im Oktober 1926 und die sich in der Armeeführung langsam durchsetzende Erkenntnis, dass nur eine Kooperation mit dem Reichstag als Legislative eine politische Absicherung der gewünschten Rüstungsmaßnahmen erbringen werde, bedeutete eine Wende in der Beziehung zwischen der Reichswehr und der von ihr skeptisch betrachteten Reichsregierung.Von einer „sensationellen Wende“ ist die Rede in Müller/Volkmann: Die Wehrmacht. Mythos und Realität. S. 79. So kündigte Reichswehrminister Geßler vor dem Kabinett im November 1926 an, die bisher gegenüber der Staatsführung praktizierte Geheimhaltung aufzugeben und von nun an umfassend über die bislang eingeleiteten Rüstungsmaßnahmen zu informieren. Aufgrund der somit akzeptierten politischen Kontrolle über die Reichswehr war das Kabinett unter Reichskanzler Wilhelm Marx sowie dessen sozialdemokratischem Nachfolger Hermann Müller bereit, die Finanzierung der immer noch geheimen Rüstungsmaßnahmen zu übernehmen. Daraufhin wurde nach fast zweijähriger Vorarbeit das „Erste Rüstungsprogramm“ am 29. September 1928 vom Chef der Heeresleitung genehmigt und am 18. Oktober vom Kabinett Müller verabschiedet. Das Ziel dieses Programms, welches erstmals das gesamte materielle Aufrüstungsvorhaben des Heeres in ein auf fünf Jahre konzipiertes Programm integrierte, war die Ausstattung an Gerät und Munition für ein 16-Divisionen-Heer, eine beschränkte Bevorratung und Maßnahmen zur Verbesserung der industriellen Fertigungsmöglichkeiten im Mobilmachungsfall. Dieses Ziel sollte bis 1932 erreicht sein; dafür sollten 350 Millionen Reichsmark aus einem geheimen Fonds ausgegeben werden.Der anfängliche Plan für ein 21-Divisionen-Heer wurde aus wirtschaftlichen Gründen verworfen. Der Löwenanteil entfiel auf das Heer; die Marine erhielt rund 7 Mio. RM jährlich.

Die 350 Mio. RM wurden mit vollster Billigung aller Regierungsparteien mittels eines Geheimfonds im Reichshaushalt untergebracht. Dazu wurde der Staatssekretärausschuß gegründet, der den Etat verabschieden konnte. Dieser bestand aus je einem Vertreter des Rechnungshofes, des Reichswehr- und des Finanzministeriums und war den Kontrollmöglichkeiten des Reichstages entzogen. → Johannes Hürter: Wilhelm Groener. ISBN 3-486-55978-8, S. 114 f. Gemessen am Gesamtetat der Reichswehr in Höhe von 726,5 Mio. RM (= 8,6 % des Staatshaushaltes) erscheinen die somit jährlich zur Verfügung stehenden 70 Mio. RM relativ unbedeutend, jedoch kann es als ein Novum in der deutschen Heeresgeschichte angesehen werden, dass die komplexen Faktoren einer von modernen industriellen Fertigungsverfahren bestimmten militärischen Rüstung in einem zielgerichteten Programm aufeinander abgestimmt worden sind.Ernst Hansen: Reichswehr und Industrie. Rüstungswirtschaftliche Zusammenarbeit und wirtschaftliche Mobilmachungsvorbereitungen 1923–1932. Boldt, 1978, ISBN 3-7646-1686-5, S. 64 ff.

Zweites Rüstungsprogramm alt=Brustporträtfoto von Wilhelm Groener. Reichswehrminister Wilhelm Groener baute die Armee innerhalb politischer Rahmenbedingungen aus|mini|hochkant|Reichswehrminister Wilhelm Groener baute die Armee innerhalb politischer Rahmenbedingungen aus Mit dem im Januar 1928 neu berufenen Reichswehrminister Wilhelm Groener, 1918 Erster Generalquartiermeister der OHL, setzte eine Dynamisierung der Rüstungsanstrengungen ein, da mit ihm ein Mann an die Spitze berufen wurde, der über hinreichende politische, wirtschaftliche und militärische Kompetenz verfügte.Wie kein anderer veränderte Groener die Reichswehr. → Johannes Hürter: Wilhelm Groener. Reichswehrminister am Ende der Weimarer Republik. Oldenbourg Verlag, München 1998, ISBN 3-486-55978-8, S. 355 ff. Unter der Prämisse des weiteren Aufbaus der Reichswehr wurde im Frühjahr 1932 das „Zweite Rüstungsprogramm“ verabschiedet, das später die Basis für die Aufrüstung im Dritten Reich bildete. Bei einem Aufwand in Höhe von 484 Millionen Reichsmark sollte die Aufstellung eines 21-Divisionen-Heeres, dessen Ausstattung mit Waffen, Gerät und Munition sowie dessen Bevorratung für sechs Wochen realisiert werden. Die erstmals bedachte Luftwaffe sollte 110 Mio. RM erhalten und aus insgesamt 150 Flugzeugen bestehen.78 Aufklärer, 54 Jäger und 18 Bomber. → Müller-Hillebrand: Das Heer 1933–1945. Band I, S. 19 f. Bezugnehmend auf die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen war das Programm auf fünf Jahre (April 1933 bis März 1938) ausgelegt. Eine im November erfolgte Modifizierung sah vor, dass bis zum Frühjahr 1938 insgesamt 570.000 Mann aktiv unter Waffen stehen sollten. Da es sich um ein auf ein Maximum an Rüstungsmaßnahmen ausgelegtes und dementsprechend eng kalkuliertes Programm handelte, erwies es sich aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen, die mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise einhergingen, als besonders empfindlich, so dass sich Groener gezwungen sah, weitere Gelder in Höhe von einer Milliarde Mark, verteilt auf fünf Jahre, von der Reichsregierung anzufordern.Müller/Volkmann: Die Wehrmacht. Mythos und Realität. S. 81. Finanziell erschwerend kamen die Preisdiktate einiger Rüstungsunternehmen hinzu, die sich angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise mittels Preisgestaltung gesundstoßen wollten. Die wenigen Rüstungsbetriebe hatten eine Monopolstellung, da es gemäß dem Versailler Vertrag nur einer geringen Anzahl von Unternehmen (beispielsweise Borsig oder Simson) erlaubt war, Rüstungsgüter herzustellen.Simson hatte das reichsweite Monopol auf die Herstellung leichter MG. → Wolf Gruner: Deutsches Reich 1933–1937. ISBN 3-486-58480-4, S. 372.

Unklar ist, inwiefern die zwei Rüstungsprogramme auf einem streng geheimen Plan aus dem Jahre 1925 basierten. Schon 1923 ließ Seeckt als Chef der Heeresleitung von einer kleinen Gruppe mit 18 Mann wichtige Eckpunkte für ein kriegsverwendungsfähiges Heer mit 102 Divisionen und 3 Millionen Mann erstellen.Karl-Heinz Janßen: Der große Plan. Die Zeit, Nr. 11/1997, (Artikel online). Laut Wolfram Wette ist der verblüffende, aber nur schwerlich zufällige Tatbestand an diesem „Großen Plan“, dass am 1. September 1939 das deutsche Heer mit genau diesem projektierten Volumen bereitstand.Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Frankfurt am Main 2008, S. 152. Allerdings ist umstritten, ob und in welchem Umfang dieser Plan Auswirkungen auf die spätere Rüstungsplanung hatte.Karl-Heinz Janßen beschreibt „den großen Plan“ eingehend in seinem Buch Der Krieg der Generäle: Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. ISBN 3-548-36277-X. Die Darstellung wird aber z. B. von dem Historiker Dieter Pohl als „streckenweise spekulativ“ kritisiert (→ Die Herrschaft der Wehrmacht. ISBN 3-486-58065-5, S. 41.)Allgemein ist dieses Buch umstritten, da Hitler nur als Marionette einer auf Revanchekrieg ausgerichteten Militärführung dargestellt wird. Kritisch z. B. Ursula Heukenkamp: Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit. ISBN 90-420-1425-3, S. 151. Rückblickend auf die Rüstungspolitik in der Weimarer Republik ergibt sich jedoch zweifelsfrei die Tatsache, dass eine langfristige und umfassende Rüstungsplanung nicht erst mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sondern schon in der Zeit der Weimarer Republik mit dem ersten und zweiten Rüstungsprogramm einsetzte.Diese früher lang unterschätzte Feststellung u. a. in: Johannes Hürter: Wilhelm Groener. ISBN 3-486-55978-8, S. 106.Rüdiger vom Bruch, Brigitte Kaderas (Hrsg.): Wissenschaften und Wissenschaftspolitik: Bestandsaufnahme zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten in Deutschland des 20. Jahrhunderts. Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08111-9, S. 265.

Wandel der Rüstungspolitik in der Zeit des Nationalsozialismus