mini|hochkant=1.65|Sitz des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover, Haupteingang an der Scharnhorststraße, Ecke Kirchwenderstraße (2010)
Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) mit Sitz in Hannover ist die staatliche Denkmalfachbehörde für übergeordnete Aufgaben der Denkmalpflege im deutschen Bundesland Niedersachsen. Es ist zuständig sowohl für die Bau- und Kunstdenkmalpflege als auch für die Bodendenkmalpflege (Archäologie). Die Behörde ist dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur als Oberste Denkmalschutzbehörde nachgeordnet.
Geschichte Anfänge der niedersächsischen Denkmalpflege Das geschichtliche Interesse, vor allem an nationalen Geschichtszeugnissen, erwachte in der Zeit der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts. Als Träger der Geschichtsbewegung gründeten sich Geschichtsvereine. Sie entstanden im Gebiet des heutigen Niedersachsens ab 1835 mit dem Historischen Verein für Niedersachsen, der 1841 die erste archäologische Inventarisation im Königreich Hannover vornahm. Es folgten 1847 der Osnabrücker Geschichtsverein, 1850 der Oldenburger Altertumsverein, 1856 der Stader Geschichtsverein und 1901 der Braunschweigischer Geschichtsverein. Die Tätigkeiten der Vereinigungen gestalteten sich lange als Privataktivität von Bürgertum, Adel, Militär und hoher Beamtenschaft. Eine staatlich institutionalisierte Denkmalpflege setzte erst 1864 ein, als das Königreich Hannover den Vorsitzenden des Historischen Vereins für Niedersachsen und Studienrat Johannes Heinrich Müller zum Konservator bestellte. Nach der preußischen Annexion des Königreichs Hannover 1866 setzte er sein Amt in preußischen Diensten fort. Ab Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Denkmalpflege von den Landesmuseen in Braunschweig (Braunschweigisches Landesmuseum), Hannover (Provinzialmuseum Hannover) und Oldenburg (Landesmuseum für Natur und Mensch) betrieben.Christiane Segers-Glocke: Blick zurück nach vorn In: Niedersächsische Denkmalpflege 1993–2000, Band 16
mini|Nebengebäude (ehemaliges Ärztehaus) an der Scharnhorststraße, Ecke Gellertstraße (2012)
Nachkriegszeit Nach dem Zweiten Weltkrieg übten im 1946 gegründeten Niedersachsen die regionalen Verwaltungspräsidenten unter Führung des Niedersächsischen Kultusministeriums (seit 1974 des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur) als Oberste Denkmalschutzbehörde die Denkmalpflege aus. Als Fachbehörde wurden 1946 die Außenstellen für Baudenkmale in Braunschweig, Hannover und Oldenburg unter Leitung eines Landeskonservators organisatorisch zusammengeführt. 1958 wurde die Behörde Landeskonservator dem neu gegründeten Niedersächsischen Landesverwaltungsamt zugeordnet, die Bodendenkmalpflege stieß erst 1964 dazu.
1974 entstanden bei den neu eingerichteten vier Bezirksregierungen (Braunschweig, Hannover, Lüneburg und Oldenburg) Dezernate für Denkmalpflege und Bodendenkmalpflege. Als Obere Denkmalschutzbehörden übten sie die Fachaufsicht über die Kommunen und Landkreise als Untere Denkmalschutzbehörden aus. Für die überregional bedeutsame Denkmalpflege in Niedersachsen wurde analog zu den Bezirksregierungen 1974 das Dezernat Denkmalpflege beim Niedersächsischen Landesverwaltungsamt eingerichtet.
Gesetzgebung In der Anfangszeit der niedersächsischen Denkmalpflege gab es kein einheitliches Denkmalrecht, sondern in den einzelnen Vorgängerterritorien (Länder Hannover, Braunschweig, Freistaat Oldenburg und Schaumburg-Lippe) galten zum Teil sehr alte Rechtsbestimmungen, wie das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 oder das preußische Ausgrabungsgesetz von 1914. Erst mit dem 1978 verabschiedeten und am 1. April 1979 in Kraft getretenen Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz (NDSchG) entstand im Bundesland Niedersachsen ein einheitliches Denkmalrecht. Zuvor garantierte die 1974 geschaffene Niedersächsische Bauordnung einen gewissen Schutz für Kulturdenkmale im Lande.
Landeskonservatoren und Landesarchäologen Im Gebiet des heutigen Niedersachsens gab es bisher folgende Provinzialkonservatoren (ab 1946 Landeskonservatoren) und Landesarchäologen:
Landeskonservatoren Amtszeit Landesarchäologen Amtszeit Johannes Heinrich Müller 1864–1886 Karl Hermann Jacob-Friesen 1913–1953 Jacobus Reimer 1884–1910 Hermann Hofmeister (Braunschweiger Landesarchäologe) 1932–1936 Heinrich Siebern 1910–1937 Alfred Tode (Braunschweiger Landesarchäologe) 1937–1965 Gustav DarrStefanie Lindemeier: Die Vertreter der Denkmalpflege: Konservatoren und Konsistorialbaumeister. In dies.: Studien zur Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe- und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen – Darstellung von historischen Methoden, Techniken und Materialien, Dissertation 2008 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden in Kooperation mit der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen, S. 44–52; hier: S. 44f.; als PDF-Dokument 1937 Wolfgang Dietrich Asmus (für die ehemalige Provinz Hannover) 1953–1961 Hermann Deckert 1937–1951 Martin Claus 1964–1974Oskar Karpa 1951–1963 Hans-Günter Peters 1974–1979 Hans Roggenkamp 1964–1973 Klemens Wilhelmi 1980–1996 Hans-Herbert Möller 1974–1991 Hans-Wilhelm Heine (kommissarisch) 1996–2001Christiane Segers-Glocke 1991–2008 Henning Haßmann seit 2001Stefan Winghart 2009–2017 Christina Krafczyk seit 2017
Institut für Denkmalpflege 1979 Mit Inkrafttreten des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes (NDSchG) am 1. April 1979 wurde das Institut für Denkmalpflege (IfD) in Hannover als Organisation innerhalb des 1958 gegründeten Niedersächsischen Landesverwaltungsamtes geschaffen. Um für fachliche Aufgaben näher vor Ort zu sein, unterhielt das IfD vier Außenstellen mit Fachpersonal bei den Denkmalschutzdezernaten der Bezirksregierungen. Das Institut als Fachbehörde war mit seinen Außenstellen vor allem fachgutachterlich tätig, verfügte aber auch über zentrale Zuständigkeiten. Es wirkte an allen Entscheidungen der Unteren Denkmalschutzbehörden mit, die auf dessen Einvernehmen angewiesen waren.Landtagsdrucksache 14/191 vom 2. September 1998: Verwaltungszuständigkeiten nach dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz (PDF, 388 kB) Anfang 1998 wurde das Landesverwaltungsamt mit den ihm angehörigen Behörden und dem Institut für Denkmalpflege aufgelöst.
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege 1998 mini|hochkant|Der im Jahre 2001 modernisierte Eingangsbereich
Am 1. Januar 1998 wurde das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (NLD) aufgrund einer Gesetzesnovelle als selbständige Landesbehörde aus dem Institut für Denkmalpflege errichtet.
Im Jahre 2005 kam es zu nächsten Neuordnung der Denkmalpflege in Niedersachsen, deren Auslöser die Abschaffung der vier Bezirksregierungen in Niedersachsen als landesunmittelbare Mittelbehörden war. Dies erfolgte Ende 2004 im Zuge einer als VerwaltungsmodernisierungInformationen über die Verwaltungsmodernisierung in Niedersachsen im Portal Niedersachsen.§ 1 des Artikels 1 (Gesetz zur Auflösung der Bezirksregierungen) des Gesetzes zur Modernisierung der Verwaltung in Niedersachsen (Memento vom 22. Mai 2005 im Internet Archive). bezeichneten Reform nach einem Regierungswechsel bei der Landtagswahl 2003. Die Denkmalschutzdezernate der Bezirksregierungen wurden aufgelöst und in NLD-Stützpunkte in Braunschweig, Lüneburg, Oldenburg und Hannover umgewandelt. Die hoheitlichen Aufgaben zum Schutz der Kulturdenkmale verlagerten sich weitgehend nach unten „vor Ort“. Sie wurden den Kommunen und Landkreisen als Untere Denkmalschutzbehörden übertragen, die bei ihren Entscheidungen und denkmalrechtlichen Genehmigungen seither nicht mehr auf das Einvernehmen mit der Fachbehörde angewiesen waren. Dem „entmachteten“ LandesamtDas Wasser bis zum Hals. Denkmalpflege, Wasserwirtschaft und die Politik In: Deutschlandradio Kultur vom 23. August 2007 kamen lediglich noch beratende Tätigkeiten als Denkmalfachbehörde und wissenschaftliche Serviceeinrichtung zu. Einher mit der Kompetenzabgabe ging ein Personalabbau im Landesamt von etwa 140 auf rund 85 Stellen, wobei vor allem die bis dahin bestehende große Abteilung Inventarisierung abgebaut wurde. 2010 beanstandete der Niedersächsische Landesrechnungshof die eingeschränkte Funktions- und Arbeitsfähigkeit des NLD als Folge des Stellenabbaus.Jahresbericht des Landesrechnungshofs 2010: Denkmalschutz und Denkmalpflege nach der Verwaltungsreform – ein System mit Lücken (PDF, 877 kB) Diese Situation kam auch 2011 bei den parlamentarischen Beratungen im Landtag für eine von der Landesregierung initiierten Novelle des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes in die Debatte.
Die im Oktober 2011 in Kraft getretene GesetzesnovelleGesetzesentwurf vom 11. Januar 2011 zur Änderung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes (PDF, 105 kB) wertet das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege durch neue Aufgaben auf. Dazu gehörten zum Beispiel die Unterstützung der 102 Unteren Denkmalschutzbehörden Niedersachsens (Stand 2016)Elmar Stephan: Mit Zahnarztwerkzeug Schätze freilegen. In: Weserkurier, 24. Juli 2016, S. 12. durch archäologische Fachkompetenz, eine Beteiligung bei Maßnahmen im Zusammenhang mit UNESCO-Welterbestätten in Niedersachsen und die vorherige Anhörung von Eigentümern neu eingetragener Baudenkmale.
Im Jahre 2008 plante das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur die Integration des NLD gemeinsam mit dem Braunschweigischen Landesmuseum in Braunschweig und dem Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven in ein zu gründendes „Niedersächsisches Institut für Archäologie und Baudenkmalpflege“.Presseinformation Neuordnung – Archäologie und Denkmalpflege bei Archäologie.online vom 9. Juli 2008 Dieses Konzept zur Neuorganisation der Denkmalpflege in Niedersachsen ist nicht weiter verfolgt worden. Stattdessen erfolgte in den Jahren 2009 bis 2013 eine technische und strukturelle Modernisierung sowie Neuorganisation des Landesamtes, für die 2 Millionen Euro zur Verfügung standen.Stefan Winghart: Eins, zwei drei im Sauseschritt, eilt die Zeit – wir eilen mit: Jahresrückblick In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 2/2014 Dabei wurde auch die veraltete EDV-Ausstattung erneuert.
2015 schlossen das NLD und das übergeordnete Ministerium eine Zielvereinbarung zum Arbeitsauftrag des Denkmalamts und zur Umsetzung der kulturpolitischen Zielsetzungen für die nächsten drei Jahre.High-Tech zum Erhalt des kulturellen Erbes beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege bei: Archäologie.online vom 16. Januar 2015
Dienstgebäude mini|hochkant=0.8|Die ehemalige Kapelle des Vinzenzkrankenhauses bei einem Vortrag des früheren Präsidenten des Denkmalamtes Stefan Winghart, 2016
Das Landesamt und seine Vorgängerinstitution Institut für Denkmalpflege hat seit 1982Birte Rogacki-Thiemann: Villa – Krankenhaus – Amtsgebäude – Baudenkmal. Die Bau- und Entwicklungsgeschichte des Dienstgebäudes des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, 4/2020, S. 12–17 (Abschrift auf denkmalatlas.niedersachsen.de, abgerufen am 26. Januar 2023). seinen Sitz an der Scharnhorststraße 1 im Stadtteil Zoo nahe dem Platz Neues Haus mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und der Eilenriede. Es ist in einem aus gelbem Backstein erbauten Gebäudekomplex untergebracht, der aus dem katholischen Vinzenzkrankenhaus hervorging, das wiederum aus erweiterten Villen entstanden war.