mini|Logo des Bundesverbands Information und Beratung für NS-Verfolgte Der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. ist eine unabhängige Organisation, die die Interessen aller NS-Verfolgten vertritt. Der Bundesverband berät die Betroffenen in Entschädigungsfragen und setzt sich mit sozialen Projekten für die Verbesserung ihrer Lebenssituation ein. Der Verein ist auch Ansprechpartner für die Nachkommen von NS-Verfolgten, die oft von den traumatischen Erlebnissen der Eltern- und Großelterngeneration beeinflusst sind. Mit seinen Zeitzeugenprojekten bringt der Bundesverband Überlebende der NS-Verfolgung und ihre Nachkommen mit jungen Menschen zusammen und leistet so einen Beitrag zur Prävention gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
Geschichte Gründung und Mitglieder Die Gründung erfolgte im Jahr 1992 von NS-Verfolgtenverbänden und engagierten Einzelpersonen. Ziel war es, die Interessen der Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung zu vertreten und ihnen mit Rat und Hilfe zur Seite zu stehen. Zu den Mitgliedern des Bundesverbands gehören neben vielen interessierten Einzelpersonen Organisationen wie Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten, die Lagergemeinschaft Ravensbrück und die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Vorsitzende 1992–1994 Peter Liebermann 1994–1997 Lothar Evers 1997–1999 Hans Frankenthal 2000–2012 Regina Suderland 2012–2021 Felix Kolmer Seit 2022 Volker Kirchesch
Meilensteine Von 1992 bis 1997 setzte sich der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte erfolgreich für die Einrichtung eines Härtefonds für NS-Verfolgte in Nordrhein-Westfalen ein. Seither können bedürftige Überlebende mit Wohnsitz in Nordrhein-Westfalen dort finanzielle Unterstützung erhalten.
Im Jahr 1994 erreichte der Bundesverband gemeinsam mit anderen Organisationen eine Entschädigung für die überlebenden Opfer der NS-Militärjustiz. Diese hatten bis dahin keinerlei Entschädigungsleistungen erhalten.
Gemeinsam mit dem American Jewish Committee und anderen Verfolgtenverbänden wurde durch den Bundesverband 1995 erfolgreich eine Kampagne für die Holocaust-Überlebenden in Ost- und Mitteleuropa initiiert.
Der Bundesverband trug wesentlich zu den Verhandlungen bei, die zur Einrichtung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) im Jahr 2000 führten. Die Stiftung EVZ hat seither an mehr als 1,66 Millionen überlebende NS-Zwangsarbeiter über 4,5 Milliarden Euro ausgezahlt. Die Zahlungen endeten 2006. Bis heute hat der Bundesverband hat als einzige deutsche Verfolgtenorganisation einen Sitz im Kuratorium der Stiftung EVZ.
Von 2001 bis 2004 beschaffte der Bundesverband im Recherche-Verbund mit Bundesarchiv und Internationaler Suchdienst mehr als 40.000 ehemaligen Zwangsarbeitern Nachweise über geleistete Zwangsarbeit und verhalf den Betroffenen dadurch zu der ihnen zustehenden Entschädigung.
Von 2005 bis 2007 führte der Bundesverband in Nordrhein-Westfalen das Modellprojekt „Anpassung der Versorgungssysteme der Altenhilfe an die Erfordernisse älterer NS-Verfolgter“ durch. Mitarbeiter und Träger der Altenhilfe wurden auf diese Weise für die besonderen Bedürfnisse der Überlebenden sensibilisiert.
Projekte für NS-Überlebende Seit 1997 bietet der Bundesverband die Transferstelle zur Verbesserung der Information und der Beratung für NS-Verfolgte und ihre Nachkommen in Nordrhein-Westfalen an. Sie wird vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert und ist die Ansprechpartnerin für alle NS-Verfolgten und ihre Nachkommen in Nordrhein-Westfalen bei Entschädigungsfragen und Fragen der Altenhilfe.
Seit März 2005 veranstaltet der Bundesverband an verschiedenen Standorten Erzähl- und Begegnungscafés für die Überlebenden der NS-Verfolgung und ihre Nachkommen. Die Betroffenen können sich im Begegnungscafé in geschütztem Rahmen austauschen und erhalten dabei Unterstützung von den Mitarbeitern des Bundesverbands und einem Team von Freiwilligen. Mehrmals im Jahr öffnen sich die Cafés und werden zu Erzählcafés. Dann berichtet einer der Überlebenden von seinem Verfolgungsschicksal. Aufgrund des hohen Alters der Überlebenden berichten vermehrt ihre Nachkommen von der Verfolgungsgeschichte ihrer Familien und Kontinuitäten der Diskriminierung und Ausgrenzung. Aktuell werden die Erzähl- und Begegnungscafés in Köln, Düsseldorf und Recklinghausen angeboten.
Im Jahr 2009 hat der Bundesverband das Projekt Warmes Zuhause ins Leben gerufen. Zunächst trafen sich im Rahmen des Projekts russischsprachige Überlebende der NS-Verfolgung im Raum Köln im privaten Rahmen zum Austausch. Seit Anfang 2016 hat der Bundesverband das Projekt auf weitere Städte in NRW ausgeweitet. So gibt es inzwischen Warme Zuhause in Essen, Düsseldorf, Ratingen, Dortmund und Münster.
Der Ehrenamtliche Besuchs- und Begleitdienst ist ein soziales Unterstützungsprojekt für Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung. Ehrenamtliche Freiwillige besuchen regelmäßig hochbetagte NS-Verfolgte, leisten gesellschaftliche Begleitung und unterstützen sie im Alltag. Ziel des Projekts ist es, sozialer Isolation entgegenzuwirken, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern und den Betroffenen ein möglichst langes Leben im vertrauten Umfeld zu ermöglichen.
Projekte für Nachkommen von NS-Verfolgten Der Bundesverband richtet sich mit einem Teil seiner Arbeit an Kinder, Enkelkinder und weitere Nachkommen nationalsozialistisch Verfolgter. Ziel des Angebots ist es, Nachkommen bei der Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte zu unterstützen, ihre Vernetzung mit anderen Betroffenen zu fördern und ihre Perspektiven in historisch-politische Bildungsprojekte und die Erinnerungskultur einzubeziehen.
Aktuelle Angebote
Beratung bei Entschädigungsfragen Der Bundesverband berät Nachkommen von NS-Verfolgten zu Fragen der nationalen und internationalen Entschädigung. Die Beratung umfasst Informationen über bestehende Entschädigungsleistungen, Unterstützung bei der Einordnung individueller Ansprüche sowie Hilfestellung bei der Antragstellung und bei Recherchen zu früheren Entschädigungsverfahren.
Unterstützung bei der Recherche der Familiengeschichte Nachkommen von NS-Verfolgten erhalten Unterstützung bei der Erforschung der Verfolgungsgeschichte ihrer Familien. Dazu gehören Hinweise auf Archive und Dokumentationsstellen, Beratung zur Quellenrecherche sowie Unterstützung bei der Suche nach historischen Dokumenten und Informationen über verfolgte Angehörige.
Vermittlung von Nachkommen als Erzähler Der Bundesverband vermittelt Nachkommen von NS-Verfolgten als Erzähler an Schulen, Hochschulen, Gedenkstätten und weitere Bildungseinrichtungen. In Vorträgen und Gesprächen berichten sie über die Verfolgungsgeschichte ihrer Familien sowie über deren Auswirkungen auf nachfolgende Generationen. Das Angebot dient der historisch-politischen Bildung und ergänzt die klassische Zeitzeugenarbeit angesichts der stetig sinkenden Zahl noch lebender Überlebender des Nationalsozialismus.
Regionalgruppen Nachkommen von NS-Verfolgten vernetzen sich in regionalen Gruppen zum Austausch, gegenseitiger Unterstützung und Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und transgenerationalen Folgen der NS-Verfolgung.
Abgeschlossene Projekte
Internationale Konferenz „Zweite Generation“ (2015) Im Juni 2015 lud der Bundesverband in Berlin zur Konferenz „Zweite Generation“ ein. Ziel der Tagung war der Austausch zwischen Nachkommen von NS-Verfolgten, Wissenschaftlern und Vertretern von Gedenkstätten und Verbänden und die Diskussionen von Themen wie transgenerationale Folgen nationalsozialistischer Verfolgung und die Rolle der Folgegenerationen in der Erinnerungskultur. Die Ergebnisse der Veranstaltung fasst der im März 2016 im Mabuse Verlag erschienene Sammelband „Nachkommen von NS-Verfolgten – Herausforderungen und Perspektiven“ zusammen. Die erweiterte und überarbeitete Neuauflage ist unter dem Titel „Trauma, Resilience, and Empowerment“ im Jahr 2019 in englischer Sprache ebenfalls im Mabuse Verlag erschienen.
Arbeitsgruppen Folgegenerationen (2017–2018) Von 2017 bis 2018 koordinierte der Bundesverband interdisziplinäre Arbeitsgruppen zu den Themen historisch-politische Bildungsarbeit und psychosoziale Beratung von Nachkommen von NS-Verfolgten. Ziel war die Entwicklung fachlicher Empfehlungen und neuer Konzepte für die Arbeit mit Folgegenerationen.
Biografieworkshops (2022–2025) In den Biografieworkshops setzten sich Nachkommen von NS-Verfolgten unter fachlicher Begleitung mit ihrer Familiengeschichte auseinander und tauschten Erfahrungen aus. Gemeinsam reflektierten sie die Bedeutung transgenerationaler Weitergabe von Verfolgungserfahrungen. Das Hauptziel des Biografieworkshops war es, die Teilnehmenden zu ermutigen, sich über die belastenden Familiengeschichten auszutauschen und in einen Dialog zu treten. Dadurch sollten sie langfristig befähigt werden, ihre Bedürfnisse auch in den politischen Diskursen einzubringen.
Welche Stimme haben wir? (2023–2025) Das Projekt „Welche Stimme haben wir?“ beschäftigte sich mit der Rolle von Nachkommen NS-Verfolgter in der deutschen Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit. Gemeinsam mit Nachkommen wurden Konzepte entwickelt, wie die Perspektiven der Folgegenerationen künftig stärker in Bildungsarbeit und öffentliche Erinnerung eingebunden werden können.
Projekte für Schulen und Multiplikatoren Im Rahmen von Bildungsprojekten bietet der Bundesverband jungen Menschen, unter anderem im direkten Austausch mit den ehemals Verfolgten und ihren Nachkommen, einen persönlichen Zugang zur Geschichte der NS-Zeit. Das leistet einen wichtigen Beitrag zur Prävention gegen Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Ebenfalls hat sich der Bundesverband in den Sozialen Medien positioniert und präsentiert seine aktuellen Projekte und die Entwicklungen seiner Arbeit in Bildern und Videos sowohl auf Instagram, Tiktok, YouTube, Facebook und LinkedIn.
Aktuelle Projekte
Animationsfilme über Flucht und Verfolgung Das Projekt „Animationsfilme über Flucht und Verfolgung vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart“ ist ein weiteres Bildungsprojekt des Bundesverbands, das im September jeden Jahres jeweils startet. In dem Projekt setzen sich Jugendliche durch Begegnungen mit Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verfolgung mit Themen wie Flucht, Antisemitismus, Rassismus und Demokratie auseinander. Auf Grundlage der Lebensgeschichten entwickeln die Jugendlichen mit professionellen Filmschaffenden Animationsfilme. Die fertigen Filme werden öffentlich präsentiert und digital veröffentlicht.
Virtual Reality: Erinnerungsräume der Flucht Auch im Projekt Erinnerungsräume der Flucht beschäftigen sich Jugendliche mit den Biografien von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Die Jugendlichen setzen ausgewählte Szenen der Lebensgeschichten in künstlerische Dioramen um. Diese Modelle werden digitalisiert und in virtuelle Räume übertragen. So können die Erinnerungsräume von Flucht und Verfolgung mittels VR-Brillen betreten und auf eine neue Weise erfahrbar gemacht werden.
Social-Media-Kampagne #ZumFeindGemacht