mini|Deutsche Soldaten in den Vororten von Leningrad, September 1941 Ein Vernichtungskrieg ist ein Krieg, dessen Ziel die vollständige Vernichtung eines Staates, eines Volkes oder einer Volksgruppe und die Auslöschung dieser soziopolitischen Entität durch die massenhafte Ermordung der Bevölkerung oder die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage ist. Diese Absicht kann sich sowohl nach außen als auch gegen Teile der eigenen Bevölkerung richten. Ziel ist nicht, wie in anderen Kriegen, die Durchsetzung begrenzter politischer Ziele, etwa die Anerkennung eines Rechtszustandes (wie bei einem Unabhängigkeitskrieg), die Verfügungsgewalt über ein umstrittenes Gebiet (wie bei einem Eroberungs- oder Verteidigungskrieg) oder die vollständige militärische Niederringung des feindlichen Staates.
Merkmale Vernichtungskrieg wird definiert als eine radikalisierte Form der Kriegführung, in der „alle physisch-psychischen Begrenzungen“ aufgehoben sind.Sven Lindqvist: Durch das Herz der Finsternis. Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords, Unionsverlag, Zürich 1999, S. 62; Susanne Kuß, Bernd Martin: Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. Iudicium, München 2002, S. 62.
Der Hamburger Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma sieht einen Krieg, „der geführt wird, um – im schlimmsten Fall – eine Bevölkerung zu vernichten oder auch nur zu dezimieren“, als Kern des Vernichtungskrieges.Jan Philipp Reemtsma: Die Idee des Vernichtungskrieges. Clausewitz – Ludendorff – Hitler. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hrsg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944. Hamburg 1995, S. 377–401, hier S. 377, vgl. auch 386–398. Die staatliche Organisation des Feindes wird zerschlagen. Kennzeichnend für einen Vernichtungskrieg sind außerdem sein ideologischer Charakter und die Ablehnung von Verhandlungen mit dem Feind, wie der Historiker Andreas Hillgruber am Beispiel des „Unternehmens Barbarossa“ 1941 gegen den „jüdischen Bolschewismus“ gezeigt hat.Andreas Hillgruber: Die ideologisch-dogmatische Grundlage der nationalsozialistischen Politik der Ausrottung der Juden in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und ihre Durchführung 1941–1944. In: German Studies Review 2 (1979), Bd. 3, S. 263–296. Die Existenzberechtigung und Vertrauenswürdigkeit des Gegners wird verneint, dieser zum totalen Feind degradiert, mit dem es sich nicht zu verständigen gelte, sondern dem die eigene Einheit „von Volk, Krieg und Politik [als] Triumph der Idee des Vernichtungskrieges“ gegenübergestellt wird.Jan Philipp Reemtsma: Die Idee des Vernichtungskrieges. Clausewitz – Ludendorff – Hitler, S. 386–398, Zitat S. 397.
Entwicklung Herero-Aufstand Die sozialdemokratische Publizistik brachte den Begriff Vernichtungskrieg in Umlauf, um das Vorgehen gegen die aufständischen Herero zu kritisieren.Frank Oliver Sobich: „Schwarze Bestien, rote Gefahr“. Rassismus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 301–305. Im Januar 1904 begann in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika der Herero-Aufstand. Mit insgesamt etwa 15.000 Mann unter Generalleutnant Lothar von Trotha wurde dieser Aufstand bis zum August 1904 niedergeworfen. Der größte Teil der Herero floh dabei in die fast wasserlose Omaheke, einen Ausläufer der Kalahari. Trotha ließ diese abriegeln und die Flüchtlinge von den wenigen dortigen Wasserstellen verjagen, so dass Tausende Herero mitsamt ihren Familien und Rinderherden verdursteten. Den in die Wüste Gejagten ließ von Trotha im sogenannten Vernichtungsbefehl mitteilen:
Trothas Kriegführung zielte auf die vollständige Vernichtung der Herero ab: „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muß […]“Brief an Generalstabschef Alfred von Schlieffen, 5. Oktober 1904. In: Michael Behnen (Hrsg.): Quellen zur deutschen Außenpolitik im Zeitalter des Imperialismus 1890–1911. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1977, S. 292. Insbesondere Generalstabschef Alfred von Schlieffen und Kaiser Wilhelm II. unterstützten ihn darin.Dominik J. Schaller: »Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss: Kolonialkrieg und Völkermord in «Deutsch-Südwestafrika» 1904–1907«. In: Journal of Genocide Research. 6:3, S. 398. Sein Vorgehen gilt daher als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Trothas Handeln löste im In- und Ausland Empörung aus; auf Betreiben von Reichskanzler Bernhard von Bülow hob der Kaiser den Vernichtungsbefehl zwei Monate nach den Ereignissen in der Omaheke wieder auf. Trothas Politik blieb bis zu seiner Abberufung im November 1905 aber weitgehend unverändert.
Ludendorffs Konzeption Der Vernichtungskrieg war eine Weiterentwicklung des Konzepts des totalen Krieges, wie es 1935 der ehemalige kaiserliche Generalquartiermeister Erich Ludendorff entworfen hatte. Danach müsse in einem kommenden Krieg dem Sieg unbeschränkte Priorität vor allen anderen gesellschaftlichen Belangen eingeräumt werden: Sämtliche Ressourcen müssten kriegswirtschaftlich nutzbar gemacht werden, der Wille der Nation müsse noch vor Ausbruch der Feindseligkeiten durch Propaganda und Diktaturgewalt vereinheitlicht werden, alle zur Verfügung stehenden Waffentechniken müssten eingesetzt werden, wobei auch auf das Völkerrecht keine Rücksicht genommen werden könne. Auch in seinen Zielen sei der totale Krieg unbeschränkt, wie die Erfahrung des Ersten Weltkriegs lehre:
Bei dieser konzeptuellen Entgrenzung des Krieges konnte Ludendorff aus dem deutschen militärtheoretischen Diskurs schöpfen, der sich in der Auseinandersetzung mit dem Volkskrieg gebildet hatte, dem «», den die eben entstandene Dritte Französische Republik im Herbst und Winter 1870 gegen die preußisch-deutschen Invasionstruppen geführt hatte.Robert T. Foley: From Volkskrieg to Vernichtungskrieg. German Concepts of Warfare, 1871–1935. In: Anja Hartmann, Beatrice Heuser (Hrsg.): War, Peace, and World Orders in European History. Routledge, London/New York 2001, S. 215–220.
Außerdem setzte Ludendorff sich mit Carl von Clausewitz und seinem 1832 posthum erschienenen Werk Vom Kriege auseinander, der zwischen „absoluten“ und „beschränkten“ Kriegen unterschieden hatte. Doch auch Clausewitz’ absoluter Krieg war Beschränkungen unterworfen, etwa der Unterscheidung von Kombattanten und Nichtkombattanten, zwischen militärisch und zivil oder zwischen öffentlich und privat. Ludendorff behauptete nun, im totalen Krieg gehe es nicht mehr um „kleinliche politische Zwecke“, auch nicht um „große […] nationale Interessen“, sondern um die schiere „Lebenserhaltung“ der Nation, ihre Identität. Diese existenzielle Bedrohung rechtfertige auch die – mindestens moralische, wenn nicht physische – Vernichtung des Feindes.Wilhelm Janssen: Krieg. In: Reinhart Koselleck, Werner Conze, Otto Brunner (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 3, Klett-Cotta, Stuttgart 1982, S. 613. Ludendorffs Bemühungen, den Krieg (für den er ab 1916 verantwortlich war) zu radikalisieren, stießen auf gesellschaftliche, politische und militärische Hemmnisse. Im Jahr 1935 fielen seine Ratschläge dann, wie der Historiker Robert Foley schreibt, „auf fruchtbaren Boden“; die Zeit schien reif für eine noch radikalere Entgrenzung des Krieges durch die Nationalsozialisten.
Nationalsozialistische Kriegführung Der deutsche Vernichtungskrieg zur Eroberung neuen „Lebensraums im Osten“ begann 1939 mit dem Überfall auf Polen und der massenhaften Ermordung polnischer Intellektueller.Jochen Böhler: Die Zerstörung der Nachbarschaft. Die Anfänge des Vernichtungskrieges gegen Polen 1939. In: Mike Schmeitzner, Katarzyna Stokłosa (Hrsg.): Partner oder Kontrahenten? Deutsch-polnische Nachbarschaft im Jahrhundert der Diktaturen. Berlin 2008, S. 77–92; Jochen Böhler: Intention oder Situation? Soldaten der Wehrmacht und die Anfänge des Vernichtungskrieges in Polen. In: Timm C. Richter (Hrsg.): Krieg und Verbrechen. Situation und Intention. Fallbeispiele. Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, München 2006, S. 165–172; Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939. 2. Auflage, Fischer, Frankfurt am Main 2006. Als bekanntestes Beispiel eines Vernichtungskrieges gilt der Deutsch-Sowjetische Krieg, der am 22. Juni 1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion begann. Der Berliner Historiker Ernst Nolte bezeichnete ihn 1963 in einer viel zitierten Formulierung als „ungeheuerlichsten Versklavungs- und Vernichtungskrieg, den die moderne Geschichte kennt“ und grenzte ihn von einem „Normalkrieg“ ab, wie ihn das nationalsozialistische Deutschland etwa gegen Frankreich geführt habe.Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action francaise – Italienischer Faschismus – Nationalsozialismus. Taschenbuchausgabe, Piper, München 1984, S. 451.
In seiner 1965 erschienenen Habilitationsschrift Hitlers Strategie arbeitete Andreas Hillgruber die auf rassenideologischer Grundlage basierenden Motive des NS-Staates zur vernichtenden Kriegführung gegen die Sowjetunion heraus: die physische Auslöschung der „jüdisch-bolschewistischen“ Elite des Landes und der Juden selbst als deren angebliche biologische Wurzel die Eroberung von Kolonial- und Lebensraum im Osten für das Deutsche Reich und die Unterwerfung und Dezimierung der slawischen Bevölkerung.Andreas Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940–1941. Frankfurt am Main, 2. Auflage 1982, S. 519 f.
Später bezeichnete Hillgruber den Charakter des Unternehmens Barbarossa explizit als „beabsichtigten rassenideologischen Vernichtungskrieg“.Andreas Hillgruber: Der Ostkrieg und die Judenvernichtung. In: Gerd R. Ueberschär, Wolfram Wette (Hrsg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1991, S. 185–206, Zitat S. 191. Das Unternehmen Barbarossa gilt im allgemeinbildenden Geschichtsunterricht als zeitgeschichtliches Beispiel eines Vernichtungskrieges.Wigbert Benz: „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Vernichtungskrieg und historisch-politische Bildung. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundeunterricht. Heft 60/2010, S. 5–33; .
Intensiv diskutiert wurde der Begriff des Vernichtungskriegs in den 1990er Jahren mit Bezug auf die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die das Wort Vernichtungskrieg im Titel trug.Hannes Heer u. a. (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Ausstellungskatalog. Hamburger Institut für Sozialforschung. 1. Auflage, Hamburger Edition, Hamburg 1996. Johannes Klotz: Die Ausstellung „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik. In: Detlef Bald, Johannes Klotz, Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege. Aufbau, Berlin 2001. Dass es sich beim Unternehmen Barbarossa um einen Vernichtungskrieg handeln würde, hatte Adolf Hitler am 30. März 1941 vor den Generälen der Wehrmacht offen ausgesprochen:
Die Ausrichtung des Unternehmens Barbarossa als von vornherein geplanter Vernichtungskrieg beweisen auch seine am 18. Dezember 1940 erteilte Weisung Nr. 21 sowie die zu dessen Ausführung von der Wehrmacht erarbeiteten Befehle wie der Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, die Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland vom 19. Mai 1941, die Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare vom 6. Juni 1941 sowie die Richtlinien für die verstärkte Bekämpfung des Bandenunwesens im Osten vom 18. August 1942.Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941–1945. Ein Forschungsbericht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, S. 226 f.