Als indo-islamische Architektur wird die islamische Architektur des indischen Subkontinents bezeichnet, insbesondere auf dem Gebiet der heutigen Staaten Indien, Pakistan und Bangladesch. Obwohl der Islam bereits im frühen Mittelalter an der Westküste sowie im äußersten Nordwesten des Subkontinents Fuß gefasst hatte, begann die eigentliche Phase der indo-islamischen Bautätigkeit erst mit der Unterwerfung der nordindischen Gangesebene durch die Ghuriden im späten 12. Jahrhundert. Sie hat ihren Ursprung in der Sakralarchitektur des muslimischen Persien, die zahlreiche stilistische und bautechnische Neuerungen mit sich brachte, zeigt aber von Beginn an indischen Einfluss in Steinbearbeitung und Bautechnik. In der frühen Neuzeit verschmolzen persische und indisch-hinduistische Elemente endgültig zu einer eigenständigen, von den Stilen des außerindischen Islam klar abgrenzbaren architektonischen Einheit.Propyläen Kunstgeschichte Band 21, S. 204 Mit dem Niedergang der muslimischen Reiche und dem Aufstieg der Briten zur unangefochtenen Vormacht auf dem Subkontinent im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hörte die Entwicklung der indo-islamischen Baukunst auf. Einzelne architektonische Elemente fanden Eingang in den eklektischen Kolonialstil Britisch-Indiens, bisweilen auch in die moderne islamische Architektur der Staaten Südasiens.

Als Hauptstile lassen sich in Nordindien die von der jeweils herrschenden Dynastie beeinflussten Stile des Sultanats von Delhi ab dem späten 12. Jahrhundert und der Stil des Mogulreiches ab der Mitte des 16. Jahrhunderts unterscheiden. Parallel dazu entwickelten sich verschiedene Regionalstile in kleineren islamischen Reichen, besonders auf dem Dekkan, die vom 14. Jahrhundert an ihre Unabhängigkeit von einem der beiden nordindischen Großreiche hatten erlangen können. Gemeinsam ist allen Stilen eine weitgehend an persischen und zentralasiatischen Vorbildern orientierte Konzeption und eine je nach Epoche und Region verschieden stark ausgeprägte Indisierung des Dekors und der Bautechnik.

Einen Überblick über die gesamte Architekturgeschichte Indiens bietet der Artikel „Indische Architektur“. Wichtige Fachbegriffe sind im Glossar der indischen Architektur kurz erklärt. mini|Badshahi-Moschee in Lahore (Punjab, Pakistan) mini|Safdarjung-Mausoleum in Delhi (Nordindien) mini|Jahangiri Mahal, indo-islamischer Palast im Roten Fort von Agra (Uttar Pradesh, Nordindien) Grundlagen Historischer Hintergrund Der Islam gelangte bereits im 7. Jahrhundert durch Handelskontakte zwischen Arabien und der indischen Westküste auf den indischen Subkontinent, blieb aber zunächst auf die Malabarküste im äußersten Südwesten beschränkt. Im frühen 8. Jahrhundert drang erstmals ein islamisches Heer unter Führung des arabischen Feldherrn Muhammad bin Qasim in den Sindh (heute Pakistan) vor. Jahrhundertelang bildete der Indus die östliche Grenze des islamischen Machtbereichs. Erst Mahmud von Ghazni fiel zu Beginn des 11. Jahrhunderts in den Punjab ein, von wo aus er zahlreiche Plünderungsfeldzüge gegen das nördliche Indien unternahm. Um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert gelangte schließlich die gesamte Gangesebene bis nach Bengalen unter die Kontrolle der persischen Ghuriden-Dynastie. Damit begann die eigentliche islamische Epoche in Indien. 1206 entstand das Sultanat von Delhi, bis ins 16. Jahrhundert hinein der bedeutendste islamische Staat auf indischem Boden. Das Sultanat reichte zeitweise bis ins zentralindische Hochland von Dekkan, wo sich ab dem 14. Jahrhundert eigenständige islamische Staatswesen herausbildeten. Weitere islamische Reiche entstanden im 14. und 15. Jahrhundert in Randregionen des schwächelnden Delhi-Sultanats; die bedeutendsten waren Bengalen im Osten Indiens, Malwa in Zentralindien sowie Gujarat und Sindh im Westen.

1526 errichtete der aus dem heutigen Usbekistan stammende Herrscher Babur im Norden Indiens das Mogulreich, das nach und nach alle anderen muslimischen Staaten des Subkontinents unterwarf, bis ins 18. Jahrhundert als Hegemonialmacht die Geschicke Indiens bestimmte und danach in zahlreiche de facto unabhängige Staaten zerfiel. Die letzten islamischen Dynastien unterlagen im 19. Jahrhundert der aufstrebenden britischen Kolonialmacht. Sie gingen entweder in Britisch-Indien auf oder bestanden als teilsouveräne Fürstenstaaten bis zur Unabhängigkeit Indiens und Pakistans im Jahre 1947.

Begegnung muslimischer und indisch-hinduistischer Architektur Für die Architekturgeschichte bedeutete der Beginn der islamischen Epoche in Indien einen radikalen Einschnitt: In den nordindischen Ebenen wurden alle bedeutenden hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Heiligtümer mit figürlichen Darstellungen von den muslimischen Eroberern zerstört, sodass heute, wenn überhaupt, nur noch Ruinen von der vorislamischen Baukunst der Gangesebene zeugen. Der bereits seit Jahrhunderten geschwächte Buddhismus verschwand vollkommen aus Indien, und mit ihm erlag auch die buddhistische Bautätigkeit endgültig. Hinduistische und jainistische Bautraditionen wurden im muslimischen Herrschaftsbereich nachhaltig unterbunden; sie überlebten aber in Südindien, im Hochland von Dekkan und in den an die nordindischen Ebenen grenzenden Randregionen des Subkontinents.

Zugleich brachte der Islam neue Bauformen, allen voran die Moschee und das Grabmal, sowie bis dato unbekannte oder kaum genutzte Bautechniken, darunter den echten Bogen und das echte Gewölbe, aus Vorderasien nach Indien, wo diese durch die einheimische Handwerkskunst bereichert wurden. Die Grundkonzeption der islamischen Architektur ist konträr zu jener der Sakralbaukunst der indischen Religionen: Während letztere kosmologische und theologische Vorstellungen in Form einer komplexen Symbolsprache und Ikonografie widerspiegelt, kommt die islamische Baukunst ganz ohne transzendentale Bezüge aus; sie richtet sich allein nach zweckmäßigen und ästhetischen Überlegungen.Volwahsen, S. 4 Gleichwohl standen die grundverschiedenen Glaubensauffassungen der Hindus und Muslime einer fruchtbaren künstlerischen Zusammenarbeit bzw. einem kulturellen Austausch nicht im Wege, sodass sich eine spezifisch indische Ausprägung der islamischen Architektur etablieren konnte, die einige der bedeutendsten Baudenkmäler des Subkontinents hervorgebracht hat. So wurden allgemeine Merkmale der persisch-islamischen Baukunst – maßgeblich die bevorzugte Verwendung von Bögen zur Überspannung von Öffnungen, Kuppeln und Gewölben als Raumabschluss sowie senkrechten Außenfassaden mit flächigem Dekor − in unterschiedlichem Maße, je nach Epoche und Region, von traditionell hinduistischen Bauweisen – darunter Stürze und Kragbögen, Flach- und Laternendecken sowie plastischer Wandschmuck − überlagert. Auch die Profanarchitektur im hinduistischen Nord- und Westindien und die Sakralarchitektur der im 16. Jahrhundert als Reformbewegung aus dem Hinduismus entstandenen Religion der Sikhs besitzen deutlichen indo-islamischen Charakter.

Baumaterial Wie bereits in vorislamischer Zeit wurde für bedeutende Bauwerke vorwiegend Haustein verwendet, der trocken verlegt wurde. Im Norden Indiens dominiert Sandstein, dessen Farbe je nach Region stark variiert. Für die westliche Gangesebene ist roter Sandstein typisch, während in anderen Regionen braun- und gelbfarbene Sorten dominieren. Weißer Marmor wurde für dekorative Zwecke genutzt; die Moguln ließen in ihrer Blütezeit im 17. Jahrhundert auch ganze Bauvorhaben in Marmor ausführen. Auf dem Dekkan war grauer Basalt der bevorzugte Baustoff. In den Schwemmlandebenen Bengalens und des Sindh, in denen Naturstein kaum vorkommt, herrschen Backsteinbauten aus gebrannten Lehmziegeln und Mörtel vor. In Gujarat finden sich Naturstein- neben Ziegelbauwerken.

Große Kuppeln und Gewölbe aus Hau- oder Backstein erhielten durch zementartig feste, schnell abbindende Kalkmörtel eine hohe Stabilität. Auch wurden Decken- und Dachkonstruktionen mit einer Mörtelschicht abgedichtet, um das Eindringen von Wasser und Pflanzenbewuchs zu verhindern.

Bautechnik Bögen und Stürze mini|Entwicklung vom Krag- zum echten Bogen: (1) Kragbogen nach Hindu-Bauart; (2) Kragbogen mit im Scheitelbereich verzogenen Fugen; (3) echter Bogen

Das wichtigste Merkmal der indo-islamischen Architektur, der Bogen, wurde zunächst in althergebrachter Hindu-Bauweise als falscher Bogen aus aufeinander geschichteten, auskragenden Steinen errichtet, der jedoch keinen größeren Zugbeanspruchungen standhalten kann. Um die statischen Eigenschaften zu verbessern, gingen hinduistische Handwerker beim Bau der Quwwat-ul-Islam-Moschee in Delhi im frühen 13. Jahrhundert dazu über, die Fugen zwischen den Steinen im oberen Bereich des Bogens senkrecht zur Bogenlinie zu verziehen. Auf diesem Wege gelangten sie schließlich zum echten Bogen mit radial verlegten Steinen. Die beliebtesten Bogenformen waren der Spitzbogen und der Kielbogen (Eselsrücken). Als Zierform der beiden vorgenannten setzte sich später auch der Zackenbogen (Vielpassbogen) durch.

Säulen-Architrav-Konstruktionen mit waagerechtem Sturz entstammen der einheimischen Bautradition. Sie finden sich vor allem in frühen Moscheen wieder, wurden aber auch in stark hinduisierten Bauwerken späterer Epochen verwendet, etwa in mogulischen Palästen der Akbar-Zeit. Zur Vergrößerung der Spannweiten erhielten die Säulen weit auskragende Konsolen oder Tragarme, die zugleich eine Schmuckfunktion übernahmen.

Gewölbe und Kuppeln mini|hochkant|Am Grabmal des Iltutmish (um 1236) in Delhi leiten spitzbogige Trompen (links und rechts in den Raumecken) vom quadratischen Baukörper zum Achteck als Grundlage des Kuppelkreises über. Die ursprüngliche Kuppel ist nicht erhalten. mini|Stalaktitengewölbe an einem Torbau des Taj Mahal (Mitte 17. Jh.) in Agra (Uttar Pradesh, Nordindien)

Neben dem Bogen ist die Kuppel ein Hauptcharakteristikum indo-islamischer Architektur. Die Gebetshallen von Moscheen wurden von einer oder mehreren – in der Mogulzeit meist drei – Kuppeln überdacht. Frühe indo-islamische Grabmäler waren einfache Kuppelbauten mit würfelförmigem Baukörper. In späterer Zeit ist eine Häufung von Grabmälern mit einer großen Mittelkuppel und vier kleineren Kuppeln, die an den Eckpunkten eines den Kuppelkreis einfassenden gedachten Quadrates liegen, zu beobachten. Diese Fünfkuppelbauten weisen deutliche Parallelen zur hinduistischen panchayatana-Praxis („fünf Heiligtümer“) auf, einen Tempel mit vier kleineren Schreinen an den Eckpunkten der viereckigen Umfassungsmauer zu umgeben.Fischer / Fischer, S. 49 Besonders in Bengalen wurden Tempel auch als sogenannte Pancharatna („fünf Juwelen“) ausgelegt, fünftürmige Heiligtümer mit einem zentralen Turm und vier kleineren Wiederholungen des Hauptmotivs an den Ecken.