Die Vajont-Staumauer in den Belluneser Alpen im Nordosten Italiens (100 km nördlich von Venedig) wurde ab 1956 zur Aufstauung des Flusses Vajont errichtet. Sie ist durch die „Katastrophe von Longarone“ („Katastrophe vom Vajont“; , disastro del Vajont oder tragedia del Vajont) am 9. Oktober 1963 bekannt geworden.

Das Aufstauen des Stausees Vajont führte zu einem Bergrutsch vom Monte Toc in den See. Dieser Bergsturz verursachte eine große Flutwelle, die sich über die Mauerkrone in das enge Tal ergoss und das Städtchen Longarone, die Ortschaften Pirago, Rivalta, Villanova und Faè – alle in der zur Region Venetien gehörenden Provinz Belluno gelegen – vollständig zerstörte. Bei der Katastrophe starben vermutlich mehr als 2000 Menschen.Matthias Rüb: Als Longarone unterging. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Oktober 2023, S. 9. Mehr als die Hälfte der Leichen wurde nicht gefunden. Die Staumauer blieb bei der Katastrophe weitgehend unbeschädigt und ist heute noch vorhanden, der See wurde allerdings nicht wieder aufgestaut.

Das Projekt Das Projekt für eine Staumauer im Vajont-Tal wurde durch das Unternehmen Società Adriatica di Elettricità (SADE) betrieben, die besonders gegen Ende des 19. und während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Strommarkt im Nordosten Italiens aktiv war.

Ziel des Projekts war die Bereitstellung großer Wasserreserven mitten in den Voralpen, um so genügend Strom für die Stadt Venedig während der Trockenzeiten erzeugen zu können. Der Fluss Piave und seine Nebenflüsse führen in den Herbst- und Frühlingsmonaten ausreichend Wasser, während der Winter- und Sommermonate jedoch sehr wenig.

Die Schluchten des Flüsschens Vajont (das in den Friauler Dolomiten entspringt und in den Piave mündet, nachdem es am Monte Toc entlangfließt) eigneten sich besonders gut für das Vorhaben. Entlang des Flusslaufes, im Gemeindegebiet von Erto e Casso, fanden der Geologe Giorgio Dal Piaz und der Bauingenieur Carlo Semenza eine scheinbar geeignete Stelle, um die damals höchste Doppelbogenstaumauer der Welt zu bauen; sie war bis zum Bau der Grande-Dixence-Staumauer im Jahr 1965 die höchste Staumauer der Erde.

Das Anfangsprojekt sah eine 202 Meter hohe Bogenstaumauer mit einem Stauinhalt von 58,2 Millionen Kubikmetern vor. Die Pläne wurden später so modifiziert, dass die Mauer eine Höhe von 261,60 Metern mit einem Stauinhalt von 152 Millionen Kubikmetern erreichen sollte. Der Stauinhalt wurde damit viel größer als in allen früheren Projekten, die im Piave-Tal durchgeführt worden waren.

Das Vajontprojekt erhielt die vollständige Zustimmung des zuständigen Ministeriums am 17. Juli 1957.

Planung und Bau der Talsperre Vorarbeiten 1929 machten Dal Piaz und Semenza erste Begehungen im Tal. Am 22. Juni 1940 wenige Tage nach dem italienischen Kriegseintritt in den Zweiten Weltkrieg wurde das Projekt dem Ministerium für öffentliche Arbeiten in Rom vorgelegt. Giuseppe Volpi – Gründer der SADE, Parteimitglied der Nationalen Faschistischen Partei, Präsident des faschistischen Industriellenverbandes und ehemaliger Finanzminister unter Mussolini – hoffte dank seiner guten Beziehungen, das Projekt in kürzester Zeit genehmigt zu bekommen. Die Kriegsereignisse machten ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung. Nach dem Sturz Mussolinis und insbesondere nach dem 8. September 1943 nahm Volpi seine Anstrengungen geradezu frenetisch wieder auf. Am 15. Oktober 1943 wurde das Projekt „Grande Vajont“ von der zuständigen Kommission des Ministeriums gutgeheißen, ohne dass die erforderliche Mindestanzahl von Stimmberechtigten zustande kam. In den folgenden Jahren wurde diese gesetzeswidrige Entscheidung nie in Frage gestellt.Tina Merlin: Sulla pelle viva. Come si costruisce una catastrofe. Il caso del Vajont. S. 40–42.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Vajont-Projekt, für das die SADE großen Druck ausübte, Form anzunehmen und wurde schließlich dem Genio Civile, der zuständigen Stelle, vorgestellt. 1949 wurden die ersten gründlichen geologischen Ermittlungen durchgeführt. Gleichzeitig begannen die Proteste der im Projekt involvierten Talgemeinden Erto und Casso, denn der neue See sollte zahlreiche Wohnhäuser und viel landwirtschaftlich genutztes Kulturland überfluten.

Trotz des starken Protests der Talbewohner und Zweifeln der zuständigen Kontrollbehörden kam es gegen Mitte der 1950er Jahre zu den ersten Enteignungen, und die Vorbereitungen für die große Baustelle wurden vorangetrieben. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 1956 ohne die Zustimmung des zuständigen Ministeriums.

Bauarbeiten mini|hochkant|Staumauer von vorne (2013), dahinter die inzwischen bewaldete Bergsturzmasse mini|hochkant|Staumauer von oben (höherer Punkt des Schuttbergs) betrachtet (2009) Während der Bauarbeiten mussten am Projekt unvorhergesehene Anpassungen vorgenommen werden, denn es ereigneten sich einige kleinere Bergstürze an den Flanken, auf die sich die Mauer stützte. Aus diesem Grund mussten Zementinjektionen in den Fels gepresst werden.

Nach Arbeitsbeginn ereigneten sich einige kleine Erdbeben, so dass die SADE weitere geologische Aufnahmen beantragen musste, die auf dem Monte Toc die Reste eines uralten Bergsturzes aus paläolithischer Zeit zum Vorschein brachten. Diese Gesteinsmassen drohten bei ansteigendem Wasserspiegel am Fuße des Bergsturzes in den See zu rutschen. Diese neuen Befunde schickte die SADE nie an die zuständigen Kontrollorgane.

Die Bauarbeiten kamen voran: Am 2. Februar 1960 kam es zur ersten Teilfüllung des Sees bis auf , später in diesem Jahr stieg der Wasserspiegel bis . Am 4. November 1960 kam es zu einem ersten Bergsturz: 700.000 Kubikmeter Lockergestein und Fels stürzten in den See, ohne jedoch große Schäden anzurichten.

Nach diesem ersten Bergsturz wurde das Institut für Hydraulik und Wasserbau der Universität Padua mit der Erstellung einer Simulation für eine Katastrophe im Vajont-Tal beauftragt. In einem Modell wurden die Folgen eines 40-Millionen-Kubikmeter-Bergsturzes mithilfe von Kies simuliert. Nach dieser Simulation, die sich in den folgenden Jahren als falsch erwies, wäre eine Wasserspiegelhöhe bis als sicher zu betrachten gewesen, denn es wären dabei keinerlei Schäden entstanden. Simulationen, die nach der Katastrophe unter Betrachtung des richtigen Bergsturzumfanges und mit der Hilfe von miteinander verbundenen Betonplatten durchgeführt wurden, führten zu einem mit der Realität vergleichbaren Ergebnis. Diese Studien mussten im Ausland in Auftrag gegeben werden, denn in Italien wollte kein Institut die Resultate der ersten Simulation infrage stellen und somit die Universität Padua in Verlegenheit bringen.

Zwischen 1961 und 1963 wurde der See mehrmals gefüllt und wieder entleert, um die Gefahr von Rutschungen des umliegenden Geländes zu verhindern. Am 4. September 1963 – etwa einen Monat vor der Katastrophe – stieg der Wasserspiegel sogar bis auf einen Pegel von . Die Einwohner des Tals beklagten sich über den Aufstau begleitende Bodenbewegungen und die zahlreichen Erdbeben, während aus dem Berg laute Geräusche zu hören waren. Um der Gefahr eines Abschnürens des hinteren Stauraumes zu begegnen, wurde in dieser Zeit ein Bypass-Stollen errichtet. Durch eine Massenbewegung in das Staubecken wäre ein kontrollierter Abstau nicht mehr möglich gewesen. Der Vajont-Fluss wird auch heute durch den Tunnel geleitet, bevor er über einen Wasserfall unterhalb der Sperre in die Schlucht abfließt.

Protest der Einwohner Bereits seit dem Erscheinen der SADE auf dem Monte Toc versuchten die Einwohner des Vajont-Tals, ihre Besitzansprüche geltend zu machen, indem sie sich gegen die Enteignungen wehrten und sich über offensichtliche Fehler im Projekt beklagten. Es entstanden zwei Bürgerinitiativen, das „Comitato per la difesa del Comune di Erto“ und das „Consorzio Civile per la rinascita della Val Ertana“, aber ihre Anliegen und Anzeigen wurden von den Behörden nie beachtet.

Tina Merlin (1926–1991), eine Journalistin der kommunistischen Zeitung L’Unità, publizierte mehrere Artikel zum Thema und wurde deshalb wegen Diffamierung und Störung des öffentlichen Friedens angezeigt. In einem Prozess wurde sie jedoch von den Vorwürfen freigesprochen.Toni Sirena: Tina Merlin: partigiana, comunista, giornalista

Überschwemmungskatastrophe und die Folgen Die Katastrophe mini|Vajont-Staumauer von der Seeseite her, mit Gedächtniskapelle rechts (1971) mini|Die fehlende Flanke nach dem Bergsturz (2005)

Am 9. Oktober 1963 um 22:39 Uhr kam es zu einem katastrophalen Bergsturz, wobei auf 2 Kilometer Länge 270 Millionen Kubikmeter Gestein (knapp das Doppelte des Stauvolumens) vom Monte Toc in Richtung See rutschten und dessen Becken großteils füllten. Die plötzliche Verdrängung des angestauten Wassers verursachte eine riesige Flutwelle, die die auf dem gegenüberliegenden Hang liegenden Dörfer Erto und Casso um wenige Meter verfehlte, bevor sie talaufwärts floss und dort einige kleine Ortschaften zerstörte. Etwa 25 Millionen Kubikmeter Wasser (etwa ein Sechstel des Stauvolumens) überströmten die Mauer und erreichten das am Ende des engen Tals abwärts gelegene Städtchen Longarone: Dieses und einige umliegende Ortschaften wurden vollständig zerstört. Etwa 2.000 Menschen starben unmittelbar (offizielle Quellen sprechen von 1917 Opfern, andere von mehr; die Anzahl wurde nie genau ermittelt). Nur wenige Menschen – überwiegend Kinder – wurden lebend gerettet. Die Mauer selbst blieb weitgehend unbeschädigt.

Nach der Katastrophe Das Ministerium für öffentliche Bauten („Ministero dei Lavori Pubblici“) eröffnete sofort eine Untersuchung der Ursachen der Katastrophe. Der Bauingenieur Pancini, einer der Angeklagten, beging kurz vor dem Prozess Suizid. Der Prozess begann 1968 und endete ein Jahr später mit der Verurteilung aller beteiligten Angeklagten zu 21 Jahren Gefängnis wegen des verursachten Desasters und mehrfacher fahrlässiger Tötung.

Das Appellationsgericht verringerte die Strafe für einige Angeklagte und sprach die anderen wegen Fehlens von Beweismaterial frei. 1997, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, wurde die Montedison, die die SADE gekauft hatte, zur Zahlung von Schadensersatz an die betroffenen Gemeinden verurteilt. Am rechten Berghang wurde eine kleine Gedächtniskapelle gebaut.

Für Überlebende der Katastrophe von Longarone (Disastro del Vajont) wurde 1971 vom Staat eine neue Ortschaft mit dem Namen Vajont gegründet. Auch der Ort Longarone wurde in den 1960er und 1970er Jahren wieder aufgebaut.

Die Journalistin Tina Merlin schrieb ein Buch über die Katastrophe (Sulla Pelle viva. Come si costruisce una catastrofe. Il caso del Vajont). Dafür fand sie aber erst 1983 einen Verlag. 1993, 1997, 2001 und 2016 erschienen weitere Auflagen.Tina Merlin: Sulla pelle viva. Come si costruisce una catastrofe. Il caso Vajont. Cierre Edizioni, 2016. (Details zu den älteren Auflagen auch hier)

Geologische Analyse mini|Der katastrophale Bergsturz am Monte Toc, 2009 von Casso aus aufgenommen. Am Übergang vom Fels zum Baumbewuchs ist die Abrisskante zu erkennen. Die Schutthalde ist inzwischen mit Bäumen bewachsen. mini|links|Schuttberg des Monte Toc (links) und die Staumauer (2009)