mini|St. Wenzel in Naumburg (Saale) mit dem Schlösschen am Markt im Vordergrund

Die evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Wenzel am Marktplatz von Naumburg ist die Hauptkirche der Stadt außerhalb des geistlichen Bezirks der ehemaligen Domfreiheit.

Bauwerk Als das markanteste Kirchenbauwerk und Wahrzeichen der Ratsstadt von Naumburg gehört die Wenzel von Böhmen geweihte Kirche zu den bedeutsamsten Bauwerken an der Saale. Ein 1228 erstmals erwähnter Vorgängerbau, über dessen Gestalt nichts bekannt ist, stand etwa 200 Jahre lang, bis die Stadt 1426 den Neubau einer repräsentativen, großen Kirche beschloss. Geweiht wurde sie 1511, fertiggestellt war sie jedoch erst im Frühjahr 1517. Nur wenige Monate später, am Ursulatag 1517, brannte St. Wenzel bei einem katastrophalen Stadtbrand aus.Susanne Kröner, ehemalige Leiterin des Stadtarchivs Naumburg, in „Der Windsbacher Knabenchor beim Grundton D-Konzert in der Wenzelskirche Naumburg“ (Konzertaufzeichnung des Deutschlandfunks vom 3. Juli 2026 aus St. Wenzel) Der spätgotische Bau erhielt 1510/1520 sein Westportal und 1724 im Innern eine barocke Ausstattung. Ungewöhnlich ist die architektonische Gestaltung des Bauwerks mit einem langen, einschiffigen Chor und einem sehr kurzen dreischiffigen, zweijochigen Langhaus. Der Chor schließt mit einem Polygon aus fünf Seiten eines Zehnecks, das Schiff schließt nach Westen mit einem Polygon aus fünf Seiten eines Sechzehnecks. Die Anlage des Dachs ist ebenfalls einmalig: Über den Seitenschiffen und dem westlichen Polygon läuft ein ringförmiges Satteldach um das Bauwerk; ein zweites durchlaufendes Satteldach über Mittelschiff und Chor kreuzt sich über dem Ostteil des Langhauses mit einem dritten, quer liegenden Satteldach. Dadurch entstehen tiefe Trichter zwischen den Satteldächern über dem Langhaus, die im Dachboden nach außen entwässert werden. Eine Ansicht vom Turm oder über Satellitenbilddienste veranschaulicht die Anordnung besser als eine Beschreibung.

Das Mauerwerk besteht aus Muschelkalk. Vor allem saurer Regen aus der DDR-Zeit, aber auch die Witterung allgemein setzten der Fassade zu. Schon zu DDR-Zeiten bröckelten Steinteile ab; es besteht ein jahrzehntelanger Instandhaltungsrückstand. 2025 konnte die Instandsetzung der Südfassade abgeschlossen werden, womit 1/3 der Arbeiten erledigt ist.

Turm und Türmer Der Kirchturm der Wenzelskirche ist mit 72,5 Metern der höchste Turm der Stadt. Die bis 1997 bewohnte Türmerwohnung liegt in 45 Metern Höhe, acht Meter darüber befindet sich eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform. Besonders ist, dass der Kirchturm nicht der Kirche, sondern der Stadt Naumburg gehört, dementsprechend auch für städtische, vom Türmer wahrgenommene Aktivitäten wie die Brandschau genutzt wurde. Aufgrund des Fortschritts der Brandmeldetechnik sowie des Ausbaus des Wasserleitungsnetzes schaffte die Stadt die Türmerstelle 1892 ab. Seither wurde die Wohnung günstig vermietet, wenn ihre Bewohner ein paar Nebenarbeiten (Wartung der Turmuhr, Glockenläuten etc.) übernahmen. Seit 1916 gab es für Beleuchtungszwecke eine Gasleitung in die Türmerwohnung, erst seit 1976 gab es darin auch eine Toilette sowie eine Wasserversorgung mit ausreichend Druck und eine elektrische Heizung. Die Wohnung hat fünf Zimmer und eine Diele mit insgesamt 70 m². Von 1527 bis zum Weggang von Angelika Thee 1997 versahen 33 Türmer (die früher „Hausmann“ genannt wurden) und drei Türmerinnen ihren Dienst in St. Wenzel.

mini|hochkant|links|Innenraum, Blick zum Altar

Der Chor zeigt die Schmuckformen des Weichen Stils, die auch teilweise auf der Nordseite des Langhauses übernommen wurden. Die Fenster sind außergewöhnlich schlank proportioniert und mit reichem Fischblasenmaßwerk versehen. Weiterhin sind die Strebepfeiler und besonders das Nordportal aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und das Westportal von 1510 reich mit Fialen und Profilen geschmückt. Charakteristisch ist weiter der Kleeblattbogenfries mit Lilienenden, der an der Traufe und an weiteren Stellen vorkommt.

Das Innere ist durch die Umgestaltung in der Barockzeit geprägt, nimmt aber die zentralisierende Tendenz des Raumes auf, die bereits in der Spätgotik angelegt ist. Es besitzt kein Gewölbe, sondern erhielt die Decke erst 1724. Hervorhebenswert sind unter anderem der barocke Hochaltar von 1680 sowie Gemälde aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. Bemerkenswert ist auch die Grabplatte des August von Leubelfing, Page des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Der Raum erhält durch die drei übereinander angeordneten Emporen im Westen und durch den kulissenähnlichen Altar eine theaterähnliche Wirkung. Dennoch ist der Altaraufbau ein bemerkenswert unkonventionelles Werk, das sich mit seiner steilen Proportionierung und seinen Öffnungen mit Wolkengloriolen gut in den ehemals gotischen Chorraum einfügt. Die Kanzel ist ein Werk von 1725–1729 und wurde 1765/66 nochmals überarbeitet. Die Chorbalustrade stammt ebenfalls von 1766.

mini|hochkant|Empore mit Hildebrandt-Orgel (2020) Orgel Die Orgel von Zacharias Hildebrandt ist ein Juwel barocker Orgelbautradition. Sie entstand, nachdem Johann Sebastian Bach im Jahr 1743 in einem im Auftrag der Stadt erstellten Gutachten einen Neubau anstelle einer Reparatur des vorhandenen, von Zacharias Thayßner zwischen 1695 und 1705 errichteten Orgelwerks nahelegte. Dazu empfahl Bach vermutlich, den Auftrag Hildebrandt zu geben. Am 27. August 1743 schlossen die Stadt Naumburg, der die Orgel bis heute gehört,„Der Windsbacher Knabenchor beim Grundton D-Konzert in der Wenzelskirche Naumburg“ (Konzertaufzeichnung des Deutschlandfunks vom 3. Juli 2026 aus St. Wenzel) und Hildebrandt einen Kontrakt über ein Instrument mit 53 Registern. Die Mitbewerber Gottfried Heinrich Trost und Christian Ernst Friderici gingen leer aus. Die Orgel wurde unter Verwendung des prachtvoll mit Akanthusornamentik verzierten Prospekts von Thayßner erbaut. Bach und Gottfried Silbermann nahmen das mehr als 3200 Pfeifen enthaltende Instrument am 27. September 1746 ab. Es wurde von 1993 bis 2000 durch die Firma Hermann Eule Orgelbau Bautzen aufwändig restauriert und rekonstruiert. Dabei wurden der 1912 bis 1915 durch Oskar Ladegast erfolgte Einbau von Kegelladen ins Oberwerk und die von Walcker 1932/33 vorgenommene Pneumatisierung der Traktur samt Einbau eines elektrischen Spieltisches wieder rückgängig gemacht und der ursprüngliche Spielschrank reaktiviert (noch 1988 war der elektrische Spieltisch von 1933 durch einen neuen ersetzt worden). Die durch Friedrich Beyer 1834 und Friedrich Ladegast 1864 vorgenommenen Änderungen der Disposition und Stimmtonhöhe Hildebrandts wurde, nachdem Eule bereits in den 1960er Jahren eine Annäherung an den Klang von 1746 vornahm, ebenfalls revidiert. Die Wiederherstellung war von besonderer Bedeutung, da diese Orgel wie kaum eine andere die Vorstellung Bachs von einer „recht grossen und recht schönen Orgel“ (unter anderem ein die Melodien gut hervorhebendes Fagott im Manual) realisiert. Die Disposition lautet wie folgt:

I Rückpositiv CD–c3 1. Principal 8′ 2. Viol di Gambe 8′ 3. Quintadehn 8′ 4. Rohr-Floete 8′ 5. Prestanta 4′ 6. Vagara 4′ 7. Rohr-Floete 4′ 8. Nassat 3′ 9. Octava 2′ 10. Rausch-Pfeife II 11. Mixtur V 12. Fagott 16′ Tremulant II Hauptwerk CD–c3 13. Principal 16′ 14. Quintadehn 16′ 15. Octava 8′ 16. Spitz-Floete 8′ 17. Gedakt 8′ 18. Praestanta 4′ 19. Spitz-Floete 4′ 20. Sesquialter II 21. Quinta 3′ 22. Octava 2′ 23. Weit-Pfeife 2′ 24. Mixtur VIII 25. Cornet IV 26. Bombart 16′ 27. Trompete 8′ Tremulant III Oberwerk CD–c3 28. Bordun 16′ 29. Principal 8′ 30. Hohl-Floete 8′ 31. Princ.und.mar. 8′ 32. Praestanta 4′ 33. Gemshorn 4′ 34. Quinta 3′ 35. Octava 2′ 36. Wald-Floete 2′ 37. Tertia ′ 38. Quinta ′ 39. Sif-Floete 1′ 40. Scharff V 41. Vox humana 8′ Pedal CD–d1 Vorderlade 42. Principal 16′ 43. Octaven Bass 8′ 44. Violon Bass 8′ 45. Octaven Bass 4′ 46. Octava 2′ 47. Mixtur Bass VII 48. Trompet. Bass 8′ 49. Clarin Bass 4′ Hinterlade 50. Subbass 16′ 51. Violon Bass 16′ 52. Posaune* 32′ 53. Posaune 16′ mini|hochkant|Kursächsisches Wappen und Zimbelstern am Orgelprospekt

Koppeln: I/II, III/II, II/P Spielhilfen: Sperrventile (II, III), Schwebung (III), Cymbelstern Holzbecher mit voller Länge

Organisten Folgende Personen wirkten als Organisten an der Wenzelskirche: 1616–?: Christian Engel 1632–1654: Augustin Vocke 1654–1694: Johann Leo 1694–1715: Johann Magnus Knüpfer 1715–1733: Benedict Friedrich Theile 1733–1748: Christian Kluge 1748–1759: Johann Christoph Altnikol 1759–1794: Johann Friedrich Gräbner (...) 1930er Jahre: Wilhelm NichterleinBericht über ein Konzert in Naumburg. In: Neue Zeitschrift für Musik, 108. Jahrgang 1941. Abgerufen am 18. Juli 2022. 1971–2008: Irene Greulich 2008–2018: David Franke 2018–2019: Hans Christian Martin seit 2019: Nicolas Berndt

Glocken Sechs Glocken hängen im Turm. Die drei größeren wurden 1518 von aus Freiberg gegossen. Er schmolz dafür die Reste der beim Stadtbrand ein Jahr zuvor zerstörten Glocken ein. Die Hilliger-Glocken hängen seit dem Jahr 2000 restauriert in einem massiven, spätgotischen Holzglockenstuhl aus den Jahren 1521/1523. Dieses Dreiergeläut der Wenzelskirche hat überregionale Bedeutung aufgrund der Tatsache, dass es in Sachsen-Anhalt das einzige vollständig erhaltene mittelalterliche Geläut von einem Meister aus einem Guss ist.

Die drei Bronze-Kirchenglocken sind von hoher gusstechnischer und künstlerischer Qualität: Sie tragen als Zierde ein jeweils abgewandeltes Blattranken-Dekor, darüber zwischen Ornamentleisten Schulterinschriften in Majuskeln.

Die mit einem Durchmesser von 104,5 Zentimeter und einem Gewicht von etwa 678 Kilogramm nach der Restaurierung kleinste Glocke hat die lateinische Inschrift: „AVE MARIA GRACIA PLENA DOMINVS TECVM BENEDICTA TV IN MVLIERIBVS ET BENEDICTVS FRVCTVS VEN 1518“ (= Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes).

Die nächstgrößere Glocke mit etwa 1.211 Kilogramm Gewicht und 126,2 Zentimeter Durchmesser ziert der Spruch: O REX GLORIE CRISTHE VENI CVM SANCTISSIMA PACE. AMEN 1518 (= Christus, König der Herrlichkeit, komme mit deinem heiligsten Frieden! Amen 1518).

mini|hochkant|Die Tor-, Schul- und Beichtglocke 1985 Die in mittlerer Position angebrachte Glocke mit dem Gewicht von 2.309 Kilogramm und dem Durchmesser von 155,4 Zentimeter hat einen Vers aus Psalm 112 als Inschrift: SIT NOMEN DOMINI BENEDICTVM EX HOC NVNC ET VSQUE IN SECVLVM A 1518 (= Der Name des Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit! Amen 1518). Diese Glocke trägt zwei Reliefs: Auf der Rückseite ist der Kirchenpatron Wenzel mit dem Naumburger Stadtwappen zu sehen, auf der Vorderseite eine gekrönte Mondsichelmadonna im Strahlenkranz.

In der Turmlaterne hängt neben zwei Uhrschlagschalen die Tor-, Schul- und Beichtglocke aus dem Jahre 1763Constanze Treuber u. a.: Gegossene Vielfalt. Glocken in Sachsen-Anhalt. Hinstorff, Rostock 2007, S. 118, ISBN 978-3-356-01180-7 (+ 1 CD)., die C. W. Becker in Naumburg kurz vor Ende des Siebenjährigen Krieges gegossen hat: ANXIO CLAMORE PERII, PACE REDEO (= Ich sprung bey bangen Kriegsgeschrey, am Friedensfest erschien ich neu.), oberhalb davon das Relief des Stadtpatrons Wenzel mit dem Stadtwappen.

Die beiden Schalen wurden 2001 von der Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer gegossen – die Stundenglocke mit 80 Zentimeter Durchmesser und 180 Kilogramm Gewicht, die Viertelstundenglocke bringt es auf 60 Zentimeter Durchmesser bei 75 Kilogramm Gewicht. - abgerufen am 2. Oktober 2017