mini|hochkant=1.5|Baracken im Stammlager X B Das Stalag X B war ein Kriegsgefangenenlager in der Zeit des Nationalsozialismus in der Nähe von Sandbostel nordöstlich von Bremen.„Die Oste – Fluß mit Vergangenheit“, Themen-Exkursion 8. Oktober 2006, mit vielen Fotos vom Lager Sandbostel, u. a. mit einem Bild des sowjetischen Ehrenmals auf dem Friedhof Sandbostel, das 1945 errichtet und 1956 gesprengt wurde. Die Abkürzung steht für Stammlager „B“ des Wehrkreises „X“, also das zweite Kriegsgefangenenlager des Wehrkreises X.

Es ging aus einem Lager des FAD (Freiwilliger Arbeitsdienst Deutschland) hervor. Im letzten Kriegsjahr 1945 wurde es auch als Auffanglager des Konzentrationslagers Neuengamme und als Zwischenstation bei Todesmärschen verschiedener Konzentrationslager genutzt.

Zeitlicher Überblick mini|hochkant=0.8|Lagerplan, 1943

Verwendungen mini|hochkant=1.5|Blick auf die Baracken vom hinteren Weg, links das steinerne Latrinenhaus Das Gelände und die Gebäude des Stalag X B wurden im Lauf der Zeit unterschiedlich genutzt.Andrea Genest, Woran erinnern? – Die komplexe Nachkriegsgeschichte des Lagers Sandbostel, Manuskript der Tagung „...und was machen wir jetzt mit dem Lager?“, Sandbostel 13. – 15. Januar 2012.Was nach dem Krieg geschah, Zeitungsartikel der Zevener Zeitung, 21. Januar 2012, S. 13. Nach dem Bau 1932/1933 war es zunächst ein Lager des Reichsarbeitsdienst. Bis zur Befreiung durch britische Truppen am 29. April 1945 war das Stalag X B Sandbostel Kriegsgefangenenlager und ab Mitte April 1945 Auffanglager für das KZ Neuengamme und seiner Außenlager. Die britischen Besatzungsbehörden richteten in den bestehenden Baracken das „No. 2 Civil Internment Camp Sandbostel“ ein – eines von sieben Internierungslagern in der britischen Besatzungszone.

Nach der Auflösung des Internierungslagers 1948 wurden die Baracken von der Justizverwaltung übernommen und das „Strafgefängnis Lager Sandbostel“ eingerichtet. 1952 wurde das Strafgefängnis aufgelöst und die Baracken vom „Notaufnahmelager für männliche jugendliche Flüchtlinge aus der DDR“ übernommen. Das Notaufnahmelager wurde 1960 geschlossen aber noch vier Jahre für mögliche weitere Flüchtlinge freigehalten. Danach übernahm die Bundeswehr das Gelände 1964 als Depot, bevor 1974 das Gewerbegebiet „Immenhain“ eingerichtet wurde.

Die Existenz des Gewerbegebietes stieß ab 1980 zunehmend auf Protest.„Hühnerfarm auf KZ-Gelände“, in: die tageszeitung 2. Mai 1980.Gedenkstätte kommt nicht zur Ruhe – Stiftung Lager Sandbostel präsentiert Planungen für historischen Ort und stellt sich teilweise herber Kritik, in Weser-Kurier vom 23. Januar 2012, S. 11. 1992 wurden die historischen Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, 2004 die Stiftung Lager Sandbostel gegründet und im April 2013 die neugestaltete Gedenkstätte eröffnet.

Zeittafel September 1939: Einrichtung des Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers X Sandbostel (ab Dezember Stalag X A, ab April 1940 Stalag X B) polnische Gefangene wurden zunächst in Großzelten untergebracht. 1940: Belgische und französische Gefangene kommen ins Lager. Oktober 1941: Ankunft serbischer und sowjetischer Gefangener. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich außerdem 660 zivile Seeleute im Lager, die aus den Kolonien der Kriegsgegner stammen. Sie sind als Chinesen, Inder, Araber oder Malayen registriert. Winter 1941/1942: Massensterben unter den sowjetischen Kriegsgefangenen. 1943 Eintreffen italienischer Militärinternierter. 1944 Ab dem 1. Oktober 1944 übernahm die SS die Kontrolle über das Lager. Verantwortlicher SS-Führer wurde Graf Bassewitz-Behr. 1944 Ankunft polnischer Frauen. Es waren 552 Teilnehmerinnen vom Warschauer Aufstand – unter ihnen 84 im Offiziersrang, aber auch Mädchen von erst dreizehn Jahren.

Geschichte Vorgeschichte 1926 bis 1939 Zur Kultivierung der zwischen Bremen und Bremervörde gelegenen Moorflächen waren schon im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene eingesetzt worden. Südwestlich von Sandbostel plante das preußische Hochbauamt 1926 ein Barackenlager für 200 Gefangene zur Kultivierung des Klenkenholzer (heute: Klenkendorfer) Moores. 1932 errichtete der „Freiwillige Arbeitsdienst Niedersachsen e. V.“ dort ein Arbeitsdienstlager, das 1933/1935 vom Reichsarbeitsdienst (RAD) übernommen wurde.

Zeit während des Krieges Im September 1939 wurde das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers X Sandbostel mit einer Kapazität für 10.000 Gefangene eingerichtet und die ersten polnischen Kriegsgefangenen untergebracht. Später wurde die Kapazität in Rahmen der Vorbereitungen des Westfeldzugs auf 30.000 Gefangene erweitert. Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen trafen im Oktober 1941 ein. Viele von ihnen überlebten auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustands und der mangelhaften Versorgung den folgenden Winter nicht. Nach der Kapitulation Italiens durchliefen im September 1943 ungefähr 67.000 italienische Soldaten das Lager, die nicht als Kriegsgefangene registriert wurden, sondern den Staus Italienische Militärinternierte (IMI) erhielten. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurden im Oktober 1944 über 500 polnische Frauen nach Sandbostel gebracht.

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges durchliefen mindestens 313.000 Kriegsgefangene, Militär- und Zivilinternierte aus mehr als 55 Nationen das Lager. Die Belegungsstärke des Lagers schwankte über die Jahre hin zwischen einigen Tausend und 30.000 Gefangenen.Informationstafel „Leben im Lager“ in der Gedenkstätte („Gelbe Baracke“) 2013. Nach dem Kriegsvölkerrecht war die unterschiedliche Behandlung je nach Nation, Religion oder Rasse nicht zulässig. Nach der NS-Ideologie wurden die Gefangenen aber nach einem unterscheidenden System behandelt.

Personal im Stalag X B Für die Verwaltung des Stalags X B mit 10.000 Gefangenen waren 98 Soldaten und 33 Militärbeamte/ -angestellte vorgesehen. Nach der Erhöhung der Belegungszahlen auf 30.000 Gefangene ab 1940 wurde erst im August 1942 der Stellenplan mit 314 Personen angepasst.

Aufnahme der Gefangenen im Lager Das Lager wurde von Landesschützen bewacht – das waren meist ältere oder verwundete – nicht frontdiensttaugliche – Soldaten. Nach der Ankunft im Lager wurden die Gefangenen medizinisch untersucht, desinfiziert und fotografiert. Ihre persönlichen Daten wurden erfasst, und sie erhielten eine Metallmarke mit ihrer Kriegsgefangenen-Nummer. Die mussten sie ständig um den Hals tragen. Von ihren Uniformen wurden Rangabzeichen entfernt, dann trugen sie sie weiter. In der Lagerordnung wurde ein strenges System festgelegt mit schweren Strafen für Fluchtversuche, Arbeits- und Gehorsamsverweigerung. Die Strafen wurden in einem besonderen Straflager vollzogen. Es kam auch zu Selektionen durch die Gestapo und Überführung in Konzentrationslager.

Unterschiedliche Behandlung der Nationalitäten mini|Sowjetische Kriegsgefangene, 1941

Innerhalb des Lagers gab es eine nach Nationalitäten stark abweichende Behandlung der Kriegsgefangenen. Im Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929. war festgelegt, dass Kriegsgefangene menschlich zu behandeln und gegen Gewalttätigkeiten zu schützen seien. In Sandbostel wurden Amerikaner und Briten besser behandelt als Franzosen und Belgier; diese besser als Serben und Griechen. Am Ende der Hierarchiekette standen Polen, Italiener und sowjetische Kriegsgefangene. Insbesondere die letzteren wurden meist ohne Verpflegung zur Arbeit gezwungen, bis sie verhungerten.Die sowjetischen Gefangenen wurden „als Untermenschen“ behandelt und waren von der Hilfe durch das Rote Kreuz und andere Organisationen ausgeschlossen. Das begründete das Oberkommando der Wehrmacht damit, dass die Sowjetunion die Genfer Konventionen über die Behandlung von Kriegsgefangenen nicht ratifiziert hatte. (Dörthe Engels, Stiftung Lager Sandbostel, im Referat „Lebenssituationen unterschiedlicher Gefangenengruppen im Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Sandbostel“, „... und was machen wir jetzt mit dem Lager“ – Tagung der Stiftung vom 13. – 15. Januar 2012 in Bremervörde, Manuskript S. 2)

Medizinische Versorgung Bei der medizinischen Versorgung gab es eine nach Nationalitäten stark abweichende Behandlung der Kriegsgefangenen. Während britische Lagerinsassen die medizinische Versorgung als gut bezeichneten, war sie für die Untersten der Hierarchie nicht vorhanden. Die Genfer Konventionen, welche die Behandlung von Kriegsgefangenen international regulieren, wurden in jeder Beziehung missachtet. Kriegsgefangene berichteten, dass zum Beispiel Experimente an lebenden Menschen durchgeführt wurden, dass Kriegsgefangene grundlos gefoltert und ermordet wurden oder ohne Not an Nahrungsmitteln verhungern mussten.

In den Krankenrevieren fehlte es am Nötigsten – Pflegepersonal, Medikamente und Betten. Gefangene, „deren Arbeitskraft erhalten werden sollte“Informationstafel „Medizinische Versorgung“ in der Gedenkstätte („Gelbe Baracke“) 2013. wurden aber im Krankenrevier oder im Kriegsgefangenen-Lazarett Stalag X B (ab 1. April 1944: Reservelazarett für Kriegsgefangene Sandbostel) medizinisch betreut. Bei Kriegsende verfügte es über etwa 2000 Betten.

Kultur und Religionsausübung alternativtext=|mini|Übermaltes religiöses Bild eines früheren Andachtsraumes und Informationsschild Den meisten Gefangenen waren künstlerische und sportliche Betätigung erlaubt. Es gab Theater- und Musikaufführungen auch Bildungsprogramme, Sportveranstaltungen und Gottesdienste. An einem Giebel in der Nähe der späteren katholischen Kirche aus der Nachkriegszeit ist ein religiöses Bild zu erkennen.2016 wurde dieser Teil des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers von der Stiftung Lager Sandbostel erworben und dem Gelände der Gedenkstätte hinzugefügt. Die Arbeiten zur Erhaltung des Wandbildes der ehemaligen französischen Lagerkapelle dauern noch an. Die Wandbemalung, die sich ursprünglich an der Giebelwand im Inneren eines Gebäudes befand, stammt vermutlich aus der Zeit um 1940/1941. Die Seitenbilder zeigen einen Harfe spielenden und einen betenden Engel. Beide sind zur zentralen Christusfigur gewandt. Unter der weißen Übermalung sind möglicherweise die Bilder im ursprünglichen Zustand erhalten. Der Künstler wird unter französischen Gefangenen vermutet. Das auf einer Informationstafel gezeigte Foto ist wohl ein Propagandafoto, um die Verhältnisse im Kriegsgefangenenlager zu verharmlosen. Gefangene berichten, dass ihnen die Andachtsräume Kraft zum Überleben gaben. Die Geistlichen wurden von den Kirchen entsandt.

Daneben gab es auch Kriegsgefangene anderer Religionen. So gibt es Berichte, dass in einem Lagerteil das Rufen des Muezzin zum islamischen Ritualgebet zu hören war.

Unter den Gefangenen waren die Schriftsteller Gaston Aufrere, Léo Malet und Giovanni Guareschi. Auch der spätere Olympiasieger Wiktor Tschukarin gehört zu den Überlebenden des Gefangenenlagers Sandbostel.

Arbeitseinsätze Zum Stalag X B gehörten hunderte von Außenkommandos, das heißt Kriegsgefangenengruppen von 10 bis 40 Personen, die in bewachten Scheunen, Lagerhallen oder Sälen außerhalb des Lagers untergebracht wurden. Das Stalag X B beschäftigte unter anderem Kriegsgefangene beim U-Boot-Bau in Bremen (siehe U-Boot-Bunker Valentin). Der größte Teil der Lagerinsassen wurde in der Landwirtschaft, in Handwerks- und Industriebetrieben eingesetzt. Auf dem Lagergelände selbst gab es verschiedene Werkstätten, zum Beispiel eine Schuhmacherei.

Innerhalb des Lagers gab es ein Sonderlager für maximal 80 Gefangene mit noch härteren Repressionen; diese wurden zur Kultivierung des Moores oder zum Torfstechen eingesetzt und mussten das Äußerste erdulden.

Kriegsgefangene im Teufelsmoor ab 1941 mini|Eigentumsquittung für einen Kriegsgefangenen