mini|Anfang von „Zur Judenfrage“ in den Deutsch-französischen Jahrbüchern 1844, Seite 182 Zur Judenfrage ist eine 1843 geschriebene Rezension von Karl Marx über zwei von Bruno Bauer verfasste Arbeiten, die 1844 veröffentlicht wurde.

Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte Marx verfasste die 34 Seiten lange Rezension zwischen Oktober und Dezember 1843, nachdem er Arbeiten an einem zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Konvolut von Manuskriptbogen beendet hatte, die später unter dem Titel Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie veröffentlicht wurden. Anfangs befand er sich dabei in Kreuznach, wo er im Juni 1843 Jenny von Westphalen heiratete und seine Flitterwochen verbrachte, ab Oktober in Paris. Der Aufsatz setzt sich mit zwei 1843 erschienenen Texten von Bruno Bauer auseinander, Die Judenfrage (1843)Die Judenfrage (Braunschweig 1843) Facsimile-Ausgabe online und dem Aufsatz Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden (1843). Erstmals veröffentlicht wurde der Text im Februar 1844 in Paris, in der einzigen veröffentlichten Ausgabe der von Marx und Arnold Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbücher. Eine französische Übersetzung durch Hermann Ewerbeck erschien 1850 in Paris. Erstmals versuchte Wilhelm Hasselmann in seinem Artikel Das Judentum Marx’ Arbeit für seine antisemitischen Zwecke zu nutzen.Neuer Social-Demokrat. Berlin vom 20. September 1872.Edmund Silberner: Sozialisten zur Judenfrage, Berlin 1962, S. 107–159 stützt sich auf Hasselmann.Bert Andréas: Karl Marx / Friedrich Engels. Das Ende der klassischen deutschen Philosophie. Trier 1983 (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier 28) S. 25. Im Zusammenhang des Berliner Antisemitismusstreites veröffentlichte Eduard Bernstein im Sozialdemokrat im Juni und Juli 1881 den zweiten Teil des Aufsatzes.(Eduard Bernstein): Karl Marx über die Judenfrage. In: Der Sozialdemokrat. Zürich Nr. 27 vom 30. Juni 1881; Nr. 28 vom 7. Juli 1881. Der gesamte Text erschien im Oktober 1890 im von Wilhelm Liebknecht redigierten Berliner Volksblatt.Berliner Volksblatt Nr. 236 vom 10. Oktober 1890; Nr. 238 vom 12. Oktober 1890; Nr. 240 von 15. Oktober 1890; Nr. 242 vom 17. Oktober 1890; Nr. 244 vom 19. Oktober 1890.

In den 1920er Jahren griff die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) während politischer Rivalitäten mit den Nationalsozialisten mehrfach selbst auf Elemente der antisemitischen Propaganda zurück. Aus Anlass des vierzigsten Todestages von Marx im März 1923 reproduzierte die KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne einen Auszug aus dem zweiten Teil von Zur Judenfrage einschließlich des Schlusssatzes „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“, versehen mit dem zusätzlichen, nicht von Marx stammenden Untertitel Den Nationalsozialisten ins Stammbuch. Der Antisemitismusforscher Olaf Kistenmacher interpretiert dies als eine Fehldeutung des Auszuges durch die KPD mit dem Ziel, sich als ebenfalls judenfeindlich darzustellen.

Theoretischer und praktischer Hintergrund Marx’ persönliche Verbindung zum Judentum Als Karl Marx zwei oder drei Jahre alt war, konvertierte sein Vater vom jüdischen Glauben zum protestantischen Christentum, da er als Jude nicht den Beruf eines Rechtsanwalts ausüben durfte.Lex Gans. Beide Großväter waren Rabbiner gewesen und viele andere Vorfahren auch. Im Alter von sechs Jahren wurde Karl Marx am 26. August 1824 zusammen mit seinen sechs Geschwistern im Haus seiner Eltern evangelisch getauft. Am 23. März 1834 wurde er, ebenfalls in der evangelischen Kirchengemeinde Trier, konfirmiert.

Die jüdische Abstammung war auch seinen Zeitgenossen bewusst, weshalb einige von ihnen auf seine ehemalige Glaubenszugehörigkeit verwiesen und ihn teilweise sehr direkt antisemitisch anfeindeten, etwa Bakunin„Als Deutscher und als Jude ist er vom Scheitel bis zur Zehe ein Autoritär.“ zitiert nach Franz Mehring: Karl Marx - Geschichte seines Lebens. Dietz Verlag, Berlin 1963, S. 412 (Franz Mehring. Gesammelte Schriften 3)., obwohl Marx sich von jeder Religiosität abwandte und diese fundamental kritisierte. Da bestimmte Formulierungen bei Marx im jeweils historisch gegenwärtigen Kontext, innerhalb der eigenen ideologischen Anschauung und außerhalb des Entstehungszusammenhangs interpretiert wurden, kam des Öfteren Kritik oder positive Reklamation bezüglich eines vermeintlichen Antisemitismus bei Marx auf, wozu neben der Schrift Zur Judenfrage auch Privatbriefe von Marx an Engels über Ferdinand Lassalle gehörten. In einem Brief an seinen Onkel Lion Philips vom 29. November 1864 sprach Marx in Bezug auf Benjamin Disraeli von einem „Stammesgenossen“.Marx an Lion Philips in Zalt-Bommel, London, 29. November 1864. MEW Bd. 31, S. 432. (Online DEA Archiv) Das Verhältnis von Marx zum Judentum wird immer wieder kontrovers diskutiert, selten jedoch innerhalb ‚marxistischer Theoriebildung‘, da Marx nur wenige verwertbare Aussagen über das Judentum in einem solchen Sinne traf.

Franz Mehring schreibt in seiner Marx-Biographie, dass die Briefe von Marx an seine Eltern keine „Spur von jüdischer Art oder Unart“ aufweisen. Den Austritt des Vaters vermutet er darin, dass „die Lossagung vom Judentum … unter den damaligen Zeitläuften nicht nur ein Akt religiöser, sondern auch – und vornehmlich – ein Akt sozialer Emanzipation“Franz Mehring: Karl Marx. Geschichte seines Lebens. Dietz Verlag, Berlin, 1960, S. 9–10. Franz Mehring . Gesammelte Schriften 3). war. Der aufgeklärte, „freimenschlich“ gebildete Vater, „von aller jüdischen Befangenheit [befreit],“Franz Mehring: Karl Marx - Geschichte seines Lebens, Franz Mehring - Gesammelte Schriften, Band 3. Berlin, 1960, S. 10. hätte Marx durch die aufgeklärte Bildung, die er ihm zukommen ließ, ein „wertvolles Erbe hinterlassen“. Dawid Rjasanow zeichnet hingegen ein etwas anderes Bild. Er weist darauf hin, dass viele bedeutende deutsche Denker für den Sozialismus in Deutschland, wie Marx, Lassalle, Heine oder Börne, jüdischer Herkunft waren, was er auf die doppelte Unterdrückung zurückführt, der jüdische Systemkritiker ausgesetzt waren.David Rjazanov, Marx und Engels - nicht nur für AnfängerInnen. Aufstand der Vernunft, Nr. 4. Der Funke:Wien, 2005, S. 24. Diese sich verschärfende Diskriminierung habe auch Marx’ Vater, obwohl schon lange nicht mehr religiös, dazu bewogen, die Konfession zu wechseln, wie schon Mehring andeutete. Helmut Hirsch beschreibt einen Fall aus dem Jahre 1843, in dem Marx im Alter von 24 Jahren von der jüdischen Gemeinde in Köln darum gebeten wurde, eine Petition zur Befreiung von Repressionen zu verfassen, die Marx gern unterzeichnete,Marx und Moses. Karl Marx zur „Judenfrage“ und zu Juden. Peter Lang, Frankfurt a. M., Bern, Cirencester/UK 1980 (Johann Maier (Hrsg.): Judentum und Umwelt 2) wie Marx an Arnold Ruge am 13. März 1843 schrieb.Marx an Ruge. Schon die Rheinische Zeitung hatte mehrfach gegen die Unterdrückung der Juden Stellung genommen.Helmut Hirsch, S. 98 ff. Bei der Vorbereitung der Marx-Engels-Gesamtausgabe reiste Hans Stein 1928 nach Trier und befragte Zeitzeugen. Die Witwe Becker erzählte von ihrem Vater, der bei Heinrich Marx gearbeitet hatte, und erklärte zum Grund des Religionswechsels: „weil Marx ein öffentliches Amt bekleidete, konnte er nicht Jude sein“.Hans Stein: Der Übertritt der Familie Marx zum evangelischen Christentum. In: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins. Bd. 14, Köln 1932, hier S. 126; Heinz Monz: Karl Marx. Trier 1973, S. 248. Eleanor Marx sagte, weil „er sonst keine Erlaubnis bekommen hätte, als Rechtsanwalt zu prakticiren.“ (W. Liebknecht: Karl Marx zum Gedächtniß. Nürnberg 1896, S. 92. Eleanor Marx schrieb am 21. Oktober 1890: “I shall be very glad to speak at that meeting […] the more glad, that my Father was a Jew” (“ich werde sehr gerne auf dieser Versammlung sprechen, .... umso mehr, da mein Vater Jude war.”) Und während der Dreyfus-Affäre sagte sie: “I am a Jewess” (“ich bin Jüdin”.)Yvonne Kapp: Eleanor Marx. The crowed year. Vol II., Lawrence & Wishart, London 1976, S. 510 und Faksimile S. 511)

Theoriegeschichte