mini|Ein erhaltenes Gebäude des Reichsschwefelwerks: die Alte Mälzerei in Haßmersheim Das Reichsschwefelwerk, in einigen Dokumenten auch als S-Fabrik Neckarzimmern oder Es-Fabrik Neckarzimmern, in Haßmersheim, heute im Neckar-Odenwald-Kreis in Baden-Württemberg, wurde während des Ersten Weltkriegs errichtet, um aus den regionalen Gipsvorkommen den benötigten Schwefel für die kriegswichtige Sprengstoff- und Munitionsindustrie zu gewinnen. Von der nach dem Krieg größtenteils demontierten Anlage ist bis heute hauptsächlich die so genannte Alte Mälzerei erhalten.
Geschichte Vorgeschichte Nachdem Italien zur Entente beitrat und Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, war Deutschland 1915 von den kriegswichtigen Schwefeleinfuhren aus Italien und Spanien weitgehend abgeschnitten. Deshalb plante die Heeresleitung im Rahmen des Projektes „Rohstoff deutscher Gips“ den Bau eines Reichsschwefelwerkes in der Nähe größerer Gipsvorkommen, wo man den für die Munitionsherstellung dringend benötigten Schwefel auf chemischem Wege gewinnen wollte. Für den Aufbau einer Ammoniumnitratproduktion erwarb im Januar 1914 die BASF den Gipsstollen in Neckarzimmern. Zusätzlich kaufte die BASF für 22.000 Mark das Ausbeutungsrecht für das Gipsvorkommen unter dem benachbarten Haßmersheimer Gemeindewald in Richtung Hüffenhardt. Ein weiteres großes Gipsvorkommen lag im Nachbarort Obrigheim. So fiel die Standortwahl für den Bau des Reichsschwefelwerkes auf Haßmersheim. Es sollte binnen sechs Monaten in Betrieb gehen.
Bau der Anlage Ein offizielles Vertragswerk zwischen Reichsfiskus und BASF zum Errichten und Betreiben des Werkes ist nicht bekannt. Gleichwohl existiert ein Papier, eventuell ein Entwurf, in dem die BASF als Erbauer und Betreiber genannt wird. Das Gelände stellte der Fiskus zur Verfügung, ebenso übernahm er die Kosten von etwa 60 Millionen Mark. Auch war geregelt, dass bei Friedensschluss die Produktion einzustellen sei. Weiter ist dem Papier zu entnehmen, dass der BASF für den Betrieb der Anlage die Selbstkosten plus 10 Prozent erstattet werden und der Fiskus sämtliche Regressansprüche übernimmt, die sich aus dem Betrieb der Anlage ergeben.
Im Herbst 1916 begann die BASF auf knapp 30 Hektar und etwa 1,5 km entlang des Neckars, mit dem Bau des auf eine Monatsproduktion von 5000 Tonnen Schwefel ausgelegten Werkes, u. a. auf dem Gelände der heutigen Firma Fibro GmbH. Das Gips- bzw. Anhydritvorkommen sollte in dieser Schwefelfabrik verarbeitet werden. Den Aufbau bewältigten 2500 Menschen, nach einigen Quellen auch mehr. Neben deutschen Fachkräften wurden hierzu auch Kriegsgefangene aus Frankreich, Belgien und Russland eingesetzt. Neben dem Werk errichtete man eine große Barackensiedlung (auf dem Gelände der heutigen Wohnsiedlung nördlich der Alten Mälzerei) für Mitarbeiter und für Kriegsgefangene, die auch im ab 1914 gleichfalls von der BASF betriebenen Gipsstollen in Neckarzimmern jenseits des Neckars eingesetzt wurden. Die Einwohnerzahl von Haßmersheim stieg sprunghaft von etwa 2000 auf 4013 Personen an.
Große Teile der Anlage wurden von der DEMAG Duisburg konstruiert und erbaut, beispielsweise die zehn Hochöfen und Kesselanlagen. Auf der Flussseite des Werkes baute man umfangreiche Bahnrangieranlagen und einen Lokschuppen für die Rangierlok. Zur Verbindung mit dem Stollen schlug man 1917 eine Bahnbrücke („BASF-Brücke oder auch Russenbrücke“) über den Neckar. Zumindest teilweise bestand diese Brücke von einer zuvor in Russland erbeuteten und demontierten Brücke. Ihr linker Kopf lag dem am anderen Ufer einmündenden Steinbachtal gerade gegenüber, und sie verlief ungefähr von Süd nach Nord; der hier nordwestlich fließende Neckar wurde also schräg überspannt. Anschluss an die dem rechten Neckarufer folgende Hauptlinie hatte die neue Haßmersheimer Stichstrecke etwa 200 m talabwärts vom nördlichen Brückenkopf.
Mit einer Seilbahn sollte vom Karl-Stollen (auf dem Gelände des heutigen Zementwerkes) Rohgips zur Siloanlage (heutige Alte Mälzerei) transportiert werden. Eine weitere Seilbahn, in alten Urkunden erscheint sie als Seilkran, ging in der Höhe des heutigen Gipswerkes in Neckarzimmern über den Neckar. Welche Aufgabe diese hatte, ist nicht ganz klar, aber vermutlich diente sie zum Transport des in Neckarzimmern gewonnenen Rohgipses und zur Unterstützung der damals ebenfalls auf etwa gleicher Höhe sich befindenden Fähre.
Nach mehreren Verzögerungen ging die Anlage etwa drei Monate vor Kriegsende in Betrieb und erzeugte neben Schwefel noch allerlei unerwünschte Nebenprodukte.
Laut Betriebsleiter Goebel sollten für die Schwefelproduktion 300 Personen beschäftigt werden. In Friedenszeiten sollte die Beschäftigtenzahl auf 50 Personen sinken.
Friedensvertrag von Versailles In Zeitungen ab jener Zeit war stets zu lesen, dass gemäß dem Versailler Vertrag und unter Aufsicht der Interalliierten Militär-Kontrollkommission die Anlage demontiert werden musste. Teilweise wurde auch berichtet, das Werk sei 1919/1920 gesprengt worden (in den 1920er Jahren wurde oft von einer Trümmerlandschaft gesprochen).
In neueren Veröffentlichungen wird jedoch teilweise bezweifelt, dass der Rückbau des Werkes in Zusammenhang mit dem Versailler Vertragswerk stand. Unter anderem wird dies begründet, dass, obwohl das Gelände für Kriegszwecke beschlagnahmt wurde, die Produktion bei Kriegsende sofort eingestellt werden sollte, die Planungen und Organisation dem Kriegsministerium oblagen und der Reichsfiskus das Werk finanzierte, es ein rein „ziviles“ Projekt gewesen sei. Weiter wird angeführt, dass es im Friedensvertrag von Versailles keinen Hinweis darauf gibt. Die einzige bekannte Erwähnung der Fabrik mit diesem Vertrag im Archivmaterial soll wegen zweier in Lodz beschlagnahmter Generatoren des Herstellers Siemens, die bis 1918 in Haßmersheim in Betrieb waren, erfolgt sein. Sie waren ursprünglich im Besitz der Firmen Jakob Kestenberg und der J.K. Poznanski AG. Nach mehreren erfolglosen Aufforderungen Polens diese zurückzugeben erschien ein französischer Kriegsentschädigungsvertreter. Trotz der daraufhin vereinbarten und gezahlten Entschädigung von 31.174 Mark, trifft aber am 6. März 1921 eine Aufforderung zum Versand aus Polen ein.
Demontage und Abtragung Am 11. März 1919 wurde das Werk beim Mosbacher Bezirksamt als stillgelegt gemeldet. Die bisherigen Prokuristen Werksleiter Dr. Goebel, Werksleiter Wolfgang Sturm, Herr Velle und Herr Ibsen verloren am 10. Januar 1919 ihre Prokura. Ein auf den 30. Juni 1919 datiertes Gutachten von Fritz Haber und Herrn Königsberger mit dem Titel „Verhältnisse in der Schwefelfabrik Neckarzimmern“ gerichtet an das Reichsschatzministerium kam zur Einschätzung, dass Schwefel in der vorgesehenen Weise nicht störungsfrei hergestellt werden könne, da es nicht gelang die im Kleinversuch günstigen Ergebnisse auch im Großen zu erreichen. Zur Verbesserung des Prozesses liefen jedoch Versuche. Auch für die anfallende Schlacke sah man eine Lösung, sie sollte nach einem Verfahren von Diehl zur Herstellung von Schlackensteinen verwendet werden. Solange diese Optimierungsversuche nicht abgeschlossen sind, habe die BASF kein Interesse am Standort andere chemische Produkte zu produzieren. Ein Betrieb als Gipswerk sei auch nicht zu empfehlen, da es schon vor dem Krieg ein Überangebot an Gips gab. Die Einrichtungen seien zwar für ein Eisenhüttenwerk geeignet, da jedoch alle Rohstoffe angeliefert werden müssten wird dies als unwirtschaftlich angesehen. Einzig der Nutzung als Kraftwerk im Überlandverbund wurden Chancen eingeräumt.
Die gesamte Anlage wurde am 30. Juli 1919 vom Reichsschatzministerium der DEMAG zur Verwertung übergeben. Die DEMAG unterhielt dazu eine Abteilung mit Oberingenieur Adolph Frank und Ing. P. Müller und auf der Reichsseite gab es eine Abwicklungsstelle in Haßmersheim. Eine Abrechnung über die Demontage der Hochöfen datiert auf den 16. Januar 1920. Einiges war vom Rückbau auch ausgeschlossen, so beispielsweise die Baracken. Die BASF verpflichtete sich, für den Rückbau benötigte Dinge vor Ort zu belassen. Über eine oder mehrere nach Ludwigshafen „entführte“ Werkslokomotive(n) gab es Streit. Wohl um Dampf zu erzeugen der für den Rückbau benötigt wurde, erhielt die DEMAG die Kesselpapiere einer dieser „entführten“ Lokomotiven. Am 3. Juni 1921 wird die Abwicklungsstelle des Reiches in Haßmersheim aufgelöst und am 1. Dezember 1921 läuft der zwischen Reich und DEMAG geschlossene Vertrag aus.
Die Anlage im Besitz der BASF Nachdem schon 1919 sowohl Haßmersheim wie auch Neckarzimmern an den Baracken interessiert waren um die Wohnungsnot zu lindern und die BASF für 55.000 Mark das Verwaltungsgebäude kaufte, abtrug und in Ludwigshafen wieder aufbaute, zeigte sich die BASF auch am Kauf der Gesamtanlage interessiert. Interesse bestand vor allem an Bahnanlage und Lokschuppen, den Seilbahnen, am Gipsstollen Carl Bosch, am Silobau, der Sprenglufthalle und den Elektroeinrichtungen. Ein erstes Angebot wurde bereits 1920 erhöht. Zum 10. Dezember 1921 soll das Reich für 20 Millionen Mark zum Verkauf bereit gewesen sein, jedoch unter der Auflage, dass ein Weiterverkauf für die nächsten 20 Jahre ausgeschlossen sei. Einer Zeitungsmeldung vom 5. März 1922 zufolge, soll der Verkauf an die BASF abgeschlossen und der Bergwerksbetrieb wieder aufgenommen worden sein, wozu 100 Arbeiter eingestellt wurden. Bereits am 17. November 1921 wurde ein Stromliefervertrag mit der Neckar AG abgeschlossen. Um diesen Strom erzeugen zu können, mussten zuvor jedoch drei Millionen Mark investiert werden.
Am 7. Mai 1925 war in Zeitungen zu lesen, dass der Betrieb des Schwefelwerkes wieder aufgenommen wird und dies 60–100 Arbeitsplätze schaffen würde. In einer Korrektur dieser Meldung am 14. November 1925 hieß es, dass die Betriebsaufnahme nicht zuträfe. Am 22. April 1926 war zu lesen, dass das Werk wieder voll in Betrieb ginge, um wertvolle chemische Produkte in den verbliebenen Anlagen und Gebäuden herzustellen. Auf Anfrage berichtet das Bergamt in Karlsruhe am 8. Juni 1926, dass eine Fläche von 23 ha und die darauf befindlichen Anlagen für den Betrieb des Gipswerkes in Neckarzimmern gebraucht würden. Ebenfalls 1926 wollte die Gemeinde Haßmersheim das Werk katastermäßig zusammenfassen, was die BASF jedoch mit Hinweis auf verpachtete Flächen ablehnte. 1927 spricht man von einer abgerissenen Anlage und 1929 spricht das Bezirksamt in Mosbach, aufgrund eines Unterstützungsersuchens der Gemeinde Haßmersheim zum beabsichtigten Kauf (zu 0,15 Mark je Quadratmeter) des Areals, von einer „Schwefelsäurefabrik“. 1939 erklärte schließlich die Wehrmacht das Gelände zum Ausweichareal für Produktionen.
In den zurückliegenden Jahren gab es auch Interesse diverser Firmen an Teilen des Geländes. So beispielsweise das Bekleidungshaus Levy, Siegelsche Schuhfabrik und weitere. Allerdings wurden die Anfragen mit Angabe unterschiedlicher Gründe immer negativ beschieden.
Zweiter Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg wurden Bauten und das Gelände dann wiederum genutzt. Das Silo und die Hallen dienten als Materiallager. Eine Kugellagerfabrik aus Schweinfurt wurde ins Gipswerk unterhalb des Hornberges verlegt, und auf dem Haßmersheimer Gelände errichtete man weitere Baracken für Kriegsgefangene und Fremdarbeiter. Auch plante die Wehrmacht, eine Verbindungsbahn zwischen der Heeresmunitionsanstalt in Siegelsbach und dem in den Gipsstollen untergebrachten Munitionslager Neckarzimmern über die schon bestehende Eisenbahnbrücke einzurichten, das Vorhaben kam aber nicht zur Ausführung. Im März 1945 zerstörte die abrückende SS die damals bereits zerbombte Bahnbrücke vollends durch Sprengung. Gegen Ende des Krieges wurde eine Hochdruck-Forschungsstelle von Ludwigshafen nach Haßmersheim verlegt. Den hierfür benötigten Druck erzeugte eine belgische Dampflokomotive, die, nachdem die Bahnbrücke gesprengt worden war, nicht mehr zurückgeführt werden konnte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
mini|Zustand 1962 vor der Sprengung der Schlote