rechts|300px mini|Lageskizze der Kastelle in Rusovce/Bergl Das Kastell Gerulata war Bestandteil der Festungskette am Limes Pannonicus auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Seine Überreste befinden sich in Rusovce, einem Stadtteil der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Das Reiterlager war vermutlich vom 1. bis ins 4. Jahrhundert durchgehend mit römischen Truppen belegt. Die baulichen Überreste sind seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Neben dem am linken Donauufer gelegenen Iža (Kastell Iža-Leányvár) ist Gerulata das bisher einzige bekannte Limeskastell auf dem Gebiet der Slowakei. Ein Ausstellungsgebäude des Städtischen Museums Bratislava befindet sich direkt beim einstigen Lagerstandort.

Name Gerulata wird im Itinerarium AntoniniItinerarium Antonini 247, 3. unter diesem Namen genannt, auf der Tabula Peutingeriana als Gerulatis.Tabula Peutingeriana Segmentum VI. In der Notitia dignitatum, in der Truppenliste des Dux Pannoniae Primae et Norici Ripensis, wird es unter dem Namen Gerolate erwähnt.Notitia dignitatum, Occ. XXXIV, 21.

Lage Rusovce zählt heute zu den drei Stadtbezirken im Süden von Bratislava. Das Kastellareal befindet sich auf einer leicht profilierten, rechtwinkeligen Schwemmterrasse (Höhe 130 bis 136 Meter) am Donauufer, in unmittelbarer Nähe des sogenannten Rusovce-Arms (Rusovské rameno), einem ehemaligen Seitenarm der Donau. Die Entfernung zum Hauptstrom der Donau beträgt etwa 1,3 Kilometer.

Die Donau passiert an der slowakischen Grenze die Engstelle der Thebener Pforte zwischen den Kleinen Karpaten und den Hundsheimer Bergen, dabei verlangsamt sie ihren Lauf. Dies führt zu großflächigen Schotterablagerungen, die den Strom dazu zwingen, sich in mehrere Arme zu teilen. Weiters mündet hier auch die March in die Donau. Hinter Bratislava befinden sich zwei große Flussinseln (Süden: Kleine Schütt, ungarisch Szigetköz, slowakisch Malý Žitný ostrov; Norden: Große Schütt, ungarisch Csallóköz, slowakisch (Veľký) Žitný ostrov). Die Kleine Schüttinsel stand in der Antike vermutlich teilweise unter römischer Kontrolle, die Große Schüttinsel war durch germanische Quadenstämme besiedelt. Die hydrographischen Verhältnisse spielten bei der Verteilung der römischen Kastelle eine große Rolle. Das linke Donauufer wurde regelmäßig überschwemmt, was eine Direktverbindung zwischen Carnuntum und Bratislava-Devin unmöglich machte.

Wegen dieser Gegebenheiten verlief die Limesstraße auch nicht entlang des Donauufers. Folgte man der Limesstraße ab Carnuntum Richtung Osten, teilte sie sich alsbald in zwei Stränge. Eine Abzweigung führte entlang der Hundsheimer Berge nach etwa 23 Kilometern zum Kastell Ad Flexum (Mosonmagyaróvár), über den weiter nördlich verlaufenden Strang erreichte man nach ca. 20 Kilometern schließlich Gerulata. Über die Limeshaupt- und Nebenstraßen östlich von Carnuntum weiß man nicht mehr als das, was schon Maximilian von Groller-Mildensee um 1900 festgestellt hat.Groller vermutete Gerulata noch in Jarovce, Der Römische Limes in Österreich, 1, Wien 1900, S. 55–56. Seiner Ansicht nach müssen noch weitere Abzweigungen existiert haben. Die Kette der durch diese Limesstraße verbundenen römischen Grenzanlagen lag fast ausnahmslos auf der rechten Seite des Hauptstroms. In der Region um die Große Schüttinsel zwischen Ungarn und der Slowakei wandte sich die Grenze des Römischen Reiches wegen des sumpfigen Geländes etwas weiter nach Süden zum Mosoner Donauarm hin ab. Der größte Teil der heutigen Slowakei blieb deswegen jenseits der Grenzen des Römischen Reiches. Zur Provinz Pannonia superior gehörte nur ein sehr kleiner Abschnitt am rechten Donauufer.

Funktion Die besondere Bedeutung des Gebietes um das Preßburger Tor lag vor allem in seiner Funktion als Kreuzungspunkt transkontinentaler Straßen mit der Bernsteinstraße. Seine militärische Okkupation hatte – neben der Grenzüberwachung – daher wohl vor allem wirtschaftliche Gründe. In der Region gab es nur zwei – seit der Bronzezeit benutzte – Donauübergänge, und zwar bei Hainburg und bei Rusovce. Die Furt bei Rusovce war dabei von besonderer Wichtigkeit, da sie auch eine Verbindung mit den Kastellen im Barbaricum ermöglichte.Magda Pichlerova 1990, S. 657–658. Die Besatzung überwachte wohl die Mündung der March, die Limesstraße von Brigetio nach Carnuntum sowie den Donauübergang, dieser ist aber – genau wie der Hafen des Kastells – archäologisch noch nicht nachgewiesen worden. Weiters deckte Gerulata die Ostflanke von Carnuntum (im Westen sorgten dafür das Kastell von Schwechat und möglicherweise auch eines bei Fischamend). Durch den etwa 480 Meter hohen Hundsheimer Berg war kein direkter Sichtkontakt zwischen den Lagern möglich. So wurden beide Flügel des Legionsstandortes und Verwaltungsmittelpunktes Oberpannoniens durch Reitereinheiten abgesichert. Das unwegsame, von weiten Sümpfen durchzogene Gebiet östlich der Großen Schüttinsel erforderte wohl keine gesonderte Überwachung durch die Grenztruppen. Zwischen den dicht bewaldeten Osthängen der Kleinen Karpaten und der Großen Schüttinsel öffnete sich nur ein Durchgang, der sich in Richtung Donau wie ein Trichter verengt (heute Stadtzentrum Bratislava). Gerade diese Region gegen Südosten hin zu sperren dürfte die Hauptaufgabe der Besatzung gewesen sein. Die Bedeutung dieses Transitkorridors bezeugen auch zahlreiche germanische Funde aus Bratislava.Vermutlich existierte auch im Bereich der heutigen Altstadt ein römischer Militärposten, dieser konnte jedoch noch nicht eindeutig nachgewiesen werden, Varsik 1998.

Entwicklung Schon in der Latènezeit (Stufe Latène C) existierte im Raum Bratislava ein keltisches Oppidum. Gleichzeitig hielten die Kelten den Burgberg von Devin und den Braunsberg bei Hainburg besetzt.Magda Pichlerova 1990, S. 657. Als die Römer im 1. Jahrhundert zur Donau vordrangen, wurde die Region um Bratislava als erstes von ihnen besetzt. Im Zuge dessen wurde die Festungslinie Carnuntum – Ad Flexum ausgebaut. Die frühesten Militäranlagen an der oberpannonischen Grenze wurden bereits unter Claudius (41–54) errichtet, mit dem großangelegten Aufbau der Lager begann man aber erst unter Domitian (81–96). Damals gründeten die Römer südöstlich von Carnuntum, nach den Funden zu schließen, wohl auch das Lager von Gerulata, vermutlich das erste Hilfstruppenlager östlich des Legionslagers. Am Glacis des Limes wurden im 2. Jahrhundert zusätzlich zwei Militärstützpunkte in Bratislava-Devin und Bratislava-Altstadt gegründet. Das erste Holz-Erde-Lager wurde wahrscheinlich im Zuge von notwendig gewordenen Umbauarbeiten nach Ankunft der Ala I Cannanefatium planmäßig niedergebrannt und – zunächst wiederum in Holz-Erde-Technik – neu errichtet, archäologisch jedoch noch nicht eindeutig nachgewiesen. In antoninischer Zeit (138–161) wurde das Lager in Stein umgebaut. Nach den Keramikfunden zu urteilen (sekundär gebrannte Terra-Sigillata-Scherben), dürfte Gerulata auch nicht von den Wirren der Markomannenkriege verschont, sondern dabei zerstört worden sein. Andere ähnliche Anlagen in Stupava, Bratislava-Dúbravka, Cífer-Pác, Veľký Kýr (früher Milanovce) und ebenfalls in Bratislava-Devín stammen aus der Zeit vom 2. bis zum späten 4. Jahrhundert.

Ab der Regierungszeit des Aurelian (270–275) oder – wahrscheinlicher – den diokletianischen und konstantinischen Militärreformen erfolgte der Umbau in eine Befestigungsanlage nach spätantikem Standard (Anbau von Hufeisen- und Fächertürmen?); die Kastellfläche wurde dabei erheblich verkleinert. Vermutlich anlässlich der letzten großangelegten Grenzsicherungsmaßnahmen durch Valentinian I. (364–375) zog sich die offensichtlich schon stark reduzierte Besatzung in ein sogenanntes „Restkastell“ (burgus) zurück und überließ – wie auch bei einigen anderen Kastellen am norischen und am pannonischen Limes beobachtet werden konnte (zum Beispiel Cannabiaca, Kastell Wallsee, Kastell Arrabona) – der Zivilbevölkerung das übrige ummauerte Areal, das damit seine militärische Funktion verlor und sich in ein ziviles oppidum verwandelte. Spätestens mit der Abtretung von Pannonien an die Hunnen um 433 wurde auch Gerulata von seinen romanischen Bewohnern aufgegeben und verlassen.

Forschungsgeschichte Frühe Beobachtungen Im Jahre 1737 erwähnten die beiden donauabwärts reisenden Engländer Richard Pococke und Jeremiah Milles in ihren Aufzeichnungen alte Mauerreste in Rusovce.„Signs of an old enclosure, part of which has been washed away by the Danube.“ Zitiert nach Wilhelm Kubitschek: Ältere Berichte über den römischen Limes in Pannonien. In: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse 209, 1 (1929) S. 39.

Die ersten archäologischen Ausgrabungen wurden von 1889 bis 1891 durch den Geschäftsführer der historisch-archäologischen Gesellschaft des Mosongaues und Kustos des Museums in Mosonmagyaróvár, Ágoston Sőtér (1837–1905), durchgeführt. Hierbei wurden auch die Reste des Burgus entdeckt. Im Hof von Haus Nr. 196 konnte eine römerzeitliche Gruft untersucht werden, die aus Ziegeln erbaut war, von denen einige auch Stempelungen aufwiesen. Bei Suchschnitten stieß Sőtér auf weitere Gräber, weiterhin konnten im selben Jahr noch Skelettgräber und ein Steingrab aufgedeckt werden.

20. Jahrhundert Im Jahre 1930 soll im Garten des Schulgebäudes ein Sarkophag ausgegraben worden sein, Näheres ist darüber aber nicht bekannt. Die archäologischen Grabungen von 1932 bis 1933 leitete András Graf. Anfang der 1940er Jahre unternahm Aladár Radnóti (1913–1972) vom Nationalmuseum in Budapest auch erstmals den Versuch, die Lagerfläche genau zu bestimmen. Er konnte sich hierbei jedoch nur auf Lesefunde, die Topographie des Geländes und auf eine – in einem Keller entdeckte – römerzeitliche Mauer stützen.

Im Jahre 1947 arbeitete der Numismatiker und Historiker Vojtěch Ondrouch (1891–1963) den ersten komplexen Plan zur römerzeitlichen Besiedlung von Rusovce anhand von Funden aus, die bei landwirtschaftlichen Arbeiten und bei Bauarbeiten gemacht wurden. 1949 entdeckten Ausgräber des Slowakischen Museums beim örtlichen Friedhof das Grab eines Kindes, das auch Beigaben enthielt.

In den 1960er Jahren wurden bei Erdarbeiten in der Flur Bergl die Pfeiler eines spätrömischen Bauwerkes aufgedeckt. Daraufhin begann die Archäologin Łudmila Kraskovská (1904–1999) wieder mit größeren archäologischen Untersuchungen. Im Jahre 1965 wurden diese vom archäologischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften unter Ján Dekan weitergeführt und dauerten bis 1972 an.

Zeitgleich hatten Łudmila Kraskovská und Magda Pichlerová auch das römische Gräberfeld untersucht. 1976 wurden die Grabungen unter der Leitung von Ladislav Snopko, Viktor Ferus und Jana Geržová vom Städtischen Denkmalamt fortgeführt. In Verbindung mit archäologischen Ausgrabungen in der St. Veit-Kirche erforschte der Mittelalterarchäologe Michal Slivka (* 1948) auch eine römische Begräbnisstätte.

Ab 1990 begann in Rusovce, nach Aufhebung der Bausperre einer Denkmalzone auf der Hauptstraße, ein verstärkter Bau von Einfamilienhäusern und die Modernisierung der Infrastruktur. An den dadurch erforderlichen Rettungsgrabungen beteiligten sich mehrere Institutionen (Archäologisches Museum des Slowakischen Nationalmuseums, Juraj Halagan, das Stadtmuseum in Bratislava, Jaroslava Schmidtová, das Archäologische Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaft in Nitra, Vladimir Varsik, und die Comenius-Universität Bratislava, Eduard Krekovič). Die systematische Überwachung und Dokumentation dieser Bauarbeiten erbrachte eine Fülle von neuen Funden und Informationen, die eine Neubewertung der bisherigen Ansichten zur Besiedlungsgeschichte des Kastells und des Vicus von Gerulata erforderlich machten.