mini|Musikgruppe beim Internationalen Tag der Roma, Toledo, 2021 Roma ist ein Oberbegriff für Bevölkerungsgruppen, denen die Sprache Romanes gemeinsam ist.

Die Roma stammen mutmaßlich vom indischen Subkontinent und leben seit mindestens 700 Jahren in Europa. Sie teilen sich in Gruppen auf, die sich durch Sprache, Kultur und Geschichte unterscheiden und gehören in ihren jeweiligen Heimatländern zu den Minderheiten. In ihrer Gesamtheit bilden sie jedoch die größte ethnische Minderheit Europas.Roma integration in the EU abgerufen am 4. April 2020.

Die im deutschsprachigen Raum ehemals verbreitete Bezeichnung „Zigeuner“ gilt als diskriminierend. Viele Angehörige der Roma werden ausgegrenzt und sind antiziganistischer Verfolgung ausgesetzt.

Bezeichnungen mini|Flagge der Roma, 1933 geschaffen und vom ersten Weltromakongress 1971 angenommen

Die Deklination des Romaneswortes „Rom“ lautet wie folgt: „Rom“ (Einzahl, männlich), „Roma“ (Mehrzahl, männlich), „Romni“ (Einzahl, weiblich), „Romnja“ (Mehrzahl, weiblich).

Roma ist die Eigenbezeichnung der Minderheit in der Sprache Romanes.Yaron Matras: Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss. In: Yaron Matras, Hans Winterberg, Michael Zimmermann (Hrsg.): Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart. Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 232 f. Historisch belegt sind rom und romni im deutschen Sprachraum 1726 im Waldheimer Lexikon der rothwelschen und der zigeunerischen Sprache mit der Übersetzung „Manns-Person“ und „Frau“.Friedrich Kluge: Rotwelsch. Quellen und Wortschatz der Gaunersprache und der verwandten Geheimsprachen. Straßburg 1901 (ND 1987), Romni: S. 187, Rom: S. 188, Digitalisat In einer Schrift über „Zigeuner“ aus Preußisch-Litauen von 1793 wird „Rom oder Romma in der mehrern Zahl; Rom in der einfachen.“ als Eigenbezeichnung genannt.Johann Erich Biester: Ueber die Zigeuner; besonders im Königreich Preußen. In: Berlinische Monatsschrift. Band 21, 1793, S. 108–165 und 360–393, hier: S. 364 ff. Das Romani-Projekt der Universität Graz meint, Roma hätten die Eigenbezeichnung Roma aus Indien mitgebracht.Siehe: Rombase, Untergruppen der Roma, Universität Graz. Die International Roma Union empfiehlt die Bezeichnung „Roma“ (englisch „Romani“) seit 1971 für alle Menschen mit Roma-Herkunft.Vgl. auch: (PDF; 11 kB). Auch der Roma National CongressSiehe Roma-Projekt an der Universität Graz: und die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz verwenden diesen Oberbegriff.

Mit dem Wortpaar „Sinti und Roma“ sind die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Frankreich, Norditalien und SüdosteuropaAleksandar (Sándor) Hercenberger, Secanje na Sinte. Emlékezés a Szintókra (Erinnerung an Sinti), Novi Sad 2006. beheimateten Angehörigen dieser Volksgruppen gemeint. In Österreich bilden Sinti eine kleine Minderheit innerhalb der Gesamtminderheit, weshalb sie dort an zweiter Stelle genannt werden.Die staatliche Anerkennung als österreichische Volksgruppe erfolgte 1993 unter dem Überbegriff „Roma“, siehe: Gerhard Baumgartner, Bernhard Perchinig: Siehe auch: Emmerich Gärtner-Horvath: 10 Jahr Verein Roma. Resumée und Ausblick., in: Romani Patrin, 1999/2, Oberwart 1999 (PDF; 22 kB). Auch der Begriff „Romvölker“ ist ein Oberbegriff.

Die Eigenbezeichnung Kale leitet sich von „kalo“ ab, dem Romanes-Wort für „dunkel, schwarz“. Sie wird für albanische Aschkali, finnische Kaale, iberische Calé oder walisische Kaale (Welsh Kale/Volsenenge Kale) verwendet.Romani Linguistics and Romani Language Projects, Manchester, siehe: Die Durchsetzung von Eigenbezeichnungen wie Roma, Aschkali, Beasch, Burgenland-Roma, Lalleri, Kalderasch, Lovara, Manouches, Sinti und Xoraxane im allgemeinen Sprachgebrauch geht auf die Bürgerrechtsbewegung seit den 1970er-Jahren zurück.

Roma bezeichnen Nichtroma meist mit dem Ausdruck Gadzo für Männer und Gadzi für Frauen,Ulrich F. Opfermann: „Du alter Zigeuner, sieh zu, dass du Land gewinnst!“ Begriffsgeschichten, in: Nevipe. Nachrichten und Beiträge aus dem Rom e. V., 2/2012 (PDF; 1,8 MB), S. 14–18. wobei es unterschiedliche Schreibweisen gibt, beispielsweise Gadje. Der Begriff bedeutet „Bauer“Gadscho bei: Siegmund A. Wolf, Großes Wörterbuch der Zigeunersprache, Hamburg 1993, S. 89. und hat oft eine negative Konnotation. Im Sinti-Romanes sind „raklo“ und „rakli“ Bezeichnungen für „Junge“ und „Mädchen“ der Mehrheitsgesellschaft. Im walisischen Romanes beschränkt sich die Bezeichnung zumeist auf die Landbevölkerung mit niedrigerem sozialen Status und wird im Sinne von „Knecht“ oder „Magd“ gebraucht. In den südosteuropäischen Sprachvarietäten können „rakló“ bzw. „rakli“ auch „Sohn“, „Tochter“, „Liebster“ oder „Jungfrau“ bedeuten.Bernhard Helzle-Drehwald: Der Gitanismo im spanischen Argot. Droz, Genf 2004, ISBN 2-600-00911-6, S. 240–243.

Sprache

Die Sprachwissenschaft (Linguistik) rechnet die vor allem mündlich weitergegebene Sprache Romanes oder Romani zu den neuindischen Sprachen innerhalb der indoarischen Sprachengruppe. Romanes ist keine Amtssprache, obwohl sie nach zurückhaltender Schätzung von weit mehr als 3,5 Millionen Menschen gesprochen wird.Alle Angaben, soweit im Einzelfall nicht anders angegeben nach: Yaron Matras: Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss. In: ders., Hans Winterberg, Michael Zimmermann (Hrsg.): Sinti, Roma, Gypsies: Sprache – Geschichte – Gegenwart. Berlin 2003, S. 231–261. Das Romanes stand während der Migration unter starkem Einfluss der Kontaktsprachen und entwickelte ca. 60 Dialekte und Para-Romani-Sprachen.

Aus dem 16. Jahrhundert sind Wortlisten und einzelne Sätze überliefert. 1782 publizierte Johann Christian Christoph Rüdiger den Aufsatz Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien.Alle Angaben in diesem Abschnitt mit Ausnahme der zuletzt belegten bei: Yaron Matras: Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss. In: Yaron Matras, Hans Winterberg, Michael Zimmermann (Hrsg.): Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart. Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 231–235. Seit dem 19. Jahrhundert wird in der englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur der Terminus „Romani“ verwendet, der wie „Romanes“ den diskriminierenden Begriff „Zigeunersprache“ ablöst. Seit den 1970er Jahren bemühen sich vor allem intellektuelle Roma um die Emanzipation und Verschriftlichung ihrer Sprache.Yaron Matras: Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss. In: Yaron Matras, Hans Winterberg, Michael Zimmermann (Hrsg.): Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart. Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 231–235, 260.

Der Wortschatz und Syntax des Romanes wird von der jeweiligen Umgebungsgesellschaft beeinflusst. Ins Deutsche übernommen sind Lehnwörter wie „Bock“ (im Sinne von „auf etwas Bock haben“) als Entlehnung von bok für „Hunger“Siegmund A. Wolf: Großes Wörterbuch der Zigeunersprache (romani tšiw). Hamburg 1993, S. 62.; „Kaff“ als Entlehnung von gab oder gaw für „Dorf“Siegmund A. Wolf: Großes Wörterbuch der Zigeunersprache (romani tšiw). Hamburg 1993, S. 89.; „Kohle“ (im Sinne von „Geld“) als Entlehnung von kalo für „schwarz“ über das Rotwelsche „abgebrannt sein“, „schwarz sein“Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. Hamburg 1985, 2. Auflage, S. 178.; „Kaschemme“ als Entlehnung von katčima für „Wirtshaus“Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. S. 154.; „Schund“ als Entlehnung von skunt für „Schmutz“, „Dreck“,Siegmund A. Wolf: Großes Wörterbuch der Zigeunersprache (romani tšiw). S. 133.; „Zaster“ als Entlehnung von sáster für „Eisen“.Siegmund A. Wolf: Großes Wörterbuch der Zigeunersprache (romani tšiw). S. 202. Die Rekonstruktion der Migrationsbewegungen der Roma durch Erfassung der Lehnwörter ist nur bedingt möglich.

Die regionalspezifischen Sinti-DialekteYaron Matra: Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss. In: Yaron Matras, Hans Winterberg, Michael Zimmermann: Sinti, Roma, Gypsies: Sprache, Geschichte, Gegenwart. Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 259. des Romanes bzw. vereinheitlichend „das deutsche Romanes“Reinhold Lagrene: Das deutsche Romanes: Geschichte einer nicht kodifizierten Sprache. In: Christel Stolz (Hrsg.): Neben Deutsch: Die autochthonen Minderheiten- und Regionalsprachen Deutschlands. Bochum 2009, S. 87–102, passim. werden auch als Sintitikes (sintengheri tschib) bezeichnet.

Geschichte und Herkunft Sprachwissenschaftliche Untersuchungen seit dem 18. Jahrhundert weisen darauf hin, dass die Vorfahren der europäischen Roma aus Zentralindien stammen, von dort nach Nordwesten auswanderten und sich dort länger aufhielten.Yaron Matras, Die Sprache der Roma. Ein historischer Umriss, in: ders./Hans Winterberg/Michael Zimmermann (Hrsg.), Sinti, Roma, Gypsies. Sprache – Geschichte – Gegenwart, Berlin 2003, S. 231–261, hier: S. 233 f. Genetische Studien aus dem Jahr 2012 bestätigen Nordindien als Herkunftsregion.

Herkunft, Zeitpunkt und Gründe der Abwanderung sind jedoch umstritten. Zu den Kulturen der Vorfahren fehlen gesicherte Belege.Zitate: Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 17. Lebendige Verbindungen zu den Herkunftsregionen bestehen seit Jahrhunderten nicht mehr. Versuche, die Roma-Herkunft mit einzelnen indischen Gruppen oder Gruppen mit indischer Herkunft wie Dom, Jat, Zott oder Luri zu verbinden, sind nicht überzeugend. Die frühe Geschichte der Roma bleibt hypothetisch und lückenhaft.Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 13–17. Viele Fragen können Linguisten nicht abschließend klären.Wim Willems, In Search of the True Gypsy. From Enlightenment to Final Solution, London 1997, S. 308. Da die Vorfahren der Roma durch verschiedene Regionen mit unterschiedlichen Kulturen wanderten und dort Minderheiten waren, ist ihre Geschichte nicht einheitlich, und bisher wenig erforscht.

Vermutlich leben die Roma spätestens seit dem 14. Jahrhundert in Südosteuropa, nachdem sie Kleinasien durchquerten.Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 16 f. Der Wortschatz der Roma enthält keine arabischen Wörter, was gegen eine zweite Migrationsroute über arabischsprachige Gebiete spricht.Lev Tcherenkov/Stéphane Laederich, The Rroma, Bd. 2: History, language and groups, Basel 2004, S. 11–33.Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996, S. 13–26.

Diskriminierung, Versklavung und Verfolgung mini|Antiziganistische Demonstration in Sofia, 2011

In der etwa 700-jährigen Geschichte der Roma in Europa war diese häufig der Versklavung, Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Roma in den Donaufürstentümern Moldau und Walachei als Sklaven gehalten und wie eine Handelsware verkauft oder getauscht. Durch Gesetze wurden 1855/56 etwa 250.000 Roma in eine mittellose Freiheit entlassen. Ihre Besitzer erhielten 4 bis 10 Goldstücke als Entschädigung für den Verlust. Für Neugeborene und Kranke wurde keine Entschädigung gezahlt.Frankfurter Allgemeine Zeitung, Michael Martens: Als Roma-Sklaven wie Gegenstände verkauft wurden; abgerufen am 20. Mai 2023.Siehe auch Norbert Mappes-Niediek: Die Last der Geschichte: Die Lage der Roma in Bulgarien und Rumänien. Warum kommen die Roma in Bulgarien und Rumänien aus dem Elend nicht heraus? (24. Februar 2024).

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde eine unbekannte Zahl von Roma Opfer des Völkermords an den Sinti und Roma.