Das Dorf Giesel ist ein Ortsteil der Gemeinde Neuhof im osthessischen Landkreis Fulda.

Giesel liegt etwa 8 km südwestlich von Fulda im Tal der Giesel am gleichnamigen Bach Giesel und ist zwischen Rhön und Vogelsberg vom Gieseler Forst umgeben. Die Ortslage ist rund 10 km in südwestlicher Richtung vom Stadtzentrum Fulda gelegen. Reste einer ehemaligen, später zum Jagdschloss umgebauten Wasserburg mit noch erkennbarem Wassergraben der Fürstäbte des Klosters Fulda, eine katholische St.-Laurentius-Kirche, alte Fachwerkhäuser sowie das großflächige Waldgebiet prägen das Gesicht des Ortes. Berühmt ist Giesel auch durch sein Heidelbeerfest was schon seit mehr als 100 Jahre stattfindet.

Geographie mini|Lage von Giesel (Geisen) auf einer Karte des Hochstifts Fulda von 1574 mini|Querung der Altstraße Antsanvia und der Landesstraße 3079 Giesel-Sieberzmühle-Hosenfeld. Rechts: Alte Grenzmarke der Karlmann-Schenkung an der Sieberzheiligen

Geographische Lage Giesel liegt im Westen des Landkreises Fulda zwischen den Mittelgebirgen Rhön im Osten und Vogelsberg im Westen, im Talkessel der Giesel, eines Nebengewässers der Fulda westlich der Fuldaer Senke an den östlichen Ausläufern des Vogelsberges. Die Kreisstadt Fulda liegt 10 km nordöstlich von Giesel.

Giesel liegt vollkommen von Wald umschlossen im Gieseler Forst, in einem der größten Waldgebiete Hessens. Lediglich der Talzug, durch den die Giesel Richtung Fulda fließt, ist durch frühere Rodungsmaßnahmen unbewaldet. Durch Giesel führt die Landesstraße 3079 von Fulda nach Bermuthshain im Vogelsbergkreis. Die Landesstraße 3206 mündet, von Neuhof kommend, im Ortskern von Giesel in die L 3079.

Bereits im Mittelalter führten die alten Handelswege, der Ortesweg und die Antsanvia, an Giesel vorbei. Auf der Anhöhe „Sieberzheiligen“ zwischen Giesel und der Sieberzmühle verlief die Höhenstraße Antsanvia. An diesem Punkt kreuzen die frühere Antsanvia Altstraße und die heutige Landesstraße nach Hosenfeld. Zwischen zwei Buchen ist der alte Wendelinusbildstock von 1801 und rechts daneben die alte Grenzmarke der Karlmann-Schenkung von 747 zu finden.

Der nordwestlich der Ortslage gelegene 490 m hohe Himmelsberg ist der Hausberg.

Hauptort und Wohnplätze Die ehemals eigenständige Gemeinde Giesel, zu der bis 1961 die Wohnplätze „Schlagberg“, die „Hessenmühle“ und „Kleinheiligkreuz“ (jetzt alle Kleinlüder) gehörten, wurde mit dem verbliebenen Wohnplatz „Zwickmühle“ im Tal der „Kalten Lüder“ im Rahmen der Gebietsreform des Landes Hessen zum 1. Januar 1972 in die Gemeinde Neuhof eingegliedert.

mini|Die Zwickmühle: Ansicht von Westen mit der Sägemühle (im Vordergrund links) mini|Die Aussiedlerhöfe Linden- und Hermeshof (von links) mini|Der Birkenhof

Das Dorf Giesel umfasst den Hauptort Giesel und den ca. 3,1 km in nordwestlicher Richtung (Richtung Hosenfeld) im Gieseler Forst, im Tal der Kalten Lüder gelegenen Wohnplatz Zwickmühle.

Wohnplatz Zwickmühle Die Zwickmühle ist ein zu Giesel gehörender Einzelhof mit früherer Mahl- und heutiger Sägemühle nördlich der „Sieberzmühle“ gelegen und ein seit Jahrhunderten bestehendes landwirtschaftliches Gehöft im Tal der Kalten Lüder am Westfuß des Himmelsberges.

Der geschichtliche Ursprung dürfte eine alte Öl- und Sägemühle sein. Der Sägemühlenbetrieb besteht noch heute in eingeschränktem Umfang. Das zum Betrieb erforderliche Wasser wird der Kalten Lüder entnommen. Der Antrieb des Werkes erfolgt durch die Wasserkraft über ein oberschlächtiges Wasserrad aus Eisen von 4,00 m Durchmesser sowie 0,70 m Breite und mit einer nutzbaren Kraft von ungefähr 3,7 PS = 2,7 kW. Der Höhenunterschied hat 4,20 m betragen.

Betrieben wurden ursprünglich eine Mahlmühle und ein Sägewerk. An der Ableitungsstelle liegt ein aus Steinen und Erde hergestelltes Wehr. Die Mahlmühle brannte 1949 ab und wurde danach nicht wieder aufgebaut. Die Gebäude der Sägemühle der Zwickmühle standen am 21. Februar 2018 in Vollbrand.

Wohnplätze Schlagberg, Hessenmühle und Kleinheiligkreuz Die Wohnplätze Schlagberg, Hessenmühle und Kleinheiligkreuz mit der Wallfahrtskirche gehörten bis zur Umgemeindung im Jahre 1961 zu Giesel. Im Jahre 1962 wurden diese Wohnplätze im Tal der Kalten Lüder der damals noch selbstständigen Gemeinde Kleinlüder zugeordnet. Damit endete die kirchliche Zugehörigkeit zur Pfarrei Giesel, die in der Wallfahrtskirche Kleinheiligkreuz ihren religiösen Mittelpunkt hatte. Kirchlich gehören diese Wohnplätze seitdem zur katholischen Kirchengemeinde Johannes der Täufer in Kleinlüder. Mit der Umpfarrung endeten auch die über Jahrhunderte jährlich zu den Hochfesten Kreuzauffindung (3. Mai) und Kreuzerhöhung (14. September) stattgefundenen Wallfahrten von Giesel nach Kleinheiligkreuz. Erst in den 1980er Jahren wurde die Tradition der Wallfahrt nach Kleinheiligkreuz auf dem alten Wallfahrtsweg über den Himmelsberg/Herrgottseiche wieder aufgenommen. Die Wallfahrt erfolgt seitdem im September zur Wallfahrtwoche „Kreuzerhöhung“.

Geschichte 9. bis 15. Jahrhundert Der Bach Giesel (Gysilaha), an dem der gleichnamige Ort liegt, wird bereits in der durch den Fuldaer Benediktinermönch Eigil um 820 n. Chr. verfassten „Vita Sturmi abbatis“ erwähnt. Zu dieser Zeit wurde dieser Siedlungsbereich Eihloha, später Buchonia, genannt. 1140 wurde Giesel (Giselaha) erstmals urkundlich bei der Aufsiedlung des wüstgewordenen Ortes durch den Cellerar Duto aus dem Kloster Fulda erwähnt. Den Auftrag, ein Kopialbuch archivierter Urkunden und Regesten zu schaffen, vergab Abt Markward I. (1150–65), der die Benediktinerabtei in der Mitte des 12. Jahrhunderts in einem wirtschaftlich desolaten Zustand vorfand. Die Anregung und das erforderliche Pergament kamen von dem Cellerar Duto. Schon um 1150 bestand eine Kapelle als Filiale von Haimbach. 1330 wurde die verfallene Kapelle durch den kaiserlichen Leibarzt und Würzburger Stiftsherrn Nikolaus Roslon wieder aufgebaut. Das "castrum Gysela" wird im Jahre 1336 in der Beschreibung von Landau erwähnt. Der Fuldaer Fürstabt Heinrich VI. von Hohenberg baute im Jahr 1340 eine „Neue Burg“ in Giesel. Gottfried (Gocze) von Sassen bestätigt im April 1376 seine Verpflichtung als Burgmann auf der Burg Giesel. Ab 1717 wird die Burg unter dem Fuldaer Fürstabt Konstantin von Buttlar zum Jagdschloss Giesel umgebaut. Der Fuldaer Abt Reinhard von Weilnau verfügte 1469, dass ihm „auf Lebzeiten“ unter anderem „die Burg Giesel (Gisela)“ zustehen solle.

Seit 1357 bestand ein Zollprivileg. Kaiser Karl IV. erlaubte Abt Heinrich von Kranlucken, „von jedem Transport- oder Zugpferd einen Zoll von einem Schilling alter Heller zu nehmen, bis auf seinen oder seiner Reichsnachfolger Widerruf“. Antsanvia und Ortesweg waren die Handelsstraßen, die bei Giesel in fuldisches Stiftsgebiet führten.

16. bis 20. Jahrhundert Nach der Reformation wirkte in der Zeit von 1569 bis 1573 der evangelische Kaplan Peter Bang in Giesel, bevor unter Fürstabt Balthasar von Dernbach 1604 anlässlich der Rekatholisierung die letzten Einwohner zum katholischen Glauben zurückkehrten.

Im Jahre 1605 wird das Amt Giesel im Türkensteuerregister der Fürstabtei Fulda erwähnt, welches die Zahlungen der Untertanen an die Abtei ebenfalls zum „Fuldaer Anteil“ an der Türkensteuer auflistet. Zum Amt Giesel gehörten zu dieser Zeit: Giesel, Istergiesel, Hosenfeld, Brandlos, Oberrode, Mittelrode, Niederrode und Kleinlüder. Bis 1687 war Giesel selbständiges Amt mit eigenem Gericht, dann wurde es dem Centoberamt Fulda unterstellt. Das Gericht blieb allerdings bis 1802 und ging in der Säkularisation des Hochstiftes Fulda unter.

mini|hochkant=1.2|Jagdschloss Giesel, Ansicht von der Schlossstraße über den verwachsenen Burggraben, 2017

Der Dreißigjährige Krieg erreichte den Raum Fulda im Jahr 1621 mit den protestantischen Söldnergruppen des Dudo von Knipshausen und dem „Tollen Christian“. Diese plünderten und brandschatzten die Ländereien, zündeten Kirchen und Klöster in Neuenberg und Johannesberg an und forderten Lösegelder. Dennoch war die Region, bedingt durch ihre Lage an der Grenze von katholischen und protestantischen Ländern und als Verkehrsknoten zwischen Nord und Süd, stark vom Krieg betroffen. In den Jahren zwischen 1631 und 1650, und somit über den Westfälischen Frieden hinaus, waren die an überregionalen Straßenverbindungen liegenden Ortschaften fast ohne Unterlass von Truppen-Durchmärschen, Einquartierung, Brandschatzung und Plünderung betroffen. Beide Seiten gingen gleichermaßen brutal und rücksichtslos beim Eintreiben ihrer Forderungen vor. Als besonders belastend wurden die zusätzlich von den Landesherren erhobenen Kriegssteuern empfunden. Auch das Schloss Giesel und die Bewohner hatten darunter zu leiden. Die Bevölkerungsverluste wurden vom Fuldaer Chronisten und späteren Fuldaer Bürgermeister Gangolf Hartung, bedingt vor allem durch die Hungersnot während des Krieges im Jahre 1634, als sehr hoch beschrieben. In der nachfolgenden Pest im Jahr 1635 wurden sie allein auf etwa 4000 Menschen im Hochstift beziffert, darunter auch viele Pfarrer, weshalb viele Kirchenchroniken 1635 abreißen. Durch den Krieg kam es zu einer breiten und tiefgreifenden Verarmung der Bevölkerung.

1717 wurde durch den Fürstabt Konstantin von Buttlar auf den Grundmauern der von Heinrich VI. von Hohenberg im Jahr 1340 errichteten Burg das heute noch vorhandene Jagdschloss Giesel errichtet. 1727 wurde Giesel wegen seines seit dem 15. Jahrhundert blühenden Töpferhandwerks auch „Doeppegisel / Töpfengiesel“ genannt. 1731 wurde Giesel zur eigenen Pfarrei erhoben und von der ehemaligen Mutterpfarrei Haimbach abgetrennt.

Mit dem Friedensvertrag von Lunéville zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich unter dem römisch-deutschen Kaiser Franz II. im Jahr 1801 wurde von Napoleon die Säkularisation in Deutschland eingeleitet und damit die geistlichen Gebiete weltlichen Fürsten zugeteilt. Daher ging die selbständige Fürstabtei Fulda und die dazugehörigen Gebiete 1803 an Wilhelm von Nassau-Oranien. Damit verlor auch Giesel seine Rechte und Pflichten gegenüber dem Hochstift Fulda. 1806 trat Nassau-Oranien dem von Napoleon und Frankreich gewünschten Rheinbund nicht bei, daher kam das Hochstift Fulda unter die Schutzherrschaft von Napoleon, der 1810 das Großherzogtum Frankfurt bildete, dem neben anderen Städten und Hochstiften auch Fulda unter dem Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg angehörte. In den Nachfolgejahren wurde die erste kommunale Selbstverwaltung auch in Dörfern wie Giesel aufgebaut, an deren Spitze zunächst der französische Ortsmaire, Schultheiß und Bürgermeister stand.

Nach Ende des Napoleonischen Kaiserreichs fiel das Fuldaer Gebiet 1816 an Kurhessen-Kassel und 1866 an Preußen. Das ehemalige Hochstift Fulda kam 1816 als Großherzogtum Fulda zur Landgrafschaft Hessen-Kassel und wurde 1868 die preußische Provinz Hessen-Nassau.

Weltkriege und Zeit des Nationalsozialismus Dem Ersten Weltkrieg fielen 48 Gieseler Soldaten zum Opfer. Giesel wurde im November 1919 an die zentrale Stromversorgung des Elektrizitätswerks Fulda angeschlossen.

Die Zeit des Nationalsozialismus spielte in Giesel keine nennenswerte Rolle. Der Zweite Weltkrieg brachte auch in Giesel Kriegsentbehrungen und wiederum waren 56 Gefallene zu verzeichnen. Ihnen zu Ehren wurde das bereits für die Opfer des Ersten Weltkrieges im Jahre 1923 errichtete alte Kriegerehrenmal mit zwei zusätzlichen Namenstafeln ergänzt.

1945 bis 1971 mini|Neues Backhaus von 1994

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Giesel ab 1945 in der amerikanischen Besatzungszone Groß-Hessen. Ab 1946 kamen 290 Heimatvertriebene, vorwiegend aus dem Sudetenland. Flüchtlinge kamen aber auch aus Ostpreußen und Siebenbürgen nach Giesel und fanden hier durch Zwangseinquartierung eine vorübergehende Bleibe oder eine neue Heimat.