mini|hochkant=0.8|Hans Albert (2005)
Hans Albert (* 8. Februar 1921 in Köln; † 24. Oktober 2023) war ein deutscher Soziologe und Hochschullehrer.
Von 1963 bis 1989 war er Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim. Er gilt als ein Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus.Brockhaus: Philosophie. Mannheim/Leipzig 2004, Lemma Hans Albert. Er verfolgte die Ideen Karl Poppers und verfasste mit dem Traktat über kritische Vernunft ein Standardwerk der Erkenntnistheorie. Um sein Wirken zu ehren, wurde im Februar 2020 das Hans-Albert-Institut gegründet.
Leben Albert war Sohn eines Altphilologen und evangelischen Religionslehrers. Als Kind interessierte er sich sehr für Geschichte, las insbesondere Oswald Spengler und kriegswissenschaftliche Werke, da er Offizier werden wollte. Nach dem Abitur meldete sich Albert 1939 als Freiwilliger der Wehrmacht und kam zunächst zum Reichsarbeitsdienst, wo er zu Arbeiten am Westwall eingesetzt wurde. Anschließend kam er zur Artillerie, zunächst zur Reserve nach Wien und daraufhin zum Kampfeinsatz in Frankreich und Griechenland.
Nach US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft nahm Albert 1946 ein Studium an der Universität zu Köln auf, zunächst mit dem Abschlussziel Diplom-Kaufmann. Seine erste Soziologie-Vorlesung hörte er bei Leopold von Wiese; bei diesem konnte er auch auf eigenen Wunsch über Politik und Wirtschaft als Gegenstände der politischen und ökonomischen Theorie seine Diplomarbeit schreiben und 1952 mit Rationalität und Existenz – Politische Arithmetik und politische Anthropologie promovieren.Der zweite Teil der Dissertation wurde 1954 veröffentlicht unter: Ökonomische Ideologie und politische Theorie. Das ökonomische Argument in der ordnungspolitischen Debatte. Göttingen 1954; 2., erw. Aufl. 1972.
Alberts Habilitationsschrift Nationalökonomie als Soziologie der kommerziellen Beziehungen wurde 1955 sowohl von René König wie auch vom Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät abgelehnt, weil seine Kritik angeblich weder Ökonomie noch Soziologie einwandfrei zuzuordnen war. Außerdem war Albert zuvor insgeheim als angebliches Mitglied der Kommunistischen Partei denunziert worden.Hans Albert: Mein Umweg in die Soziologie. In: Christian Fleck (Hrsg.): Wege zur Soziologie nach 1945 : Autobiographische Notizen. Leske + Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1660-8, S. 31 ff.; Christian Flecn: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus.. Wien/Berlin 2007, S. 81–82. Daraufhin habilitierte er sich 1957 in Köln mit einer Reihe von Aufsätzen für Sozialpolitik, da er Assistent Gerhard Weissers war, des Lehrstuhlinhabers für dieses Fach. Er hielt jedoch die Lehrveranstaltungen in Köln als Privatdozent in Logik, Wissenschaftslehre und Kritik der Wohlfahrtsökonomie und publizierte seine Kritik der reinen Ökonomie.Hans Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik. Ökonomische Probleme in soziologischer Perspektive. Neuwied/Berlin 1967. 1963 wurde er in Köln zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Im Jahr 1963 erhielt Albert einen Ruf an den neu geschaffenen Lehrstuhl für Soziologie und Wissenschaftslehre der damaligen Wirtschaftshochschule, heute Universität Mannheim. Er erhielt zwar mehrere Rufe an andere Universitäten, lehrte jedoch bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1989 in Mannheim. Er wohnte in Heidelberg.
Albert war Ehrendoktor der Universitäten Linz (1995), Athen (1997), Kassel (2000), Graz (2007) und Klagenfurt (2007) sowie gewähltes Mitglied der Academia Europaea (1989) und der Accademia delle Scienze di Torino (2006).
Albert war im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.Liste der Beiräte der Giordano-Bruno-Stiftung, abgerufen am 11. Januar 2020.
Zu Alberts 99. Geburtstag wurde das Hans-Albert-Institut mit Sitz in Oberwesel eröffnet, ein Think-Tank zur Förderung des kritisch-rationalen Denkens in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hans Albert verstarb am 24. Oktober 2023 im Alter von 102 Jahren.
Wirken Überblick In der Soziologie bzw. Ökonomie ist Albert insbesondere mit Beiträgen zur Marktsoziologie hervorgetreten. Dabei setzte er sich für die Einheit der Methode in Natur- und Sozialwissenschaften ein und plädierte ebenso für die Aufhebung der überlieferten Fachgrenzen zwischen Ökonomie, Soziologie, den Rechts- und übrigen Sozialwissenschaften. Die utilitaristische Theorietradition hielt er trotz all der von ihm selbst vorgebrachten Einwände für das interessantere Erkenntnisprogramm im Vergleich zu Funktionalismus oder dem Marxismus.
Albert war von instrumentalistisch-dezisionistischen Positionen, die er in seiner Dissertation noch aus Martin Heidegger und Hugo Dingler schöpfte, zur Rezeption von Victor Kraft und Karl Popper übergegangen, welch letzteren er anfänglich noch ebenfalls für einen Vertreter des logischen Positivismus hielt.Hans Albert: Mein Umweg in die Soziologie. In: Christian Fleck (Hrsg.): Wege zur Soziologie nach 1945 : Autobiographische Notizen. Leske + Budrich Opladen 1996, ISBN 3-8100-1660-8, S. 30ff. Auf den Alpbacher Hochschulwochen lernte Albert 1955 Paul Feyerabend und 1958 dann Popper persönlich kennen. Als Vertreter des Kritischen Rationalismus nahm Albert schließlich im Oktober 1961 neben Popper als Gegenpart zu Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas am so genannten Positivismusstreit teil, in dem indes keiner der Beteiligten eine positivistische Position im engeren Sinne vertrat. Albert fand es aber besonders ironisch, dass dort Habermas geradezu ähnliche Positionen vertrat, wie er sie selber früher vertreten, aber seither aufgegeben hatte. Eine seiner vielfach stark an Popper orientierten Hauptaussagen: Da die Vernunft fehlbar ist, müssen Theorien immer wieder der Kritik unterzogen werden.
Albert war Mitherausgeber der Zeitschrift Aufklärung und Kritik sowie Ehrenpräsident der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg. Des Weiteren war er wissenschaftlicher Beirat der Humanistischen Akademie Bayern sowie der Giordano-Bruno-Stiftung.
Philosophie In der Philosophie Alberts kommt der Erkenntnistheorie eine wesentliche Bedeutung zu. Zunächst die Ideen des Positivismus vertretend, sympathisierte er ab Mitte der 1950er Jahre mit dem Kritischen Rationalismus und entwickelte sich in Deutschland neben Karl Popper wohl zu dem bekanntesten Vertreter dieser philosophischen und wissenschaftstheoretischen Ansicht. Dementsprechend besagt eine grundlegende Annahme seiner philosophischen Auffassung, dass sich Behauptungen bzw. Aussagen (Propositionen) nie auf sichere Begründungen zurückführen ließen. Es sei unmöglich, für irgendeine Aussage eine Letztbegründung zu beanspruchen. Somit sei sicheres Wissen unmöglich.
Den Thesen des klassischen Erkenntnisideals tritt Albert mit seiner Konzeption des Kritischen Rationalismus entgegen. Seine Ablehnung jeglicher Letztbegründungsansprüche entspringt den Schlussfolgerungen des sogenannten Münchhausen-Trilemmas. Albert stellt mit Hilfe dieses Trilemmas die These auf, dass jeder Versuch, eine Behauptung zu einer letztbegründeten und damit zweifelsfreien Wahrheit zu erheben, scheitern müsse. Somit widerspricht er dem klassischen Erkenntnisideal mit seinem Rekurs auf einen archimedischen Punkt, auf dem sichere Erkenntnis aufbauen kann. Nach Albert verliert sich jeder solche Letztbegründungsversuch in einer der Möglichkeiten des Münchhausen-Trilemmas. Diese sind:
Der infinite Regress: Jede Begründung erfordert ihrerseits eine Begründung. Der Zirkelschluss: Es wird eine Behauptung über ein Phänomen aufgestellt, die in dem behaupteten Phänomen selbst schon enthalten ist. Zum Beispiel: Warum legen Hühner Eier? Weil sie Hühner sind. Und warum sind sie Hühner? Weil sie Eier legen. Der willkürliche Abbruch des Begründungsverfahrens, d. h. ein Dogma wird aufgestellt.
Sollen bei der Zurückführung von Behauptungen auf ein sicheres Fundament der infinite Regress und der logische Zirkel vermieden werden, dann wird anhand des gerade erwähnten „Scheidungsbeispiels“ deutlich, dass der Abbruch des Begründungsverfahrens prinzipiell möglich und gangbar ist, weshalb er so oder ähnlich in der Praxis häufig angewandt wird. Der Abbruch des Begründungsverfahrens scheint ein festes Fundament des sicheren Wissens zu bieten, solange eine Behauptung gut genug gegen kritische Einwände immunisiert werden kann und damit zu einer absolut gültigen Behauptung erhoben wird, an der kein Zweifel möglich scheint oder gar nicht erst erlaubt sein soll. Doch ein solcher Abbruch der Begründungskette und die damit beabsichtigte Kritikimmunisierung ist nichts anderes als der Rekurs auf ein Dogma, das aufgestellt wird, um den Behauptungen das Risiko des Scheiterns an möglichen Einwänden zu nehmen. Dadurch bleibt der Akt der Willkür aber erhalten: Die Begründungskette wird an dem Punkt unterbrochen, der dem jeweils argumentierenden Menschen als genügend evident bzw. plausibel erscheint.
Albert schließt aus dem Münchhausen-Trilemma, nichts und niemand sei unfehlbar, vertritt also den Fallibilismus. Er versteht Aussagen über die Welt als stets vorläufige Setzungen. Diese können so lange als gültig angesehen werden, bis eine neue Theorie mit größerer Erklärungskraft entsteht, die die Welt umfassender und genauer beschreibt und größere Übereinstimmung mit anderen Theorien aufweist. Nach Albert kommt man der Wahrheit also durch Falsifikation, d. h. durch Prüfen und Verwerfen verschiedener Annahmen, nach und nach näher.
Alberts kritische Philosophie fasst sich selbst und damit auch seine eigenen Aussagen als Hypothese auf – eine Theorie, die sich der Kritik stellen muss, um durch das Entdecken von Fehlern und Irrtümern in unserem Erleben der Welt und unserem Nachdenken über dieselbe der vermuteten realen Existenzweise der Welt, und somit der Wahrheit dieser Welt, näher kommen zu können. Ein Zitat von Albert soll diese Zielsetzung verdeutlichen:
Albert setzte sich auch mit der Kritischen Psychologie Klaus Holzkamps auseinander.
Religionskritik „Religion kann definiert werden als […] der Glaube an numinose Wesenheiten personalen oder impersonalen Charakters – Götter, Geister, Dämonen, Engel oder göttliche Mächte –, die bestimmte Eigenschaften und Wirkungsmöglichkeiten haben und daher für das Schicksal der Menschen und damit auch für ihr Heil von Bedeutung sind, und […] eine damit verbundene Praxis der Mitglieder der betreffenden Gruppen, die geeignet ist, der Macht dieser Wesenheiten Rechnung zu tragen und sie im Sinne des eigenen Heils zu beeinflussen, also eine Kultur, die durch Heilstechnologie geprägt ist.“(Albert, 2000 #5997:142)
Albert, der sich selbst als dezidierten Atheisten sah,SWR2, Reihe Zeitgenossen: Hans Albert, Philosoph, Sendung vom Montag, 13. April 2009, 17.05 Uhr, im Gespräch mit Anja Höfer hat alle Formen des religiösen Glaubens und die real existierenden Religionen, insbesondere den Katholizismus, immer wieder scharf kritisiert.Vor allem in Albert 1979 und Albert 1982. Er wandte sich dabei ausdrücklich auch gegen liberale Theologen wie Rudolf Bultmann und Hans Küng. Gegen diese argumentierte er in erster Linie, dass die christliche Theologie keineswegs ohne Weiteres mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft vereinbar sei und vor allem auch logische Inkonsistenzen aufweise (z. B. das Theodizeeproblem). Die hier von Theologen und Philosophen diskutierten Auflösungsversuche hielt er für nicht stichhaltig.
Gegen den offiziellen Katholizismus machte Albert auch erhebliche ethische Einwände geltend: Er kritisierte hier einerseits Intoleranz und Autoritätsdenken, andererseits den Vergeltungsgedanken, der sich in den Vorstellungen von Höllenstrafen ohne jede Aussicht auf Gnade zeige.Vgl. besonders Albert 2008. Er kritisierte auch die Verteidigung religiöser Glaubenssysteme durch seinen alten Kontrahenten Jürgen Habermas, der damit der Aufklärung in den Rücken gefallen sei.
Auszeichnungen Eisernes Kreuz 2. Klasse 1976: Ernst-Hellmut-Vits-Preis 1984: Arthur-Burkhardt-Preis