mini|Satz herausnehmbarer verstellbarer Zahnspangen (Aktive Platte) Eine Zahnspange ist eine zahnmedizinische Apparatur, mit der Kiefer- und Zahnfehlstellungen korrigiert werden. Die Behandlung kann prinzipiell von jedem Zahnarzt ausgeführt werden. Fachzahnärzte für Kieferorthopädie haben sich jedoch durch eine zusätzliche drei- bis vierjährige Weiterbildung hierauf spezialisiert. Man bedient sich in der kieferorthopädischen Therapie unterschiedlicher Behandlungsformen und Behandlungsmittel, die umgangssprachlich als „Zahnspange“ oder „Zahnklammer“ bezeichnet werden.
Geschichte Edward H. Angle systematisierte zwischen 1890 und 1920 die kieferorthopädische Behandlung und legte die Grundlagen für die heute noch gebräuchliche festsitzende Spange (Brackets). In dieser Zeit entstand auch die erste herausnehmbare Dehnapparatur von Walther H. Coffin, die aus Kautschuk und Klavierdraht bestand. Mittels geeigneter Halteklammern entwickelte Georg B. Crozat ab etwa 1920 das erste System herausnehmbarer Apparaturen. Diese wurden aus Drähten verschiedener Dicke gefertigt (Crozat-Gerät).
Mit dem Aufkommen der Kunststoffmaterialien entwickelte Charles F. Nord in Holland die aktiven Platten als preisgünstiges und risikoarmes Behandlungsmittel. Sie wurden von Arthur Martin Schwarz und seinen Mitarbeitern diversifiziert. Neben Feder-Elementen wurden dabei auch Schraub-Elemente entwickelt, die Patienten nach Anleitung auch selbst nachstellen können.
Schon im Jahrzehnt zuvor hatten Vigo Andresen und Karl Häupl die Rolle der Mundmuskulatur in der Entstehung und Heilung von Fehlstellungen erkannt. Sie legten die Grundlagen der Funktionskieferorthopädie (FKO) und entwickelten den Aktivator als ein Behandlungsgerät für beide Kiefer. Zur Behandlung von Kindern fanden Aktivatoren und aktive Platten besonders in Europa Verbreitung. Bis in die 80er Jahre waren sie dort die vorherrschenden Behandlungsmittel.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden verschiedene grazilere Geräte aus dem damals klobigen Aktivator entwickelt, wie z. B. der Bionator nach Balters, der elastische offene Aktivator (EOA) nach Georg Klammt oder der in sich federnde Gebissformer nach Bimler (Wiesbaden). Elastische Anteile enthielt auch der als Universalgerät konzipierte Kinetor nach Stockfisch, der jedoch den Doppelplatten-Geräten zuzurechnen ist. Auf einem anderen Konzept basieren die Funktionsregler nach Rolf Fränkel. Ohne Kraft auf Zähne auszuüben, wirken sie über die Muskeln von Zunge, Lippen und Wangen auf eine gesunde Kieferentwicklung hin.
Bezeichnungen Umgangssprachlich existieren mehrere abwertende Bezeichnungen, wie zum Beispiel „Fressgitter“ oder „Schneeketten“. Oftmals werden die Zahnspangen im Volksmund auch „Hasenklammer“ genannt. Diese Bezeichnung erklärt sich aus den Wörtern „Klammer“ (oft von Kieferorthopäden benutztes Wort für Zahnspange) und dem Wort Hase bzw. Hasenzahn (Volksmund „Hasenzahn“ = Kieferfehlstellung, bei der der Oberkiefer über den Unterkiefer hinausragt). Allerdings werden nur die Geräte zur Behandlung von Angle-Klassen II,1 so genannt. Die später entwickelten, durchsichtigen Aligner werden auch „Kontaktlinse(n) für die Zähne“ genannt.
Behandlung und Therapiearten Grundsätzliches mini|Festsitzende Zahnspange Die Behandlung wird gerne unter Ausnutzung der natürlichen Wachstumsschübe (Alter der meisten Patienten zwischen 9 und 14 Jahren; Mädchen haben ihr Wachstumsmaximum durchschnittlich zwei Jahre früher als Jungen) durchgeführt. Eine regelrechte Behandlung dauert durchschnittlich 2–4 Jahre; die Dauer und die Vorhersage vor Behandlungsbeginn ist abhängig von der Zahn- und Kieferfehlstellung, der Art der Zahnspange und der Mitarbeit des Patienten. Daher ist das exakte Behandlungsende nur in den wenigsten Fällen genau zu datieren. Zur Mitarbeit gehören das regelmäßige Einhalten der Kontrolltermine, das Befolgen der Anweisungen des Kieferorthopäden (u. a. die Einhaltung der Tragezeit, etwaiges Nachstellen einer losen Zahnspange) und die Mundhygiene.
In einigen Fällen ist eine sogenannte „Frühmaßnahme“ sinnvoll: Wird z. B. durch einen Kreuzbiss (einer oder mehrere Zähne des Oberkiefers verzahnen innerhalb des unteren Zahnbogens; dies kann sowohl seitlich als auch vorne der Fall sein) das Wachstum gehemmt oder fehlgeleitet, soll durch die kieferorthopädische Therapie wieder ein regelrechtes, harmonisches Wachstum ermöglicht werden. Auch bei offenem Biss ist zur Verbesserung des Abbeißens eine frühzeitige Behandlung sinnvoll, sowie bei extremer Unterkieferrücklage zur Verbesserung der Kaufunktion und zur Unfallprophylaxe (zu weit vorstehende Schneidezähne sind häufig von Verlust oder Bruch betroffen). Eine Frühmaßnahme wird in der Regel zwischen dem 4. und 7. Lebensjahr begonnen und dauert in der Regel ein- bis eineinhalb Jahre.
Myofunktionelle Therapie Neben der „myofunktionellen Therapie“ mit gezielten Übungen und einfachen Hilfsmitteln zur Zahnbegradigung (Zahnspatel, Mundvorhofplatten usw.) kommt die Behandlung mit herausnehmbaren Geräten oder festsitzenden Apparaturen bei Kiefer- und Zahnfehlstellungen in Betracht.
Herausnehmbare Zahnspangen Bei den herausnehmbaren Apparaturen unterscheidet man aktive Platten für Ober- und Unterkiefer und funktionskieferorthopädische Geräte (FKO-Geräte). Aktive Platten, einschließlich Sonderformen wie z. B. Fächerdehnplatten, Y-Platten, Vorschub- oder Rückschubdoppelplatten, eignen sich besonders für Kinder im Wechselgebiss-Stadium. Dort können sie den Zähnen Platz schaffen und auch verengte Lücken wieder öffnen. Die neuen Zähne können sie einreihen und die Kongruenz der Zahnbögen herstellen. Im bleibenden Gebiss kommen aktive Platten für geringere Zahnbewegungen zum Einsatz.
FKO-Geräte beeinflussen das Kieferwachstum mit dem Ziel einer normalen Bisslage (Neutralokklusion), wobei sie auch muskuläre Dysbalancen im Mundbereich normalisieren, die mit der Fehlstellung verbunden sind. Werden FKO-Geräte entsprechend eingeschliffen, können sie im Fall von vertikalen Anomalien (Tiefbiss, offener Biss) die Zähne auch schmerzlos in eine Ebene wachsen lassen.
Diese herausnehmbaren Zahnspangen werden individuell auf Gipsmodellen angefertigt und in vielen Farben und teils auch mit kindgerechten Bildmotiven angeboten. Den Kindern / Eltern wird eine Mindesttragezeit vorgegeben, die einzuhalten ist, wenn sich ein Behandlungserfolg einstellen soll. Im Laufe einer Behandlung werden manchmal auch mehrere Geräte eingesetzt, z. B. ein herausnehmbares Gerät nach einer festen Spange, um etwaige Rückbewegungen der Zähne zu vermeiden (Retainer).
Ein in der ganzheitlichen Kieferorthopädie beliebtes Gerät ist der Bionator, der Sog-Kraft-Förderung in den Vordergrund stellt. Bisweilen verwenden ganzheitliche Behandler auch Crozat-Geräte.
Konfektionierte Trainer wie z. B. der Schienenaktivator sind zwischen den myofunktionellen Hilfsmitteln und den funktionellen Geräten einzuordnen.
Ein relativ neues Produkt sind Korrekturschienen (Aligner) aus transparentem Kunststoff. Im Gegensatz zu klassischen Zahnspangen besitzen Aligner keine verstellbaren Elemente, sondern es werden nach Erstellung eines Abdrucks und Festlegung des Behandlungsziels computergestützt mehrere Zwischenschritte mit einem 3D-Computergrafikverfahren berechnet und eine entsprechende Anzahl transparenter Plastikschienen gefertigt. Diese Aligner werden nacheinander für jeweils 2 Wochen getragen. Es gibt auch optimierte Verfahren mit Behandlungszyklen aus weichen und härteren Schienen. Bei Behandlungszeiträumen von 9 bis 18 Monaten fallen bis zu 36 Schienen an. Die Aligner sind beim Essen und zur Zahnreinigung leicht entfernbar und kaum sichtbar. Die Aussprache kann zu Beginn der Behandlung mehr oder weniger beeinflusst werden, wobei in der Regel mit der Zeit eine Verbesserung eintritt.
Festsitzende Zahnspange Arten festsitzender Zahnspangen Multiband- bzw. Multibracketapparatur Herbstscharnier Delaire-Maske
Bei den festsitzenden Zahnspangen unterscheidet man die intraorale, auf die Zähne aufgebrachte Multiband- oder Multibracketapparatur und die von extraoralen Hilfsmitteln (Gesichtsmasken, Headgear usw.).
Die verwendeten Materialien der Multibracketapparaturen (Zahnklammer) reichen von Edelstahl über Titan, Kunststoff bis hin zum durchsichtigen Keramikbracket. Die Brackets werden nach dem Anätzen des Zahnschmelzes auf die Zähne geklebt. Die Brackets dienen zur Befestigung eines Drahtes, der die Zähne in die gewünschte Position drückt. Metallbrackets und der Draht sind deutlich sichtbar. Durch Verwendung von Keramikbrackets in Zahnfarbe und teflonbeschichtete Drähte kann die Optik jedoch wesentlich unauffälliger gestaltet werden. Eine Beeinflussung der Aussprache erfolgt aber in jedem Fall.
Mit Hilfe der festsitzenden Multibandapparatur können Zähne in jedem Lebensalter bei ausreichendem Kieferknochen begradigt werden. Nach dem Einsetzen kann die Apparatur tage- bis wochenlang Schmerzen bereiten, und der Betroffene kann eventuell nicht schmerzfrei kauen. Auch kommt es häufig zu Reizungen der Mundschleimhaut und bei einigen Patienten auch zu vermehrtem Auftreten von Aphthen.
Ein wesentliches Problem der festsitzenden Zahnspange ist die Tatsache, dass die Spange über Jahre ununterbrochen getragen werden „muss“ und nicht in Ausnahmefällen abgelegt werden kann (Sport, Fotos, Auftritte). Dieses Problem wird zu Behandlungsbeginn vielfach unterschätzt bzw. kann aufgrund des langen Zeitraums oftmals nicht objektiv abgeschätzt werden, insbesondere weil bei den verantwortlichen Personen (Eltern), die über die Art der Spange entscheiden, die eigene Erfahrung mit festen Spangen oftmals fehlt. Wenn man sich aufgrund der Kieferfehlstellung zwischen einer losen und einer festen Apparatur entscheiden kann, sehen sie bei einer festen Spange primär den Vorteil, dass das Kind im Vergleich zur losen Apparatur bei der Tragezeit nicht mogeln kann. Ästhetische und psychische Gründe werden häufig übergangen, sind aber für den Patienten nicht zu unterschätzen. Auch bei geschlossenem Mund ist eine festsitzende Zahnspange oft zu ahnen, da die Lippen etwas nach vorne gedrückt werden und der gesamte Mundbereich größer wirkt.
Unterschiedliche Multibracket-Behandlungsverfahren In der Kieferorthopädie existieren ganz unterschiedliche Multibandapparaturen.B. Kahl-Nieke: Einführung in die Kieferorthopädie. Deutscher Zahnärzte Verlag, 2010, S. 236. Die Apparaturen unterscheiden sich maßgeblich durch das Design des Brackets. Der Aufbau des Brackets entscheidet darüber, wie die Kräfte des Drahtes auf den Zahn übertragen werden. Die moderne Kieferorthopädie versucht mit möglichst leichten und genau dosierten Kräften die Zähne zu bewegen, da dies einen erheblichen Einfluss auf den Komfort der Behandlung besitzt. Ein Gradmesser für die Qualität der Behandlung sind die sogenannten Friktionswerte der Brackets. Folgende Behandlungsverfahren und Brackets können unterschieden werden.