Fentanyl (auch Fentanil) ist ein synthetisches Opioid, das zur Linderung starker akuter und chronischer Schmerzen eingesetzt wird, schwerpunktmäßig in der Palliativmedizin und bei Durchbruchschmerzen. Angewendet wird es als Injektion, Pflaster, Nasenspray und als Zubereitung zur Aufnahme über die Mundschleimhaut. Der Wirkstoff wirkt als Vollagonist am μ-Opioidrezeptor. Fentanyl ist seit dem Jahr 2017 von der Weltgesundheitsorganisation als unentbehrliches Arzneimittel eingestuft.
Aufgrund seines Suchtpotenzials ist es unter anderem dem deutschen und Schweizer Betäubungsmittelgesetz sowie dem österreichischen Suchtmittelgesetz unterstellt und wird per Betäubungsmittelrezept verschrieben. In den Vereinigten Staaten prägen Fentanyl und seine Abkömmlinge seit den 2010er Jahren die dritte Welle der Opioid-Epidemie, indem sie verbreitet als Rauschmittel verwendet werden und für eine hohe Anzahl von Todesfällen durch Überdosierung verantwortlich sind.
Geschichte Im Jahr 1937 gelang es Chemikern der Hoechster Farbwerke zum ersten Mal in der Geschichte, mit Pethidin und Methadon zwei vollsynthetische Opioidanalgetika zu synthetisieren. Diese waren zu Beginn der 1950er Jahre international verfügbare Arzneistoffe. Dem Belgier Paul Janssen, der 1953 das Unternehmen Janssen Pharmaceutica gegründet hatte, dienten diese beiden Prototypen als Vorlage für eine Entwicklung, aus der in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre Dextromoramid und Phenoperidin hervorgingen. Arnold Beckett und Alan Casy postulierten im Jahr 1954 die Existenz von Opioidrezeptoren, doch von der Kenntnis hochaufgelöster Rezeptorstrukturen, die heute (Stand 7/2024) die professionelle Wirkstoffgestaltung prägt, war man damals weit entfernt. Der Leitgedanke, durch Erhöhung der Wirkstoff-Lipophilie die Hirngängigkeit und damit einhergehend die Wirksamkeit zu steigern, gipfelte in der Entdeckung des Fentanyls. Von Janssen erstmals im Dezember 1960 synthetisiert, erwies es sich als das potenteste legalmarkttaugliche Opioidanalgetikum seiner Zeit, mit einer höheren therapeutischen Breite als Morphin.T. H. Stanley: The history and development of the fentanyl series. In: Journal of pain and symptom management. Band 7, Nummer 3 Suppl, April 1992, S. S3–S7, doi:10.1016/0885-3924(92)90047-l, PMID 1517629.T. H. Stanley: The Fentanyl Story. In: The Journal of Pain, Band 15, Nummer 12, Dezember 2014, S. 1215–1226, doi:10.1016/j.jpain.2014.08.010Silvia L. Cruz: Opioids. Springer International Publishing 2022, ISBN 978-3-031-09935-9, doi:10.1007/978-3-031-09936-6. S. 165.J. Black: A personal perspective on Dr. Paul Janssen. In: Journal of medicinal chemistry. Band 48, Nummer 6, März 2005, S. 1687–1688, doi:10.1021/jm040195b, PMID 15771410. Fentanyl wurde ab dem Jahr 1963 in mehreren westeuropäischen Ländern als Injektionsanalgetikum vermarktet. Da die Food and Drug Administration anfangs Bedenken gegen die Anwendung wegen des Missbrauchsrisikos erhob, wurde es in den Vereinigten Staaten erst 1968 zugelassen,M. P. Davis, B. Behm: Reasons to avoid fentanyl. In: Annals of palliative medicine. Band 9, Nummer 2, März 2020, S. 611–624, doi:10.21037/apm.2020.01.12, PMID 32156127. und zwar zunächst als Kombipräparat, versetzt mit dem Neuroleptikum Droperidol, ab 1972 als Einzelstoff unter dem Handelsnamen Sublimaze. Nach Ablauf des Patentschutzes wurde es ab dem Jahr 1981 generisch angeboten, worauf sich in den Vereinigten Staaten der Absatz verzehnfachte. Fentanyl wurde im Laufe der Zeit zu einem der weltweit am häufigsten verwendeten Opioidanalgetika. In der weiteren Entwicklungsgeschichte wurden aus Fentanyl durch Modifikation der Molekülstruktur zahlreiche Analoga entwickelt. Unter ihnen erreichten Sufentanil im Jahr 1984, Alfentanil 1986 und Remifentanil 1996 die Marktreife.
Auch bei den Darreichungsformen gab es Entwicklungen. In den 1990er Jahren wurden Fentanylpflaster für die Zufuhr des Wirkstoffs durch die Haut entwickelt. Im Jahr 1998 wurden Fentanyllutschtabletten zugelassen, ab 2009 folgten wasserlösliche Fentanylschmelzfilme als Formulierungen für die Resorption über die Mundschleimhaut. Jüngere Formulierungen solcher Rapid-Onset Opioids (ROOs) ermöglichen die Applikation von Fentanyl über die Nase (Nasenspray).
Seit 2004 wird Fentanyl als Lutschtabletten vom US-Militär in der Versorgung von Verwundeten auf dem Gefechtsfeld als Alternative zu Morphin empfohlen. Es gibt Bestrebungen, dieses durch Sufentanil zu ersetzen, um ein geringeres Nebenwirkungsspektrum und Missbrauchspotenzial zu erzielen.Kim SY, Buckenmaier CC, Howe EG, Choi KH. The Newest Battlefield Opioid, Sublingual Sufentanil: A Proposal to Refine Opioid Usage in the U.S. Military. Mil Med. 2022 Mar 28;187(3-4):77-83. doi: 10.1093/milmed/usab395.
Seit 1979 wird Fentanyl auch illegal hergestellt und als Rauschmittel verwendet.Y. Han, W. Yan, Y. Zheng, M. Z. Khan, K. Yuan, L. Lu: The rising crisis of illicit fentanyl use, overdose, and potential therapeutic strategies. In: Translational psychiatry. Band 9, Nummer 1, November 2019, S. 282, doi:10.1038/s41398-019-0625-0, PMID 31712552, . Die Verbreitung als Rauschmittel nimmt seit den 2010er Jahren in Nordamerika, der EU und Großbritannien zu und hat ihren Schwerpunkt in den Vereinigten Staaten.Silvia L. Cruz: Opioids. Springer International Publishing 2022, ISBN 978-3-031-09935-9, doi:10.1007/978-3-031-09936-6. S. 53, 87. Das für den Schwarzmarkt bestimmte Fentanyl wurde ab 2013 größtenteils in China hergestellt. Da seit 2019 in China die Herstellung und Anwendung von Fentanyl kontrolliert wird, werden zunehmend die Vorläuferstoffe von China nach Mexiko geliefert, wo Labore dort ansässiger Drogenkartelle die Endproduktion übernehmen. Aufgrund der Opioidkrise wurde die Substanz im Dezember 2025 von US-Präsident Donald Trump als Massenvernichtungswaffe eingestuft.
Die Datenbank Pubmed zählt unter dem Stichwort Fentanyl 28.064 wissenschaftliche Veröffentlichungen für die Zeitspanne zwischen Juni 1963 und Juni 2023. Seit 2019 liegt das jährliche Publikationsaufkommen bei etwa 1.000.
Wirkung Fentanyl wirkt stark schmerzlindernd (analgetisch) und sedierend, daneben auch atemdepressiv, antitussiv, pulsverlangsamend, blutdrucksenkend, verstopfend und teils euphorisierend.Holger Thiel, Norbert Roewer: Anästhesiologische Pharmakotherapie. Allgemeine und spezielle Pharmakologie in Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Georg Thieme, Stuttgart / New York 2004, ISBN 3-13-138261-9, S. 173–176. Der Konsum von Fentanyl aktiviert das Belohnungssystem und wirkt verstärkend, was hauptursächlich zum Missbrauch und zu Todesfällen durch Überdosierung beiträgt.Y. Han, L. Cao, K. Yuan, J. Shi, W. Yan, L. Lu: Unique Pharmacology, Brain Dysfunction, and Therapeutic Advancements for Fentanyl Misuse and Abuse. In: Neuroscience bulletin. Band 38, Nummer 11, November 2022, S. 1365–1382, doi:10.1007/s12264-022-00872-3, PMID 35570233, . Im Vergleich zu anderen Opioiden verursacht Fentanyl eine stärkere Muskelstarre. Die Rauschwirkung wird von Opioiderfahrenen als vergleichsweise „langweilig“ charakterisiert.Drogenlexikon drugcom.de: Fentanyl
Medizinische Anwendung Anwendungsgebiete Fentanyl wird unter anderem in der Anästhesie,S. Mohsin, Z. Ahmad Ganaie, H. Kundi, M. B. Ahmed, B. Riaz, N. Khurshid Ahmed, V. Anirudh Chunchu, A. Haq: Comparison of Fentanyl and Dexmedetomidine in Preventing an Increase in Heart Rate During Intubation Among Patients Undergoing General Anesthesia: A Meta-Analysis. In: Cureus. Band 14, Nummer 6, Juni 2022, S. e26194, doi:10.7759/cureus.26194, PMID 35891845, . Onkologie,P. J. Wiffen, B. Wee, S. Derry, R. F. Bell, R. A. Moore: Opioids for cancer pain – an overview of Cochrane reviews. In: The Cochrane database of systematic reviews. Band 7, Nummer 7, Juli 2017, S. CD012592, doi:10.1002/14651858.CD012592.pub2, PMID 28683172, .G. E. Plante, T. B. VanItallie: Opioids for cancer pain: the challenge of optimizing treatment. In: Metabolism: clinical and experimental. Band 59 Suppl 1, Oktober 2010, S. S47–S52, doi:10.1016/j.metabol.2010.07.010, PMID 20837194. Militärmedizin, PalliativmedizinS. J. Friedrichsdorf: From Tramadol to Methadone: Opioids in the Treatment of Pain and Dyspnea in Pediatric Palliative Care. In: The Clinical journal of pain. Band 35, Nummer 6, Juni 2019, S. 501–508, doi:10.1097/AJP.0000000000000704, PMID 30985399. und GeburtsheilkundeE. C. Moisés, L. de Barros Duarte, R. de Carvalho Cavalli, V. L. Lanchote, G. Duarte, S. P. da Cunha: Pharmacokinetics and transplacental distribution of fentanyl in epidural anesthesia for normal pregnant women. In: European Journal of Clinical Pharmacology. Band 61, Nummer 7, August 2005, S. 517–522, doi:10.1007/s00228-005-0967-9, PMID 16021436.J. A. Nanji, B. Carvalho: Pain management during labor and vaginal birth. In: Best practice & research. Clinical obstetrics & gynaecology. Band 67, August 2020, S. 100–112, doi:10.1016/j.bpobgyn.2020.03.002, PMID 32265134. als Schmerzlinderungsmittel eingesetzt.
In der Anästhesie wird es zur Narkose, zur Spinal-N. M. Fonseca, G. M. Guimarães, J. P. Pontes, L. M. Azi, R. de Ávila Oliveira: Safety and effectiveness of adding fentanyl or sufentanil to spinal anesthesia: systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. In: Brazilian journal of anesthesiology. Dezember 2021, doi:10.1016/j.bjane.2021.10.010, PMID 34954261. und zur Epiduralanästhesie verwendet. Fentanyl ist das meistverwendete Opioid-Anästhetikum für Analgesie während einer Operation, unter anderem weil es wenige kardiovaskuläre Effekte und wenig Histaminausschüttung hervorruft. Haupteinsatzgebiet der intravenösen Form ist die Gabe als Schmerzmittel bei Operationen in Verbindung mit einem Schlafmittel und wahlweise einem muskelentspannenden Mittel (Muskelrelaxans). Je nach Wahl des Schlafmittels spricht man von „balancierter Anästhesie“ oder „totaler intravenöser Anästhesie“ (TIVA). Wegen der Gefahr der Atemdepression ist eine ständige Überwachung und das Bereithalten einer Beatmungsmöglichkeit erforderlich. Aufgrund der Lipophilie (guten Lösbarkeit in Fetten) wird Fentanyl teilweise schwer kontrollierbar im Fettgewebe eingelagert und wieder freigegeben. Deshalb werden heute anstelle von Fentanyl häufig die weniger lipophilen verwandten Stoffe Alfentanil und Remifentanil verwendet. Bei fentanylhaltigen Wirkstoffpflastern ist wegen der gleichmäßigen Wirkung und der im Vergleich zur Anästhesie meist deutlich geringeren Dosis nach einer Einstellungsphase keine ständige Überwachung der Vitalfunktionen nötig.
Anwendungsformen mini|Ein transdermales Pflaster mit einer Freisetzungsrate von 12 Mikrogramm Fentanyl pro Stunde am Arm einer Person mini|Lutschtablette (400 Mikrogramm Fentanyl) mit Applikator
Gebräuchlich ist Fentanyl als Base sowie als Dihydrogencitrat-Salz.DailyMed: Fentanyl citrate injection, solution (Hospira, Inc.). Es gibt vier Anwendungsformen: Injektionslösung, insbesondere für die Anästhesie oder Notfallmedizin; auf die Haut geklebtes Membranpflaster bzw. Matrixpflaster, das den Wirkstoff mit wahlweise 12,5, 25, 37,5, 50, 75, 100 oder 150 Mikrogramm pro Stunde zur Aufnahme über die Haut freisetzt; teilweise auch per Iontophorese.S. A. Schug, S. Ting: Fentanyl Formulations in the Management of Pain: An Update. In: Drugs. Band 77, Nummer 7, Mai 2017, S. 747–763, doi:10.1007/s40265-017-0727-z, PMID 28337672. Durch Wärmeeinwirkung kann die Freisetzungsgeschwindigkeit aus dem System, die Permeation durch das Stratum corneum, eine Schicht in der Oberhaut, und die kutane Durchblutung gesteigert werden. Die Erhöhung der Körpertemperatur von 37 °C auf 40 °C erhöht den Plasmaspiegel um 25 bis 33 %.Wolfgang Kircher (2007): „Transdermalpflaster: Eine Applikationsform mit hohem Beratungsbedarf“, Deutsche Apothekerzeitung