Hellmut Weese (* 18. März 1897 in München; † 24. Januar 1954 in Wuppertal) war ein deutscher Arzt, Pharmakologe und Universitätsprofessor. Mit der Entwicklung des Hexobarbitals (Handelsname Evipan), des ersten kurzwirkenden Injektionsnarkotikums, hat er 1932 die Anästhesiologie grundlegend verändert. Auch gilt er als der Vater der Plasmaexpander.
Leben Weeses Familie stammte väterlicherseits ursprünglich aus Schlesien. Seine Eltern waren der Kunsthistoriker Arthur Weese (1868–1934) und dessen Frau Grete Weese, geborene Förster. 1905 zog die Familie nach Bern, wo der Vater Ordinarius seines Faches wurde.Weese, Arthur im Dictionary of Art Historians, abgerufen am 22. November 2013. Im Ersten Weltkrieg seit 1916 Frontsoldat, studierte Hellmut ab 1919 an den Universitäten Bern, Zürich und München Medizin. 1924 legte er das medizinische Staatsexamen ab und promovierte im selben Jahr mit der Arbeit „Ein Beitrag zur Genese der Karzino-Sarkome“. Ebenfalls 1924 heiratete er seine gut drei Jahre jüngere Kommilitonin Johanna Barsch. Die Ehe wurde nach fünf Jahren geschieden.Manfred Berger: Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Johanna Haarer. In: Martin R. Textor (Hrsg.): Kindergartenpädagogik – Online-Handbuch. Abgerufen am 22. November 2013. Von 1925 bis 1929 war Weese Assistent bei Walther Straub am Münchener Pharmakologischen Institut, wo er sich 1928 mit einer Arbeit über Herzglykoside für Pharmakologie und Toxikologie habilitierte. 1929 trat er, in München beurlaubt, als Nachfolger von Fritz Eichholtz die Leitung der pharmakologischen Laboratorien der I.G. Farbenindustrie AG in Elberfeld (heute Ortsteil von Wuppertal) an. Er ließ sich an die Universität zu Köln umhabilitieren und wurde dort 1936 außerordentlicher Professor. Im Zweiten Weltkrieg war er zunächst beratender Pharmakologe beim Heer, konnte aber ab 1940 – von mehreren Frontkommandos unterbrochen – seine Arbeit in Elberfeld fortsetzen.
1945 übernahm er, der als politisch unbelastet galt, das Amt eines Stadtverordneten von Elberfeld.Krayer 1998. 1946 wurde er zum Nachfolger von Ludwig Heilmeyer auf den Lehrstuhl für Pharmakologie an der Medizinischen Akademie Düsseldorf berufen. Er hatte ihn bis 1950 inne. 1948 und 1949 war er Prorektor der Medizinischen Akademie. Im Wintersemester 1948/49 begann er eine Reihe von Vorlesungen zur Klinischen Anästhesiologie. Daneben forschte er weiter bei der aus der I.G. Farbenindustrie ausgegliederten Bayer AG. Er half bei der Neukonstituierung der Deutschen Pharmakologischen Gesellschaft nach dem Krieg als stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer. In Düsseldorf richtete er im September 1948 ihre zweite Nachkriegstagung aus. Zu seinen Schülern in Wuppertal gehörte der Chirurg und Anästhesiologe Friedrich Wilhelm Ahnefeld.W. Dick: Friedrich-Wilhelm Ahnefeld zum 60. Geburtstag. In: Der Anaesthesist. Band 33, Heft 1, Januar 1984, S. 1–3, hier: S. 1. Mit dem Chirurgen Hans Killian plante Weese die Herausgabe eines Narkose-Handbuchs, erlebte aber dessen Vollendung nicht. Er starb wenige Tage nachdem er in seinem Wuppertal-Elberfelder Labor beim Sturz von einer Leiter einen Schädelbasisbruch erlitten hatte. Sein Nachfolger bei Bayer, Wolfgang Wirth, half, dass das Handbuch noch 1954 erschien.Hans Killian, Hellmut Weese (Hrsg.): Die Narkose, ein Lehr- und Handbuch. Georg Thieme-Verlag, Stuttgart 1954. Sein Nachfolger auf dem Düsseldorfer Lehrstuhl wurde Fritz Hahn.
Forschung Herzglykoside Die Herzglykoside aus dem Roten Fingerhut Digitalis purpurea und anderen Pflanzen waren Walther Straubs Hauptarbeitsgebiet. Ein Jahr vor Weeses Eintritt in sein Münchener Institut hatte er das Wissen dazu im Handbuch der experimentellen Pharmakologie zusammengefasst.W. Straub: Die Digitalisgruppe. In: Handbuch der experimentellen Pharmakologie Band 2, 2. Hälfte. Springer-Verlag, Berlin 1924 Von stichhaltigen Erkenntnissen über ihre molekulare Wirkungsweise und ihre Pharmakokinetik, also ihr Schicksal im menschlichen und tierischen Organismus, war man weit entfernt. Dem letzteren Aspekt widmete sich Weese. Vier Detailuntersuchungen sind daraus hervorgegangen, dazu 1936 eine Monographie, die er seinem Lehrer Straub widmete.Hellmut Weese: Digitalis. Georg Thieme-Verlag, Leipzig 1936. In der ersten Detailpublikation schreibt Weese: „Über das ... Schicksal der Digitaliskörper in den Organen und Geweben sind wir nur mangelhaft und oft widersprechend unterrichtet. Dies wird verständlich, wenn man die Schwierigkeit bedenkt, die geringen, im pharmakologischen Experiment zulässigen Glykosidmengen quantitativ zu bestimmen.“ Auch Weese hat diese Schwierigkeit nicht überwunden. Er blieb für die Schätzung von Glykosidmengen auf die pharmakologischen Wirkungen beim intakten Organismus oder bei isolierten Organen angewiesen.N. Rietbrock, B. G. Woodcock: Pharmacokinetics of digoxin and derivatives. In: K. Greef (Hrsg.): Cardiac Glycosides. Handbook of Experimental Pharmacology Band 56/II. Springer-Verlag, Berlin 1981. ISBN 3-540-10918-8. Brauchbare Analyseverfahren hat später vor allem Kurt Repke entwickelt.Klaus Starke: A history of Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology. In: Naunyn-Schmiedeberg’s Archives of Pharmacology. Band 358, 1998; S. 1–109, hier: S. 66. PMID 9721010. doi:10.1007/PL00005229 Weeses Monographie fand breite Anerkennung.Krayer 1998.
Für seine Digitalis-Experimente musste Weese die Strömungsgeschwindigkeit des Blutes messen. Er entwickelte dazu eine „mechanische, automatisch registrierende Stromuhr für den geschlossenen Kreislauf“. Die „Weese-Stromuhr“ bewährte sich nicht nur in seinen eigenen Händen, sondern auch bei anderen Forschern.Krayer 1998.
Methylphenobarbital Zu Beginn seiner Tätigkeit bei Bayer arbeitete Weese möglicherweise noch an den Dosierungsempfehlungen für das von seinem Vorgänger Eichholtz erforschte Tribromethanol (Avertin) zur Basisnarkose mit,Michael Goerig, Jochen Schulte am Esch (1997). das er bald übertrafe. Der erste von ihm selbst pharmakologisch verantwortete Arzneistoff war das Methylphenobarbital, Prominal. Es diente jahrzehntelang als Antiepileptikum, besitzt aber keinen Vorteil gegenüber der Stammverbindung Phenobarbital, die als einziges Antiepileptikum aus der Reihe der Barbiturate heute (2013) noch verwendet wird.
Hexobarbital Seine vielleicht bedeutendste Entdeckung machte Weese bei der Untersuchung eines weiteren, in der I.G. Farbenindustrie von Walther Kropp (1885–1939) und Ludwig Taub (1877–1956)Goerig und andere 1997. synthetisierten Barbiturats, des Hexobarbitals (Handelsname Evipan). Anders als bei anderen Barbituraten erwachten die Versuchstiere schon etwa 30 Minuten nach einer schlaferzeugenden Dosis wieder. Die Autoren Weese und Walter Scharpff, welche mit ihrer Publikation 1932 das Evipan in Deutschland einführten,H. Orth, I. Kis: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32, hier: S. 16 und 26. folgern:Hellmut Weese, Walter Scharpff: Evipan, ein neuartiges Einschlafmittel. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 58, Nr. 31, (29. Juli) 1932, S. 1205–1207, doi=10.1055/s-0028-1123566. „Evipan ist ein neues Schlafmittel mit charakteristischen Eigenschaften. Es erzeugt schnell einen ruhigen tiefen Schlaf, seine Wirkung ist nur von kurzer Dauer. Es eignet sich daher wie kein anderes Mittel für Schlaflose, die nicht einschlafen können, und für solche, die früh erwachen. […] Infolge seiner kurzen Wirkungsdauer machen sich am anderen Tage unangenehme Nachwirkungen nicht bemerkbar.“
Weese überlegte, ob sich der Stoff auch „als injizierbares Narkotikum für Kurznarkosen“ eigne. „Eine Verdrängung des Ätherrausches durch eine die Psyche des Patienten schonende Injektionsnarkose von 5–15 Minuten Dauer […] dürfte Ärzten und Patienten gleich willkommen sein. “ Als Natriumsalz ließ sich Hexobarbital in Lösung bringen, und die pharmakologische Analyse in Tierversuchen „rechtfertigte die Übergabe des Präparates an die Kliniker.“Hellmuth Weese: Pharmakologie des intravenösen Kurznarkotikums Evipan-Natrium. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 59, Nr. 2, (13. Januar) 1933, S. 47–48, doi=10.1055/s-0028-1131421. Noch im selben Heft der Deutschen Medizinischen Wochenschrift schlossen sich klinische Berichte an. Im ersten heißt es, die Narkose mit Evipan-Natrium, genannt Evipannarkose,Vgl. etwa Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 66. verdiene „weiteren Ausbau nach jeder Richtung hin ... als Rausch, als Basisnarkose mit Zusatz von Äther bzw. Äthylchlorid und als häufig sich von selbst entwickelnde Vollnarkose“. Bereits 1933 wurden etwa 10.000 und in den ersten zehn Jahren nach seiner Einführung etwa 10.000.000 Patienten mit Evipan-Natrium narkotisiert. Killians Einschätzung, Weese sei zum „Schöpfer der modernen intravenösen Narkose <geworden>, welche förmlich einen Siegeszug durch die Welt nahm,“zitiert nach Goerig und andere 1997. hat bis heute Bestand.Krayer 1998.
Evipan selbst ist allerdings obsolet. Butalithal oder Baytinal, an dem Weese später mitarbeitete, wurde aus patentrechtlichen Gründen nicht eingeführt.Krayer 1998. Nur noch zwei Barbiturate werden heute als intravenöse Kurznarkotika gebraucht, das kurz nach dem Hexobarbital, 1935, in den USA erfundene Thiopental und das Ende der 1950er Jahre ebenfalls in den USA entwickelte Methohexital.K. Engelhard, C. Werner: Narkose – Inhalations- und Injektionsanästhetika. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann und K. Starke (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 11. Auflage, München, Elsevier GmbH 2013, Seite 241–260. ISBN 978-3-437-42523-3
Plasmaexpander Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Volumenersatz bei Blutverlust eines der drängendsten medizinischen Probleme. Die Gabe reiner Lösungen anorganischer Elektrolyte ist in solchen Fällen insofern nachteilig, als das zugeführte Wasser aufgrund der guten Membrangängigkeit der in ihm gelösten Salze recht schnell aus dem Intravasalraum verschwindet und somit nicht mehr für die Aufrechterhaltung des Blutkreislaufs zur Verfügung steht. Eine denkbare Lösung des Problems boten hochmolekulare Kolloide an, die aufgrund ihrer Molekülgröße bis zu ihrer enzymatischen Zerlegung in der Blutbahn verbleiben und dadurch den kolloidosmotischen Druck des Blutplasmas erhöhen, wodurch eine entsprechende Menge Wasser in der Blutbahn gehalten wird. Dieses Prinzip war erstmals auf Anregung des britischen Physiologen William Bayliss im Ersten Weltkrieg eingesetzt worden; er hatte die Injektion von Gummi arabicum zur Kolloidtherapie vorgeschlagen, doch angesichts schwerer Nebenwirkungen war das Konzept bald darauf wieder fallengelassen worden. Vor allem blieb das Gummi arabicum jahrelang in Milz, Leber und Nieren gespeichert und schädigte diese Organe.