mini|Shermin Langhoff, 2010 Shermin Langhoff (* 9. Dezember 1969 als Şermin Özel in Bursa, Türkei) ist eine deutsche Theatermacherin. Mit der Neueröffnung des Berliner Ballhauses Naunynstraße 2008 begründete sie das postmigrantische Theater. Von 2013 bis 2026 war sie Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin.

Leben Langhoffs Großmutter ist griechischer Herkunft, ihr Großvater stammt von tscherkessischen Adeligen ab. Kurz nach ihrer Geburt wurde sie zu den Großeltern nach Edremit gebracht. 1978 kam sie mit neun Jahren zu ihrer Mutter nach Deutschland, die als Gastarbeiterin bei der AEG in Nürnberg arbeitete.Mely Kiyak: In: Die Zeit, 27. Februar 2011. Nach ihrer Schulzeit am Hans-Sachs-Gymnasium absolvierte sie erst eine Lehre als Verlagskauffrau und volontierte zur Redakteurin im Verlag Bildung und Wissen. Nach einigen Jahren im Verlag wandte sie sich beruflich der Filmbranche zu und absolvierte ein Volontariat in der Film- und Fernsehproduktion des NDR. Anschließend arbeitete sie als Aufnahme- und Produktionsleiterin, dann als Produzentin und Regieassistentin. In: toepfer-fvs.de.

Sie war von 1996 bis 2017 mit dem Theaterregisseur Lukas Langhoff verheiratet, dem sie bereits in Nürnberg begegnet war. Durch ihn lernte sie die Berliner Volksbühne kennen. Ihre gemeinsame Tochter wurde 1998 geboren. Im Jahr 2012 wurde sie zur Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin berufen als Nachfolgerin von Armin Petras.

Arbeit Sie rief das Filmfestival Türkei/Deutschland in Nürnberg ins Leben und versammelte dort türkischstämmige Künstler aus ganz Deutschland. 2003 gründete Langhoff das deutsch-türkische Kulturbüro „KulturSprünge“ in Berlin, das 2004 das Filmfest Europe in Motion veranstaltete. Im selben Jahr bearbeitete sie im Hebbel am Ufer (HAU) für das Theaterprojekt „X-Wohnungen – Migration“. Mit dem Regisseur Fatih Akın arbeitete sie für das Filmdrama Gegen die Wand von 2004 und den Musikdokumentarfilm Crossing The Bridge – The Sound of Istanbul von 2005 zusammen.

Sie wurde Kuratorin am HAU und entdeckte und förderte in einer „Akademie der Autodidakten“ viele Talente der zweiten türkischen Einwanderergeneration für Film und Theater. 2006 entstand Langhoffs Projekt Beyond Belonging. Migration, zu dem u. a. Ayşe Polat und Feridun Zaimoğlu Theaterproduktionen beisteuerten. 2007 kuratierte sie die zweite Ausgabe des Projekts Beyond Belonging. Autoput Avrupa mit Stücken und Inszenierungen u. a. von Nurkan Erpulat und Rimini Protokoll. 2008 kuratierte sie in ebendiesem Rahmen das Format Ceza & Friends, eine Open-Mike-Session mit dem Rapper Ceza.

Von 2008 bis 2013 war sie künstlerische Leiterin im Ballhaus Naunynstraße im Berliner Ortsteil Kreuzberg, das nach seinem Umbau mit Dogland – junges postmigrantisches Theaterfestival wiedereröffnete. Shermin Langhoff prägte zu diesem Festival den Begriff des postmigrantischen Theaters, der seitdem zu einer Konstante in den gesellschaftlichen Debatten um das Einwanderungsland Deutschland geworden ist und als Konzept im akademischen Bereich vielfach untersucht worden ist. Mehrere Ballhaus-Produktionen, insbesondere Verrücktes Blut von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, erregten internationales Aufsehen. Erpulats Inszenierung wurde zum Berliner Theatertreffen und zahlreichen internationalen Festivals eingeladen.

Im Jahr 2013 wechselte sie als Intendantin ans Berliner Maxim-Gorki-Theater. In: rbb-online.de, 1. August 2012.Berliner Toleranzpreis für Theatermacherin Shermin Langhoff. In: welt.de, 1. August 2012. 2014 und 2016 wurde das Maxim-Gorki-Theater zum Theater des Jahres gewählt. In: ZDF, 12. Dezember 2014. Als Bühne für eine zeitgenössische heterogene Stadtgesellschaft mit ausgeprägtem politischen Profil wurde das Maxim-Gorki-Theater unter Shermin Langhoff international wahrgenommen. 2016 erhielt Shermin Langhoff zusammen mit Jens Hillje den Theaterpreis Berlin. In der Begründung der Jury hieß es, seit der Spielzeit 2013/14 habe das Duo das Maxim-Gorki-Theater „konsequent und radikal zu einer Spielstätte gemacht, die die Vielfalt der Stadtbevölkerung spiegele.“dpa: Preis für das Gorki. In: Süddeutsche Zeitung, 24. Februar 2016, S. 10. Langhoffs Vertrag wurde 2019 bis zum Ende der Spielzeit 2022/23 verlängert. Nach einer weiteren Verlängerung endete die Zusammenarbeit zwischen dem Maxim-Gorki-Theater und Langhoff mit Vertragsende im Juni 2026.

Gründung des Exil-Ensembles am Maxim Gorki Theater (2016) Langhoff initiierte 2016 die Gründung eines Exil-Ensembles am Maxim Gorki-Theater. Dem Projekt gehe es nicht um einen „um einen Mitleidbonus oder um paternalistische Gesten, sondern um Kunst“, erklärte sie im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Wir suchen professionelle und hochbegabte Schauspieler und Performer, die aus Konflikt- und Krisengebieten kommen oder politisch verfolgt sind.“ Mit den emigrierten Künstlern zu arbeiten sei schon deshalb „in unserem Eigeninteresse“, weil das Theater darauf reagieren müsse, dass dieses Land sich durch die Migration verändere, so Langhoff.Peter Laudenbach: Nur kein Voyeurismus! In: sueddeutsche.de vom 19. Juli 2016, abgerufen am 24. November 2025. „"Diejenigen, die hier ankommen, bringen neue Biografien, neue Geschichten und Erzählungen, neue Perspektiven mit." Das Projekt sei bewusst nicht "Refugee Ensemble", sondern "Exil Ensemble" geannt [sic!] worden: "Flüchtling ist ja kein Beruf." Exil bedeute, dass es nicht nur um die Traumata der Fluchterfahrung und die ersten Monate des Ankommens gehe, sondern um einen langen Prozess.“Kein Mitleidsbonus. In: nachtkritik.de, 20. Juli 2016.

Im November 2016 gründete sich das Ensemble mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus Syrien, Palästina und Afghanistan am Maxim Gorki Theater. Der syrische Künstler und Theatermacher Ayham Majid Agha, der die Idee für das Exil Ensemble zusammen mit dem Gorki Theater entwickelt hatte, übernahm für die ersten beiden Jahre die Aufgabe eines Oberspielleiters. Dem Exil Ensemble gehörten und gehören in verschiedenen Konstellationen bis zu sieben Spielende an: Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Karim Daoud, Tahera Hashemi sowie Kenda Hmeidan und Kinan Hmeidan. Bis Ende 2018 entwickelten sie Theaterprojekte und performative Abende im Studio Я des Gorki Theaters. Sie spielten auch in Produktionen auf der großen Bühne und setzen sich in Masterclasses unter der Leitung von erfahrenen Theaterschaffenden mit verschiedenen Spielweisen auseinander. Seit 2019 sind die vier Schauspielerinnen und Schauspieler Maryam Abu Khaled, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh und Kenda Hmeidan auch Teil des Gorki Ensembles.Das Exil Ensemble. In: gorki.de

Mit dem Exil Ensemble entstanden fünf Inszenierungen: Winterreise (2017), Skelett eines Elefanten nui der Wüste (2017), Die Hamletmaschine (2018), Elizaveta Bam (2018) und You are not the Hero of this Story (2018). Teile des Exilensembles wirkten zuvor schon an dem erfolgreichen Theaterabend „The Situation“ von Yael Ronen am Gorki-Theater mit, der den Nahostkonflikt thematisierte. Daran knüpfte Ronen mit der Produktion „Winterreise“ an. Dabei gewönnen die Darstellerinnen und Darsteller deutlich mehr Kontur: „Und zwar als Schauspieler, nicht nur als Erzähler ihrer Biografie“, so der Kulturjournalist Tobi Müller.Tobi Müller: Auf kultureller Klassenfahrt. In: deutschlandfunkkultur.de, 8. April 2017.

Die postmigrantische Gesellschaft Der Begriff „postmigrantisch“ wurde in Deutschland von Shermin Langhoff geprägt. 2006 kuratierte sie das erste „postmigrantische Festival“ am Berliner Hebbel am Ufer, und zwei Jahre später etablierte sie das Ballhaus Naunynstraße als „postmigrantisches Theater“. Langhoff hatte 2008 das Berliner Ballhaus Naunynstraße übernommen, ehe sie 2013 Intendantin am Maxim-Gorki-Theater in der Hauptstadt wurde.

Das Ballhaus Naunynstraße, von Shermin Langhoff als postmigrantisches Theater ins Leben gerufen, wird von der Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler als ein geschützter Raum wahrgenommen.

Langhoff beschreibt den Ansatz des Ballhaus Naunynstraße so: "Wir werden manchmal Türkentheater genannt. Das ist falsch. Wir zeigen Theater aus unserer Perspektive und bestimmen unsere Konfliktzonen selbst."

Durch Langhoffs Arbeit hat der Begriff „postmigrantisch“ inzwischen auch in der akademischen Welt großen Einfluss gewonnen. Die Bezeichnung „postmigrantisch“ dient als Label, um die Lebenswirklichkeiten von Deutschen zu beschreiben, die Kinder von Einwanderern sind. Sie haben zwar keine eigene Migrationserfahrung, aber werden als Angehörige der zweiten und dritten Generation mit dem Thema „Migrationshintergrund“ gesellschaftlich konfrontiert.

Das im Jahr 2014 neu gegründete Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) stellte im Dezember 2014 die Studie "Deutschland postmigrantisch" vor. „Postmigrantisch ist eine Anleihe aus der Kulturwelt. Der Begriff wurde von der Intendantin am Maxim-Gorki-Theater Berlin, Shermin Langhoff, geprägt, die ihn in Stücken über die Gegenwart kultureller Vielfalt in Deutschland verwendet hat“, so die Institutsdirektorin Naika Foroutan. Die Sozialwissenschaftlerin Foroutan beschäftigt sich mit der „postmigrantischen Gesellschaft“ weiter in ihrem Buch, das die politischen und medialen Debatten hinterfragt, die sich um die Migration drehen. In der Rezension des Buches "Die postmigrantische Gesellschaft" im Deutschlandfunk Kultur heißt es: "Die Größe des Langhoffschen Claims zeigt sich also daran, dass er der Akademikerin geeignet scheint, um begriffliche Hindernisse im Diskurs zu überwinden". Das Gorki-Theater in der Intendanz von Shermin Langhoff beschreibt Foroutan als einen „zentralen Raum in der Stadt, der so etwas wie Zufluchtsort ist. Ein Raum, in dem man gemeinsam politisch denkt, gemeinsam Gesellschaft neu denkt.“ Das Gorki-Theater sei das Gegenteil eines performativen Raums: „Für viele von uns, die migrantisch gelesen werden – besonders für diejenigen, die politisch-aktivistisch-wissenschaftlich agieren – ist alles draußen permante Performanz. Der gesamte Lebensraum ist performativ, man spielt die ganze Zeit eine Rolle. Nicht in diesem Theater. Man betritt es und muss sich nicht verstellen, weil sich hier etwas entwickelt, von dem man sich wünscht, dass es das neue Deutschland ist.“

Die Entwicklung des Begriffs „postmigrantisch“ und die damit verbundene künstlerische Praxis von Shermin Langhoff haben im wissenschaftlichen Diskurs eine bemerkenswerte Transformation durchlaufen. In ihrer Doktorarbeit an der Goldsmiths University of London zum Thema „Postmigrantisches Theater und kulturelle Vielfalt in den Künsten“ untersucht die Kulturwissenschaftlerin Onur Susan Nobrega die vielfältigen Implikationen dieses Begriffs und seine Auswirkungen auf die Welt der Kunst und Kultur. "Die Beharrlichkeit von Langhoff und ihrem Netzwerk von Künstlerinnen, von denen die meisten für ihre Arbeit niedrige Löhne erhalten, setzt sich in ihrem kulturellen Engagement fort, um die Bedürfnisse von Künstlerinnen of Color zum Ausdruck zu bringen und sich für die Entwicklung einer angemessenen Diversität in der Kunstpolitik sowie in den Förderstrukturen von Institutionen und temporären Projekten einzusetzen", schreibt Nobrega.

Ansätze des postmigrantischen Theaters

Für Shermin Langhoff füllt das postmigrantische Theater eine lange bestehende Lücke in der deutschen Theaterlandschaft. In meist weißer Theaterbesetzung spiegelten die Stücke auf den Bühnen keineswegs die Gesellschaft wider. Menschen mit Migrationshintergrund sowie deren Geschichten fänden kaum Platz.

Im Gespräch mit der FAZ stellte Langhoff 2012 die Frage: „Warum sind diese Geschichten nicht im Lauf der Jahre zu unseren Geschichten, unseren Stücken geworden? Liegt es daran, dass die Migranten und ihre Kinder vorwiegend Arbeiter sind, und Arbeiter im Theater weder auf der Bühne noch im Publikum stattfinden? Oder liegt es daran, dass Talente mit Migrationshintergrund nicht gefördert werden?“