Hans Danuser (* 19. März 1953 in Chur; † 26. August 2024 in Zürich) war ein Schweizer Künstler und Fotograf. Sein bekanntester Werkzyklus ist In Vivo, worin er sich mit «Tabu-Zonen der Gesellschaft», wie der Genforschung oder der Atomphysik, beschäftigte und der ihn international bekannt machte. Seit den 1990er Jahren lag Danusers Fokus in Ergänzung zur Fotografie vermehrt auf transdisziplinären (Forschungs-)Projekten in Kunst und Wissenschaft.

Biografie Hans Danuser war in den Jahren 1971–1974 Assistent beim deutschen Werbe- und Modefotografen Michael Lieb in Zürich. Es folgten künstlerische Experimente mit lichtempfindlicher Emulsion an der ETH Zürich. 1979–1989 arbeitete er am Zyklus In Vivo. In den 1980er- und 1990er-Jahren weilte er regelmässig für längere Aufenthalte in New York. Ab den 1990er-Jahren schuf er grossformatige, raumbezogene und installative Fotoserien und transdisziplinäre Projekte in Kunst und Wissenschaft. Im Frühjahrssemester 2009 war er erster Visiting Artist an der «Lehr- und Forschungsstelle für Theorie und Geschichte der Fotografie» (TGF) am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich. Anschliessend hatte er eine Gastprofessur an der ETH Zürich inne. Hans Danuser arbeitete vorwiegend in Zürich.

Im Mai 2024 übergab er sein Archiv als Schenkung der Fotostiftung Schweiz. Am 26. August 2024 verstarb er überraschend im Alter von 71 Jahren in Zürich.Bündner Fotopionier Hans Danuser stirbt im Alter von 71 Jahren. In: tagesanzeiger.ch, 31. August 2024.Kulturport.de News-Port vom 2. September 2024: Zum Tod von Hans Danuser, von Kaltrina Ahmetaj, abgerufen am 4. September 2024

Privates Danuser war verheiratet mit der Arbeitsmedizinerin und Universitätsprofessorin Brigitta Danuser und Vater von zwei Kindern.

Werk Von 1980 bis 1989 entstand der Zyklus In Vivo, zugleich entstanden Architekturfotografien im Projekt Partituren und Bilder. 1990 gewann Danuser den Wettbewerb für eine grossflächige Wandgestaltung an der Universität Zürich-Irchel, woraus das Werk Institutsbilder (1992) entstand. Ein späteres Projekt im Architektur-Kontext ist Schiefertafel Beverin (2000–2001). In den 1990er Jahren entstand die Arbeit Frozen Embryo Series, die an In Vivo anschliesst und einige Vorläufer der später laufenden Work-in-progress-Arbeiten The Erosion Project und Entscheidungsfindung – Decision taking, worin sich die unterschiedlichen künstlerischen und fotografischen Interessen des Künstlers manifestieren.

Seine Werke wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Er wurde eingeladen zu internationalen Veranstaltungen wie den Biennalen von Venedig oder Lyon. Danusers Arbeiten sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, so u. a. dem Kunsthaus Zürich, der Sammlung Howard Stein, New York, der Sammlung George Reinhart und dem Fotomuseum Winterthur, dem Metropolitan Museum of Art New York, dem Museum of Modern Art, New York, der Sammlung Walter A. Bechtler, Zürich/Uster, und dem Aargauer Kunsthaus.

Werkserien und Projekte (1980er-Jahre-2019)

«Partituren und Bilder» 1988 zeigte Hans Danuser erstmals die Bilder in der Architekturgalerie Luzern unter dem Titel Partituren und Bilder, die er im Auftrag des Architekten und Pritzker-Preisträgers Peter Zumthor 1986–1988 fotografiert hatte: Das Atelier des Architekten in Haldenstein, die Schutzbauten über römischen Funden in Chur und die Kapelle Sogn Benedetg in der Surselva. Die Bilder entstanden als Carte blanche des Architekten an den Künstler und Fotografen. Philip Ursprung, Professor für zeitgenössische Kunst und Architekturgeschichte, erläutert in seinem Essay im Buch Zumthor sehen. Bilder von Hans Danuser – Nachdenken über Architektur und Fotografie die Auswirkungen, die Danusers Fotografien in Partituren und Bilder, auf die Darstellung der Architektur in der Fotografie hatten: «Danuser änderte mit den Aufnahmen von Sogn Benedetg die Konvention der Architekturfotografie radikal. Statt für neutrale Dokumentation interessierte er sich für eine persönliche Interpretation. Und anstatt das Phänomen auf eine Aufnahme zu reduzieren, zerlegte er den Bau quasi in Einzelteile, wie einen kurzen Film, der den Gegenstand in Sequenzen zerlegt und aus unterschiedlichen Perspektiven zeigt – heute würde man dies performativ nennen. Diese Fragmente bieten den Betrachtern die Möglichkeit, den Bau in der Phantasie zu rekonstruieren.»Philip Ursprung: Die Visualisierung des Unsichtbaren. Hans Danuser und Peter Zumthor: Eine Revision. In: Zumthor sehen. Bilder von Hans Danuser, mit einem Essay von Philip Ursprung und einem Gespräch von Köbi Gantenbein mit Hans Danuser. Hochparterre bei Scheidegger & Spiess, Zürich 2009.

«In Vivo» mini|hochkant|Hans Danuser, In Vivo, 1980–1989, Chemie I (VI 1), aufgenommen in der Forschung, Analytik und Produktion bei der Pharmakologie und Chemie mini|hochkant|Hans Danuser, In Vivo, 1980–1989, A-Energie (I 1), aufgenommen in Atomkraftwerken, der Reaktorforschung und Zwischenlagerung von hochradioaktivem Abfall.

10 Jahre arbeitete Danuser an sieben Bildserien, die er 1989 unter dem Titel In Vivo zusammenfasste und im Aargauer Kunsthaus kuratiert von Beat Wismer das erste Mal der Öffentlichkeit präsentierte. Die Fotografien zu In Vivo wurden in Europa und den USA aufgenommen. Sie gliedern sich in sieben Kapitel: A-Energie, Medizin I, Gold, Medizin II, Chemie I, Los Alamos und Chemie II. Die Arbeit gibt Einblick in Tabubereiche der spätindustriellen westlichen Gesellschaft, über die Darstellung unterschiedlicher Arbeitsplätze in Forschungs- und Produktionsstätten – ohne den Menschen selbst zu zeigen. Die Bilder loten die Ambivalenz der Fotografie zwischen Dokumentation und Fiktion aus. Die Arbeit wurde auch in einem Künstlerbuch unter dem gleichnamigen Titel In Vivo im Verlag Lars Müller publiziert.

«Frozen Embryo Series» mini|Hans Danuser, Frozen Embryo, Bündner Kunstmuseum, Villa Planta im Lichthof und Aufgang, 2000

Die Fotografien zu den Frozen Embryo Series (1996–2000) entstanden in medizinischen Laboratorien und in der Genforschung. Hans Danuser spielte in diesen Arbeiten mit den Möglichkeiten der analogen Fotografie, indem er von ein und demselben Negativ, das er als «Original» bezeichnet, über dessen Drehen und Spiegeln mehrere Bilder in der Dunkelkammer generiert, die sich in der Wahrnehmung wesentlich unterscheiden und nannt diese sodann «Unikate». Um diesen Eindruck zu verstärken, wählte Danuser als Bildformat das Quadrat, leicht gedehnt auf 140 cm × 150 cm. Erstmals wurden die Frozen Embryo Series 1996 im Kunsthaus Zürich gezeigt. Günter Metken schrieb im Katalog zur Ausstellung: «Ohne explizit zu werden, formulieren Hans Danusers Bilder klassische Probleme – und Paradoxe – der Malerei: die Wahrnehmung der Natur und ihrer Wiedergabe, die Spannung von Fläche und Tiefe, von Räumlichkeit und zweidimensionaler Einebnung, Vorder- und Hintergrund, Mikroskopie und Totalität, Auge und Tastsinn. Er aktualisiert solche Fragen und lässt doch im Strom der treibenden Formen auch an Monets Nymphéas denken. Der Blick wandert, schweift ab, erfasst schlingernde Formen – ein Exerzitium, das unser Sehen erweitert und verfeinert.»Günter Metken: Die Bilder der Dinge: Die von der Oberfläche der Körper wie Häutchen sich schälen. In: Delta. Fotografien 1990-1996. (Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausst.: Kunsthaus Zürich: 12. April–23. Juni 1996). Lars Müller Verlag, Baden 1996.

«Out of Paradise» Die Werkserie besteht aus vorgefundenen und inszenierten Schablonenbildern, die mittels Farbspraydosen auf unterschiedlichen Unterlagen, an der Schnittstelle von öffentlichem und privatem Raum, entstanden sind. Fotografiert wurden sie seit den 1980er-Jahren in verschiedenen Städten in Europa und den USA. Das Ephemere in der Existenz der Schablonenbilder auf physischem Untergrund wird durch die Fotografie Hans Danusers aufgegriffen und mittels digitaler Bildbearbeitung und Sublimationsdrucktechnik auf Aluminium in Bildern transformiert, die in ihrer brillant spiegelnden Erscheinung flüchtige und digitale Bildschirmoberflächen suggerieren (Peer 2019).

«Matographie – The-One-Million-Pound-Project» Das Matographie – The-One-Million-Pound-Projekt wurde mit den Forschungsabteilungen von Ciba-Geigy (heute Novartis), Basel, und Bayer Werke / Agfa Gevaert, Leverkusen (heute AGFA) entwickelt. Mit der Patentierung der «Matographie», einem neuen fotografischen Verfahren, verfolgte Hans Danuser das Ziel, im Gegensatz zu den im Handel erhältlichen Fotopapieren, die einen weissen Schichtträger aufweisen, einen «Schichtträger nach [s]einen Vorstellungen mit Farbe bearbeiten [zu können], bevor es mit einer fotografischen Schwarz-Weiss-Emulsion beschichtet wird.» (Sadkowsky 2018, 7). Damit gelang ihm an der Wende von der Analog- zur Digitalfotografie «eine neue Perspektive ein[zu]führen, nämlich den Blick des Fotografen auf den sonst unbeachteten Hintergrund [eines Fotoabzuges zu lenken]» (Folkers, 2018, S. 86).Gerd Folkers. In: Hans Danuser – Der Fujiyama von Davos (Publikation zur gleichnamigen Ausst.: Ernst Ludwig Kirchner Museum, Davos, 28. November 2018–29. April 2019). Kehrer Verlag, Heidelberg 2018.

The Party is over (1984/2016) Matographien und Vulkane (1996–2018) AT Matographien (1997) Matographie, Teil I (1993–1996)

Vorläufer Delta (1990–1996)

«Entscheidungsfindung – Decision taking» mini|Hans Danuser, Akka Bakka, 2013, Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, Zürich mini|Hans Danuser, Piff Paff Puff, 2010–2011, Prime Tower, Zürich Das Counting Out Ryhmes-Project zum Thema Entscheidungsfindung – Decision taking umfasst Videoinstallationen und Kunst-in-Architektur-Projekte. Sie zeigen «Danusers Faszination der Reduktion komplexer Sachverhalte» (Fasciati 2008) auf ein einfaches, reduziertes Modell. In der Entscheidungsfindung als gesellschaftliches und politisches Instrument interessierten Danuser verschiedene Gedanken und Modelle, seien diese theoretisch begründet aus der Mathematik oder praktischer Natur wie die Auszählreime von Kindern. So stehen die Auszählreime – ein «mixtum compositum von Vernunft und Phantasie» (Jauch 2008, S. 40)Ursula Pia Jauch. In: Hans Danuser – The Counting Out Rhymes Project über Entscheidungsfindung / Decision Taking. Verlag Periferia, Luzern 2008. – auf gleicher Höhe mit mathematischen Formeln und physikalischen Gesetzen und hinterfragen dank ihren «nicht rationalen Prozessen der Entscheidungsfindung» (Kuoni 2008, S. 72)Gisela Kuoni: Hans Danuser «Auszählen – The Counting Out Rhymes Project». In: Kunstbulletin, 11/2008, Zürich, S. 72–73. die Grundstruktur unseres zeitgenössischen Denkmodells.

Joggeli (Nationale Suisse, Basel, 2014) Akka Bakka (Gesundheitsamtdirektion Zürich, 2013) Piff Paff Puff (Primetower, 2010–2012) Insert-Du (2009) Videoinstallation (ab 2008)

Vorläufer Wildwechsel (1993)

«The Erosion Project» mini|Hans Danuser, Erosion III 2000–2006, Kunsthaus Zürich, Böcklinsaal The Erosion Project (work in progress) stellen ein vielschichtiges Unterfangen dar, das sich in einer klaren, reduzierten Ästhetik auf forschende Weise mit dem Thema der Erosion von Natur- und Kulturlandschaften beschäftigt. In chronologischer Reihenfolge umfassen The Erosion Project drei Werkserien: die Bodeninstallationen Erosion I-VII (2000–2006), Modeling Erosion (2003–2007), die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geotechnik der ETH Zürich entstand, und Landschaft in Bewegung/Moving Landscape (ab 2008), welches auf einer Zusammenarbeit mit dem Institut für Anorganische Chemie der ETH Zürich im Rahmen des Forschungsprojekts The Last Analog Photograph / Farbe und Fotografie basiert. Darüber hinaus spielen frühere Arbeiten eine richtungsweisende Rolle für diese Werkserien: Landschaften (1993–1996) und das Kunst-in-Architektur-Projekt Schiefertafel Beverin (2001). Landschaft in Bewegung/Moving Landscape (ab 2008) Modeling Erosion (2003–2007) Erosion I-VII (2000–2006)

Vorläufer Schiefertafel Beverin (2000–2001)