Oran (, tamazight ⵡⴻⵀⵔⴰⵏ Wehran) ist eine Küstenstadt in der gleichnamigen Provinz im Westen von Algerien. Sie ist nach der Hauptstadt Algier die zweitgrößte Stadt des Landes und eine bedeutende Industriestadt (Metall-, chemische, Leicht-, Lebensmittelindustrie). Sie besitzt einen Hafen, den Flughafen Oran Es Sénia und ist Kulturzentrum mit Universität, Theater und Museen. Durch Albert Camus ging sie in die Weltliteratur ein. Oran ist die Heimatstadt des Raï.

Klima Oran befindet sich in der subtropischen Klimazone. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 17,7 Grad Celsius, die jährliche Niederschlagsmenge 366 Millimeter im Mittel. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 24,2 bis 24,8 Grad Celsius, die kältesten Monate Dezember bis Februar mit 11,7 bis 12,4 Grad Celsius im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt von Oktober bis April mit durchschnittlich 32 bis 67 Millimeter, der wenigste von Mai bis September mit eins bis 19 Millimeter im Mittel.

Geschichte Islamische Dynastien und Katholische Könige Oran wurde der Legende nach im Jahr 902 von den andalusischen Kaufleuten Mohammed ben-Abbi-Aoun und Mohammed ben-Abdoun gegründet. Sie errichteten mit Hilfe lokaler Seefahrer eine Handelsstation namens Orhan oder Ouarhan, doch bereits 910 wurde diese von den Fatimiden erobert und niedergebrannt. 1083 nahmen die Almoraviden Oran ein. Ihnen folgten 1137 die Almohaden und ab 1242 die Meriniden. Mit dem Niedergang des Reichs der Abdalwadiden, die Oran ab 1360 regierten, wechselte die Stadt erneut den Besitzer. Die Katholischen Könige eroberten 1505 den nahen Korsaren-Hafen Mers el Kebir (Mazalquivir) für Kastilien und Aragón. Oran fiel am 17. Mai 1509 an die Spanier unter Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros. Die spanische Monarchie machte aus Oran einen Verbannungsort für in Ungnade gefallenes politisches Personal.

1698–1708 entstand das Fort de Santa-Cruz (Bordj el-Djebel). 1709 mussten sie sich nach einer Belagerung durch die Mauren ergeben. Diese konnten unter Führung von Mustafa Ben Youssef währen 25 Jahren die Kontrolle über Oran erhalten. 1732 wurde Oran unter Philipp V. zurückerobert. Die Spanier waren überraschend am 22. Juni 1732 vor Oran gelandet. Am 24. Juni kam es zur Schlacht bei Mazalquivir, in der die Mauren geschlagen wurden. Diese zogen sich in die Stadt zurück und ergaben sich am 27. Juni 1732. Die Spanier blieben bis 1790, bauten zwischenzeitlich mit dem Fort Lamoune von 1742 noch eine weitere Stadtfestung in Meeresnähe, ein Schutz des westlichen Stadtrands.

Westlichste Expansion Istanbuls und die französische Invasion 1792 verkaufte die spanische Krone Oran, oder was nach dem Erdbeben vom 8.–9. Oktober 1790 davon noch übrig war, insbesondere die unbeschadete Bergfestung, an die Osmanen unter Mohammed el-Kebir. Beim Erdbeben waren rund 2000 Menschen gestorben. 1797 wurde die Hassan-Pascha-Moschee errichtet. Oran lag in der Provinz Beylik des Westens. Die Verwaltung verlegte ihre Residenz von Muaskar nach Oran, das sie bis zur kampflosen Übergabe an General Clausel am 4. Januar 1831 regierte.

Die Herrschaft der Osmanen endete im Februar 1831. Frankreich enthob Bey Hassan, ließ Häuser abreißen und vertrieb rund 90 % der etwa 10.000 Einwohner. Es blieben nur die Minderheiten: Türken, Kouloughlis, Juden und Schwarze. Die Bevölkerung Westalgeriens leistete Widerstand und rief 1832 in Oran Abd el-Kader zum Emir aus, den die Franzosen widerwillig 1834 als Bey von Oran anerkannten, was 1837 im Vertrag von Tafna bestätigt wurde. 1847 wurde Abd el-Kader nach Syrien deportiert.

Europäer gründen die Siedlungskolonie Algérie française Ab 1844 kehrte die arabische Bevölkerung nach Oran zurück, dazu zum Ärger der Verwaltung auch Halbnomaden. Am 12. Oktober 1844 erschien die erste Nummer des L’Écho d’Oran in der Stadt mit 13.222 Einwohnern. Im Januar 1845 flogen Korruption und Veruntreuungen unter französischen Beamten auf, bis hin zum Sous-directeur de l’Intérieur in Oran. Bereits 1844 lebten mit 4322 Personen mehr Iberer als Franzosen (1740) in der Stadt. Die Zahl der Juden Orans erreichte 4287 Personen. Das Jahr 1849 brachte die Cholera. Man beeilte sich, auf dem Murdajadji die erste Chapelle de Santa-Cruz zu errichten, die am 9. Mai 1850 geweiht wurde. 1870 endete das Zweite Kaiserreich, das „Comité républicain“ übernahm die Macht.

mini|Die Promenade de Létang (sic) mit Blick auf den Hafen um 1950 mini|Boulevard Séguin mini|Hauptpost an der damaligen „Place de la Bastille“

Die Vorstadt der Muslime – die Médina Jdida – wurde von den Franzosen als Village nègre bezeichnet, hier wurden erste Halbnomaden einquartiert, 2316 im Jahr 1846. In dem Armenviertel lebten auch Juden und Schwarzafrikaner. Es wurde in militärisch leicht kontrollierbarer Schachbrettanlage ab dem 20. Juni 1845 westlich des Stadtteils Saint-Michel bei der neuen Militärkaserne errichtet und bot einem arabischen Markt für Touristen. Der vom Consistoire central entsandte Franzose Lazare Cahen war 1847 bis 1864 Groß-Rabbiner der Stadt. 1896 hatte Oran 85.081 Einwohner, davon waren 24.088 Franzosen und 33.873 weitere Europäer. 16.466 Einwohner waren Muslime und 10.654 waren Juden. Europäer, die Zeit und Geld hatten, ließen sich zum Aussichtspunkt Belvédère kutschieren. Muslime fanden sich unweit davon an der Koubia des Marabout Abd el-Kader el-Djilali ein. Europäern war auch die Promenade de Létang (sic) willkommen, bot sie doch einen Musikpavillon und andere Annehmlichkeiten in ihrem ausgedehnten Park mit Sicht auf das Meer. In der Rue de la Révolution befand sich der protestantische Temple.

Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens nach französischer Art war die Place d’Armes mit der anschließenden Allée des Promeneurs und dem Boulevard Séguin. Ein prachtvolles Stadthaus gönnten sich die Oranais 1888, ein klassizistisches Theatergebäude 1906, der Zentralbahnhof eröffnete 1912. Das Sendungsbewusstsein des Vorpostens vertrat der Oranais Eugène Étienne in der Chambre des députés der Dritten Republik als Vorsitzender der parlamentarischen Groupe colonial, einer Pressure Group, die der Metropole ihre kolonialen Vorstellungen kommunizierte.

1911 stellten Spanier und durch die „Gesetze für automatische Einbürgerung“ seit 1889 als Franzosen eingebürgerten Spanier 65 % der europäischen Stadtbevölkerung. 1911 lebten in der ganzen Region Oran 92.000 eingebürgerte Spanier und 93.000 Spanier, deren Einbürgerung noch ausstehend war. Juden lebten zahlreich in der Rue d’Austerlitz, der sogenannten Rue des Juifs. Bald erschien die dortige alte Synagoge zu beengt, worauf die Große Synagoge am Boulevard du Maréchal Joffre eröffnet wurde. Die Loi Messimy brachte 1912 die Militärdienstpflicht für Muslime, wofür die Jeunes Algériens erfolglos die französische Staatsbürgerschaft forderten. In Oran waren zudem 4000 Muslime der Régiments de tirailleurs algériens (2e RTA) kaserniert.

1895 wurde eine vom als Franzose eingebürgerten Belgier Paul Bidaine gegründete antisemitische Formation stärkste Kraft im Stadtparlament. Seine Partei kontrollierte zwischen 1896 und 1905 die Mehrheit der Sitze. Bidaine ließ verschiedene Maßnahmen einleiten, um Juden zu schaden. Bei den von Algerienfranzosen durchgeführten antisemitischen Ausschreitungen von 1897 flohen viele Juden, die seit dem Décret Crémieux von 1870 Franzosen waren, aus anderen Stadtteilen in den Schutz des muslimischen Stadtteils, um dem Gewaltausbruch der Christen zu entgehen. Jedoch zwangen uniformierte Polizeibeamte einige muslimische Algerier dazu, sich an den Übergriffen zu beteiligen, schwebte doch antisemitischen Franzosen in Algerien eine Allianz von Franzosen und Muslimen gegen die Juden als erstrebenswertes Ziel vor. Im Mai 1898 wurde der Oranais Firmin Faure, als einer von vier algerischen Antisemiten, in die französische Nationalversammlung nach Paris gewählt. 1921 wurde Jules Molle (1868–1931), ebenfalls ein bekennender Antisemit und Direktor der Zeitung Le Petit Oranais, zum Bürgermeister gewählt. Die Algerienfranzosen sahen sich als ein „lateinisches Volk“. An der Spitze sogenannter Unions latines förderte Molle zusammen mit Jean Ménudier die Verbreitung antisemitischer Propaganda.

1931 eröffnete das in einem modernistischen Stil gehaltene Maison du Colon, der Sitz sämtlicher landwirtschaftlichen Siedler-Organistationen der Region Oran. Der Bau bezeugte, wie Albert Camus 1939 in Le Minotaure ou la halte d’Oran ironisch schrieb, „Unerschrockenheit im Geschmack, Liebe zur Gewalt und ein synthetisches Verständnis von Geschichte“. Im Mai 1936 fand auch der linke Front populaire Zustimmung. Oran entsandte den SFIO-Politiker Maurice Dubois nach Paris. Der rechtsextreme Diskurs von Molle wurde vom rechtsextremen Bürgermeister Gabriel Lambert der politischen Gruppierung Amitiés latines aufgenommen.<ref name=":8" / Lambert war ein aus seinen Funktionen entlassener katholischer Priester und seit 1934 Bürgermeister von Oran. Er organisierte mit dem quasi-monopolistischen Seefahrtsunternehmen Scotto Ambrosino Pugliese und rechtsextremen Gruppen am 14. Juli 1936 über 50.000 Demonstranten gegen die Regierung des Front populaire, zwei Mal mehr als die Unterstützer der Linksregierung einen Monat zuvor aufbieten konnten. Ab 1937 war Lamberts Antisemitismus und Antikommunismus offizielles Programm. Dubois flüchtete mit Jean-Marie Guastavino aus Algier im Sommer 1940 noch vor der Vollmachterteilung an Marschall Philippe Pétain auf der Massilia von Oran nach Casablanca.

Im Juli 1940 ließ Winston Churchill in der „Operation Catapult“ die im Hafen ankernde (vichy-)französische Flotte beschießen, um eine befürchtete Übernahme durch die Deutschen zu verhindern. Am 10. November 1942 wurde die Stadt in der „Operation Torch“ von 39.000 britischen Soldaten eingenommen, von denen rund 300 starben. Oran war Ausgangspunkt der Landung auf Sizilien. Die Naval Western Task Force ankerte im August 1944 hier Schiffe der „Operation Dragoon“ zur Befreiung Südfrankreichs von der deutschen Besatzung. 1942–1959 ließen die Europäer die Basilique de Santa-Cruz errichten. 1954 begann der Algerienkrieg, bald würden sie „repatriiert“ werden. Es war keine eigentliche Repatriierung, da die meisten keine Verbindung zu Frankreich hatten. Zum alltäglichen Rassismus gegen Muslime kam ein zunehmender Hass auf die Französische Republik.

Vom Algerienkrieg in die Unabhängigkeit Algeriens Im Algerienkrieg wurde Oran 1956 zum Sitz von einem der drei IGAME-Militärkommandos (steht für Inspecteur général de l’administration en mission extraordinaire) in Algerien, neben den beiden anderen „igames“ Algier und Constantine. Es wurde Sitz eines Corps d’armée, das seinen Radius bis nach Aflou im Atlas ausdehnte. Oran befand sich im von Frankreich 1956 neu definierten Departement Wilaya 5. Als klar wurde, dass Frankreich die Kolonie aufgab, betrieb die rechtsextreme französisch-nationalistische Terrorgruppe OAS eine Politik der verbrannten Erde: Den verhassten Muslimen wollten manche Europäer und in Oran auch viele Juden keine französischen Errungenschaften hinterlassen und so brannten Delta Commandos der OAS nicht nur Algiers Bibliothek nieder, sondern sprengten auch die Stadthalle und vier Schulen. In Oran kamen durch Bombenanschläge der OAS im Mai 1962 täglich 10–15 Menschen ums Leben.La fusillade de la rue d’Isly, l’exode des pieds-noirs, Oran. Ligue des droits de l’homme, März 2002. Dafür und für über 100 Jahre der Unterdrückung rächte sich die Nationale Befreiungsfront (FLN) am 5. Juli 1962 mit einem Blutbad. Zwischen 95 und 3500 christliche Europäer wurden bei einem Massaker getötet. Die verbliebene europäische Bevölkerung wurde größtenteils enteignet und vertrieben. Auch zahlreiche frankophile Muslime wurden ermordet. Charles de Gaulle hatte indes bereits am 24. Mai 1962 seine Politik der Nichtintervention verkündet. Zahlreiche für Frankreich kämpfende Harki wurden von ihren französischen Offizieren entwaffnet und fielen der Rache des FLN zum Opfer.