mini|hochkant|Peter Franz (2014) Peter Franz (* 10. Mai 1941 in Apolda) ist ein deutscher Autor. Er war bis 1992 evangelischer Pfarrer. Er wurde damals suspendiert, weil er von 1977 an ein inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen war.

Leben Peter Franz’ Mutter war eine ledige Textilarbeiterin. Er wuchs bei seinen Großeltern auf.Peter Franz: Der rote Pfarrer von Kapellendorf. 2017, S. 21. Er besuchte in Apolda von 1955 bis 1958 die Oberschule. Wegen unerlaubten Abspielens westlicher Tanzmusik bei einer Schüler-Geselligkeit wurde er der Schule verwiesen, konnte aber in Weimar 1959 sein Abitur ablegen.

Von 1959 bis 1961 diente er freiwillig u. a. als Fallschirmspringer und Panzersoldat bei der Nationalen Volksarmee. Er wollte anschließend an der Universität Jena ein Studium aufnehmen. In einem inoffiziellen Literatur- und Gesprächskreis erhielt er erste Anreize, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Das führte dazu, dass er als „Anhänger der kirchlichen Ideologie“ unehrenhaft aus der NVA entlassen wurde.

Weil ihm auch die Zulassung zum Studium entzogen worden war, arbeitete er ein Jahr als Apparatefahrer in einem Apoldaer Chemiebetrieb. Während dieser Zeit fand er Anschluss an eine evangelische Kirchgemeinde und ließ sich 1962 taufen. Im Herbst desselben Jahres begann er ein Studium der Evangelischen Theologie in Jena. Zu seinen Lehrern gehörten u. a. Erich Hertzsch, Rudolf Meyer und Hans-Georg Fritzsche.

Im Jahre 1965 heiratete er und wurde in den folgenden Jahren Vater von vier Kindern. Nach seinem Ersten theologischen Examen 1967 wurde er Vikar in Kapellendorf und wurde nach dem Zweiten Examen 1969 von Landesbischof Mitzenheim zum Pfarrer ordiniert und in Kapellendorf angestellt.

Unter seiner Anleitung entstanden dort Seminarräume, ein Übernachtungshaus und ein Keller der Jungen Gemeinde. mini|hochkant|Ideenplastik Thomas Müntzers von Eberhard Heiland Franz war Abgeordneter des Kreistages unter dem Mandat der CDU der DDR, der er 1973 beigetreten war. Dazu gehörten die Bearbeitung und Weiterleitung von Eingaben und Beschwerden über gesellschaftliche Missstände und persönliche und familiäre Nöte.Ralf Pawelzik. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 7-1996, S. 669 ff. Im Jahre 1975 gründete er das Evangelische Gemeindezentrum „Thomas Müntzer“. Auf seine Initiative wurde am 29. Juni 1989 vor der Kapellendorfer Kirche eine Ideen-Plastik zu Thomas Müntzer aufgestellt, geschaffen von dem Weimarer Keramiker Eberhard Heiland.

Franz wurde Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz, in der er in der Folgezeit mit einer Gemeindegruppe korporativ tätig war. Dazu gehörten grenzüberschreitende Seminare und Begegnungen mit kirchlichen und Friedensgruppen aus anderen europäischen Ländern. Er war der Mitinitiator eines „Kreuzweges für den Frieden“, den die CFK Thüringen mehrere Jahre hindurch in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald durchführte, wobei regelmäßig der Gedenkstein für die „Aktionsjuden“ von 1938 aufgesucht wurde. Ab Mitte der 1970er Jahre besuchte er mit Kindern und Jugendlichen die Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Erfurt und abonnierte das Nachrichtenblatt der Jüdischen Gemeinde, um es in seinem Gemeindezentrum auszulegen. Ein Vortrag von Herbert Ringer, dem Vorsitzenden der Erfurter Jüdischen Gemeinde, im EGZ „Thomas Müntzer“ legte den Grundstein für eine vertrauensvolle Verbindung mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.Peter Franz: Der rote Pfarrer von Kapellendorf. 2017, S. 100. 1987 organisierte und leitete er einen Teilabschnitt des kirchlichen Olof-Palme-Friedensmarsches für die Region Thüringen, der von der Gedenkstätte Buchenwald bis nach Kapellendorf führte.

Franz arbeitete ab 1977 aus Überzeugung als IM. In der Anwerbephase hatte ein MfS-Mitarbeiter notiert: „Als negatives Merkmal muss eingeschätzt werden, dass der Kandidat sich in seinen Handlungen stets von den Interessen der Kirche leiten lässt …“Peter Franz: Der rote Pfarrer von Kapellendorf. Als Christ und Sozialist im Diesseits. Ein Buch der Erinnerung und das Tagebuch einer Einmischung. 2017, S. 91. Etwas später verpflichtete sich Franz per Handschlag unter dem Decknamen „Johannes“ als IM. Er erteilte bereitwillig über Mitglieder seiner Gemeinde, über Kollegen und in- und ausländische Gäste seines Hauses Auskunft. Franz war wegen seiner Linientreue in Thüringen auch als „roter Pfarrer“ oder der „rote Franz“ von Kapellendorf bekannt.

Ab Mitte der 1980er Jahre begann er mit der Erforschung des Schicksals jüdischer Familien seiner Geburtsstadt Apolda und wirkte dafür in einer Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben“ des DDR-Kulturbundes mit. 1988 initiierte er die Anbringung einer Gedenktafel am Geschäftshaus des jüdischen Fellhändlers Bernhard Prager anlässlich von dessen 100. Geburtstag. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Christliche Kreise“ der Nationalen Front leitete er eine große öffentliche Ehrung der im Ghetto Theresienstadt bzw. KZ Auschwitz ermordeten Familie Prager in einer gemeinsamen Veranstaltung der SED-Kreisleitung, der Evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und des Kulturbundes von Apolda.

Als sich die SED 1989 mit dem Massenmord auf dem Tian’anmen-Platz offen solidarisierte, distanzierte sich die CFK-Gruppe Kapellendorf unter Leitung von Franz von dieser Position in einem Brief an den DDR-Ministerrat.Schreiben der CFK Thüringen vom 24. Juni 1989 an die DDR-Regierung, = Archiv der CFK Thüringen, Hinter der Mauer und doch frei. Ein NachLeseBuch von DDR-Christen. Schkeuditz 1997, ISBN 3-929994-96-8, S. 118.

Nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR 1990 trat er aus der CDU aus. Nach eigenen Angaben offenbarte er im April 1990 CFK-Mitarbeitern und Kirchenvertretern seine Kontakte mit dem MfS.Peter Franz: Der rote Pfarrer von Kapellendorf. Als Christ und Sozialist im Diesseits. Ein Buch der Erinnerung und das Tagebuch einer Einmischung. 2017, S. 253, 265. Als 1992 der Fernsehjournalist Detlef Urban mit einem Team im Auftrag der ARD bei Pfarrer Franz drehte und Dokumente aus dem Stasi-Archiv im Film Kumpanei mit der Stasi ausstrahlte, suspendierte ihn die Kirchenleitung vom Dienst. Weil er sich weigerte, vom Pfarramt zurückzutreten, eröffnete die Landeskirche gegen ihn ein Amtszuchtverfahren, das durch zwei Instanzen ging und vor einer Kammer der EKD 1997 mit seiner endgültigen Entfernung aus dem Amt eines Pfarrers und der Aberkennung aller Rechte und dem Verlust aller Anwartschaften endete. Franz darf sich nicht mehr Pfarrer nennen., mdr.de, 26. Januar 2016

Seit 1997 wohnt er in Weimar-Taubach in einem ehemaligen alten Bauernhaus.Peter Franz: Der rote Pfarrer II. Kurator eines jüdischen Lern- und Gedenkorts. Weimar 2019, S. 10. Seither arbeitet er als freier Redner bei Geburtsbegrüßungen, Eheschließungen und Begräbnissen. Seit 1992 ist er Autor von Büchern über jüdisches Leben, Verfolgung und Widerstand im NS-Regime, über Kriegerdenkmäler und zur eigenen erlebten Zeitgeschichte. In seinem Wohnort unterhält er auf ehrenamtlicher Grundlage eine „DDR-Bücherstube“ mit mehreren tausend Büchern zur kostenlosen Ausleihe, die nach Schließungen und Verkleinerungen öffentlicher Bibliotheken hätten entsorgt werden sollen. Seit 2007 ist er der spiritus rector des Prager-Haus Apolda e. V., der ein ehemaliges jüdisches Geschäftshaus gerettet und zum Ort der Begegnung, der Erinnerung und des geschichtlichen Lernens ausgestaltet hat.

Peter Franz lehnt Militäreinsätze ab und kritisierte entsprechende Äußerungen von Bundespräsident Gauck.Klaus Blessing, Manfred Manteuffel: Joachim Gauck. Der richtige Mann? Kritische Anmerkungen anhand von Reden, Dokumenten und Zeitzeugenaussagen. 7. Aufl. Berlin 2014, S. 145. Als ihm 2016 der Obermayer German Jewish History Award verliehen wurde, kritisierte Hildigund Neubert, die frühere Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Thüringen, diese Entscheidung der Obermayer-Foundation, denn Franz habe der kommunistischen Diktatur in der DDR gedient.

Franz ist Mitglied im Thüringer Verband Deutscher Schriftsteller, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und in der Gewerkschaft ver.di, zudem ist er Mitglied in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e. V., im Rotfuchs-Förderverein e. V. und in der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e. V.

Publikationen Kirche im Sündenfall. Band 4 der Weißbücher „Unfrieden in Deutschland“. Hrsg. von der Gesellschaft für Bürgerrechte und Menschenwürde (GBM), Berlin 1995, ISBN 3-929994-42-9. Martialische Idole. Die Sprache der Kriegerdenkmäler in Thüringen. Eine landesweite Darstellung des Bestands und eine kritische Analyse ihrer ikonografischen und verbalen Botschaften. Hrsg. vom Thüringer Forum für Bildung und Wissenschaft e. V. Jena 2001, ISBN 3-935850-04-2. Der gewöhnliche Faschismus. Über die alltägliche Herrschaft der „Nationalsozialisten“ am Beispiel einer Mittelstadt des Deutschen Reiches (Apolda). Eine Chronologie in Jahresscheiben. gesucht 4. Die Vergangenheit für die Zukunft retten! Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e. V., Weimar 2001, ISBN 3-935275-00-5. Der rote Pfarrer von Kapellendorf. Als Christ und Sozialist im Diesseits. Ein Buch der Erinnerung und das Tagebuch einer Einmischung. GNN-Verlag, Schkeuditz 2017, ISBN 978-3-89819-425-9. Der Mischling. Eine unerwartete Entdeckung. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e. V., Apolda 2018, ISBN 3-935275-71-4. Die Rosewitz. Eine zerstörte Familie. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e. V., Apolda 2019, ISBN 3-935275-76-5. Die jüdischen Patrioten. Eine Erkenntnis auf dem Totenbett. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e. V., Apolda 2019, ISBN 3-935275-77-3. Der rote Pfarrer II. Kurator eines jüdischen Lern- und Gedenkortes. Hrsg. von Udo Wohlfeld, Weimar-Taubach 2019, ISBN 3-935275-80-3. Die Nachkommen sprechen. Ihre Rückkehr zu den Wurzeln. Hrsg. von der Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda e. V., Apolda 2020, ISBN 3-935275-83-8. Unter dem Davidstern. 150 Jahre jüdisches Leben in Apolda. Ein Beitrag aus dem Prager-Haus Apolda zum Gedenkjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“. Weimar-Taubach 2020, ISBN 978-3-949026-09-6. Speaking about the Ancestors. The Following Generations’ Return to the Roots = Gefunden. 20.a series by the Prager-Haus Apolda e. V., translated into English by Eva Vollmar. Apolda 2020, ISBN 978-3-949026-10-2. Menschen im weltweiten Widerstand gegen das deutsche Naziregime. Eine soziologische Untersuchung, ISBN 978-3-7597-5593-3

Kinderbücher Die Gewieften. Elfriede und ihr Sohn tricksen die Nazis aus. Die Nr. 1 aus der Reihe Apoldaer Judengeschichten. Apolda 2015, ISBN 3-935275-37-4. Die Frau im Schrank. Ein Gruß aus dem Jenseits. Die Nr. 2 aus der Reihe Apoldaer Judengeschichten. Apolda 2015, ISBN 978-3-935275-38-5. Der Unglücksbote. Der Befehl zur Fahrt in den Tod. Die Nr. 3 aus der Reihe Apoldaer Judengeschichten. Apolda 2015, ISBN 3-935275-39-0. Kriegskameradschaft. Freundschaft gegen Judenhass. Die Nr. 4 aus der Reihe Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2015, ISBN 3-935275-42-0. Der Röntgenarzt. Ein jüdischer Arzt wird aus Apolda hinaus geekelt. Die Nr. 5 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2015, ISBN 3-935275-41-2. Der Geiger. Musik als Über-Lebensmittel. Die Nr. 6 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2016, ISBN 3-935275-45-5. Die Geheimtür. Die Nazis können mich mal... Die Nr. 7 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2016, ISBN 3-935275-47-1. Der Zuckerbäcker. Ein „halber Jude“ – aber ein ganzer Mensch. Die Nr. 8 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten. Apolda 2017, ISBN 3-935275-48-X. Stille Helden. Harry, Käthe, Marie, Albert, Paul und Hilde. Die Nr. 9 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2017, ISBN 3-935275-55-2. Der geheimnisvolle Schneider. Hereingeweht vom Winde der Geschichte. Die Nr. 10 aus der Reihe der Apoldaer Judengeschichten, Apolda 2018, ISBN 3-935275-72-2.