mini|Bekannte Russlanddeutsche:Denis Fonwisin, Michael de TollyAlexander von Benckendorff, Katharina II.Peter Struve, Alexei RüdigerAlissa Freindlich, Otto Schmidt
Der Begriff Russlanddeutsche (, wiss. Transliteration rossijskie nemcy, auch umgangssprachlich , wiss. Transliteration russkie nemcy, russisch немцы России, wiss. Transliteration nemcy Rossii, oder auch veraltet russisch советские немцы, wiss. Transliteration sowetskije nemcy) ist ein Sammelbegriff für die deutschen bzw. deutschstämmigen Bewohner Russlands und anderer Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Russischen Reichs. Die Russlanddeutschen, aber auch viele gemischt russisch-deutsche Familien, sind inzwischen mehrheitlich in die Bundesrepublik Deutschland, eingewandert bzw. übergesiedelt (zum Großteil im Zuge des Aussiedler-Programms).Sabine Ipsen-Peitzmeier, Markus Kaiser (Hrsg.): Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland. Transcript, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-308-9.
Deutsche in Russland und Deutsche aus Russland
Sowohl die in Russland verbliebenen Deutschen als auch die aus Russland zugewanderten Deutschen wurden und werden als Russlanddeutsche geführt. Amtlich wird zwischen Aussiedlern (bis 1992 zugewandert) und Spätaussiedlern (seit 1993 zugewandert) unterschieden.
Privilegiert sind nur ausgesiedelte Russlanddeutsche nach Art. 116 Abs. 1 GG als deutsche Volkszugehörige in der Bundesrepublik Deutschland. Sie erhalten mit vergleichsweise wenig Aufwand die deutsche Staatsbürgerschaft, bekommen also von Anfang an alle Bürgerrechte zuerkannt.
In Kurzbezeichnungen steht bei deutschsprachigen Herkunftsbezeichnungen meistens vorrangig der Staat und nachrangig die Ethnie, so auch bei dem Begriff „Russlanddeutsche“. Dieser Begriff bestätigt den Anspruch, dass die gemeinten Personen in erster Linie Deutsche sind, im Fall von Aussiedlern und Spätaussiedlern „Deutsche aus Russland“ bzw. „aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zugewanderte Deutsche“. Im Gegensatz hierzu gibt die Bezeichnung „Deutschrussen“ zu erkennen, dass die so Bezeichneten in erster Linie als „Russen“ (wenn auch mit einer besonderen Beziehung zu Deutschland) gelten. Diese Bezeichnung wird von vielen Betroffenen als Beleidigung empfunden und ist begrifflich für die in Rede stehende Bevölkerungsgruppe ohnehin unzutreffend.
Gelegentlich zu den Russlanddeutschen gezählt werden die Russlandschweizer, ein Begriff, der mit dem Ende der Zarenzeit und der danach folgenden Integration bzw. Abwanderung der Russlandflüchtlinge in der Schweiz jedoch an Bedeutung verloren hat. Russlandschweizer hatten meist in den Ballungszentren Moskau und St. Petersburg und in der Ukraine rund 300 Industrieunternehmen betrieben. Ihre Präsenz in Russland basierte wesentlich auf dem 1872 vereinbarten Handels- und Niederlassungsvertrag der beiden Staaten. Eine Aufschlüsselung der deutschsprachigen Minderheit in Deutsche, Österreicher oder Schweizer galt im Russischen Kaiserreich und in der Sowjetunion amtlich nie als üblich, vielmehr wurden alle anhand der Sprache unterschiedslos als „Deutsche“ eingeordnet.
Geschichte der Russlanddeutschen
Siedlungsgebiete in Russland Es handelt sich um eine regional ursprünglich sehr verteilte Gruppe, die nach dem Siedlungsort innerhalb des Russischen Kaiserreiches unterteilt werden in Wolgadeutsche, Wolhyniendeutsche, Krimdeutsche, Kaukasiendeutsche, Schwarzmeerdeutsche, Sibiriendeutsche und Bessarabiendeutsche. Einige von ihnen gründeten selbst in Sibirien und im Fernen Osten am Amur Siedlungen. Vielerorts im Reich entstanden deutsche Enklaven als autonome Gemeinden mit Namen wie Mannheim, Josephsthal oder Schönfeld. Deren gemeinschaftliches Leben wahrte vielfach Traditionen aus der alten Heimat. Sie hatten eigene Kirchen und Ratsversammlungen, die für die deutsche Ortsgemeinschaft bindend waren.
Am 1. Juli 1991 wurde der 1938 aufgelöste deutsche Nationalkreis Halbstadt (Nekrassowo) im Altai wiedergegründet, am 18. Februar 1992 erfolgte die Gründung des deutschen Nationalkreis Asowo (bei Omsk). Bei Saratow und Wolgograd sollten weitere Nationalkreise oder -bezirke (Okrugi) gegründet werden. In der Nähe von Uljanowsk an der Wolga wurde ebenfalls Anfang der 1990er Jahre der deutsche Dorfsowjet (Dorfrat) von Bogdaschkino gegründet. Die Zukunft dieser autonomen Gebilde auf unterster Stufe erscheint (Stand 2011) fraglich, weil die Mehrheit der dortigen alteingesessenen deutschstämmigen Bevölkerung ausgewandert ist.
Im Jahr 2010 stellten die Russlanddeutschen nur noch in der Region Altai und im Gebiet Nowosibirsk die größte Minderheit.Volkszählungen in Russland (1939 bis 2010). RIA Nowosti 2011. In: de.rian.ru. 22. März 2012, aktualisiert am 5. Oktober 2015, abgerufen am 15. Januar 2018.
mini|Bevölkerungsverteilung der Russlanddeutschen laut Ergebnis der gesamtrussischen Volkszählung 2010 mini|Anteil Deutscher nach Föderationssubjekten
Die im Jahr 2010 durchgeführte Volkszählung der Russischen Föderation nannte eine Gesamtzahl von 394.138 Deutschen, davon lebten 170.154 auf dem Land und 223.984 in Städten.
In folgenden Regionen lebten 2010 noch deutschstämmige Minderheiten: Oblast Kaliningrad Region Altai (Barnaul, auch im Nationalkreis Halbstadt) Oblast Nowosibirsk Oblast Omsk (darunter im Nationalkreis Asowo) Oblast Orenburg Oblast Tomsk Oblast Saratow Oblast Wolgograd Republik Chakassien Republik Komi Oblast Tscheljabinsk
Prozentual gesehen machten die Deutschen 2010 rund 0,41 % der gesamten Bevölkerung Russlands aus. In Sibirien lebten 2010 prozentual mehr Deutsche als in anderen Regionen, mehr als 350.000.
Russlanddeutsche Umsiedler in Deutschland Während des Vorrückens der Roten Armee im Verlauf des Deutsch-Sowjetischen Krieges siedelten SS-Dienststellen ab 1943 insbesondere Schwarzmeerdeutsche, die in den nationalsozialistischen Herrschaftsbereich geraten waren, in den Warthegau um. Sie erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft („Administrativumsiedler“). Besatzungsmächte zwangen in den Jahren nach dem Krieg die meisten von ihnen, in die (damals stalinistische) Sowjetunion zurückzukehren (Zwangsrepatriierung). Erst im Rahmen der Ostpolitik konnten in den 1970er und 1980er Jahren über 70.000 Russlanddeutsche nach Deutschland umsiedeln.Landsmannschaft der Deutschen aus Russland: Zeittafel von der Auswanderung nach Russland bis zur Gründung der Landsmannschaft. In: deutscheausrussland.de, abgerufen am 7. November 2017.
Während des Zerfalls der Sowjetunion und in den Jahren danach schnellten die Zahlen in die Höhe, es wird inzwischen von „Rückkehr“ gesprochen. Von den 1980er Jahren bis etwa 2015 kamen an die 2,3 Millionen Umsiedler aus Russland nach Deutschland.Geschichte der Russlanddeutschen ab Mitte der 1980er Jahre. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Dossier Russlanddeutsche, 18. Juli 2017, S. 1. Die nach den Revolutionen im Jahr 1989 angekommenen Aussiedler und Spätaussiedler wurden vergleichsweise gut integriert; die NZZ nannte den Integrationswillen im Jahr 2010 „exemplarisch“.Ulrich Schmid: Aus den sibirischen Weiten zurück ins enge Deutschland. In: Neue Zürcher Zeitung. 30. Oktober 2010, abgerufen am 7. November 2017. Es gab gegensätzliche Auffassungen dazu, wie die soziale und kulturelle Integration Russlanddeutscher verlaufen ist. Die Männer arbeiteten (2016) überdurchschnittlich oft im produzierenden Gewerbe und im Baugewerbe, Frauen oft in geringfügiger Beschäftigung. Insgesamt (alle Familienmitglieder zusammengenommen) ähnelt die Einkommensstreuung russlanddeutscher Haushalte derjenigen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.
Nach der Jahrtausendwende war eine Remigration aus Deutschland speziell nach Russland und Kasachstan erkennbar. Als Gründe spielten das wirtschaftliche Wiedererstarken im Osten als Pullfaktor sowie die defizitäre Integration in Deutschland als Pushfaktor für die individuellen Rückkehrentscheidungen eine Rolle.Vera Mattock: Rückwanderung von (Spät-)Aussiedlern nach Russland – Annäherung an ein schwer fassbares Phänomen. In: Zuhause? Fremd? – Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien. Hrsg.: Markus Kaiser, Michael Schönhuth, transcript Verlag 2015, DOI, S. 176.
Als sich die Beziehung zu Russland nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 und den folgenden Sanktionen massiv verschlechtert hatte sowie zusätzlich seit Beginn der Flüchtlingskrise in Deutschland 2015/2016 fühlten sich viele Russlanddeutsche ungerecht behandelt und zu wenig willkommen.Manuela Roppert: In: BR24. 13. September 2017. Das Putin-Regime machte in den (auch von Russlanddeutschen konsumierten) russischen Staatsmedien Stimmung gegen Kanzlerin Merkel. Es wurde ein Narrativ verbreitet, es gäbe in Deutschland einen Neo-Faschismus und dieser sei ein Hauptcharakteristikum in Deutschland.Boris Reitschuster: Wie eine Kreml-Retorten-Partei und die AfD mit perfiden Methoden um die Stimmen von Russlanddeutschen werben. In: Huffingtonpost.de. 26. Juli 2017, abgerufen am 7. November 2017. Erstmals seit 2004 sollte es vor den Wahlen 2017 wieder einen Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung auf Russisch geben.Christoph Strauch: Wahlkampf auf Kyrillisch. In: FAZ. 20. Mai 2017, abgerufen am 7. November 2017. Russlanddeutsche Familien hatten nicht nur aus Furcht vor Diskriminierung in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg kein Deutsch mehr gesprochen; sie hätten (so die russlanddeutsche Journalistin Ella Schindler) auch nie gelernt, sich eine freie Meinung zu bilden. Einige zögen sich zurück „ins allseits Bekannte einer sowjetischen Vergangenheit“ und vertrauten einfachen Erklärungsmustern des russischen Fernsehens.Inna Hartwich: Die unsichtbaren Deutschen. In: NZZ. 15. Mai 2016, abgerufen am 7. November 2017.
Bekannte Russlanddeutsche mini|hochkant|Gazprom-Chef Alexei Miller (2013) mini|hochkant|Sberbank-Chef Herman Gref (2015) mini|hochkant|Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Natalie Pawlik (2015)
Politik Jakob Höppner (1748–1826), Mitverantwortlicher für die Ostsiedlung der Mennoniten Johann Bartsch (1757–1821), Mitverantwortlicher für die Ostsiedlung der Mennoniten Gotthard Wilhelm von Budberg-Bönninghausen (1766–1832), russischer Diplomat und Zivilgouverneur von Estland Johann Cornies (1789–1848), Mennonit, reichster Mann Südrusslands Prinz Peter von Oldenburg (1812–1881) Wladimir Nikolajewitsch Lamsdorf (1844–1907), russischer Außenminister Wjatscheslaw Konstantinowitsch von Plehwe (1846–1904), Innenminister Sergei Juljewitsch Witte (1849–1915), Ministerpräsident und Unternehmer Alexander von Benckendorff (1849–1917), russischer Botschafter Nikolaus Hartwig (1857–1914), russischer Diplomat Pjotr Lwowitsch Bark (1869–1937), russischer Finanzminister Emmanuil Ionowitsch Kwiring (Quiring) (1888–1937), sowjetischer Politiker Alfred Rosenberg (1892–1946), nationalsozialistischer Ideologe und Politiker Rudolf Iwanowitsch Abel (1903–1971), Agent der UdSSR in den USA Eduard Ergartowitsch Rossel (* 1937), Politiker und Gouverneur der Oblast Swerdlowsk Wiktor Melchiorowitsch Kress (* 1948), Politiker und Gouverneur der Oblast Tomsk Heinrich Zertik (* 1957), MdB, Politiker (CDU), erster russlanddeutscher Bundestagsabgeordneter (18. Bundestag (2013–2017)) Alfred Reingoldowitsch Koch (* 1961), russischer Unternehmer, Publizist und Staatsmann Alexei Borissowitsch Miller (* 1962), Vorstandsvorsitzender des russischen Konzerns Gazprom Waldemar Herdt (* 1962), Politiker (bis 2024 AfD) und Mitglied des 19. Deutschen Bundestages (2017 bis 2021) Georgi Walentinowitsch Boos (* 1963), Politiker und Gouverneur der Oblast Kaliningrad Hermann Gref (* 1964), auch Herrmann Gräf, Politiker, ehemaliger Wirtschaftsminister der Russischen Föderation, Vorstandsvorsitzender der Sberbank Andreas Maurer (* 1970), Lokalpolitiker (Die Linke) Eugen Schmidt (* 1975), Politiker (AfD) und von 2021 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestags