Die Regensburger Domspatzen sind der Domchor des Regensburger Domes in Trägerschaft der Stiftung Regensburger Domspatzen. Er bestand bis September 2022 aus einem reinen Knabenchor mit Männerstimmen. Seitdem nimmt das dazu gehörende Gymnasium auch Mädchen auf und erhält einen zusätzlichen Mädchenchor. Die Regensburger Domspatzen können auf eine über tausendjährige Geschichte zurückblicken und sind damit einer der ältesten Knabenchöre der Welt. Sie gehören zu den berühmtesten und renommiertesten Chören. 2002 wurde ihnen von der Europäischen Föderation der Chöre der Titel Kulturelle Botschafter von Europa verliehen. Die Regensburger Domspatzen wurden durch die Teilnahme am UNICEF-Wettbewerb „JuniorBotschafter“ als „Juniorbotschafter für Kinderrechte“ gewürdigt.Heinz Klein: UNICEF dankt den Domspatzen. In: Mittelbayerische Zeitung, 20. Februar 2012, abgerufen am 22. September 2017.
2010 wurde bekannt, dass im Chor und in den zu ihm gehörenden Erziehungseinrichtungen systematisch psychische und physische Gewalt gegen die Kinder und Jugendlichen ausgeübt wurde, unter anderem auch unter Domkapellmeister Georg Ratzinger. Laut einem Untersuchungsbericht von 2017 und neueren Studien erlitten in neuerer Zeit 500 Opfer körperliche und 67 Opfer sexuelle Gewalt durch vermutlich 45 bzw. 9 Täter.Claudia Henzler: „Die totale Institution“. In: Süddeutsche Zeitung vom 23. Juli 2019, S. 26. Die Regensburger Domspatzen arbeiteten die Missbrauchsfälle im Dialog mit den Betroffenen und wissenschaftlichen Gutachten auf.
Geschichte mini|Regensburger Domspatzen Vorläufer im Mittelalter und der frühen Neuzeit Im Jahr 739 wurde Regensburg Bischofssitz. Der Bischof war zugleich Abt des Klosters St. Emmeram, in dem er residierte. Das Kloster erlangte weitreichende Bedeutung zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert auf den Gebieten der Theologie, Philosophie, Mathematik, Astronomie und Kunst. Es beherbergte eine Bibliothek herausragender Schriftstücken des Mittelalters. Seit der Synode von Neuching 771 zählen Gründung und Unterhalt von Schulen zu den Aufgaben eines Bischofs. So ist schon aus der Zeit eine sogenannte schola puerorum episcopalis – eine Bischöfliche Knabenschule – belegt. Bischof Wolfgang (972–994) vollzog die gorzisch-trierische Klosterreform und löste 975 die Personalunion von Abt- und Bischofswürde in Regensburg auf. Als Bischof von Regensburg gründete er im Jahr 975 eine eigene Domschule zur Ausbildung von Kleriker-Nachwuchs. Aufgabe der Scolares am Dom war es, die Liturgie im Regensburger Dom zu gestalten. Dabei orientierte er sich an der Regel, die Bischof Chrodegang für die Unterweisung von Knaben und Pflege der liturgischen Gesänge festgelegt hatte. Diese Regel empfahl insbesondere den Gesang zur feierlichen Gestaltung der Liturgie und des Stundengebetes. In der Folge entwickelte sich die Regensburger Domschule zu einer hoch angesehenen Bildungseinrichtung. Mitte des 11. Jahrhunderts wurde die Aufsicht über die Schule und den Chor einem Scholasticus bzw. Magister scholarum übertragen. Er wurde aus dem Kreis des Domkapitels gewählt und vom Bischof bestätigt. Die Domsingknaben sangen 500 Jahre lang Gregorianische Choräle in der Liturgie. 1502 kamen zu den Knaben acht Männerstimmen hinzu, um die aufkommende und bis heute praktizierte Vokalpolyphonie singen zu können.
Eine Stiftung des Domkapitels im Jahr 1591, die Dompräbende, diente der Einrichtung und dem Unterhalt eines Internats für die Domschüler. Die finanziellen Mittel dafür stellten der Regensburger Bischof und das Domkapitel bereit. Die Bedeutung der Domschule war zu dieser Zeit stark gesunken, die Präbende „eine Verpfleg- und Bewahrungsanstalt für eine kleine Zahl von Knaben, die bei den gottesdienstlichen Verrichtungen singen mußten“.zitiert nach Karl Ernst Maier: Die Schulverhältnisse der Reichsstadt Regensburg. In: Max Liedtke: Handbuch der Geschichte des Bayerischen Bildungswesens. Erster Band. Bad Heilbrunn 1991, S. 453.
Gleichzeitig wurde mit dem Einsatz von Musikinstrumenten im Regensburger Dom der Anfang der instrumentalen Kirchenmusik begründet, die bis zur Begründung der „Regensburger Tradition“ im 19. Jahrhundert für die liturgische Gestaltung maßgeblich war.
17. bis 19. Jahrhundert Zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erfuhr die Präbende eine mehrjährige Unterbrechung, weil die Stiftung bankrottging. Zwischen 1634 und 1637 blieben nur vier bzw. fünf Schüler übrig. Da die Stadt Regensburg damals von schwedischen Truppen besetzt war, wurden im Dom keine katholischen, sondern evangelische Gottesdienste gefeiert. Ende 1637 konnte das Seminar wieder geöffnet werden, jetzt lebten sechs „große Alumnen“ und drei „kleine Alumnen“ im Seminar. Die älteren Alumnen sollten für den Dienst in einer Pfarrei ausgebildet werden; nur die jüngeren sollten im Dom singen. Allerdings geriet das Domstift durch den Dreißigjährigen Krieg bereits 1646 wieder in eine derartige Notsituation, dass nur noch zwei Schüler als Ministranten gehalten werden konnten. Im Jahr 1653 kam es unter Bischof Franz Wilhelm von Wartenberg zu einer Neugründung und Umstrukturierung der Domschule.Christoph Meixner: Musik und Musikerleben in Regensburg in der Neuzeit. In: Peter Schmid: Geschichte der Stadt Regensburg. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2000, S. 984. Dazu löste er die alte Domschule auf und gründete zugleich das Klerikalseminar St. Wolfgang, die Dompräbende andererseits. Seit dieser Zeit wird einerseits die Ausbildung von Klerikern nicht mehr in der Domschule vorgenommen, sondern im neugegründeten Regensburger Priesterseminar. Die Ausbildung und Unterbringung der Sängerknaben andererseits wurde damals in der bis heute bestehenden Dompräbende der Domspatzen neu geregelt.August Scharnagl: Zur Geschichte des Regensburger Domchors. In: Georg Paul Köllner (Hrsg.): Musicus – Magister. Festgabe für Theobald Schrems zur Vollendung des 70. Lebensjahres. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 1963, S. 137. Eine Folge dieser Trennung war, dass die Domsingknaben keine eigene Schule mehr hatten; dies blieb bis ins 20. Jahrhundert so.
Nachdem das Fürstentum Regensburg inklusive des Hochstifts Regensburg 1810 zum Königreich Bayern geschlagen worden war, teilten sich ab 1819 der Staat Bayern und die bis dahin Verantwortlichen aus Domkapitel und Bischof die Finanzierung der Domschule. Der Staat bezahlte jetzt zwei Drittel der Kosten für Dompräbende und übernahm damit den Anteil, den bisher der Bischof zu entrichten hatte. Die Qualität der Dommusik zu Beginn des 19. Jahrhunderts war schlecht. Dies lag einerseits an einer Überforderung der Sänger, andererseits aber auch an einer schlechten Bezahlung der Dommusiker.
Im 19. Jahrhundert kam es in Regensburg zu einer Reform der Kirchenmusik, wichtige Impulse dazu setzte der Musikforscher Carl Proske. Insbesondere die Meister kirchlicher Werke wie Giovanni da Palestrina oder Orlando di Lasso sollten wieder in das Repertoire aufgenommen werden. Darauf geht die Regensburger Tradition zurück, besonders den Gregorianischen Choral und die altklassische Vokalpolyphonie zu pflegen.
Frühes 20. Jahrhundert, unter dem Namen „Domspatzen“ Im August 1910 unternahm der Regensburger Domchor unter Franz Xaver Engelhart seine erste Auslandsreise; sie führte zu einem kirchenmusikalischen Kurs nach Prag. In Presseberichten über diese Reise wird zum ersten Mal der Name Domspatzen erwähnt.Fritz Wagner: Wie alt sind die „Regensburger Domspatzen?“ In: Karl Hausberger: Kulturarbeit und Kirche. Verlag des Vereins für Regensburger Bistumsgeschichte, 2005, S. 677. Zuvor war nur von Domchor oder Domcapelle die Rede.Frankfurter-Oberpostamts-Zeitung Auszug vom 21. April 1842 (Band Seite 931) Andererseits ist aber bereits in einem Brief von 1873 von einem „ehemaligen Domspatz“ die Rede; offensichtlich wurde dieser Begriff schon damals, wenngleich nicht offiziell, gebraucht. 1934 wurde vom Domkapitel ein Anwesen in der Regensburger Orleansstraße erworben, das ein Jahr später von der Dompräbende bezogen wurde. Vor allem durch die Tätigkeit von Theobald Schrems, Domkapellmeister 1924–1963, wurde der Chor weltberühmt.
Nachdem Schrems 1924 Domkapellmeister geworden war, stand er bald vor vielfältigen Problemen: Während der 1920er Jahre litt insbesondere die Dompräbende, also das Internat des Chores, unter der wirtschaftlichen Krise. Dies führte zu einem Nachwuchsproblem: Viele Familien konnten sich die Unterbringung ihrer Kinder in der Dompräbende nicht mehr leisten. In der Folge stiegen viele Sänger aus der Stadt Regensburg, die bei ihren Eltern wohnen konnten und auf die Präbende damit nicht angewiesen waren, in den Stammchor auf, obwohl es an musikalischem Talent fehlte. Die finanzielle Notsituation hätte nur durch großzügige finanzielle Unterstützung behoben werden können, die allerdings weder von staatlicher noch kirchlicher Seite möglich war. In diesem Zuge wurde 1925 von ehemaligen Domchorsängern der „Domchorverein“ gegründet, der den Chor finanziell unterstützen sollte. Finanzielle Mittel rekurrierten sich zunächst aus den Gründungsspenden einzelner Mitglieder, später auch aus den Mitgliedsbeiträgen. Zudem finanzierte sich der Chor zunehmend auch durch außerkirchliche Konzerte; das erste öffentliche Konzert fand 1925 in Regensburg statt. Die Domspatzen sangen Opern wie Hänsel und Gretel und traten im Rundfunk auf. 1933 reiste der Chor nach Italien.
Zeit des Nationalsozialismus Bereits auf dem Regensburger NSDAP-Gautag im Juni 1933 traten die Domspatzen vor Parteiorganisationen auf. Dies geschah auf Wunsch des Gauleiters Hans Schemm unter anderem mit einem Stück von Richard Wagner. Als der Reichskanzler Adolf Hitler im Oktober 1933 die Stadt besuchte, sang der Domchor im Reichssaal für ihn. Dieser Auftritt ging auf die Initiative von Chorleiter Theobald Schrems zurück.Helmut Halter: Die „Regensburger Domspatzen“ 1924–1945. In: Werner Chrobak (Hrsg.): Staat, Kultur, Politik. 1992, S. 375. Hitler unterstützte die Domspatzen in der Folgezeit bis Kriegsende persönlich finanziell. Er spendete jährlich 12.000 RM (entspricht heute etwa EURDiese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, ist auf volle 10.000 EUR gerundet und vergleicht 1938 mit Januar .) „aus eigenen Mitteln, um musikalisch besonders begabten Sängerknaben Freistellen zu gewähren“. Der Chor trat insgesamt sechsmal in der Gegenwart des „Führers“ auf, so z. B. auf dem Reichsparteitag der NSDAP von 1938 in Nürnberg und zweimal auf dem Obersalzberg,Karl Frank: Apostolat und Propaganda. In: Christel Erkes (Hrsg.): Die Regensburger Domspatzen. Begegnung mit Theobald Schrems. 1993, S. 61. am 28. Juli 1936 und am 13. August 1938.
1934 wurde der Domchorverein „gleichgeschaltet“. Die NSDAP fragte direkt beim Verein nach, ob dessen „Gleichschaltung“ bereits vollzogen oder noch in Planung sei. Dies führte auch zu Auseinandersetzungen zwischen Bistum und Domchorverein, die sich um die Frage drehten, inwieweit der Chor überhaupt Aufführungen außerhalb der Liturgie vornehmen sollte. Schrems selbst bat die Gauinspektion der NSDAP in Regensburg darum, von einer Gleichschaltung des Vereins abzusehen. 1934 wurden zu Ludwig Eckert und Martin Miederer zu Vorsitzenden des Domchorvereins gewählt; beide waren Mitglieder der NSDAP. Ab 1937 wurde Miederer anstelle des von der NSDAP nur geduldeten Eckert Vorsitzender des Vereins.
Der Domchorverein finanzierte sich auch in dieser Zeit einerseits über die Einnahmen aus Konzerten, andererseits aus Zuschüssen des Bistums wie der staatlichen Stellen. Mittels der staatlichen Zuschüsse wollte die NSDAP auch Auftritte des Chores für ihre eigenen Zwecke erreichen. Dagegen versuchte sich Bischof Michael Buchberger zu wehren und wies die Reichskanzlei immer wieder darauf hin, die Domspatzen könnten nicht für derartige Feierlichkeiten in Anspruch genommen werden, die dem Charakter eines Domchores zuwiderliefen.