Lagerbordelle wurden zwischen 1942 und 1945 in zehn NS-Konzentrationslagern eingerichtet und sollten männlichen Häftlingen als Anreiz zur Mehrarbeit dienen.

Der Historiker Robert Sommer schätzt, dass 210 Frauen in den Bordellen deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager zur Prostitution gezwungen wurden, für 174 Frauen wurde dies namentlich nachgewiesen.Vgl. Robert Sommer: Das KZ-Bordell, Paderborn 2009, S. 245ff.

Geschichte

Die Idee der Einrichtung von Lagerbordellen geht auf einen Besuch des Reichsführers-SS Heinrich Himmler im KZ Mauthausen und den umliegenden Steinbrüchen zurück.Robert Sommer im Interview mit Franziska von Kempis: Himmlers KZ-Bordelle – „Die verfluchten Stunden am Abend“. In: Süddeutsche Zeitung, 19. Juni 2009. Abgerufen am 1. Februar 2012. Nach seinen Vorstellungen sollte die totale Ausbeutung der Arbeitskraft männlicher KZ-Häftlinge durch die Einführung von Gratifikationen forciert werden. Privilegierten männlichen Häftlingen sollte der Besuch des „Sonderbaus“ – so die Sprachregelung der SS für diese Bordellbaracken – erlaubt werden.

Dass dies auf Kosten der Sex-Zwangsarbeiterinnen geschehen sollte, war von Anbeginn Teil der Idee: „Die sexuelle Ausbeutung von Frauen sollte ein natürlicher Anreiz für männliche Häftlinge sein.“

Auf Befehl von Heinrich Himmler entstand in Mauthausen im Juni 1942 das erste von zehn Häftlingsbordellen. Hierfür wurden Frauen aus der Häftlingskategorie „asozial“ „abgestellt“, die sich nicht in den NS-Staat eingefügt hatten und beispielsweise den Bund Deutscher Mädel ablehnten. Des Weiteren gehörten auch Frauen, die sich prostituiert hatten und nicht den gegen sie verhängten Auflagen nachgekommen waren, zu den „Asozialen“. Viele dieser zur Prostitution gezwungenen Frauen kamen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Zogen sich Frauen eine Geschlechtskrankheit zu, wurden sie für medizinische Versuche zur Verfügung gestellt. Schwangere wurden einer Zwangsabtreibung unterzogen.

Das Lagerbordell im KZ Auschwitz I wurde ab Juni 1943 auf Geheiß Himmlers im Block 24a (gegenwärtig Sitz des Museum-Archivs) eingerichtet. Zuvor hatte die SS den Plan verworfen, eine Bordellbaracke (Bauvorhaben 93) hinter dem Block 11 zu errichten. Es eröffnete im Oktober 1943 und sollte privilegierten Funktionshäftlingen zur Belohnung dienen. Den SS-Wachen war der Besuch verboten, sie besuchten ein Bordell in der Stadt Auschwitz. Über 60 deutsche, polnische und ukrainische Frauen selektierte die SS im Frauenlager im KZ Auschwitz II–Birkenau für die beiden Bordellkommandos in Auschwitz I und KZ Auschwitz III–Monowitz. Das Lagerbordell bestand bis wenige Tage vor der Evakuierung von Auschwitz.Robert Sommer: Die Häftlingsbordelle im KZ-Komplex Auschwitz-Birkenau. Sexzwangsarbeit im Spannungsfeld von NS-‚Rassenpolitik‘ und der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. In: Jah, Kopke, Korb, Stiller (Hrsg.): Nationalsozialistische Lager. Neue Beiträge zur Geschichte der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und zur Theorie und Praxis von Gedenkstättenarbeit. Münster 2006.

Ab 1943 gab es innerhalb des Schutzhaftlagers in Buchenwald ein Lagerbordell für Häftlinge als „Antriebsmittel für höhere Leistungen“. Zu diesem Zweck wurden im Juli 1943 16 weibliche Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück nach Buchenwald verbracht und zur Prostitution gezwungen.

Am 11. Mai 1944 wurde im KZ Dachau ein Lagerbordell in Betrieb genommen, sechs Frauen aus Ravensbrück trafen ein. Es stand in Zusammenhang mit der Dienstvorschrift Oswald Pohls, außergewöhnliche Arbeitsleistungen bei Häftlingen zu honorieren und damit zu steigern. Gegen Ende des Jahres löste man es wieder auf.Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Luxemburg, 2002.

Das Prämiensystem Die KZ waren nicht nur Gefangenenlager, sondern auch Arbeitslager, welche die deutsche Kriegswirtschaft maßgeblich unterstützen mussten. Die Häftlinge waren billige Arbeitskräfte und wurden rücksichtslos ausgebeutet. Ab 1940 gab es einen starken Fachkräftemangel in für die SS wichtigen Betrieben, der mit Häftlingen behoben werden sollte. Diese wurden mit der Vergabe von Prämienscheinen entlohnt, welche Hafterleichterungen möglich machten. Allerdings hatte die große Mehrzahl der Häftlinge keinen Zugang zu solchen Positionen und somit auch nicht zu Prämienscheinen und Privilegien. Hier spielte die nationalsozialistische Rassenideologie eine wichtige Rolle, jüdische Häftlinge hatten keinen Zugang zu einer höheren Schicht in der Lagergesellschaft. Nur besser gestellte Häftlinge oder solche mit Beziehungen zu diesen wurden überhaupt in das Prämiensystem aufgenommen. Im Mai 1943 wurde eine „Dienstvorschrift für die Gewährung von Vergünstigungen an Häftlinge“ im gesamten KZ-System eingeführt.Dienstvorschrift für die „Gewährung von Vergünstigungen an Häftling“ vom 15. Mai 1943, Bundesarchiv der Bundesrepublik Deutschland, Sig. NS 3/426. Darin wurde männlichen Häftlingen bei höherer Arbeitsleistung das Tragen eines militärischen Haarschnitts,Anm. Kurzhaarschnitt statt sonst rasierter Glatze die Zuteilung von Zigaretten, eine höhere Brieffrequenz, Einkäufe in der Kantine und der Bordellbesuch gestattet.

„Sex-Zwangsarbeit gehörte zu einem Gratifikationssystem, das den Grundwiderspruch zwischen Arbeit und Überleben aufheben und die Ausbeutung der Häftlinge maximieren sollte. Das Prämiensystem samt den Lagerbordellen war seit 1943 fester Bestandteil der KZ-Zwangsarbeit sowie seiner Ausbeutungs- und Mordmaschinerie und damit inhärenter Bestandteil der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft.“

Übersicht der Bordelle

KZ errichtet aufgelöst Gebäude Lage (mit Koordinaten) heutiger Zustand Foto Mauthausen 11. Juni 1942Gepäppelt und verbraucht zeit.de vom 20. Juli 2006, abgerufen am 7. Dezember 2019. Baracke 1,umgebaut restauriert 200px Gusen Herbst 1942 eigener Bau privates Wohnhaus 200px Flossenbürg Juli 1943 Befreiung 23. April 1945 eigener Bau zerstört, Fundamente erkennbar Buchenwald 16. Juli 1943Gedenkstätte Buchenwald: Lagerbordelle – Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern, abgerufen am 1. September 2013. Befreiung 11. April 1945Arbeitsmaterialien für Projekttage in der Gedenkstätte Buchenwald. S. 39. eigenes Gebäude Arbeitsmaterialien für Projekttage in der Gedenkstätte Buchenwald. S. 40. zerstört, Fundamentreste, Gedenktafel Auschwitz-Stammlager Oktober 1943 Januar 1945,wenige Tage vor der Evakuierung Block 24a(1. Stock von Block 24),adaptiert Museumsarchiv, Gucklöcher zur Überwachung durch die SS in den Türen erhalten 200px Auschwitz-Monowitz Herbst 1943 zerstört Dachau 11. Mai 1944 Ende 1944 eigenes Gebäude(Block 170a oder 31) Robert Sommer: Der Sonderbau. Die Errichtung von Bordellen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, S. 46. zerstört Neuengamme 28. Mai 1944Himmler und das KZ-Bordell von Neuengamme focus.de vom 1. Dezember 2019, abgerufen am 7. Dezember 2019. eigenes Gebäude außerhalb des Häftlingslagers, durch einen Zaun abgetrennt zerstört, Fundamentreste, Gedenktafel Sachsenhausen August 1944 eigenes Gebäude Anbau neben der Pathologie im KrankenrevierRobert Sommer: Der Sonderbau, S. 92. Mittelbau-Dora Spätsommer 1944 zerstört, Fundamentreste, Gedenktafel 200px

Die Frauen

Nachweislich waren 180, wahrscheinlich aber zwischen 200 und 220 Frauen in den zehn Lagerbordellen eingesperrt. Die meisten der Frauen waren Deutsche, die als „Asoziale“ in ein Konzentrationslager verschleppt worden waren und von der SS weiterhin so bezeichnet wurden. Andere waren Polinnen, Ukrainerinnen, Weißrussinnen sowie Romnija und Sintize.Robert Sommer: „Sonderbau“ und Lagergesellschaft. Die Bedeutung von Bordellen in den KZ. in: Theresienstädter Studien und Dokumente. 2006, S. 300, Prag 2007 Jüdische Frauen gab es in den Lagerbordellen nie. Die erste detaillierte Biografie einer Sexzwangsarbeiterin, der in Marburg geborenen Franziska Weinheimer, rekonstruierte Randi Becker im Rahmen der Ausstellung "Marburger Frauen im Nationalsozialismus".

Selektion und Meldung Die Frauen, die in den Konzentrationslagern Buchenwald, Dachau, Dora-Mittelbau, Flossenbürg, Gusen, Mauthausen, Neuengamme und Sachsenhausen Sexzwangsarbeit leisten mussten, waren Häftlinge des Frauen-KZ Ravensbrück. In den Lagerbordellen des KZ Auschwitz mussten weibliche Häftlinge aus Auschwitz-Birkenau Sexzwangsarbeit verrichten.

Anfangs versuchte die SS in Ravensbrück mit der falschen Vorgabe einer Haftentlassung nach sechsmonatigem Bordelldienst die Frauen dazu zu bringen, sich „freiwillig“ zu melden. Zur vermeintlichen „Freiwilligkeit“ in den Lagerbordellen schreibt die Historikerin Christa Paul: „Bei dem Begriff ‚Freiwilligkeit‘, […] ist zu beachten, daß die ‚freiwillige‘ Meldung zur Arbeit in einem Häftlingsbordell ein Ausdruck ist, der eine erzwungene Entscheidung beschreibt. […] der Begriff ‚Freiwilligkeit‘ [hat] in Bezug auf Häftlinge in Konzentrationslagern, in denen die Herrschaft der SS absolut war, keine Relevanz.“ (Christa Paul, 1994, S. 33) Später wurden Frauen selektiert, denen der Charakter des Dienstes verschwiegen wurde. Dabei wurden von der SS Häftlinge ausgewählt, die als Prostituierte inhaftiert waren. Allerdings trifft der Haftgrund Prostitution keine Aussage darüber, ob die Frauen tatsächlich vor ihrer Inhaftierung in der Sexarbeit tätig waren.

Laut Sommer geschah dies aus drei Gründen:

Die SS wählte für all ihre Arbeitskommandos nach Möglichkeit Facharbeiter aus. Die SS erwartete von diesen Frauen weniger Widerstand. Die SS wollte bei den Bordellgängern den Glauben schaffen, dass die Frauen dieser Arbeit freiwillig nachgehen würden.

Mit dem Entstehen neuer Lagerbordelle mussten mehr Frauen selektiert werden. Da die Anzahl der als Prostituierte inhaftierten Frauen nicht mehr ausreichte, griff die SS auf als „Asozial“ oder „Kriminell“ inhaftierte Frauen zurück. Später wurden auch Frauen aus der Häftlingsgruppe der Politischen Gefangenen selektiert, vor allem sog. „Bettpolitische“. Als „Bettpolitische“ wurden von den Nationalsozialisten Frauen bezeichnet, denen bspw. eine Beziehung zu ausländischen Zwangsarbeitern vorgeworfen wurde.

Die Zeitzeugin, die unter den Pseudonymen Magdalena Walter, Margarethe Walter, Frau W., M. Walter, M.W., Frau B. oder Maria W. auftritt, berichtet in der Dokumentation Diese verfluchten Stunden am Abend. Die Häftlingsbordelle im KZ von ihrer Selektion durch die SS im KZ Ravensbrück und den anschließenden ärztlichen Untersuchungen. Zuerst wurden die Frauen in der Krankenbaracke „aufgepäppelt“, bekamen mehr Essen und wurden ärztlich betreut. Dann erst geschah der Transport in die verschiedenen Lagerbordelle der Männer-Konzentrationslager.

Die Bordellbesucher

Die Bordellbesucher waren zunächst nur Funktionshäftlinge. Erst ab 1943, nach Einführung des Prämiensystems, konnten auch andere Häftlinge das Bordell besuchen. SS-Männern war der Besuch des Lagerbordells nicht gestattet.Hauke Friederichs: Himmler als Zuhälter. In: Die Zeit, 6. Juli 2009. Abgerufen am 28. Jänner 2012. Die SS nutzte jeweils die städtischen Bordelle. Ausnahme waren ukrainische SS-Wachmänner, für welche teilweise Sonderbordelle gebaut wurden. Jüdischen Häftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen war der Bordellbesuch nie erlaubt. Zunächst wurden die Bordelle von Häftlingen, die es sich körperlich leisten konnten, gut besucht. Später sanken aber die Besuchszahlen rapide. Viele politische Häftlinge lehnten den Besuch eines solchen Bordells aus moralischen Gründen ab. Für die meisten Häftlinge war das Lagerbordell im täglichen Überlebenskampf bedeutungslos und wurde als groteske Einrichtung wahrgenommen.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Europa, Wien/München 1997, S. 598. ISBN 3-203-51243-2.