mini|hochkant=1.4|Blackbeard im Kampf mit Robert Maynard auf dem Höhepunkt des Goldenen Zeitalters (Gemälde von Jean Leon Gerome Ferris, 1920)

Der Begriff vom Goldenen Zeitalter der Piraterie wurde bereits 1724 von Captain Charles JohnsonHinter dem Pseudonym wird zuweilen der Schriftsteller Daniel Defoe vermutet. in seinem Buch A General History of the Pyrates eingeführt. Sie bezieht sich in etwa auf den Zeitraum zwischen 1690 und 1730, mit einem kurzen, aber spektakulären Höhepunkt in den Jahren von 1714 bis 1722. Die heutigen Vorstellungen über die Welt der Piraten basieren wesentlich auf den Schilderungen des Alexandre Olivier Exquemelin über die Piraten und Freibeuter des 17. Jahrhunderts in der Karibik. Diese Ära trug ganz wesentlich zum romantisch verklärten oder dämonisch überzeichneten Bild des Piraten bei, wie es bis in die Gegenwart in Romanen und Hollywood-Filmen popularisiert wird.

Sozialer Hintergrund der Piraterie mini|Amaro Pargo war einer der berühmtesten spanischen Piraten des Goldenen Zeitalters

Während die karibischen Bukaniere ihre Überfälle auf die spanischen Kolonien noch mehr oder weniger im Auftrag oder zumindest mit Duldung der englischen, französischen oder niederländischen Herrscher unternommen hatten, entzogen ihnen die europäischen Regierungen ab ca. 1690 ihre Unterstützung. Die Gouverneure in den Kolonien, besonders auf Jamaika, die lange vom Schmuggel mit geraubten Gütern profitiert hatten, begannen nun selbst unter den unsicheren Handelswegen und den steigenden Versicherungssummen zu leiden und gingen deshalb gegen die nun unerwünschten Bukaniere vor. Viele Freibeuter gaben die Jagd auf spanische Schatzschiffe auf und verlegten sich stattdessen auf die Handelswege im Atlantik und im Indischen Ozean, wo sie besonders Sklavenschiffe mit Kurs auf Nord- oder Südamerika oder Handelsschiffe mit Kolonialwaren für Europa überfielen. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges zwischen Großbritannien und den Niederlanden einerseits und Frankreich sowie Spanien andererseits wurden 1714 viele Freibeuter „arbeitslos“ und gingen zur offenen Piraterie über.

Der nordamerikanische Historiker und Aktivist Marcus Rediker datiert in seinem Buch Villains of all Nations das „Goldene Zeitalter der Piraterie“ in die Jahre von 1716 bis 1726. In diesem Zeitraum sollen zum ersten Mal Seeleute in größerem Maßstab aus den unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Handels- und Kriegsschiffen ausgebrochen sein, um sich ein „besseres Leben“ in einer egalitären, klassenlosen und multinationalen Gesellschaft zu erkämpfen. Rediker sieht dies vor dem Hintergrund der Ausbreitung des „atlantischen Kapitalismus“ seit Ende des 16. Jahrhunderts (Linebaugh & Rediker: The Many-Headed Hydra) und den daraus folgenden Aufständen, Streiks und Meutereien der verarmten Massen, wie Sklaven, Schuldknechte, Arbeiter und Bauern. Weil die Piraten die vorherrschenden Konventionen über Rasse, Klasse, Geschlecht und Nation herausforderten und untergruben, seien sie nun von den staatlichen Autoritäten mit aller Härte verfolgt worden.

Ein KritikerBuchbesprechung über Rediker von Tim(othy Lee) Sullivan (Society for the History of Discoveries). bezweifelt die Einmaligkeit dieses Prozesses. Rediker vernachlässige die langsame Entwicklung einer gemeinsamen Kultur in der Karibik seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Anstatt der postulierten Abfolge der Besitzverhältnisse vom Freibeuter (Eigner ist der Landesherr) über den Bukanier (Eigner sind Gouverneure und Aktionäre) zum Piraten (Eigner ist der Pirat selbst) habe es stets Übergänge in die eine oder andere Richtung gegeben. Auch Piraten hätten nicht gezögert, Geschäfte mit Kapitalisten zu machen oder selbst in den Sklavenhandel einzusteigen. Somit habe auch die Piraterie selbst eine wichtige Rolle in der Ausbreitung des Kapitalismus und der Festigung des Nationalstaats gespielt und könne nicht als ein Klassenkampf avant la lettre angesehen werden.

Recht, Gesetz und Politik in der Piraterie Marcus Rediker hat ebenfalls die Beziehungen zwischen den Besatzungen von Piratenschiffen untersucht. Nach seiner Schätzung lassen sich bis zu 70 Prozent der Piraten in zwei Gruppen einteilen. Der eine Kreis hielt häufige Treffen auf den Bahamas ab, der andere Kreis traf sich meist lose auf offener See. Diese Treffen erklären, warum die Verhaltensregeln und Satzungen der Piraten einander so ähnlich waren. Nach Rediker ermöglichten sie die lose und sporadische Bildung von Piratengeschwadern, sorgten für eine gewisse soziale Uniformität und erzeugten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Piraten.

Die Befugnisse von Kapitän, Maat und Piratenrat Ein gemeinsamer Zug von Piratengemeinschaften waren die weitgehenden Mitspracherechte, die der Einzelne genoss und die man durchaus als „protodemokratische“ Strukturen ansehen kann. Im Gegensatz zur zeitgenössischen ständischen Gesellschaftsordnung wählten die Seeräuber ihren Kapitän und ihre Offiziere selbst, teilten die Beute zu gleichen Teilen unter sich auf und setzten ein anderes Strafsystem ein als auf Marine- oder Handelsschiffen. Sie begrenzten die Autorität des Kapitäns, der nur bei der Verfolgung einer Prise und im Kampf absolute Autorität besaß, während ansonsten durch die Mehrheit regiert wurde. Außer einem größeren Anteil an der Beute genoss er kaum Privilegien: kein besseres Essen, keine Offiziersmesse, keine spezielle Unterbringung. Mehr noch: Was die Mehrheit gab, konnte sie auch nehmen, und daher war es keine Seltenheit, dass Kapitäne abgesetzt wurden, zum Beispiel wegen Feigheit, Grausamkeit, der Weigerung, bestimmte Schiffe zu kapern und zu plündern, wie im Fall von Charles Vane 1718, oder sogar wenn sie zu sehr Gentleman waren, wie es Edward England 1720 passierte. Nur selten blieb ein Kapitän länger als drei oder vier Jahre in seiner Position.

Eine weitere Einschränkung der Macht des Kapitäns garantierte der Maat, der gewählt wurde, um die Interessen der Mannschaft zu vertreten und zu schützen. Der Rat, eine Versammlung, bei der alle Männer eines Schiffes Mitspracherecht hatten, stellte die höchste Autorität dar. Bei Meinungsverschiedenheiten über das weitere Vorgehen, besonders nach Ausbleiben von Beute, führte dies oft zu Konflikten und zum Auseinanderbrechen der Piratengemeinschaft.Robert Bohn: „Die Piraten“, S. 111–112; Verlag C.H. Beck, München, 2. durchgesehene Ausgabe, 2005. ISBN 3-406-48027-6.

Gegenüber den Satzungen, die sich die Piraten selbst gaben, wurde dem Einzelnen nicht weniger Gehorsam abverlangt, als sie auch die europäischen Nationen gegenüber ihren Gesetzen forderten. Von Bartholomew Roberts (Karibik, später Westafrika; 1718–1722), auch Black Barty genannt, ist zum Beispiel bekannt, dass er zur Aufrechterhaltung der Ordnung an Bord folgende Regeln aufgestellt hat:

Jeder Mann hat in wichtigen Angelegenheiten ein Mitspracherecht, deshalb hat er das Recht, zu allen Zeiten in Sachen des Frischproviants und des Branntweins davon nach Belieben Gebrauch zu machen, sofern nicht eine Hungersnot Einschränkungen zum Wohle aller notwendig macht. Wer mit Würfeln oder Karten oder überhaupt um Geld spielt, ist mit dem Tod zu bestrafen. Wer nach Dunkelwerden unter Deck Alkohol trinkt, ist mit dem Tod zu bestrafen. Die Lichter und Kerzen müssen um acht Uhr abends gelöscht sein. Kein Mann hat das Recht auszuspringen, bevor er 1000 Livres verdient hat. Streitigkeiten und Raufereien an Bord sind mit dem Tod zu bestrafen. Die Zwistigkeiten werden an Land ausgetragen, und zwar mit dem Degen oder der Pistole. Wer an Land über vergangene oder geplante Unternehmungen schwatzt, ist mit dem Tod zu bestrafen. Wer sich ohne Erlaubnis des Kapitäns an Land begibt, ist mit dem Tod zu bestrafen. Wer in schmutziger oder abgerissener Kleidung auf dem Schiff oder an Land angetroffen wird, ist mit Aussetzen auf einer einsamen Insel zu bestrafen.Vgl. zu Piratengesellschaften: Renate Niemann, Piratengesellschaften – Vorläufer der Demokratie oder Sodom und Gomorrha? in: Hartmut Roder (Hrsg.), Piraten – Abenteuer oder Bedrohung?, Edition Temmen, Bremen 2002, ISBN 3-86108-785-5.

Chasse Partie und Härtefallregelungen mini|Aufteilung der Beute unter den Piraten. Illustration aus Howard Pyle's Book of Pirates

Die Chasse Partie (fr.: la chasse ‚die Jagd‘, la partie ‚der Teil‘, hier ‚der Anteil‘; also etwa ‚der Anteil an der Jagdbeute‘) war ein anerkannter Vertrag, nach dem der Anteil an Gemeingut und Beute geregelt wurden. Vor der Verteilung des Beutegutes musste jeder feierlich schwören, dass er nichts von der Beute für sich beiseitegeschafft hatte. Wer einen Meineid schwor, wurde auf einer einsamen Insel ausgesetzt oder hingerichtet. Aus diesem Vertrag zahlte man auch Sonderprämien und Entschädigungen für die Verwundeten aus, so zum Beispiel für den Schiffsarzt 200 Piaster für die Behandlung nach Verwundungen. Jeder Verwundete hatte außerdem noch sechs Wochen nach Ende der Fahrt Anspruch auf Behandlung.

Alexandre Olivier Exquemelin erwähnt in seinem erstmals 1678 in Amsterdam erschienenen Buch De Americaensche Zee-Rovers aus dem Umkreis der Bukaniere eine Vereinbarung nach folgendem Muster: 100 bis 150 Piaster für den Schiffszimmermann 100 Piaster für den Mann, der als Erster das Beuteschiff gesichtet hat 50 Piaster für den, der die feindliche Flagge niedergeholt hat.

Verwundungen wurden nach dieser Vereinbarung wie folgt entschädigt: 100 Piaster für einen Finger 100 Piaster für ein Ohr 100 Piaster für ein Auge 100 Piaster für eine Hand 400 Piaster für den linken Arm 500 Piaster für den rechten Arm 600 Piaster für den Verlust eines Beines 1000 Piaster für beide Augen 1500 Piaster für den Verlust beider Beine 1800 Piaster für den Verlust beider Hände

Der Rest wurde zu gleichen Teilen an die Männer – bzw. bei Gefallenen an deren Angehörige – ausgezahlt. Der Kapitän erhielt den doppelten, der Schiffsjunge einen halben Anteil.

Ein spanischer Piaster hatte im 18. Jahrhundert etwa die Kaufkraft von 100 DM im Jahre 1997.Wechselkurse und Geldwert im 18. Jahrhundert.

Politische Utopien Im zweiten Band seiner General History of the Pyrates erzählt Charles Johnson 1728 die Geschichte eines gewissen Kapitäns Misson und seiner Freunde. Johnsons Erzählung zufolge hatten sie auf Madagaskar eine utopische Republik errichtet, die den Namen Libertalia trug und auf den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gründen sollte. Die Piraten von Libertalia sollten wachsame Hüter der Rechte und Freiheiten der Völker sein sowie eine Schutzmauer gegen die Reichen und Mächtigen ihrer Zeit. Indem sie um der Unterdrückten willen in den Krieg gegen die Unterdrücker zogen, wollten sie dafür sorgen, dass die Gerechtigkeit gleich verteilt wurde. In puncto Selbstverwaltung orientierten sich Missons Piraten angeblich an einer demokratischen Form, bei der das Volk selbst Urheber und Richter seiner eigenen Gesetze war. Die Monarchie, damals die vorherrschende Staatsform, lehnten sie ab. Verwundete Piraten wurden gepflegt, gefangene Sklaven wurden befreit und es herrschte allgemeine Religionsfreiheit.

Wahrscheinlich hat die Geschichte von Libertalia keinen historischen Kern, sondern stellt nur ein als Piratengeschichte getarntes politisches Essay dar, wie der Historiker Christopher Hill meint. Dennoch inspiriert sie noch heute Anhänger von basisdemokratischen und anarchischen Gesellschaftsmodellen..

Enter- und Kapertaktik Piraten sowie Korsaren hatten kein Interesse an aussichtslosen Gefechten. Der Zweck ihrer Fahrten bestand ausschließlich darin, Schiffe zu kapern und Beute zu machen. Kriegsschiffen aller Art ging man aus dem Weg, da sie meist größer und besser bewaffnet waren und es auf ihnen nichts zu holen gab.