Die Geschichte der Piraterie befasst sich mit der historischen Entwicklung der Piraterie, einschließlich der Biografien von Personen, die Einfluss auf die Piraterie ihrer Zeit ausübten.
Wegen der Verflechtungen von Piraterie mit Seehandel und Seekriegsführung muss die Geschichte der Piraterie immer im geopolitischen Kontext gesehen werden, so dass eine strikt chronologische Darstellung nicht möglich ist.
Im Mittelmeerraum Im Altertum waren die Seehandelswege grundsätzlich von den jeweiligen Herrschern an den Küsten der Durchfahrtsgebiete abhängig und wie die Küstenländer selbst durch Raub und Krieg gefährdet, so dass sie durch eigene Maßnahmen der Seefahrer gesichert werden mussten.
mini|Karte des östlichen Mittelmeeres (1906)
Im östlichen Mittelmeer wurde die antike Piraterie durch den Küstenverlauf begünstigt, da dieser mit zahlreichen Inseln, Vorgebirgen und Buchten eine Vielzahl von Zufluchtsmöglichkeiten bot. Bereits ägyptische Aufzeichnungen aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. belegen Überfälle der Lukka auf Zypern.Heinrich Otten: Sprachliche Stellung und Datierung des Madduwatta-Textes., Studien zu den Boǧazköy-Texten Heft 11, Otto Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 1969, S. 34. Diese Piraten stammten von der kleinasiatischen Südküste, der heutigen Südwest-Türkei, wahrscheinlich aus Lykien.Frank Starke: Lukka. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 7, Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01477-0, Sp. 505 f. Auch in vielen späteren antiken Quellen galt diese Region als Heimat von Piraten, die große Teile des östlichen Mittelmeers unsicher machten. Im 13. Jahrhundert v. Chr. kämpften Hilfstruppen aus den Lukka-Ländern auf Seiten der Hethitern in der Schlacht bei Qadeš (ca. 1274 v. Chr.) gegen Ägypten. Um 1200 v. Chr. beteiligen sich Krieger aus den Lukka-Ländern wahrscheinlich an den sogenannten „Seevölker“-Attacken auf Ägypten, insbesondere beim Libyerkrieg gegen Merenptah.
Die Seevölker in Ägypten
mini|links|Seeschlacht im Nildelta zwischen den Seevölkern und den Streitkräften Ramses III. (1198–1166 v. Chr.) Umzeichnung Wandrelief im Tempel von Medinet-Habu/Theben
In populären Darstellungen der Thematik wird oft der sogenannte Seevölkersturm als einer der ersten bekannten Höhepunkte der Piraterie genannt. Ein Relief im Tempel von Medinet Habu (Theben) und der Papyrus Harris I aus der Zeit Ramses III. berichten zumindest, dass sich hauptsächlich zur See operierende Völker zu einer Koalition zusammengeschlossen hatten und im östlichen Mittelmeerraum Städte und Reiche zerstörten. Die in weiten Teilen dieses Gebietes nachgewiesenen Zerstörungen um und kurz nach 1200 v. Chr. werden oft mit diesem „Seevölkersturm“ in Verbindung gebracht, beispielsweise in Ugarit. Zypern wurde etwa 200 Jahre lang durch (vermutlich aus der Ägäis oder Kleinasien kommende) Räuber bedrängt. Die Einordnung dieser Vorgänge als rein räuberische Piraterie, kriegerische Unternehmungen oder gar Völkerwanderung ist jedoch weitgehend unklar.
In einer kombinierten See- und Landschlacht im Nildelta gelang es Ramses III. 1186 v. Chr., die Seevölker entscheidend zu schlagen. Ihre Reste wurden anscheinend in Palästina angesiedelt, wo der Stamm der „Peleset“ mit den biblischen Philistern in Verbindung gebracht wird.
Griechische Antike Archaische und klassische Zeit In der Frühzeit herrschten Küstenpiraten vor, die mit Ruderbooten und ungedeckten Galeeren Küstenorte plünderten und küstennah fahrende oder rastende Schiffe bei günstigen Gelegenheiten überfielen. Erst mit der Entwicklung der Triere im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde es technisch möglich, auch andere Schiffe effektiv zu verfolgen und Piraterie auf See nachhaltig zu betreiben.Helke Kammerer-Grothaus: Von Argonauten und Piraten in der Antike. In: Hartmut Roder (Hrsg.): Piraten – Die Herren der Sieben Meere. Edition Temmen, Bremen 2000, ISBN 3-86108-536-4.
In der Argonautensage und besonders in den homerischen Epen finden sich noch mythische Nachhalle von frühen Raubzügen zur See.Einen aktuellen Überblick zur Forschung bietet Bernadette Descharmes: Piraterie in der antiken Mittelmeerwelt. Ein Forschungsbericht zum Seeraub von der griechischen Frühzeit bis zur Begründung des Prinzipats. In: Orbis Terrarum 15 (2017), S. 197–223. Vgl. daneben Timo Klär: Seeraub im Mittelmeer – Piraterie als Phänomen der antiken Staatengeschichte von der hellenistischen Zeit bis in die Spätantike. In: Marburger Beiträge zur antiken Handels-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte 39 (2021), S. 109–147. Speziell in der sogenannten homerischen Gesellschaft scheinen piratenartige Überfälle von See aus nichts Ungewöhnliches zu sein. So wird in der Odyssee geschildert, dass eine junge sidonische Königstochter von seefahrenden Taphiern geraubt und in die Sklaverei geführt wurde,Homer, Odyssee 425–429 die später als Amme des Eumaios selbst mithalf, dass dieser als Kind von phönizischen Seeleuten verschleppt und dem Laertes verkauft wurde.Homer, Odyssee 15, 402-484. Odysseus selbst überfiel die KikonenHomer, Odyssee 9, 39-61 und gibt in einer seiner Lügengeschichten an, von Kreta aus mit fünf Schiffen nach Ägypten gesegelt zu sein, um dort zu plündern.Homer, Odyssee 14, 192ff. Thukydides nimmt an, dass sich Griechenland vor dem Trojanischen Krieg in einem permanenten Kriegszustand befand, der den Seeraum mit einschloss. Um einen gewissen Schutz zu erlangen, wurden Städte meist in einiger Entfernung zum Meer angelegt. Manche Piraten arbeiteten auch mit der küstennahen Bevölkerung zusammen, die das Strandrecht ausübte. Die überhandnehmende Seeräuberei wurde – laut Herodot und Thukydides – erstmals durch die Kreter unter ihrem König Minos erfolgreich bekämpft. Nach der Eroberung Kretas durch die Griechen wurde Kreta aber selbst zu einem wichtigen Piratenstützpunkt.
Piraterie wurde nicht als anrüchiges Gewerbe angesehen, sondern galt als eine ehrenhafte Art, den eigenen Reichtum zu mehren. Erst in späteren Quellen tritt die Piraterie als Begriff von negativer Wertung auf. Im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. ging die Polis Athen gegen Piratenstützpunkte auf Limnos, Kythnos, Mykonos und den Sporaden vor.
Phokaier und Etrusker im westlichen Mittelmeer Im westlichen Mittelmeer entwickelten sich die aus Kleinasien stammenden griechischen Phokaier zu einer regelrechten Seeplage. Durch die persische Expansion wurden sie aus Kleinasien vertrieben und siedelten sich in Alalia auf Korsika an. Von hier störten sie den Handel der Etrusker und Karthager als Piraten und durch Überfälle auf das italische Festland massiv. Andererseits wurde „Tyrrhener“, das griechische Wort für Etrusker, bei den Griechen nahezu zu einem Synonym für Pirat. In einer gemeinsamen Aktion schlugen die Karthager und Etrusker um 540 v. Chr. die Phokaier in einer Seeschlacht und zwangen sie zur Aufgabe ihrer Niederlassungen. Mit dieser Niederlage endete die Expansion der Griechen im westlichen Mittelmeerraum. Die Etrusker und die Großmacht Karthago waren von da an Verbündete. Zuvor hatten die Etrusker des Öfteren auch karthagische Schiffe gekapert.
Auf Abbildungen des 8. Jahrhunderts v. Chr. von phönizischen Schiffen finden sich bereits Galeeren mit zwei Reihen von Rudern übereinander, die schnellen Biremen. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. entwickelten sich aus großen Biremen noch größere Galeeren mit drei Ruderreihen. Diese Triremen oder Trieren wurden oft mit einem Rammsporn ausgerüstet und als Kriegsschiffe eingesetzt. Seeräuber, die kein Interesse daran hatten, ihre Beute zu rammen und zu versenken, bevorzugten jedoch weiterhin wendigere und schnellere Biremen mit großen Rahsegeln, bei denen man teilweise die Ruder entfernen konnte, was das Entern erleichterte.
Hellenistische Zeit Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Seeräuberei in der Zeit von den Perserkriegen bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Während man am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. noch von Rhodos aus – wo sich einer der größten Sklavenmärkte der Antike befand – erfolgreich gegen die Seeräuber vorgehen konnte, waren andere Städte wegen des nahezu permanenten Kriegszustands nicht mehr in der Lage, für die Sicherheit ihrer Seewege zu sorgen. Besonders problematisch war, dass sich die Piraten oft mit den kriegführenden Parteien verbündeten. So unterstützte der Aitolische Bund, der im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. Zentralgriechenland beherrschte, die Piraterie gegen andere griechische und persische Staaten. Die Duldung der Piraterie stand somit im Widerspruch zum Wunsch der etablierten Mächte nach sicheren Seewegen. 192 v. Chr. wurde der Aitolische Bund von den Römern unterworfen, woraufhin die meisten Piraten nach Kilikien auswichen. Auf Kreta wurden die dortigen Seeräuber im 2. Jahrhundert v. Chr. andererseits von kilikischen Piraten verdrängt. In der Literatur der Zeit wird des Öfteren über durch Piraten getötete, verschleppte und verkaufte Personen berichtet.
Römisches Reich Die Illyrer in der Adria Im Zuge ihrer Expansion, die sie im 3. Jahrhundert v. Chr. aus Italien hinausführte, wurden die Römer auch mit der Piraterie konfrontiert. Zuerst mussten sie illyrische Piraten in der Adria bekämpfen, bis sie die Region 168 v. Chr. annektierten. Nur in Dalmatien konnte sich ein kleines Refugium illyrischer Seeräuber bis 9 n. Chr. halten. Die Liburna der illyrischen Piraten wurde zum Standardschiff der römischen Polizei-Wachflotte. Eine Weiterentwicklung davon ist die Dromone (Läufer). Im Jahre 122 v. Chr. führten die Römer einen Krieg gegen die Seeräuber auf den Balearen.
Die Kilikier aus Kleinasien Versuche, die kilikische Seeräuberei im östlichen Mittelmeer zu unterbinden, zeigten jedoch keine dauerhaften Erfolge, wie die Aktion unter Marcus Antonius Orator 102 v. Chr. in Kilikien, oder schlugen völlig fehl, wie unter Marcus Antonius Creticus 74 v. Chr. auf Kreta. Hierbei spielte auch eine Rolle, dass die römischen Gouverneure der Provinz Asia und die Bürger von Milet, Ephesos und Smyrna selbst gerne Geschäfte mit den Piraten machten und z. B. ihren Bedarf an Sklaven bei den kilikischen Seeräubern deckten. Während des Niederganges des Seleukidenreiches und der Kriege des Mithridates wurden die kilikischen Piraten immer mächtiger. Ihr Zentrum wurde Delos, von wo aus sie den Sklavenhandel im östlichen Mittelmeer unter ihre Kontrolle brachten und 86 v. Chr. ein römisches Geschwader vor Brindisi in Süditalien besiegten. Im Jahre 75 v. Chr. wurde der junge Gaius Iulius Caesar während einer Studienreise bei der Insel Pharmakussa, südlich von Milet, von Piraten gefangen genommen. Nachdem er gegen ein Lösegeld freigelassen worden war, bekämpfte er die dortigen Piraten.
67 v. Chr. störten die Piraten nicht nur massiv die Getreideversorgung Roms, sondern überfielen als Zeichen ihrer Macht auch mehrere Städte Italiens. Als Reaktion darauf wurde Gnaeus Pompeius Magnus noch im selben Jahr durch ein Gesetz (Lex Gabinia) mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet (Imperium) und konnte – anders als seine Vorgänger – innerhalb weniger Wochen die Sicherheit der Seewege wiederherstellen. Pompeius entwickelte eine eigene Strategie: Er teilte die römische Flotte in viele kleine Gruppen auf, die er im Mittelmeer positionieren ließ, um alle Piratenhäfen gleichzeitig zu blockieren. Dann überließ man es dem Heer, die Schlupfwinkel von Land aus anzugreifen und zu zerstören. Mobile Reserveflotten jagten die restlichen Piraten auf dem Meer und verhinderten deren Zusammenschluss mit anderen Gruppen. Auch der letzte Stützpunkt der kilikischen Piraten im heutigen Alanya (ehemals Korakesion, Rabenhorst), in Pamphylien, wo der Piratenhäuptling Diodotos Tryphon eine Festung erbaut hatte, wurde schließlich durch Pompeius besiegt. Zwar war die Piraterie nicht vollständig auszurotten, aber die weit verzweigten und komplexen Organisationsstrukturen der Seeräubergruppen konnten nachhaltig zerschlagen werden.
mini|Der Seekrieg des Sextus Pompeius