Bei den Sauerländer Wanderhändlern handelte es sich um Personen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Handel verschiedener Waren in teilweise weit von der Heimat gelegenen Handelsgebieten bestritten. Das Gewerbe bildete sich im 16. Jahrhundert heraus. Während des 19. Jahrhunderts begann seine Bedeutung immer stärker nachzulassen, bis es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig verschwand. Am Anfang stand der Handel mit groben Holz-, Eisen- und Stahlwaren aus der engeren Region. Seit dem 18. Jahrhundert kam der Vertrieb von Holzwaren aus Wittgenstein und hochwertigen Eisen- und Stahlwaren aus der Grafschaft Mark und dem Bergischen Land hinzu. Insbesondere im Sensenhandel hatten die Sauerländer Wanderhändler zeitweise fast eine Monopolstellung inne.

Räumliche und begriffliche Abgrenzung Das Phänomen der Sauerländer Wanderhändler bezog sich im Wesentlichen auf das obere Sauerland mit Ausdehnung auf Nachbargebiete in der früheren Grafschaft Wittgenstein und der Grafschaft Waldeck. In den Quellen und Literatur werden neben der Bezeichnung „Wanderhändler“ teilweise auch die Begriffe „Handelsleute“, „Handelsmänner“, „Kramer“, „Krämer“, „Hausierer“ und „Hausierhändler“ genannt. Gemeint sind in allen Fällen Händler, die im Direktvertrieb mit Privatkunden in Erscheinung traten. Damit unterscheiden sie sich vom Typus des „Kaufmanns“, „Kaufhändlers“ oder „Grossisten.“ Diese verfügten über stehende Geschäfte oder traten als Lieferanten für die Handelsleute auf. Die Abgrenzungen sind typologisch; Übergänge in beiden Richtungen waren möglich. Vom üblichen innerregionalen Hausierhandel, den es im Sauerland auch gegeben hat, grenzt sich der Wanderhandel durch seine überregionalen Handelsschwerpunkte ab.Wilhelm Schwarze: Der Sauerländische Hausiererhandel, S. 195.

Rahmenbedingungen Wirtschaftsgeographische Bedingungen Das obere Sauerland umfasst das Flussgebiet der oberen Ruhr und Lenne bis Meschede im Nordwesten bzw. Schmallenberg im Südwesten. Im Süden bildet der Kamm des Rothaargebirges die Grenze. Im Osten ist es die heutige Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen bis etwa auf die Höhe von Olsberg. Historisch betrachtet umfasst das obere Sauerland im Wesentlichen das alte Amt Medebach und den so genannten Grund Assinghausen (vor 1800) beziehungsweise den südlichen Teil des alten Kreises Brilon (nach 1815). mini|Winterberg um 1800. Die Abbildung zeigt nach der Abholzung der Wälder insbesondere für die Köhlerei eine heideartige Landschaft Es handelt sich hier um das höchstgelegene Gebiet des Sauerlandes und Westdeutschlands. Alle Orte liegen mehr als 400 Meter über dem Meeresspiegel, einige sind sogar über 700 Meter hoch gelegen. Das Gebiet ist recht unfruchtbar: wenig ertragreiche Schieferböden, tief eingeschnittene Täler, ein niederschlagreiches Klima und kurze Vegetationsperioden kennzeichnen die Landschaft.

Die Besiedlung ist aufgrund dessen bis ins 20. Jahrhundert sehr gering geblieben. Die Siedlungen bestehen überwiegend aus Dörfern in schützender Tallage. Daneben gibt es die Kleinstädte Winterberg, Hallenberg und Medebach.

Das Gebiet war zumeist auf sich allein gestellt. Seine wirtschaftliche Potenz war recht gering. Eine wirtschaftliche Förderung fand bis ins 19. Jahrhundert so gut wie gar nicht statt. Die Straßen befanden sich ebenfalls bis in diese Zeit in einem extrem schlechten Zustand.Wilhelm Benkert: Wirtschaftsgeographische Verhältnisse, Volksdichte und Siedlungskunde der Ederkopf-Winterberg-Plattform. Diss., Marburg 1911.

Einnahmequellen vor Ort Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten 88 % der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Brilon ihre Besitzer nicht ernähren – im Vergleich zu 69 % im gesamten Königreich Preußen. Der Boden gestattete im Wesentlichen nur den Anbau von Hafer, Weizen gedieh gar nicht und Roggen und später Kartoffeln nur schlecht.Wilhelm Schwarze: Der Sauerländische Hausiererhandel, S. 194. Ein wichtiger Grund lag neben den ungünstigen geographischen Voraussetzungen darin, dass die kleinbäuerlichen Betriebe überwogen. Dies zwang ihre Besitzer zu Nebentätigkeiten. Dabei konnte sich das Verhältnis auch schon einmal umkehren und die Landwirtschaft zum Nebenerwerb werden. Eine soziale Differenzierung zwischen Kleinbauern und Tagelöhnern beziehungsweise Personen ohne festen Beruf blieb somit weitgehend aus. Es bildeten sich in den Dörfern vielfach ortstypische Beschäftigungszweige heraus, wie etwa Fuhrunternehmungen, Nagelschmieden, Holzwarenherstellung und eben auch der Hausierhandel.

Rechtliche und soziale Stellung der Bevölkerung Persönlich waren die Bauern im oberen Sauerland in der Mehrzahl frei. Das gilt natürlich durchgängig für die Bevölkerung in den Städten. Der Wechsel vom Land in die Stadt war von daher kaum behindert, und vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen bestanden miteinander. Das Anerbenrecht wurde seit dem Spätmittelalter durch die Realteilung zurückgedrängt, als es infolge der Wüstungsbildung mehr Land gab als bewirtschaftet werden konnte. In dieser Zeit wanderten so viele Menschen vom Land in die drei Kleinstädte, dass bald die Hälfte der Bevölkerung des Amtes Medebach dort lebte. Als dann die Bevölkerung in der frühen Neuzeit bis zum Dreißigjährigen Krieg und dann etwa ab 1700 wieder stark zunahm, führte die Realteilung dazu, dass das ohnehin schon wenig ertragreiche Land immer weniger zum Lebensunterhalt beitragen konnte. Im Ergebnis waren etwa ab dem 18. Jahrhundert die kleinbäuerlichen Betriebe die mit Abstand vorherrschenden landwirtschaftlichen Betriebsformen.

Zwischen den Bauern gab es kaum erkennbare soziale Unterschiede. Die anfangs noch bestehenden Abgrenzungen zwischen reicheren Bauern und Kleinbauern verwischten sich durch die schweren Kriegslasten im 17. und 18. Jahrhundert immer mehr, da die „Großbauern“ höhere Lasten als die übrigen Bauern aufgebürdet bekamen.

Im 18. Jahrhundert nahm die Bevölkerung stark zu und damit auch die Zahl der Beilieger. Sehr oft waren dies nachgeborene Bauernsöhne, die keinen eigenen Hof mehr zum Bewirtschaften besaßen. Sie waren gezwungen, andere Tätigkeiten zu ergreifen. Oft genug waren sie hiermit wirtschaftlich erfolgreicher als diejenigen, die überwiegend mit der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdienten. Hierzu kam, dass Grundbesitz oft steuerlich schwerer belastet wurde als Einkommen aus Handwerk oder Handel. Das trug dazu bei, dass die sozialen Unterschiede in der ländlichen Bevölkerung nicht sonderlich ausgeprägt waren – anders als etwa im fruchtbaren Münsterland.

Im oberen Lennetal war es zudem üblich, den Hof an die älteste Tochter zu vererben. So waren die Söhne von vornherein gezwungen, sich woanders ihren Lebensunterhalt zu suchen. Dies führte zu einer ausgeprägt hohen Mobilität der Menschen.

Situation und Entwicklung des Sauerländer Wanderhandels

Allgemeine Entwicklung des Wanderhandels Zwar lässt sich im Spätmittelalter insbesondere im 14. Jahrhundert eine nicht unbeträchtliche Fernhandeltätigkeit nachweisen. Medebach und Winterberg waren zusammen mit Brilon als Vorort Mitglied der Hanse. Aber bereits im 15. Jahrhundert ließ diese Handelstätigkeit nach. Während sich Medebach und Hallenberg zu Ackerbürgerstädten entwickelten, gab es in Winterberg eine Kontinuität des Handels. Ein Grund dafür waren die schlechten landwirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Gebiet.

Nicht mit Sicherheit steht fest, mit welchen Waren erstmals gehandelt wurde. Es gibt Hinweise, wonach sowohl Holz- als auch Eisenwaren die Handelsgegenstände waren, mit denen die Händler erstmals auf Wanderschaft gingen. Der Beginn des Wanderhandels lässt sich nicht genau datieren. Erste Quellenbelege hierzu stammen aus dem 16. Jahrhundert. Unklar ist, ob der Übergang vom Fernhandel zum Wanderhandel nahtlos erfolgte, ob parallel beide bestanden oder ob der Fernhandel unterging, und der Wanderhandel mit einer zeitlichen Unterbrechung dazu aufgenommen wurde.

Über die Anfänge und Entwicklung des eigentlichen Wanderhandels gibt es keine Quellenbelege. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte er jedoch einen beachtlichen Umfang erreicht. In Grönebach waren etwa 70 % der männlichen Bevölkerung Hausierer oder dienten diesen als Handelsknechte. In Hildfeld waren es 50 % und in Niedersfeld 40 %. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ging der Handel als Folge der Koalitionskriege und politischen Veränderungen stark zurück und viele Händler mussten ihr Gewerbe aufgeben.Thea Enste: Die wirtschaftliche Entwicklung im Sauerland im 19. Jahrhundert. Diss. Köln, 1923, S. 145. Gleichwohl berichtete um 1800 ein Reisender für die neuen hessisch-darmstädtischen Landesherrn über Winterberg vor dem Hintergrund der schlechten ackerbaulichen Möglichkeiten „Demungeachtet ist der Ort wohlstehend, und treibt einen starken Handel mit Eisen und Eisenwaren. Fast alle Einwohner sind Schmiede, Eisenhändler und Eisenhausierer und der Ort selbst verräth schon dem Fremdlinge, durch sein russiges Aussehen, die Art seines Gewerbes.“Schatzmann: Beyträge für die Geschichte und Verfassung des Herzogtums Westphalen. Darmstadt, 1803 Mit steigender Bevölkerung war der Wanderhandel im 19. Jahrhundert nicht mehr in der Lage, den Wohlstand zu erhalten. Allerdings nahm die Zahl der Händler wegen fehlender anderer Erwerbsmöglichkeiten zunächst noch zu. Außerdem stieg mit der wachsenden Bevölkerung auch die Nachfrage, während vor allem auf dem Land eine fehlende Verkehrsinfrastruktur den Besuch der Wanderhändler nötig machte. Im 19. Jahrhundert erreichte der Handel auch den quantitativen Höhepunkt seiner Bedeutung. Im Jahr 1849 zählte die amtliche Statistik im Kreis Brilon 745 Wanderhändler. Davon allein in Winterberg 145. Zehn Jahre später waren dort 167 Personen als Händler tätig. Im Amt Hallenberg waren es 69, im Amt Niedersfeld 136, im Amt Bigge 161, im Amt Thühlen 68, in der Stadt Brilon 35, im Amt Fredeburg 128 und im Amt Schmallenberg 74. Erfasst sind darunter nur die im Inland Handelnden. Hinzu kamen die im Ausland Tätigen. Die Behörden schätzen, dass die allgemeinen Zahlen sich dadurch um etwa 25 % erhöhen würden.Wilfried Reininghaus, Georg Korte: Gewerbe und Handel in den Kreisen Arnsberg, Meschede, Brilon, Soest und Lippstadt. In: Karl-Peter Ellerbrock, Tanja Bessler-Worbs (Hrsg.): Wirtschaft und Gesellschaft im südöstlichen Westfalen. Dortmund 2001, S. 156. Im Amt Medebach gab es 1880 noch 588 im Jahr 1890 nur noch 520 Wanderhändler.Wilhelm Schwarze: Der Sauerländische Hausiererhandel, S. 196. Nach 1815 nahm der Wanderhandel im Amt Niedersfeld von Jahr zu Jahr kontinuierlich leicht und zwischen 1840 und 1860 dann stark zu. Danach nahm er allmählich wieder ab, bis er um 1940 fast vollständig unterbrochen wurde und um 1950 endgültig endete.

Eine zentrale Ursache für den Niedergang war, dass auch die ländlichen Regionen als Hauptabsatzgebiete der Wanderhändler zunehmend von der Eisenbahn und anderen Verkehrsmitteln erschlossen wurden. Auch auf dem Land entstanden stehende Geschäfte, die über das ganze Jahr hindurch diejenigen Waren anboten, die bisher die Wanderhändler vertrieben hatten.

Zum Verständnis des Wanderhandels ist die Betrachtung der Herstellung der Waren und ihres Vertriebes wichtig. In der Regel wurden anfangs die Waren in derselben Gegend hergestellt, von wo aus der Vertrieb erfolgte. Im Laufe der Zeit wurden Herstellung und Vertrieb räumlich voneinander getrennt. Der Transport der Waren war darum von einiger Bedeutung. Wie er funktionierte, bis um 1900 die Eisenbahnlinie in erreichbarer Nähe eröffnet wurde, soll weiter unten beschrieben werden.

Warengruppen Hölzerne Waren