mini|Volker von Prittwitz 2020 Volker Kurt Erdmann von Prittwitz und Gaffron (* 9. Mai 1950 in Herrsching am Ammersee) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Von ihm stammen die Zivilitätstheorie und eine Reihe politikanalytischer Modelle und Erklärungsansätze.

Leben Prittwitz wuchs in Bad Tölz, München und Regensburg als Sohn von Ulrich und Almut von Prittwitz auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlinge aus Schlesien beziehungsweise Mecklenburg nach Bayern gekommen waren. In Regensburg besuchte er das Humanistische Gymnasium (Altes Gymnasium, später Albertus-Magnus-Gymnasium). Ab 1969 studierte er Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie an der Universität Regensburg, von 1971 bis 1973 Politikwissenschaft und von 1974 bis 1977 Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, wo er zum Dr. rer. pol. promovierte. 1978/79 arbeitete er als Sekretär der Zeitschrift Links des Sozialistischen Büros in Offenbach, von 1980 bis 1983 in Forschungsprojekten, dann als wissenschaftlicher Fellow am Internationalen Institut für Umwelt und Gesellschaft des Wissenschaftszentrums Berlin. Hierbei stand er zeitweise im Mittelpunkt umweltpolitischer Öffentlichkeit zu Smogbekämpfung und weitreichender Luftverschmutzung (Umweltaußenpolitik) und unternahm Forschungs- und Vortragsreisen in zahlreiche europäische Länder sowie nach Nord- und Südamerika. Nach seiner Habilitation 1990, Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Technischen Hochschule Darmstadt, den Universitäten Hamburg, Erlangen, Erfurt, Greifswald und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln sowie langjähriger Tätigkeit als Sprecher des Arbeitskreises Umweltpolitik der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft wurde er 2004 in der Freien Universität Berlin zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Seit 2022 leitet er die gemeinnützige Civility gUG (haftungsbeschränkt).

Er war mit Maija-Leena Mattila (gest. 2007) in deren zweiter Ehe verheiratet.

Werke Nach politökonomischen Arbeiten beschäftigte sich Prittwitz mit umweltpolitischen Herausforderungen, so der Smog-Problematik und der weiträumigen Luftverschmutzung. Im Weiteren entstanden die Konzepte Umweltaußenpolitik, Katastrophenparadox und Politikanalyse mit einer Reihe politikanalytischer Modelle, schließlich die Theorie der Zivilität.

Marxismus-Kritik Am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin herrschte in den 1970er Jahren die marxistische Kritik der politischen Ökonomie. Im weiteren Umfeld dieser Strömung befasste sich Prittwitz 1973 in seiner Diplomarbeit mit Multinationalen Konzernen und hierauf in seiner von Elmar Altvater, dem Doyen der deutschen Kritik der politischen Ökonomie, betreuten Doktorarbeit mit internationalen Krisenzyklen. Als Redakteur der Zeitschrift Links (1978/79) und in einer Arbeitstagung des Sozialistischen Zentrums Tübingen kritisierte er demgegenüber Verengungen und Widersprüche der marxistischen Weltsicht mit der Perspektive, Wirklichkeit offen und sachlich zu analysieren.

Analyse von Luftreinhaltepolitik In seiner 1981 am Wissenschaftszentrum Berlin erschienenen Studie Vorausgreifende Smogbekämpfung zeigte Prittwitz, dass sich die geltenden Smogalarm-Regelungen der deutschen Bundesländer an Realwerten einer früheren Smogkatastrophe orientierten und so aufgebaut waren, dass auch bei besonders starker Luftverschmutzung kein Alarm ausgelöst werden musste – ein Ergebnis, das im Zeichen der aufkommenden Umweltbewegung starken öffentlichen Widerhall fand. Auch in seinen 1983 und 1984 erschienenen Texten zu Umweltaußenpolitik ging es um ein brisantes Thema, die Entwicklung internationaler Umweltpolitik. Darin zeigte Prittwitz, dass grenzüberschreitende Umweltbelastungen über wissenschaftliche Gremien hinaus in der hohen Politik zur Kenntnis genommen, also Gegenstand von Außenpolitik, werden müssen, um wirkungsvoll thematisiert zu werden – eine Feststellung, die die Bildung expliziter Umweltaußenpolitik, vor allem aber die Forschung, Lehre und Expertise zu internationaler Umweltpolitik anregte.

Situative Interessenanalyse Verursacher-, Betroffenen- und Helferinteressen bilden Prittwitz zufolge eine interessenanalytische Typologie. Demnach sind Verursacherinteressen darauf gerichtet, eine umweltbelastende beziehungsweise ressourcenverbrauchende Tätigkeit oder Struktur zu erhalten und auszubauen, daraus möglichst viel und anhaltend Nutzen zu ziehen und dafür mit möglichst geringen Kosten belegt zu werden. Betroffeneninteressen richten sich darauf, Umweltschäden möglichst rasch und vollständig zu beseitigen und deren Reproduktion oder Bildung zu verhindern. Helferinteressen bestehen darin, möglichst großen Nutzen aus dem Vorgang der Problembewältigung an sich zu ziehen, also von der Rolle als Helfer zu profitieren. Diese Interessentypen kombiniert Prittwitz abgestuft als Interessenprofile einzelner Akteure.

Die Interessenspirale, ein Modell des problembezogenen politischen Prozesses, umfasst eine Folge unterschiedlicher Interessenkonstellationen. Demnach entstehen aus dem Problem zunächst Betroffeneninteressen im Gegensatz zu Verursacherinteressen. Aus aufkommenden Helferkapazitäten entwickeln sich Helferinteressen und damit ein Interessendreieck aus Verursacher-, Betroffenen- und Helferinteressen. Dabei lösen sich die Verursacherinteressen (ohne Verursachung) und nach und nach auch die Betroffeneninteressen (ohne Betroffenheit) auf und die Helferinteressen beherrschen alleine die Szene. Entstehen hieraus neue Probleme, so werden die bisherigen Helferinteressen zu neuen Verursacherinteressen und die Interessenspirale dreht sich weiter. Problemlösungsfähige Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse brauchen also beides: Konfliktaustrag und Harmonisierung.

Katastrophenparadox und Kapazitätstheorie Prittwitz eröffnet sein Buch Das Katastrophenparadox. Elemente einer Theorie der Umweltpolitik mit einem paradox erscheinendes Phänomen: Umweltpolitik entwickelte sich historisch nicht in besonders hoch belasteten Regionen, sondern bei bereits gesunkener und damit vergleichsweise geringer Umweltbelastung; bei extrem hoher Belastung dagegen spielte Umweltpolitik oft keine Rolle. Dieses Phänomen lässt sich im Anschluss an Leon Festingers Theorem der kognitiven Dissonanz kapazitätstheoretisch erklären: Während Akteure Probleme, die sie für bewältigbar halten, wahrnehmen, tendieren sie dazu, Probleme, die sie für unlösbar halten, psychisch zu verdrängen, da sie ansonsten ihre stimmige Selbstwahrnehmung verlieren. Dementsprechend werden hohe Umwelt- und Gesundheitsbelastungen, die unvermeidlich erscheinen, psychisch und politisch verdrängt, gesunkene, beherrschbar erscheinende, Belastungen aber öffentlich als Katastrophen überhöht – das Katastrophenparadox.

Politikanalyse In seiner Forschungstätigkeit am Wissenschaftszentrum Berlin lernte Prittwitz die auf einzelne Politikfelder fokussierte Policyanalyse kennen. Über deren traditionell zentrales Modell des Policy Cycle hinaus entwickelte er einen Satz von Realisierungskriterien öffentlichen Handelns (Public Policy) nach den Kriterien der Wirkungstiefe (depth), Wirkungsbreite (scope), Wirkungsintensität (intensity) und Wirkungsgeschwindigkeit (speed). Darüber hinaus zeigte er, dass sich Politik nicht nur in der Policy-Dimension sachbezogenen Handelns, sondern nach dem mehrdimensionalen Politikbegriff auch in anderen Dimensionen, so der Politics- und der Polity-Dimension, systematisch analysieren lässt. In diesem Sinn führte er mit seinen Lehrbüchern Politikanalyse und Vergleichende Politikanalyse das Konzept der (mehrdimensionalen) Politikanalyse ein.

Theorie der Zivilität Während Watzlawick/Beavin/Jackson Beziehungs- und Sachkommunikation als generelle Kommunikationselemente betrachten, kann Prittwitz zufolge auch ausschließlich beziehungsorientiert, also eindimensional, kommuniziert werden; ein komplexeres Miteinander, so Demokratie, verlangt aber neben beziehungsorientiertem Kommunizieren auch sachliche, damit mehrdimensionale Kommunikation. Ausgehend von dieser Überlegung und seinem Text Die dunkle Seite der Netzwerke entwickelte Prittwitz zunächst einen Überblick von Politik-Logiken und schließlich die Theorie der Zivilität.

Demnach ist Zivilität qualitativ definiert als gegenseitiger Respekt, aus dem Freiheit und Verantwortungsbewusstsein erwachsen. Quantitativ lässt sie sich nach unterschiedlichen Niveaus operationalisieren: fehlender, geringer, offener, gesicherter und entfalteter Zivilität. Zivilität fehlt, wenn die Beteiligten in herrschender Freund-/Feind-Logik kriegerisch aufeinander treffen; sie ist mangels gegenseitiger Bindung unsicher und gering bei herrschender Machtlogik, so vertikaler Herrschaft. Horizontale Koordination, so reines Verhandeln, ist wirkungsoffen, kann Zivilität also fördern oder schädigen. Gesicherte Zivilität entsteht erst, wenn die Beteiligten Regeln und Normen anerkennen und effektiv schützen (Regeldimension), nach denen alle Beteiligten operativ (im Rahmen der Regeln) frei handeln können, sich also gegenseitig respektieren (Operative Dimension). Damit entstehen faire Verfahren zweidimensionaler Koordination. Bilden sich darüber hinaus weitere Dimensionen geschützter Freiheit, so Sachdimensionen, gegenseitige Empathie, Reflexion und Humor, so entfaltet sich Zivilität.

Je höher das herrschende Zivilitätsniveau (von fehlender bis entfalteter Zivilität), desto bessere Wohlfahrtschancen für die Gesamtheit entstehen – die allgemeine Wohlfahrtsfunktion der Zivilität.

Zivilität entsteht und verändert sich unmittelbar dadurch, in welchen Beziehungslogiken und Handlungsformen die Beteiligten einander begegnen – eine akteurtheoretische Erklärung. Diese beinhaltet große Freiheiten; denn Akteure können zumindest letztlich frei bestimmen, wie sie denken und handeln. Situative Bedingungen, so objektive Akteurbeziehungen und Handlungskapazitäten, beeinflussen Zivilität indirekt, vermittelt durch gewählte Beziehungslogiken und Handlungsformen. Dementsprechend verlaufen soziopolitische Prozesse prinzipiell ergebnisoffen. Auch im Augenblick schwächer erscheinende Akteure haben also Erfolgschancen, wenn sie sich geschickt, willensstark und engagiert beteiligen.

Die zivile Moderne ist idealtypisch durch faire Verfahren und darauf gestützte Formen entfalteter Zivilität charakterisiert. Gesichertes gleiches Recht, so Völkerrecht und Menschenrechte, Multilateralität, sachpolitische Kommunikation, verantwortungsethisches Abwägen, Ästhetik und Humor können allerdings wieder verloren gehen, wenn eindimensionales Interessen-, Macht- und Freund-/Feind-Denken die Oberhand gewinnt. Dementsprechend umkämpft ist Zivilität, so innenpolitisch im Konflikt zwischen demokratischer Öffentlichkeit, Populismus, Fundamentalismus und Extremismus, in Konflikten um Staatsänderung und Separation oder im internationalen System. Unterschiedlich zivil wird auch gesellschaftlich koordiniert – siehe die ausgeprägt regelbestimmten Medien Spiel und Sport, unterschiedliche Rechtsverfahren oder überwiegend machtbestimmte Organisations- und Wirtschaftsformen bis hin zu Korruption.

Die Allgemeine Zivilitätstheorie, kurz AZT, umfasst allgemeine Begriffe, Typologien und Modelle; besondere Zivilitätstheorien (BZT) beziehen sich auf besondere Bereiche wie Recht, Staat, Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft, Familie und Nachbarschaft sowie auf besondere Herausforderungen wie öffentliches Handeln und Separation. Beide Theorieansätze hat Prittwitz in den letzten Jahren peu a peu weiterentwickelt. Sie sind auf der Website der gemeinnützigen Civility gUG, Berlin, frei zugänglich und dort Grundlage aktueller Analysen und teilweise KI-vermittelter Diskurse.

Öffentliche Wirkungen