mini|Broschüre über die Tulpenmanie in den Niederlanden, gedruckt 1637 mini|Zeitgenössisches Aquarell (17. Jahrhundert) einer Tulpe der Sorte Semper Augustus, Norton Simon Museum in Pasadena|alt=Aquarell einer weiß-rot gestreiften Tulpe
Bei der Tulpenmanie (auch Tulipomanie, Tulpenwahn, Tulpenblase, Tulpenfieber oder Tulpenhysterie; , oder ) handelt es sich um eine Periode im Goldenen Zeitalter der Niederlande, in der Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt wurden.
Tulpen waren seit ihrer Einführung in die Niederlande in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Liebhaberobjekt. Sie wurden in den Gärten der gesellschaftlich gehobenen Schichten des gebildeten Bürgertums, der Gelehrten und der Aristokratie kultiviert. Zu den auf Tauschhandel gegründeten Beziehungen dieser Liebhaber kam zum Ende des 16. Jahrhunderts der kommerzielle Handel mit Tulpen hinzu. In den 1630er Jahren stiegen die Preise für Tulpenzwiebeln auf ein vergleichsweise extrem hohes Niveau, bevor der Markt zu Beginn des Februars 1637 abrupt einbrach.Mike Dash: Tulipomania: The Story of the World’s Most Coveted Flower and the Extraordinary Passions it Aroused. Gollancz, London 1999, S. 1–3.
Die Tulpenmanie wird als die erste verhältnismäßig gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte angesehen.Robert J. Shiller: Irrational Exuberance. 2. Auflage. Princeton University Press, Princeton 2005, S. 85 und S. 247–248. Sie wird auch metaphorisch zur Charakterisierung anderer, anscheinend irrationaler und riskanter Finanzentwicklungen gebraucht.Charles P. Kindleberger, Robert Aliber: Manias, Panics, and Crashes. A History of Financial Crises. 5. Auflage. Wiley, Hoboken 2005, S. 16. Die Deutungen über den Anlass, den Verlauf und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Tulpenmanie gehen auseinander. Für die traditionelle Lesart der Ereignisse und Auswirkungen, die sich schon in der zeitgenössischen Kritik findet und von späteren Interpretationen aufgegriffen wurde, handelten in den 1630er Jahren große Teile der niederländischen Bevölkerung mit Tulpen bis in die untersten Gesellschaftsschichten. Der rasche Preisverfall habe demgemäß den Ruin vieler Beteiligter bedeutet und der niederländischen Wirtschaft insgesamt einen schweren Schaden zugefügt. Andere Lesarten bemühen sich, den Preisanstieg und Preisverfall von Tulpen im Lichte der Markteffizienzhypothese nicht als irrationale und singuläre Manie darzustellen, kehren institutionelle Ursachen für die Blase hervor und schwächen die gesamtwirtschaftliche Bedeutung ab.
Bedingungen Tulpenliebhaberei in den Niederlanden
Der Mittelpunkt der Artenvielfalt der Pflanzengattung Tulpen (Tulipa) liegt im südöstlichen Mittelmeerraum.Sam Segal: Die Botanik der Tulpe. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 29. Von den Persern übernahmen die Türken die Kultivierung der Tulpen im 15. Jahrhundert. Im Osmanischen Reich galt sie als eine der edelsten Blumen und wurde spätestens im 18. Jahrhundert in großen Mengen in den Gärten des Sultans gepflanzt.Anna Pavord: The Tulip. Paperback Edition. Bloomsbury, London 2004, S. 30–31.Yildiz Demirez: Die Tulpe in der osmanisch-türkischen Kunst und Kultur. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 9. Laut Demirez erreichte die osmanische Begeisterung für Tulpen ihren Höhepunkt, als diese in Westeuropa bereits am abebben war. So erlangten Tulpen erst zur Regierungszeit Ahmeds III. und seines Großwesirs Ibrahim Pascha, der vom Sultan die Bezeichnung Schukjufé Perwera (‚Tulpenexperte‘) erhielt, eine „gleichsam lebenswichtige Bedeutung“ (S. 10). Diese Periode wurde vom türkischen Historiker Ahmet Refık rückblickend auch als Lâle Devri (‚Tulpenzeit‘) bezeichnet. Vgl. Anne Goldgar: . The University of Chicago Press, Chicago, London 2007, S. 31. Aus dem Osmanischen Reich gelangten Tulpen um 1555–60 über Konstantinopel (heute Istanbul) nach Wien.Anna Pavord: The Tulip. Paperback Edition. Bloomsbury, London 2004, S. 31–55. Wahrscheinlich importierte erstmals Ogier Ghislain de Busbecq, ein flämischer Edelmann und Botschafter von Kaiser Ferdinand I. am Hofe Süleyman I., Tulpensamen und -zwiebeln. Von ihm hat sich auch eine der frühesten, möglicherweise sogar die erste angefertigte Beschreibung eines Westeuropäers von einer Tulpe überliefert. In einem Brief vom 1. September 1555 gab er ihr den Namen Tulipan.Anna Pavord: The Tulip. Paperback Edition. Bloomsbury, London 2004, S. 56–62.Holger Schuckelt: Der Weg der Tulpe nach Europa. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 18. Problematisch an diesen Datierungen von Busbecqs Beschreibungen und Sendungen ist die unklare Entstehung der Briefe und damit auch der in ihnen bezeugten Geschehnisse. Zwar versah Busbecq jeden seiner Briefe mit Datum und Ort, doch kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob er diese Schreiben auch in der entsprechenden Situation verfasst, oder aber erst kurz vor dem Erscheinen des ersten Bandes seines Reiseberichts 1581 (Legationis Turciae Epistolae Quattuor, Antwerpen) niedergeschrieben hat. Auch sitzt Busbecq einem Fehler bei der Namensnennung auf: Die persischen Begriffe Tul-band bzw. dulband (Transkription im osmanischen Türkisch: tülbend oder dülbend) bezeichnen bei den Osmanen den Turban bzw. den Turbanstoff, während die Tulpe korrekt lâle heißt. Auch auf anderen Wegen, etwa aus Südeuropa oder im Zuge des Handels mit der Levante, gelangten Tulpen nach Mitteleuropa.Anne Goldgar: . The University of Chicago Press, Chicago, London 2007, S. 31. 1559 sah der Schweizer Gelehrte Conrad Gessner im Garten des Augsburger Bankiers Johannes Heinrich Herwarth eine rote Tulpe, die er als Tulipa Turcarum beschrieb.Conrad Gessner: De Hortis Germaniae Liber Recens, Straßburg 1561. Holger Schuckelt: Der Weg der Tulpe nach Europa. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 20. Die Einführung der Tulpe leitete in der Gartenkultur die sogenannte orientalische Periode ein, in der neben Tulpen auch Hyazinthen und Narzissen Eingang in die westeuropäischen Gärten fanden und sich dort großer Wertschätzung erfreuten.
mini|hochkant=1|Holzschnitt einer Tulpe (Tulpa serotina flava), aus einem separaten Anhang (‚Pflanzen aus Thrakien‘) zu Clusius’ Werk über die Flora SpaniensClusius: Rariorum aliquot stirpium per Hispanias obseruatarum historia, libris duobus expressa, Antwerpen 1567. Die Abbildung selbst entstammt dem Bildervorrat des Druckers Christoffel Plantijn und wurde auch in einem Buch von Rembert Dodoens (Florum, et coronarium odoratarumque nonnullarum herbarum historia, Antwerpen 1568) und einem Werk von Matthias de L’Obel (Plantarum seu Stirpium Historia, Antwerpen 1576) verwendet.|alt=
Der flämische Botaniker Carolus Clusius, seit 1573 Präfekt des Kaiserlichen Heilkräutergartens (Hortus botanicus medicinae) in Wien, kultivierte Tulpen ab 1574 in großem Stile. Im Garten Maximilians II. ließ er Zwiebeln und Samen auspflanzen bzw. aussäen.Holger Schuckelt: Der Weg der Tulpe nach Europa. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 22–23. In der Folgezeit wurden blühende Tulpen unabhängig voneinander in Brüssel (1577), in Leiden (1590), in Breslau (1594) und in Montpellier (1598) beschrieben.Holger Schuckelt: Der Weg der Tulpe nach Europa. In: André van der Goes (Hrsg.): Tulpomanie. Die Tulpe in der Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Uitgeverij Waanders, Zwolle 2004, S. 25. Nach einer Station in Frankfurt am Main wurde Clusius 1593 zum Professor für Botanik in Leiden berufen und stand dort dem Hortus botanicus vor.Anna Pavord: The Tulip. Paperback Edition. Bloomsbury, London 2004, S. 62–63.Mike Dash: Tulipomania: The Story of the World’s Most Coveted Flower and the Extraordinary Passions It Aroused. Gollancz, London 1999, S. 59–60. Wie bereits in Frankfurt und in Wien war Clusius in Leiden ein wichtiger Punkt in einem Netzwerk an Blumenliebhabern, den . Sie waren durch ihren gehobenen gesellschaftlichen Rang, ihre humanistische Bildung und ihre Wertschätzung für Pflanzen miteinander verbunden. Im exklusiven Zirkel dieser Enthusiasten mischten sich Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Kreise. Zu den Blumenliebhabern zählten Gelehrte, gebildete und wohlhabende Bürger (Apotheker, Ärzte, Notare, Händler, Advokaten) sowie Adlige, für welche alle der Umgang mit Pflanzen keine Landwirtschaft, sondern eine Liebhaberei war.Anne Goldgar: . The University of Chicago Press, Chicago, London 2007, S. 55. Die soziale Schichtung der unterscheidet sich zwischen dem nördlichen Teil der Niederlande und den südlichen spanischen Niederlanden. Während im Süden auch Adlige zu dem Zirkel gehörten, wurde im Norden die Aristokratie durch eine wohlhabende bürgerliche Schicht ersetzt, die sowohl deren politische als auch kulturelle Funktion übernahm.
Tulpen wurden aufgrund mehrerer Eigenschaften geschätzt. Sie waren neu, exotisch, exklusiv, dekorativ und anspruchsvoll.Anne Goldgar: . The University of Chicago Press, Chicago, London 2007, S. 38–39. Um ihre Begeisterung für die Blumenzucht und zu pflegen, legten Amateure private Gärten an und besuchten sich gegenseitig in diesen, um sich über die Kultivierung der neuen Sorten auszutauschen und die jeweiligen Exemplare in Augenschein zu nehmen. Befördert wurde die Anlegung privater Gärten durch das Wachstum der holländischen Städte jenseits der Stadtmauern. So wurden beispielsweise die Häuser, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an den Kanälen der Amsterdamer Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht gebaut wurden, mit rückwärtigen Gärten entworfen. In anderen Städten wie in Haarlem legte man Gärten außerhalb der Stadtmauern an. In diesen Gärten wurden nicht mehr nur Heil- und Nutzkräuter gezogen, sondern die Gärten dienten auch der Kultivierung neuer Pflanzenarten wie Tulpen. So enthielt der Hortus botanicus in Leiden, der vor allem für Pflanzen zur medizinischen Verwendung angelegt wurde, bei Clusius’ Tod mehr als 600 Tulpenzwiebeln, mit denen keinerlei medizinische Wirkung verbunden wurde.Anne Goldgar: . The University of Chicago Press, Chicago, London 2007, S. 29. Manche Blumenliebhaber spezialisierten sich auf das Sammeln und die Zucht von Tulpen, die in den Beeten mit großzügigem Abstand zueinander einzeln wuchsen.Dass auch unter den die Tulpenleidenschaft zum Teil kritisch gewertet wurde, zeigt das Beispiel Justus Lipsius’. Dieser stand mit Clusius in Kontakt und sammelte selbst Tulpenzwiebeln, gleichzeitig aber hinterließ er in De Constantia (‚Von der Standhaftigkeit‘, Buch II, Leiden 1584) eine Satire auf die Aktivitäten der Blumenliebhaber.
Ausdruck fand die gesteigerte Wertschätzung und Bekanntheit für Blumen in den Stillleben, wie sie in dieser Periode etwa von Ambrosius Bosschaert d. Ä., Balthasar van der Ast und Roelant Savery, aber auch Rembrandt van Rijn gemalt wurden. In manchen dieser Werke taucht die Tulpe in Verbindung mit anderen Gegenständen als Symbol der Vanitas auf. Die kurze Blühdauer von April bis Juni und das zeitige Vergehen der Pflanzen nach der Blüte machten die Tulpen, so eine Lesart dieser Bilder, zum Memento mori.