mini|David Foster Wallace (2006)
David Foster Wallace (* 21. Februar 1962 in Ithaca, New York; † 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Hochschullehrer. Bekannt wurde er durch seinen 1996 veröffentlichten Roman Infinite Jest (Unendlicher Spaß). Das Magazin Time zählt das Werk zu den wichtigsten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen sind., aufgerufen am 7. April 2014 Wallace’ Leben war vom Kampf gegen seine schwere Depression und seine Alkoholabhängigkeit gekennzeichnet. David Foster Wallace nahm sich im Alter von 46 Jahren während einer schweren depressiven Episode das Leben.
Leben Familie David Foster Wallace wurde 1962 als erstes Kind von James Donald Wallace und Sally Foster Wallace geboren. Seine Schwester Amy kam 1964 zur Welt. Wallace wuchs in dem kleinen Ort Philo südlich von Urbana, Illinois, auf, dessen für den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten typisches Kleinstadtleben er in zahlreichen Essays und Kurzgeschichten verarbeitete.
Wallace’ Vater stammte aus einer akademischen Familie und übernahm, nachdem er sein Philosophiestudium an der Cornell University abgeschlossen hatte, im Herbst 1962 einen Lehrauftrag an der Universität Illinois in Urbana-Champaign. Seine Mutter hatte einen ländlicheren Hintergrund: Ihr Vater baute in Maine Kartoffeln an. Ein Stipendium ermöglichte es ihr, in einem Internat den Highschool-Abschluss zu machen. Sie studierte dann am Mount Holyoke College Englisch, machte nach ihrer Heirat den Master in Englisch und begann Englisch am Parkland College in Champaign zu unterrichten, als Wallace zehn Jahre alt war.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 1. Seine Leidenschaft für perfekte Grammatik und Wahl treffender Wörter führt David Foster Wallace auch während des Jahrzehnts, in dem das Verhältnis zu seiner Mutter sehr distanziert war, auf ihren Einfluss zurück.
Sally Fosters Enthusiasmus für grammatisch korrekte Sprache konnte extreme Formen annehmen: Wenn während des Abendessens eines der Familienmitglieder einen grammatischen Fehler machte, hüstelte sie leise, bis der Sprecher seinen Fehler bemerkte, und sie protestierte in Supermärkten, wenn sie über der Express-Kasse das Schild „Express lane: Ten items or less“ sah, weil für zählbare Dinge fewer verwendet werden müsste. Mit genauso großer Leidenschaft erfand sie Wörter für Dinge, die die englische Sprache nicht benannte. So bezeichnete sie zum Beispiel mit „Greebles“ die Flusen, die nackte Füße ins Bett tragen. In der Figur der Avril Incandanza, der Mitbegründerin der „Militanten Grammatiker von Massachusetts“, porträtierte Wallace in Unendlicher Spaß auch seine Mutter.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 2.
Kindheit und Jugend Wallace bezeichnet seine Kindheit als glücklich und durchschnittlich.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 3. Bücher spielten in seiner Kindheit eine große Rolle: Er war begeisterter Leser der Hardy Boys, einer Kriminalromanserie für Jugendliche, des Zauberers von Oz, der Bücher von P. G. Wodehouse und von Dune, einer Science-Fiction-Romanserie von Frank Herbert.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 5. Eine nicht minder große Rolle spielte das Fernsehen. Gemeinsam mit seiner Familie sah er Serien wie Mary Tyler Moore, All in the Family und M*A*S*H. Mit zwölf Jahren gaben ihm seine Eltern einen eigenen Schwarz-Weiß-Fernseher, und er verbrachte so viel Zeit mit Serien wie Hogan’s Heroes und Raumschiff Enterprise, dass es bei seinen Eltern immer größere Besorgnis erregte. Wallace bezeichnet in einem Interview diese Tätigkeit intensiven Fernsehens als eine schizophrene Erfahrung in seiner Jugend.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 6. Wallace spricht von ...this schizogenic experience I had growing up.
Kurz vor seinem Tod gab Wallace in einer Zusammenfassung seiner Krankheitsgeschichte an, dass er den ersten Depressionsschub im Alter von neun oder zehn Jahren durchlebt habe. Weder seine Eltern noch seine Schwester konnten sich nach seinem Tod an solch eine frühe depressive Phase erinnern. Wallace empfand sich immer mehr als unbedeutend und unattraktiv, hatte das Gefühl, den Erwartungen seiner Eltern nicht zu genügen, und litt darunter, dass er stark schwitzte.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 6 und S. 7. Nach Ansicht seines Biografen D. T. Max waren es letztlich Tennis und Marihuana, die ihm halfen, die Highschoolzeit durchzustehen. Er war der Erste unter seinen Schulkameraden, der anfing, Tennis zu spielen, und schaffte es im Alter von 14 Jahren bis auf Rang 17 der regionalen Junior-Liga.Wallace: Derivative Sport in Tornado Alley. In: A Supposedly Fun Thing I'll Never Do Again. London: Abacus 1998. S. 3–20, hier: 4. In einem 1990 veröffentlichten Essay über seine Erfahrungen als Tennisspieler gab er jedoch selbstkritisch zu, dass seine Begabung in diesem Sport begrenzt gewesen sei: Diese Fähigkeit beruhte darauf, dass der mathematisch hochbegabte Wallace bei seinem Spiel intuitiv Aufschlagswinkel erfassen und auch die Einwirkung des in Illinois stets wehenden Winds einbeziehen konnte. Als nicht weniger bedeutsam schätzte er seine – in seinen Worten zengleiche – Akzeptanz der zufälligen Einflüsse des Windes und der Qualität des Tennisplatzes auf das Spielergebnis ein, die begabtere Tennisspieler als ihn so aufregten, dass sie gegen Ende eines Matches unkonzentriert spielten.Wallace: Derivative Sport in Tornado Alley. In: A Supposedly Fun Thing I'll Never Do Again. London: Abacus 1998. S. 3–20. Tennis war in den 1970er Jahren in Illinois eine noch weitgehend exotische Sportart, die nur von wenigen Jugendlichen betrieben wurde, und unter diesen Jugendlichen fand er Freunde, denen er ein Leben lang verbunden blieb.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 10. In der 9. Klasse wurde er Mitglied des Tennisteams seiner Highschool, das in einer Zeit, in der Tennisspieler noch überwiegend weiß gekleidet spielten, seinen Outsider-Status durch das Tragen von Bandanas, abgeschnittenen T-Shirts und bunten Schnürsenkeln betonte.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 9.
Marihuana war zwar eine illegale Droge, jedoch im Mittleren Westen gegen Ende der 1970er Jahre überall einfach zu beschaffen und weitgehend toleriert. Die Eltern nahmen es hin, dass Wallace nach der Schule zunächst Marihuana rauchte, bevor er sich an seine Hausaufgaben machte. Dazu trug möglicherweise auch bei, dass seine ungewöhnliche Begabung immer deutlicher wurde. Gleichzeitig nahmen Panikattacken zu, die mit starkem Schwitzen einhergingen, das er zu verbergen suchte, indem er stets seinen Tennisschläger und ein Handtuch bei sich trug, um so zu suggerieren, dass er nur deshalb so stark schwitze, weil er gerade vom Sport komme. Seinen Eltern waren das Ausmaß und die Bedeutung dieser Panikattacken nicht klar. Sie gestatteten ihm jedoch, zu Hause zu bleiben, wenn er sich außerstande fühlte, zur Schule zu gehen, und hofften, dass sie enden würden, sobald er zu studieren beginnen würde. Gelegentliche Wutausbrüche, die im Nachhinein als Symptom seiner schweren Depressionen erklärbar sind, waren zu sporadisch, um als Symptome psychischer Störungen erkannt zu werden.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 12.
Studium mini|Amherst College: Die Studentenwohnheime College Row im typischen Backsteinstil Wie schon sein Vater studierte Wallace ab Herbst 1980 am Amherst College, zunächst Logik, Philosophie und Mathematik. Seine ungewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten zeigten sich auch am College. Nach seinem ersten Studienjahr erhielt er einen Preis als Student mit dem besten Notendurchschnitt. Er blieb zunächst ein Außenseiter, fand aber während des zweiten Semesters in Mark Costello einen lebenslangen Freund, der einen ähnlichen Hintergrund wie er hatte und unter dessen Einfluss er sich in Amherst einlebte.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 19–22. Gegen Ende des dritten Semesters machte Wallace allerdings erneut eine depressive Phase durch. Einer seiner Professoren erfasste die Situation und stellte sicher, dass Wallace einen Therapeuten aufsuchte. Wenig später unterbrach Wallace sein Studium und kehrte zu seinen Eltern zurück. Erst im Herbst 1982 hatte er sich so weit erholt, dass er das Studium wieder aufnehmen und unverändert hervorragende Noten erzielen konnte. Gemeinsam mit Costello ließ er das satirische College-Magazin Sabrina aufleben, dessen Vorbild der Harvard Lampoon war.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 26. Ähnlich wie durch seine Erfolge als Tennisspieler fand er durch die Arbeit für das Magazin eine kleine Gruppe Gleichgesinnter. Einer seiner Freunde aus dieser Zeit erinnert sich, dass ihre Unterhaltungen zwischen Themen wie Wittgenstein, dem New Deal, aktueller Politik, mathematischer Logik, scharfen Mädchen und Immanuel Kant hin und her sprangen.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 27. Unverändert häufig rauchte Wallace Marihuana. Einem seiner Freunde riet er von anderen Drogen ab:
Nach wie vor war Wallace ein intensiver Leser, der fast alles, was in den Bücherregalen seiner Eltern stand, aufnahm. Die beiden Autoren, die bewirkten, dass sich Wallace ernsthafter mit den Möglichkeiten von Literatur auseinandersetzte, waren Donald Barthelme und Thomas Pynchon, beide bedeutende Vertreter der US-amerikanischen Postmoderne. Insbesondere der Einfluss von Pynchons Roman The Crying of Lot 49 (dt.: Die Versteigerung von No. 49) kann nach Auffassung von Wallace’ Biograf Max nicht hoch genug geschätzt werden. Pynchons Roman nimmt Bezug auf die Popkultur (TV-Shows, Thriller), die die US-Kultur prägt. Die Ironie und der Witz von Pynchons Stil entsprachen auch dem, was Wallace und Costello mit ihrem Hochschulmagazin Sabrina erreichen wollten.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 31. mini|Alan Lelchuk Im Spätsommer 1983 durchlebte Wallace erneut eine Phase der Depression und bekam Tofranil verschrieben, das ihn aber apathisch machte. Er zog sich immer mehr zurück und begann über Selbstmord nachzudenken. Im Herbst unterbrach er erneut sein Studium, obwohl er gerade ein Stipendium als vielversprechendster Philosophiestudent gewonnen hatte, das er jetzt zurückzahlen musste.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 32 und S. 33. Unter dem Einfluss seines Therapeuten wurde ihm bewusst, dass er an einer endogenen Form der Depression litt, die ihn sein Leben lang begleiten werde. In dieser Zeit entstand eine der ersten Kurzgeschichten, die bereits Merkmale aufweist, wie sie für die späteren Werke charakteristisch sind. The Planet Trillaphon as It Stands in Relation to the Bad Thing enthält in der Schilderung der Erfahrungen eines depressiven Studenten zahlreiche autobiografische Bezüge und wurde nach Wallace’ Rückkehr ans College in der Amherst Review, dem Literaturmagazin von Amherst, veröffentlicht.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 35. Am College belegte er jetzt vorwiegend Literaturkurse. Am einflussreichsten wurde ein Seminar in Kreativem Schreiben, das von dem Schriftsteller Alan Lelchuk gegeben wurde. Lelchuk, ein dem Realismus verpflichteter Autor, war zwar nicht begeistert von den Arbeiten, die Wallace ihm vorlegte, gestand ihm aber ein ungewöhnliches Talent zu.Max: Every Love Story Is A Ghost Story. A Life of David Foster Wallace. 2012, S. 39.