Die Aviculariinae sind eine Unterfamilie innerhalb der Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae), die der Ordnung der Webspinnen (Araneae) angehört. Bei den Gattungen und Arten handelt es sich überwiegend um arboreale (baumbewohnende) Vogelspinnen, die endemisch – d. h. ausschließlich – in Amerika vertreten sind. Lediglich ausgewachsene und/oder fast ausgewachsene Individuen der Gattung Ephebobus sind terrestrisch lebend (bodenbewohnend).

Die arboreale Lebensweise wird den Vertretern der Unterfamilie durch gut ausgebildete Scopulae (Polster aus Hafthaaren) sowie Büschel an den Klauen der Tarsen (Fußglieder) ermöglicht. Neben dem stark ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) der ausgewachsenen Individuen ist ebenfalls das Erscheinungsbild der Jungtiere typisch, das erheblich von demjenigen der Ausgewachsenen abweicht: Die Jungtiere sind zumeist deutlich auffälliger gefärbt. Die Arten der Aviculariinae besitzen Brennhaare und verteidigen sich, indem sie einem möglichen Prädatoren (Fressfeind) das mit den Brennhaaren bestückte Opisthosoma (Hinterleib) entgegenhalten. Auch hier bildet die Gattung Ephebobus, bei der die Brennhaare auf den Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) befindlich sind, eine Ausnahme. Sie schleudern die Brennhaare durch „Bombardieren“ einem Angreifer entgegen.

Die Systematik mitsamt der Taxonomie der Unterfamilie wurde in der Vergangenheit vermehrt diskutiert und von verschiedenen Autoren untersucht. Dabei fanden mehrfach Erstbeschreibungen von oder auch Transferierungen einzelner Taxa von der Unterfamilie der Aviculariinae in andere oder umgekehrt statt.

Merkmale mini|Männchen von Caribena laeta Bei den zu der Unterfamilie der Aviculariinae zählenden Arten handelt es sich um unterschiedlich große und gefärbte Vertreter innerhalb der Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae).Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 94, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4. Morphologisch (Struktur und Form betreffend) können die Vertreter der Aviculariinae von anderen Vogelspinnen insbesondere durch die kaum bis gar nicht mit Stacheln besetzten Beine und durch die lateral (seitlich) verlängerten Scopulae (Bedeckungen aus Haftsetae) differenziert werden. Durch die Scopulae nehmen die Beinanhänge ein spatelförmiges Erscheinungsbild an. Ein anderes Eigenmerkmal der Unterfamilie innerhalb der Familie der Vogelspinne ist das Fehlen stacheliger Setae (chitinisierter Haare) an dem prolateralen (vorgesetzt seitlichen) Bereich der Laden (umgebildete Coxen, bzw. Hüftglieder der Pedipalpen).Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 95, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4.

Die Arten der Aviculariinae besitzen, wie für baumbewohnende Vogelspinnen (Theraphosidae) üblich, gut ausgebildete Büschel an den Tarsalklauen sowie Scopulae an den Tarsen (Fußglieder) und Metatarsen (Fersenglieder). Diese dienen dem Anheften. Außerdem sind sie wichtig für die Lokomotion und beim Jagen, da ohne diese Strukturen das Klettern an vertikalen Oberflächen, an denen die Spinnen sich entsprechend ihrer Lebensweise nicht selten aufhalten, deutlich schwieriger wäre. Eventuell spielten die Klauenbüschel und die Scopulae eine wichtige Rolle bei der Entwicklung baumbewohnender Spinnen, da beide Strukturen vermutlich bei der Anpassung der Spinnen vom Bodengrund auf die neuen Habitate in höherer Vegetation eine große Bedeutung hatten.Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 111–112, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4.

Unterscheidung der Geschlechter und Jungtiere mini|Jungtier von Ybyrapora gamba Viele der Arten der Aviculariinae weisen auffällige ontogenetische (die Entwicklung betreffende) Unterscheidungsmerkmale hinsichtlich der Farbmuster auf. Eine Ausnahme bilden jene der Gattung Typhochlaena. Bei den Jungtieren ist oftmals auf dem Opisthosoma (Hinterleib) eine auffällige Musterung ausgeprägt, die aus Längs- und/oder Querstreifen sowie signifikanten Farbtönen besteht. Bei den ausgewachsenen Individuen verblassen diese Muster. Stattdessen sind hier schwarze, bläuliche und rötliche Farbgebungen vorhanden. Daneben ist bei den Vertretern der Unterfamilie ein starker Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) ausgeprägt, der sich vor allem jeweils in der Färbung von Männchen und Weibchen bemerkbar macht.Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 112, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4.

Genitalmorphologische Merkmale +Geschlechtsorgane am Beispiel von Antillena rickwestiBulbus und TibiaapophyseSpermatheken100x100px100x100px Ein einzelner Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) wird innerhalb der Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae) dadurch charakterisiert, dass dieser ein nicht verlängertes Subtegulum (vorgesetzter Bestandteil des Tegulums, dem zweiten und mittleren Sklerit, bzw. Hartteil eines Bulbus) und einen langen und dünnen Embolus (drittes und letztes Sklerit) ohne Kiel aufweist. Bei letztgenanntem Merkmal bildet die monotypische Art Antillena rickwesti eine Ausnahme. Bei den Weibchen der Unterfamilie sind die Spermatheken (Samentaschen) gänzlich separiert.

Brennhaare Die Aviculariinae besitzen ähnlich wie die Arten der Unterfamilie der Theraphosinae, die ebenso zu den Vogelspinnen (Theraphosidae) zählen, Brennhaare. Dabei kommen bei den Vertretern der Aviculariinae zwei Typen der Brennhaare vor. Davon ist einer der Typ II, der unter anderem bei den Arten der Gattungen Avicularia, Iridopelma und Pachistopelma zu finden ist. Beim ausgewachsenen Weibchen der Art I. marcoi und denen der Gattung Pachistopelma gehen die Brennhaare jedoch verloren.Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 102, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4. Die Brennhaare des Typs II sind auf dem Opisthosoma ausgebildet. Der andere Typ ist der lediglich bei der Gattung Ephebobus vorkommende Typ V, wobei die Haare dort auf der distal (zur Körpermitte gerichtet) prolateralen Fläche der Femora (Schenkel) von den Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) ausgeprägt sind.

Die Brennhaare des Typs II sind eher breit gebaut und haben eine Länge von 0,5 bis zu 1,5 Millimetern. Versucht man diese Haare von der jeweiligen Spinne abzustreifen, fallen diese unmittelbar zu Boden. Die Haare sind über einen Stützstiel implantiert, wobei die eindringende Spitze nach unten und auf dem Körper der Spinne basal (mittig) ausgerichtet ist. Das unterscheidet die Brennhaare von den Typen I, III und IV, die bei der Unterfamilie der Theraphosinae vorkommen und bei denen die eindringende Spitze nach oben gerichtet ist. Die Spitze umfasst beim Typ II einen Bereich, der am Bereich der Implantation eines Haares auf dem Stützstiel beginnt und sich zur Spitze hin verjüngt. Außerdem sind die Haare bei diesem Typ leicht in dorsale (obere) Richtung gebogen. Die Brennhaare des Typs V sind ebenfalls breit gebaut, im Vergleich zu denen des Typs II jedoch kürzer. Außerdem besitzen sie Widerhaken und lassen sich leicht durch Luftbewegungen lösen und streuen.

Verbreitung und Lebensräume mini|hochkant=1.65|Verbreitungsgebiet der Unterfamilie nach Günter Schmidt (Stand 2003) Alle Arten aus der Unterfamilie der Aviculariinae kommen ohne Ausnahme in der Neotropis vor. Dort bewohnen sie überwiegend tiefländische Regionen von Feuchtwäldern. Die bevorzugten Habitate (Lebensräume) können innerhalb der Unterfamilie jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Die Arten der Gattungen Iridopelma, Pachistopelma und Typhochalena beispielsweise sind hauptsächlich in der Mata Atlântica und dem im Norden und Nordosten Brasiliens gelegenen Teil der Caatinga sowie den dortigen Restingas verbreitet. Die Gattung Avicularia ist im tropischen Teil Amerikas vorkommend, wobei sich das Verbreitungsgebiet der Gattung nördlich von Costa Rica in südliche Richtung bis nach Bolivien und Brasilien erstreckt. Einzelne Funde von Vertretern der Gattung sollten auch im Süden Mexikos erfolgt sein. Die Arten der Gattung Ephebopus sind in der Mata Atlântica, dem nordöstlichen und zentralen in Brasilien gelegenen Teil des Amazonas-Regenwalds, Französisch-Guayana, dem Süden Surinames sowie dem Südwesten Guyanas verbreitet.Yeimy Cifuentes, Carlos Perafán: Arboreal Tarantulas and Their Allies: Aviculariinae and Psalmopoeinae. In: Fernando Pérez-Miles (Hrsg.): New World Tarantulas. Taxonomy, Biogeography and Evolutionary Biology of Theraphosidae (= Zoological Monographs. Band 6). Springer Nature, Cham 2020, ISBN 978-3-030-48643-3, S. 93–119, hier S. 113, doi:10.1007/978-3-030-48644-0_4.

Arten der Gattung Iridopelma sind xerotherm (offene, trockene Habitate bevorzugend), wobei die Arten I. zorodes und I. katiae Bromeliengewächse als Mikrohabitat nutzen. Eine mögliche Erklärung dafür dürften Folgen des Klimawandels sein, der die Vegetation in den Verbreitungsgebieten der Spinne beeinflusste und Graslandschaften auf felsigen und sandigen Böden entstehen ließ. Als Reaktion auf diese Veränderung passten sich die Spinnen an eine Lebensweise an Felsen und den Bromelien an. Ähnlich ist die Auswahl der Mikrohabitate der Arten der Gattung Pachistopelma, bei denen es sich ebenfalls um Bromeliengewächse handelt. Dies ließe sich damit erklären, dass die Bromeliengewächse den Spinnen ausreichend Feuchtigkeit und Schutz zur Verfügung stellen. Ferner lassen sich juvenile Exemplare verschiedener Arten der Gattung Avicularia an Bromeliengewächsen vorfinden, während dieses Mikrohabitat für andere Arten aus der Unterfamilie der Aviculariinae untypisch ist. Die Vertreter der Gattung Typhochalena kommen ebenfalls in der Mata Atlântica vor, wobei T. costae jedoch trockenere Lebensräume zu bevorzugen scheint. T. seladon ist unter loser Baumrinde oder unter niedrigerem Blattwerk von Bäumen anzutreffen.

Lebensweise mini|Weibchen der Gemeinen Vogelspinne (Avicularia avicularia) und sein Wohngespinst an einem Bromeliengewächs