mini|hochkant=1.25|Blick über den Rione Testaccio mit S. M. Liberatrice und Monte Testaccio links im Hintergrund Testaccio ist der XX. Rione (Stadtteil) und Verwaltungsbezirk Zona urbanistica 1D des Municipio Roma I in Rom. Der Arbeiterbezirk bekam seinen Namen vom Monte Testaccio (nach für „Scherben“), einem künstlichen Hügel, der in der Antike als Scherbenhalde für die im nahegelegenen Tiberhafen entladenen und nicht wiederverwendbaren Amphoren aus den römischen Provinzen entstand.

Lage mini|Lage des Rione Testaccio in Rom Testaccio liegt im Südwesten des historischen Stadtzentrums in einem klar umgrenzten Gebiet: Im Osten wird es entlang der Via Marmorata vom steilen Hang des Aventin begrenzt, im Norden und Westen umfliesst der Tiber den Stadtteil. Weiter im Süden verläuft die Grenze vom Tiber aus entlang der Aurelianischen Mauer und folgt zunächst ein kurzes Stück der Bahnstrecke in Richtung Termini und Tiburtina und dann dem Grüngürtel aus dem Rome War Cemetery,Rome War Cemetery. Commonwealth War Graves Commission, abgerufen am 8. Dezember 2020. dem Monte Testaccio und dem Cimitero acattolico bis zur Cestius-Pyramide und der Porta San Paolo zurück zum Beginn der Via Marmorata.

Geschichte Antike mini|Lage der antiken Hafenanlagen nach der Forma Urbis Romae, einem Plan von Rom aus der Zeit kurz nach 200 n. Chr. mini|Ruinen des Porticus Aemilia in der Via Rubattino

Das Gebiet des späteren Rione Testaccio befand sich zu antiker Zeit noch vor der Porta Trigemina außerhalb der Servianischen Mauer. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts vor Chr. machte das starke Wachstum Roms eine Verlegung des zu klein gewordenen Tiberhafens am Forum Boarium erforderlich, da dort für eine Erweiterung der Anlagen und Lagerplätze nicht genug Raum zur Verfügung stand. Ab 193 v. Chr. entstand auf Veranlassung der kurulischen Ädilen M. Aemilius Lepidus und L. Aemilius Paullus etwa einen Kilometer flussabwärts am Tiberufer südwestliche des Avenins auf dem Gebiet des heutigen Rione Testaccio der neue Hafen, das Emporium.Emporium. In: Samuel Ball Platner, Thomas Ashby: A Topographical Dictionary of Ancient Rome. Oxford University Press, London 1929, S. 200. Es zog sich vom Aventin etwa 500 Meter weit bis etwa zur Via Franklin. Parallel zu den Hafenanlagen entstand der Porticus Aemilia, ein ebenfalls fast 500 Meter langes und 60 Meter tiefes Lagerhaus.Porticus Aemilia. Sovrintendenza Capitolina ai beni culturali, abgerufen am 11. Dezember 2020. Reste des Porticus sind noch in der Via Rubattino und der Via Benjamin Franklin zu sehen; auch vom Emporium sind am Lungotevere Testaccio noch Spuren erhalten.

Mit der zunehmenden Entwicklung des Hafens entstanden zahlreiche weitere Lagerhäuser (Horrea), unter ihnen die Horrea Galbae, die für die staatliche Versorgung der Bevölkerung mit Getreide und anderen essentiellen Gütern wie Öl und Wein, der annona civica, von zentraler Bedeutung waren. Bei Ausgrabungen wurde 1911 entlang der Via Bodoni ein Gebäude von 200 × 155 Metern um drei zentrale Höfe dokumentiert, das aber wahrscheinlich nur ein Teil einer größeren Gesamtanlage war.Horrea Galbae. In: Samuel Ball Platner, Thomas Ashby: A Topographical Dictionary of Ancient Rome, S. 261–62. Das hier umgeschlagene Olivenöl wurde in Amphoren angeliefert, die anschließend nicht wieder gereinigt und wiederverwendet werden konnten; sie wurden zerschlagen, gesammelt und schließlich über Jahrhunderte hinweg geordnet auf einer Halde, dem Monte Testaccio entsorgt, der dem Viertel seinen heutigen Namen gab.

mini|Cestius-Pyramide und Porta San Paolo (2006) Um die Zeitenwende wurde an der Via Ostiense die Cestius-Pyramide errichtet, das Grabmal des Volkstribuns Gaius Cestius Epulo (gestorben vor 12 v. Chr.). Beim Bau der Aurelianischen Mauer (271–275) wurde es in die Mauer integriert, daneben entstand die Porta Ostiense, der Bezirk lag nun innerhalb der Stadtmauern. Seit augustäischer Zeit war er Teil der römischen Verwaltungsregion XIII. Aventinus.

Von großer Bedeutung war der Hafen auch für die Versorgung der Stadt mit Baumaterialien; nach dem Niedergang Roms im 6. Jahrhundert verwaisten die ehemaligen Hafenanlagen und die großen Lagerplätze für den Marmor und gaben der Region spätestens seit der kurzlebigen Commune di Roma ab 1143 den Namen Ripe et Marmorate ( veraltet für „Ufer“), der heute noch im Namen der Via Marmorata weiterlebt.

Mittelalter und Neuzeit mini|Karte Roms, 1843 Mit dem Niedergang des Römischen Reichs in der Spätantike und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust Roms wurde die Stadt weitgehend entvölkert, große Bereiche des Stadtgebietes verfielen und entwickelten sich zu Brachland. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war nur etwa ein Drittel der Fläche innerhalb der Mauern bewohnt, weite Flächen, darunter auch der heutige Rione Testaccio, wurden landwirtschaftlich genutzt.

mini|Der Karneval auf den Prati del Popolo, Radierung, hrsg. von Antonio Lafreri, 1558 Zwischen dem Monte Testaccio und der Porta San Paolo lag südlich der heutigen Via Galvani ein öffentliches Weideland (, „Wiese“, „Weide“), die Prati di Testaccio oder auch Prati del Popolo Romano (in Abgrenzung zu den Prati del Castello nördlich der Engelsburg), wie eine Inschrift an der Porta San Paolo von 1720 bezeugt.Prati di Testaccio. Privates Denkmalverzeichnis Chi era Costui, abgerufen am 13. Dezember 2020. Hier fanden vom 12. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts die aufwendigen Spiele des Römischen Karnevals in Anlehnung an den spätrömischen Ludus carnevalarii statt. In Anwesenheit des Papstes und hoher Würdenträger wurden sportliche Wettkämpfe und Pferderennen (Palio) veranstaltet, aber auch blutige Tierkämpfe, bei denen zahlreiche Stiere und Schweine getötet wurden.Thomas Migge: Die Päpste und der Karneval. Deutschlandfunk, Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft, 7. Februar 2013.Monte dei cocci di Testaccio: Cronologia. Portal info.roma.it, abgerufen am 13. Dezember 2020. Etwa ab 1470 wurden die Pferderennen auf Wunsch von Papst Paul II. auf die Via del Corso verlegt, damit begann ein langsames Auslaufen der Tradition der Spiele in Testaccio.Anna Maria Ramieri: Il Monte Testaccio dall’età antica all’età moderna. In: Rita d’Errico, Carlo M. Travaglini (Hrsg.): Ricerche sul patrimonio urbano tra Testaccio e Ostiense (= Roma moderna e contemporanea. Bd. 20, Nr. 2, 2012). Rom 2014, ISBN 9788883681301, S. 458–459 (PDF).

Bereits im Mittelalter war der Monte Testaccio Ziel von christlichen Prozessionen in der Karwoche, der Zug startete am Forum Boarium und endete an einem Kreuz auf dem höchsten Punkt des als Golgatha verstandenen Berges. Bis heute steht ein Kreuz auf dem Monte Testaccio, das heutige wurde 1914 errichtet.Anna Maria Ramieri: Il Monte Testaccio dall’età antica all’età moderna. S. 459.

Im frühen 17. Jahrhundert wurden von der Cestius-Pyramide aus von den Kanonieren von Castel S. Angelo mit ihren Kanonen Zielübungen auf ein Ziel am Osthang des Monte Testaccio durchgeführt, wie ein Stich von Jacopo Lauro aus dem Jahr 1628 illustriert. Als einziges Gebäude aus der Zeit vor 1870 hat sich neben einigen Wirtschaftsgebäuden um den Monte Testaccio das heute als Wohnhaus genutzte päpstliche Pulvermagazin in der Via Marmorata, Ecke Via Caio Cestio erhalten.Bruno Regni e Marina Sennato: L’ex «quartiere operaio» di Testaccio. In: Capitolium. Bd. XLVIII, Nr. 10–11, 1973, S. 40.Anna Maria Ramieri: Il Monte Testaccio dall’età antica all’età moderna. S. 459, Abb. 4, S. 460.

In späterer Zeit waren die Prati ein beliebtes Ausflugsziel, im 17. Jahrhundert wurden in den Monte Testaccio Höhlen zur Lagerung von Wein gegraben, aus denen sich zahlreiche Tavernen und Ausflugslokale entwickelten.So berichtet Giuseppe Vasi im fünften Band seiner Delle Magnificenze di Roma von 1754: «Ultimamente poi vi sono state incavate delle grotte per conservarvi del vino, che vi si mantiene freschissimo: onde nell'estate vi concorre del popolo a gustarlo.» Zitiert nach Giuseppe Vasi: Veduta delle antiche Mura di Roma. Website Rome in the Footsteps of an XVIIIth Century Traveller, abgerufen am 13. Dezember 2020. Zum Schutz des antiken Monte Testaccio erließ Papst Benedikt XIV. 1742 und 1744 zwei Edikte, die das Anlegen weiterer Grotten sowie die Nutzung des Hügels als Weide unter Strafe stellten.Anna Maria Ramieri: Il Monte Testaccio dall’età antica all’età moderna. S. 461.

Von 1716 an hatte sich unter den Protestanten Roms eine seit Papst Clemens XI. geduldete Tradition des Begräbnisses an der Stadtmauer bei der Cestius-Pyramide entwickelt, da Bewohner, die nicht katholischen Glaubens waren, nicht auf den geweihten römischen Friedhöfen bestattet werden durften. 1821 wurde hier der Cimitero acattolico auch offiziell ausgewiesen, der auch anderen Konfessionen und Religionen offen stand. Er wurde 1894 auf seine heutige Größe erweitert.History of the Non-Catholic Cemetery for Foreigners. Website des Friedhofes, abgerufen am 18. Dezember 2020.

Seit 1870 Die Anfänge 1870 bis 1903 mini|Testaccio im Piano Regolatore von 1873: schematische Darstellung von Industrie entlang des Tiber und eines Wohnquartiers im Zentrum Die Vollendung der italienischen Einigung 1870 durch die Eroberung Roms und die Deklaration Roms als Hauptstadt Italiens 1871 markiert den Beginn der modernen Stadtentwicklung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 1873 wurde der erste Piano Regolatore, der erste Flächennutzungs- und Bebauungsplan Roms veröffentlicht. Offiziell nie verabschiedet, sah er für das Gebiet von Testaccio als einziger Fläche innerhalb der Mauern die Ansiedlung von Industrie sowie eines Wohnquartiers für die dort beschäftigten Arbeiter vor, da das völlig ebene Gebiet abgeschieden vom historischen Zentrum verkehrstechnisch günstig am Tiber und der 1859 eröffneten Bahnlinie von Termini nach Civitavecchia und Livorno lag. Die Bebauung des Gebietes begann jedoch erst mit dem zweiten Piano Regolatore von 1883, der im Wesentlichen die Planungen von 1873 bestätigte.

Die nach 1870 einsetzende intensive Bautätigkeit in Rom war fast vollständig von privatwirtschaftlichen Spekulationen getrieben, durch die ausschließlich hochpreisige Wohnbauten mit hohen Renditeerwartungen vor allem im Umfeld des historischen Zentrums errichtet wurden. Die Flächen in Testaccio gehörten zu großen Teilen der Familie Torlonia, die lange erfolglos versucht hatte, im Stadtrat die Ausweisung des Gebietes als Arbeiterquartier zu verhindern. Obwohl Leopoldo Torlonia von 1882 bis 1887 als stellvertretender Bürgermeister amtierte, trat der Piano Regolatore am 8. März 1883 in Kraft. Erst jetzt verkauften die Torlonia die Flächen an die Stadt und das Unternehmen Marotti, Frontini und Geisser konnte am 29. Oktober 1883 den Vertrag zum Bau von insgesamt 36 geplanten Häuserblöcken unterzeichnen.E. Puccini, G. Duranti: Testaccio: il «quartiere operaio» di Roma Capitale, 1870-1930. Palombi editore, Rom 2012, S. 34.Helga beim Graben: Die Entwicklung des Wohnungswesens von Rom unter den Prozessen der Urbanisierung. Dissertation, Universität Hamburg, 2008, S. 39 (online verfügbar). Durch den Zusammenbruch der Bauwirtschaft in der großen Immobilienkrise zwischen 1887 und 1894 konnten auf einem schachbrettartig angelegten Areal aus 16 Blöcken um die heutige Piazza Testaccio jedoch nur neun Blöcke vollständig und einige weitere teilweise errichtet werden.