mini|hochkant=1.5|Große Flächen weitgehend unberührter Wildnis findet man in Europa fast nur noch im hohen Norden (Abbildung: Nordland in Norwegen) mini|Heide: früher ein Synonym für Wildnis, tatsächlich jedoch keine Natur-, sondern eine Kulturlandschaft mini|Garten-„Wildnis“: manchmal abwertend im Sinne der zweiten Begriffsbestimmung gemeint mini|Viele große Raubtiere – wie z. B. der Amurtiger – sind auf ungestörte Wildnisgebiete angewiesen (Foto aus dem Zoo Pittsburgh, USA). Wildnis ist – wie Landschaft und Natur – kein naturwissenschaftlicher, sondern ein alltagssprachlicher Begriff für naturbelassene Landflächen mit unterschiedlichen, kulturell geprägten Bedeutungen. Es gibt zwei verschiedenartige Begriffsbestimmungen:

Nach der ersten wird unter Wildnis eine vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaft (Primärnatur) verstanden,vgl. Amélie Schenk: Die EU-Agrarpolitik und Mongolisches Weidefleisch auf germanwatch.org, 23. Juni 2003, abgerufen am 5. Mai 2022. die sich durch naturwissenschaftliche Parameter beschreiben und von Kulturlandschaften, Städten, Landwirtschaftsflächen, Forsten usw. abgrenzen lässt.Siehe z. B. . Bei: iucn.org. „Category Ib protected areas are usually large unmodified or slightly modified areas, retaining their natural character and influence, without permanent or significant human habitation, which are protected and managed so as to preserve their natural condition.“Vgl. Bei: bfn.de. In diesem Sinne kann man noch rund ein Viertel bis ein Drittel der Landoberfläche als Wildnis bezeichnen. Die zweite Begriffsbestimmung ist mit einem Werturteil verbunden. Demnach wird ein Gebiet als Wildnis bezeichnet, wenn ihm die Bedeutung einer Gegenwelt zu irgendeinem kulturellen Ordnungsprinzip zugewiesen wird. Dabei kann die Bewertung sowohl positiv als auch negativ ausfallen: abwertend z. B. als „ungezähmte, unordentliche“ Natur im Gegensatz zur kultivierten Natur, aufwertend z. B. als „unverdorbene, unschuldige“ Urnatur.Thomas Kirchhoff, Ludwig Trepl: Landschaft, Wildnis, Ökosystem: Zur kulturell bedingten Vieldeutigkeit ästhetischer, moralischer und theoretischer Naturauffassungen. Einleitender Überblick. In: Dies. (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ökosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. transcript, Bielefeld 2009, S. 13–66.Deborah Hoheisel, Gisela Kangler, Ursula Schuster, Vera Vicenzotti: Wildnis ist Kultur. Warum Naturschutzforschung Kulturwissenschaft braucht. In: Natur und Landschaft. 2010/85 (2), S. 45–50.Wildnis. Bei: naturphilosophie.org. Sie ist „das unbetretene, unberührte Gelände im Universum dessen, was wir durch Neuzeit und Moderne hindurch als Natur zu erkennen suchten“.Sabine Hofmeister: Verwildernde Naturverhältnisse. Versuch über drei Formen der Wildnis. In: Das Argument. Jg. 50 (2008), Heft 279, S. 813–826, hier S. 813.

Begriffsgeschichte und Etymologie Der Begriff Wildnis tauchte erstmals im 15. Jahrhundert in den mittelhochdeutschen Formen „wiltnisse“, „wiltnis“, „wiltnüsse“ oder „wiltnus“ im deutschen Schrifttum auf. Ab dem 17. Jahrhundert setzt sich langsam die Form „Wildnis“ durch. Die Wortbedeutung wird abgeleitet vom Adjektiv „wild“, das erstmals im Althochdeutschen und Altsächsischen des 8. Jahrhunderts als „wildi“ auftaucht und „unbebaut“, „ungezähmt“ oder „fremd“ meint. Das zusammengesetzte Wort „Wild-nis“ bedeutet demnach ‘unbebaute, unkultivierte Gegend mit üppig wucherndem Pflanzenwuchs und ungezähmten Tieren’.Wolfgang Pfeifer (Leitung): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1995, ISBN 3-05-000626-9; 7. Auflage 2004, ISBN 3-423-32511-9. Eine digitale Fassung dieses Wörterbuchs ist abrufbar im lexikalischen Informationssystem.

Die gleichbedeutenden Wörter in den anderen germanischen Sprachen enthalten fast immer den Wortbestandteil „wild“, der in den meisten Sprachen sehr ähnlich klingt und auf die (rekonstruierte) urgermanische Wurzel *wilthiz bzw. *wilþja- zurückgeführt wird. Deutsch, Englisch, Niederländisch: wild, Schwedisch, Dänisch: vild, Norwegisch: vill, Isländisch: villtur.

Synonyme für Wildnis sind allgemein „Abgeschiedenheit“, „Menschenleere“, „Einöde“, „Ödland“ (öde(n) ursprünglich ebenfalls „unbewohnt“, aber auch „unbebaut“). Das Wort wird heute vorwiegend stellvertretend für unbewohnte Landschaften wie „Steppe“, „Wüste“, „Urwald“, „Heide“, „Moor“ u. Ä. verwendet. Darüber hinaus steht Wildnis jedoch auch für solch negativ belegte Begriffe wie „Unfruchtbarkeit“, „Trostlosigkeit“, „Nutzlosigkeit“, „Verbannung“ oder „Kulturlosigkeit“.Online Wortschatz-Portal der Universität Leipzig

Abgrenzung zu den Kulturlandschaften mini|Lapplands Fjällberge: „Rentierweide-Kulturlandschaft“ oder Wildnis? Die quantitative Auslegung wird in Debatten bisweilen polemisch verwendet. Aufgrund einer fehlenden wissenschaftlichen Definition des Begriffes „Wildnis“ kommt es immer wieder zu Debatten im Sinne der Behauptung: „Sind nicht fast alle Wildnisgebiete eigentlich anthropogen beeinflusste Kulturlandschaften?“ Häufig wird dieses Argument verwendet, wenn es um die Erhaltung „intakter Naturlandschaften“ geht. Es ist unumstritten, dass sich fast überall auf der Erde mehr oder weniger deutliche Spuren menschlichen Wirtschaftens finden lassen: So stehen bereits Jäger und Sammler der Frühzeit im Verdacht, erheblich an der Bildung der weltweiten Feuerökosysteme (ein Großteil der Savannen, subtropische Graslandschaften, Hartlaub-Buschland) beteiligt zu sein. Dennoch bestehen aus ökologischer Perspektive große Unterschiede zwischen der dauerhaft besiedelten und bewohnten Ökumene und den fast unbesiedelten und nur in geringem Umfang traditionell genutzten – sprich: naturnahen – Gebieten der sogenannten Subökumene (z. B. der Regenwälder am Amazonas, die gern in diesem Zusammenhang genannt werden). So wird hier ein sehr weit gefasster Kulturlandschaftsbegriff bemüht, der tatsächlich jedoch in der Fachwelt selten verwendet wird.

„Kulturlandschaft“ ist ebenso unscharf und nicht festgelegt wie der Wildnisbegriff.Ludwig Trepl: Der Konservativismus entdeckt die Wildnis. Jungbrunnen, Asphaltdschungel und Betonwüste. scilogs.de: „Landschaft und Ökologie“ auf der Website von „Spektrum der Wissenschaft“, 20. August 2012.L. Fischer: (PDF; 2 MB). In: Denkanstöße. Landschaftskult – Kulturlandschaft. Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz, Heft 6, November 2007, S. 16–27. Letzten Endes offenbart sich hier die weltanschaulich-philosophische Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Natur.

Definitionen von Wildnis im Sinne des Naturschutzes Seit mit dem Yellowstone-Nationalpark im Jahre 1872 zum ersten Mal ein großes Wildnisgebiet unter Schutz gestellt wurde, entstand die Notwendigkeit, den Begriff genauer zu definieren. Wie man den folgenden Begriffsbestimmungen entnehmen kann, sind die Vorstellungen in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich.

Conservation International Als Wildnis im Sinne der Conservation International gelten Bereiche, in denen 70 oder mehr Prozent der ursprünglichen Vegetation erhalten sind, die mehr als 10.000 Quadratkilometer umfassen und in denen weniger als fünf Menschen pro Quadratkilometer leben. (Unter diese Definition fallen weltweit 37 Gebiete.)

International Union of Conservation Nature Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) definiert Wildnis ebenfalls weniger abhängig von der Flächengröße und mehr im Hinblick auf auszuweisende Schutzgebiete (Wilderness Area IUCN Ib):Deutsche Übersetzung durch das Bundesamt für Naturschutz

Neuseeland In Neuseeland gelten als Wildnis unbewohnte Gebiete, für die man , das entspricht 1.500–5.000 km².Hendee, Stankey und Lucas 1990.

Vereinigte Staaten Unter das Gesetz zum Schutz der Wildnis von 1964 (Wilderness Act) fallen in den Vereinigten Staaten mindestens 20 km² große, unbesiedelte, natürliche Landschaften – oder Inseln, die auch kleiner sein dürfen. Wilderness Areas werden vom US-Kongress durch Gesetz gewidmet. Es gibt 757 (Stand 2012) Wilderness Areas in 44 der 50 US-Bundesstaaten und in Puerto Rico.

Europa Im Februar 2009 hat das Europaparlament auf Antrag einer Reihe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) eine (nicht rechtlich bindende) Resolution zur Erhaltung von Wildnisgebieten in Europa verabschiedet, die in das Naturschutz-Netzwerk Natura 2000 integriert werden soll. Daraufhin bildeten die NGOs eine Arbeitsgruppe (European Wilderness Working Group) zur Konkretisierung der Empfehlungen, die 2012 abgeschlossen wurden. Darin enthalten ist folgende Definition von Wildnis:

„Wildnisgebiete sind große, unveränderte oder nur leicht veränderte Naturgebiete, die von natürlichen Prozessen beherrscht werden und in denen es keine menschlichen Eingriffe, keine Infrastruktur und keine Dauersiedlungen gibt. Sie werden dergestalt geschützt und betreut, dass ihr natürlicher Zustand erhalten bleibt und sie Menschen die Möglichkeit zu besonderen geistig-seelischen Naturerfahrungen bieten.“ (European Wilderness Working Group, September 2011, Übersetzung von Bernhard Kohler. Programmleiter Biodiversität. WWF Österreich)Bernhard Kohler: (PDF; 7,4 MB). Bei: tiroler-forstverein.at.Draft Guidelines for the management of wilderness and wild areas in Natura 2000. (PDF; 1,1 MB). Bei: ec.europa.eu.

Die vom WWF initiierte Organisation „PAN Parks“ hat als eine der federführenden NGOs dieses Prozesses für „große Naturgebiete“ einen Wert von mindestens 100 km² festgelegt.PAN Parks Was A Great Foundation to Support Europe’s Wilderness. (PDF) Bei: panparks.org.

Nach der Übernahme der PAN Parks durch die European Wilderness Society (EWS) im Jahr 2014 hat die EWS vorgeschlagen, die Mindestgröße „echter Wildnis“ im Kern solcher Schutzgebiete auf 30 km² festzulegen. Die umgebenden Gebiete agieren als Pufferzone zu bewirtschafteten Regionen und sollen sich dann im Laufe der Zeit ebenso zu Wildnis entwickeln.European Wilderness Quality Standard and Audit System: wilderness-society.org, abgerufen am 3. Mai 2019. Da es in Europa nur noch extrem wenige Gebiete gibt, die die strengen IUCN-Kriterien für Wildnisgebiete erfüllen, wurde darüber hinaus von der European Wilderness Working Group eine weitere Definition für sogenannte „wilde Regionen“ (wild areas) vorgeschlagen:

„Wilde Regionen sind naturnahe Lebensräume, deren Entwicklung überwiegend von natürlichen Prozessen dominiert wird. Sie sind zumeist kleiner oder stärker fragmentiert als Wildnisgebiete, können jedoch auch sehr großflächig sein. Der Zustand ihrer Biotope, Prozesse und Artenzusammensetzung zeigt oft deutliche Spuren früherer menschlicher Nutzung und Inanspruchnahme, wie zum Beispiel durch Beweidung, Jagd, Fischerei, Forstwirtschaft, Sportaktivitäten oder andere Folgen menschlicher Aktivitäten.“Definition of Wilderness in Europe. Website der European Wilderness Society. Übersetzt durch Wikipedia-Nutzer Ökologix. Abgerufen am 25. März 2014.

Nordeuropa (ohne Russland) Die größten verbliebenen Wildnisgebiete des westlichen Europas liegen in der Subökumene Fennoskandinaviens und Islands. Finden sich keine markierten Wanderwege oder touristischen Anlagen in zusammenhängenden Gebieten, die größer als 1000 km² sind und mehr als 15 km von Straßen oder Eisenbahnlinien entfernt liegen, spricht man in Schweden von „Wildniskernen“. Nach dieser strengen Festlegung gibt es noch neun Wildniskerne. Sie liegen ausschließlich in der nördlichsten Provinz Norrbotten und machen 4,5 % der Fläche Schwedens bzw. 14,5 % Norrbottens aus. Alle anderen unbesiedelten Gebiete von mindestens 10 km² (Süd- und Mittelschweden) bzw. 20 km² (Nordschweden), die nicht schmaler als 1 km sind, werden als „Weglose Gebiete“ bezeichnet.Sveriges Nationalatlas. Bd. Miljön. 2. Auflage. Kartförlaget, Gävle 1997, ISBN 91-87760-42-8.

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