mini|Ehemaliger Bahnhofsvorplatz, Luftaufnahme (2014) mini|Blick über das ehemalige „Bonner Loch“ zum Hauptbahnhof (2006) mini|Nun abgerissene Südüberbauung am Bahnhofsvorplatz (2013) mini|Abriss der Südüberbauung am Bahnhofsvorplatz (August 2017)
Als Bahnhofsvorplatz oder auch Bahnhofsbereich wird in Bonn die Fläche vor dem Hauptbahnhof bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht um einen homogenen Platz im engeren Sinne, sondern zusammenhängende Anteile mehrerer Straßen und Bebauungsflächen. Eine Neugestaltung dieser städtebaulich bedeutenden Zone wurde lange kontrovers diskutiert. Anfang 2017 begann eine grundlegende Umgestaltung, im Zuge derer das Areal massiv überbaut wurden. Diese Bauarbeiten wurden bis 2021 vollständig abgeschlossen. Im Volksmund wurde der Bereich bis zum Umbau wegen seiner unterirdischen Passagen als Bonner Loch bezeichnet.
Lage Der Bahnhofsbereich hat eine Fläche von knapp 1,5 ha und erstreckt sich entlang der Gleise der Linken Rheinstrecke in Bonn-Zentrum zwischen Kaiserplatz im Südosten und Thomas-Mann-Straße im Nordwesten., Bürgerinformation, Webseite der Stadt Bonn, 8. April 2004, Memento des Originals im Internet Archive, abgerufen am 15. Februar 2023.
Bebauung und Nutzung mini|Plan des Bahnhofsbereiches bis Anfang 2017 mini|Modell des Bahnhofsbereiches
Direkt vor dem Eingang des Bahnhofs verläuft die Straße Am Hauptbahnhof, die bis 2022 als Teil des City-Rings40 Jahre City-Ring In: BonnCity. city-marketing Bonn e. V., 16. September 2013, abgerufen: 8. August 2022. als Einbahnstraße von Südost nach Nordwest befahren wurde. Nördlich dieser Straße befand sich im Westen des Bereichs ein Parkplatz, daran anschließend das sogenannte „Bonner Loch“, ein Zugang mit mehreren Treppen zum unterirdischen Teil des Bahnhofs mit Läden und einer Passage zur Quantiusstraße. Auf diesen Höhen wird der Bahnhofsvorplatz nördlich von der Cassius-Bastei genannten Bebauung (fertiggestellt 1987/88Karl Gutzmer: Chronik der Stadt Bonn. Chronik-Verlag, Dortmund 1988, ISBN 3-611-00032-9, S. 275.) begrenzt. Östlich der Poststraße befand sich das von 1976 bis 1978Karl Gutzmer: Chronik der Stadt Bonn. Chronik-Verlag, Dortmund 1988, ISBN 3-611-00032-9, S. 256. errichtete Gebäude der Südüberbauung. Der östliche Teil des Bereichs besteht aus der ebenfalls zum City-Ring gehörenden Maximilianstraße und dem Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) Bonns. Es existieren Unterführungen von der Poppelsdorfer Allee im Südosten („Südunterführung“; seit 1936Einweihung der Unterführung an der Poppelsdorfer Allee und Ueberführung an der Reuterstraße. In: General-Anzeiger. 2. Mai 1936, S. 6. (zeitpunkt.nrw).) und von der Herwarthstraße im Nordwesten („Nordunterführung“; seit 1937).Karl Gutzmer: Chronik der Stadt Bonn. Chronik-Verlag, Dortmund 1988, ISBN 3-611-00032-9, S. 179.
Auf der Straße Am Hauptbahnhof verlaufen auch Schienen der Bonner Straßenbahn. Somit befinden sich mit Deutscher Bahn, der hier im Untergrund geführten Stadtbahn Bonn, den Straßenbahnen und Bussen Haltestellen aller öffentlichen Verkehrsmittel am Bahnhofsvorplatz, der somit den wichtigsten Zugang für Reisende zur Bonner Innenstadt darstellt. Als Teil des City-Rings und eine der wenigen Parkmöglichkeiten ist er zudem ein Nadelöhr des Autoverkehrs. Mit den Geschäften im Maximilian-Center – anstelle der 2017 abgebrochenen Südüberbauung – und der Cassius-Bastei gehört er dabei auch zum kommerziell genutzten Teil der Innenstadt.
Das Bonner Loch galt lange Zeit als Problemzone, vor allem als Treffpunkt von Obdachlosen und Drogensüchtigen. Seit 1992 existiert auf dem Gelände eine gemeinsame Wache von Polizei und dem Ordnungsamt der Stadt Bonn, genannt „GABI“ (Gemeinsame Anlaufstelle Bonn-Innenstadt). Im direkten Umfeld sind soziale Projekte angesiedelt. Ab Juli 2008 wurde ein Alkoholkonsumverbot verhängt. Infolgedessen hat sich die Szene teilweise auf den angrenzenden Busbahnhof und andere Teile der Innenstadt verlagert. Auch wurden Hilfsangebote häufiger in Anspruch genommen.Szene meidet Bonner Loch. In: General-Anzeiger. Bonn. Trotz dessen ist das Bonner Loch bis zum heutigen Tage noch ein prominenter Treffpunkt für Drogensüchtige und Obdachlose der Stadt.
Geschichte Ursprünglich befanden sich bis dicht an das Bahnhofsgebäude Wohnhäuser, ein Bahnhofsvorplatz existierte nicht.Historische Aufnahme der Strasse „Am Hauptbahnhof“ aus den 50er/60er Jahren In: Archiv Martin Bredenbeck, abgerufen: 12. August 2022. Erste Freiflächen entstanden durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg., Bürgerwerkstatt Bonn
Neugestaltung in den 1970ern Im Zuge des Stadtbahnbaus wurde die unterirdische Haltestelle Bonn Hauptbahnhof zwischen 1967 und 1975 eingerichtet und am 23. März 1975 feierlich eröffnet.Tunnelstutzen am Bonner Hauptbahnhof. In: LVR-Redaktion KuLaDig, 2012, abgerufen am 18. August 2022. Die restliche historische Bebauung vor dem Bahnhof (einschließlich der Kaiserhalle anstelle des heutigen ZOB) wurde abgerissen und ohne Wettbewerb/Ausschreibung ab 1974 nach Plänen des Architekten Friedrich Spengelin (Planergruppe Spengelin-Gerlach-Glauner und Partner) ein abgesenkter Platz mit einem Brunnen und einer raumgreifenden Treppenanlage geschaffen. Er hatte eine „amphitheatralische Gestaltung als grandiose Szenerie für den Bonner Sommer im Sinn“.Schon in den 70ern Erregungsthema. In: Bonner Rundschau. Nr. 90, 17. April 2004, S. 32. An der engen Verkehrsführung zwischen der sog. „Südüberbauung“ und dem Bahnhof (Volksmund: „Spengelingässchen“), besonders aber an der Gestaltung der Bahnhofsvorzone gab es Kritik von Anbeginn der Planung. mini|Bonner Loch mini|Stadtbahnhaltestelle am Hauptbahnhof, Bonner Loch Diese Zwischenebene, die zum unterirdischen Teil des Bahnhofs führte, um einen „Maulwurfsausstieg“ vom Untergeschoss zur Platzebene zu vermeiden, erhielt bald den Namen „Bonner Loch“.Bonner Loch – Die Aufhebung des einheitlichen Niveaus. In: Journal der Werkstatt Baukultur Bonn. 16. Januar 2018, abgerufen am 21. Juli 2022.Von der guten Stube zum Schandfleck; abgerufen am 7. November 2024. Spengelin verteidigte seine Entwurfsidee mit dem bautypologisch verfehlten Hinweis auf andere europäische Plätze wie z. B. die Piazza del Campo in Siena. Die von ihm ursprünglich geplante Nordüberbauung als L-förmige bauliche Rahmung hätte die Fläche bis zur Thomas-Mann-Straße eingenommen, wurde aber nicht realisiert., Beschreibung und Modellphoto der Planung von Spengelin, Gerlach, Glauner, In: Webseite der Stadt Bonn, 2. September 2004, Memento des Originals im Internet Archive, abgerufen am 15. Februar 2023Handskizze Friedrich Spengelin zum Bahnhofsvorplatz Bonn, Vorentwurfsphase 1972–1974. In: Philipp Frederick Huntscha, Hauptbahnhof, Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn. Band 7, 2017, S. 19. Damit wurde die „Südüberbauung“ zum Solitär und mit dem „Loch“ in seiner „bedrückenden Hilflosigkeit“ (Zitat O.M. Ungers im späteren Gutachterverfahren) zum architektonischen und städtebaulichen Zankapfel der kommenden Jahre.
Prominenteste Kritiker waren damals die Bonner Kunsthistoriker Heinrich Lützeler, der im General-Anzeiger von der drohenden Gefahr Bonns, „sich selbst zu zerstören“,Heinrich Lützeler: Jetzt droht Bonn sich selbst zu zerstören. In: General-Anzeiger. 11. Januar 1977. schrieb, und Justus Müller-Hofstede, als Vorsitzender des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins. Der warnte: „Das wird eine brutale Enklave“ und „auf den Treppenschacht muss verzichtet werden“.Justus Müller-Hofstede, Zitat in: Bonner Rundschau, 15. Juni 1977.
Der ZOB wurde im Dezember 1972 provisorisch und im März 1973 vollständig in Betrieb genommen.Horst Fehre: Bonn auf dem Weg zur wirklichen Hauptstadt, In: Adreßbuch der Bundeshauptstadt Bonn. 93. Ausgabe, J. F. Carthaus, Bonn 1974, S. XXI–XXVII, hier: S. XXII/XXIV (digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de, Textseite und Luftaufnahme).
Erste Umbauplanungen mini|links|10 Meter hohes Baugespann für das Ungers-Projekt vor der „Südüberbauung“ (1987) Für den Umbau des Bahnhofsbereichs gab es in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Vorhaben. So sollte nach einem Gutachterverfahren (vier Einladungen) und der Preisgerichtssitzung am 12. Dezember 1986 das „Bonner Loch“ mit der, nach Oswald Mathias Ungers benannten Ungers-Halle überbaut werden. Ungers wollte vor der Stadtkante der Maximilianstrasse der „Südüberbauung“ einen zweiten Solitär gegenüberstellen, und damit ein „Stadttor“ zur Innenstadt schaffen. Mit diesem „Stadtfoyer“ sollte das „Bonner Loch“ umgewandelt werden in ein Entrée zur Stadt. Im Stadtfoyer, das einer Bundeshauptstadt gemäß sein könnte, kommen alle wichtigen Verkehrs- und Fußgängerverbindungen, Bus, U-Bahn und Bundesbahn zusammen und treffen sich in einer großzügig verglasten „Stadthalle“. Zitat O.M.Ungers aus: Bahnhofsvorplatz Bonn In: Jahrbuch für Architektur 1987/1988, Hrsg.: Heinrich Klotz, Deutsches Architekturmuseum, Verlag Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig, ISBN 3-528-08727-7, S. 116–123. Nach vielen Diskussionen, Bürgerprotesten und der Aufstellung einer 10 Meter hohen Gerüstkonstruktion (Demo für den zweigeschossigen Umgang um die Halle) an der kritischen Stelle direkt gegenüber der „Ausbeulung“ der Südüberbauung waren die Bedenken so groß, dass der Rat der Stadt Bonn im Juni 1989 beschloss, die Planung nicht mehr fortzuführen.
Ein neuer Anlauf erfolgte Juni 1998 mit dem „Investor“ West Projekt & Consult aus Düsseldorf, der jedoch bereits im September 2000 scheiterte. Eine Neuordnung des Bahnhofsvorplatzes, die der Rat der Stadt im Oktober 1999 absegnete, sah eine Mischung aus Geschäften, Büros und Wohnungen in der Größenordnung von 300 Mio. DM vor. Stattdessen änderte der Projektentwickler, der zwischenzeitlich von einer portugiesischen Firma übernommen worden war, die ursprüngliche Konzeption und wollte ein Ärztezentrum und Altenwohnungen errichten. „Alles Dinge, die wir an dieser Stelle nicht brauchen“, so die Oberbürgermeisterin, die auf der vorgesehenen Neuordnung des Bahnhofsvorplatzes beharrte.Wer füllt die Baulücke im „Bonner Loch“? In: Die Welt. 4. September 2000, abgerufen: 22. Juli 2022.
Städtebauliche Planungen und Bürgerbeteiligung mini|Modell der 1. Brune-Concepta Planung, Bahnhofsbereich Bonn mini|links|Bonner Innenstadt mit Brune Planung (rot) und der Südüberbauung (rot schraffiert) mini|Bahnhofsprojekt Bonn, April 2004