mini|hochkant=1.5|Lage der Fundregion und des Museums; Kalkrieser Berg gelb, Wiehengebirge grün hervorgehoben. Die Fundregion Kalkriese ist ein Areal in der Kalkrieser-Niewedder Senke in Bramsche im Osnabrücker Land, das aufgrund einer Vielzahl römischer Funde als möglicher Ort der Varusschlacht von 9 n. Chr. oder einer anderen Auseinandersetzung der Römisch-Germanischen Kriege gilt. Neben dem Römerlager Hedemünden, dem Fundplatz Bentumersiel, dem Marschlager von Wilkenburg und dem Harzhorn gehört das Gebiet zu den wenigen größeren römischen Fundstellen in Norddeutschland. Die Ausgrabungen sind im Museum und Park Kalkriese ausgestellt.

Im Zuge der Augusteischen Germanenkriege in den Jahrzehnten um den Beginn der christlichen Zeitrechnung fanden im rechtsrheinischen Germanien, der Germania magna, mehrere größere Schlachten statt. Die Deutung der Funde ist sehr umstritten: Bei der Fundregion Kalkriese könnte es sich um den Schauplatz der Varusschlacht (9 n. Chr.), aber auch um den der Schlacht des Caecina oder anderer Kämpfe während der Germanicus-Feldzüge (14–16 n. Chr.) handeln. Die Entdeckung eines zweiten Walles im Sommer 2016 und spektakuläre Münzfunde 2016 und 2017 könnten ein neues Licht auf die Schlachtsituation werfen. Während die These, dass die Kämpfe in der Fundregion mit dem Varuskrieg in Zusammenhang stehen, durch die neuen Funde gestützt zu werden scheint, ist die unmittelbare Identifikation des Kampfplatzes mit dem Schauplatz des von Cassius Dio beschriebenen Kampfgeschehens der Varusschlacht – der Überfall auf eine Marschkolonne von mehreren Kilometern Länge aus dem Hinterhalt – damit zugleich eher fraglich geworden.

Fundregion mini|Vermuteter Ort der Varusschlacht bei Kalkriese

Das Fundareal befindet sich etwa 16 km nordöstlich von Osnabrück und 10 km östlich von Bramsche in der Senke bei Bramsche-Kalkriese. Laut dem Archäologen Wolfgang Schlüter ist die Senke „ein etwa 6 km langer und an der schmalsten Stelle rund 1 km breiter Engpass zwischen dem Großen Moor im Norden und dem Kalkrieser Berg, der dem Wiehengebirge vorgelagert ist, im Süden.“Wolfgang Schlüter: Die Varusschlacht. Archäologische Forschungen in Kalkriese bei Osnabrück. In: Detlev Hopp, Charlotte Trümpler (Hrsg.): Die frühe römische Kaiserzeit im Ruhrgebiet. Kolloquium des Ruhrlandmuseums und der Stadtarchäologie/Denkmalbehörde in Zusammenarbeit mit der Universität Essen. Klartext Verlag, Essen 2001, ISBN 3-89861-069-1, S. 17–24.

Die Fundgeschichte in dieser Region reicht bis mindestens in das 18. Jahrhundert zurück. Inzwischen wurden zahlreiche Fundstücke entdeckt und Überreste mehrerer Befestigungsanlagen ergraben. Die Funde verteilten sich über ein Areal von mehr als 30 km².

Die heutige Tätigkeit der Archäologen konzentriert sich im Wesentlichen auf das Gebiet der Flurstücke um den Oberesch. Der Name Esch deutet auf eine Methode der Bodenverbesserung hin, die in Norddeutschland etwa ab dem 10. Jahrhundert angewandt wurde und aus der sich Plaggeneschböden gebildet haben. Aus den nahen Moorgebieten sowie aus den eigenen Ställen wurde immer wieder Material herangeschafft, um den vom Anbau von Getreide ausgelaugten Boden zu düngen (sogenannte Plaggenwirtschaft). Die herangeschafften Mengen reichten aus, die ursprüngliche Kulturschicht mit einer weiteren Bodenschicht zu bedecken und damit zu konservieren.

Der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus wurde im Jahre 9 n. Chr. von seinem germanischen Verbündeten Arminius verraten und in einer Schlacht vernichtend geschlagen. Für diese im deutschen Bewusstsein bedeutsamste Schlacht wurde das Schlachtfeld bisher nicht abschließend lokalisiert, doch gilt Kalkriese seit 1988 als der Favorit unter den zahlreichen Theorien und Spekulationen zum Ort der Varusschlacht. Der Landkreis Osnabrück und die Stiftung der Sparkassen im Osnabrücker Land errichteten im Jahr 2000 zur Information über die Ausgrabungen auf dem Fundplatz Oberesch den 20 Hektar großen Museumspark Varusschlacht, der 2001 durch ein Museum zum Museum und Park Kalkriese ergänzt wurde.

Frühe Funde mini|Modell mit dem Gelände der Enge beim Kalkrieser Berg Sammlung der Familie von Bar Schon vor mehreren Jahrhunderten fanden Bauern beim Bestellen der Felder in der Gegend römische Münzen. Die ersten Berichte stammen aus dem Jahre 1692.Frank Berger: Mommsen und die Varusschlacht. Auch ein Beitrag zur Auswertung von Münzfunden. In: Hans-Markus von Kaenel u. a. (Hrsg.): Geldgeschichte vs. Numismatik: Theodor Mommsen und die antike Münze (Griechisches Münzwerk). Akademie-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-05-004042-4, S. 207–214, hier S. 209 ff.

Die Familie von Bar, die ihren Sitz auf der Wasserburg Alt Barenaue, später auf dem Schloss Neu Barenaue hatte, versprach den Findern eine Belohnung. Auf diese Weise entstand seit Ende des 17. Jahrhunderts eine Münzsammlung, die auf Graf Heinrich Sigismund von Bar (1655–1721) zurückgeht.Wolfgang Spickermann u. a.: Münzfunde in Kalkriese.

Der Osnabrücker Rektor Zacharias Goeze (1662–1722) berichtete 1698 über die Sammlung:Zacharias Goeze: De Numis Dissertationis XX. 1698, zitiert nach . Die Sammlung führte schon früh zu Interpretationen: Der Jurist und Philosoph Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann (1720–1755) ordnete die Funde den Feldzügen des Germanicus und einem Reitergefecht im Rahmen der Schlacht am Angrivarierwall zu:Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann: Monumenta Osnabrugensia. 1753: „Locus ipfe remotior parumper ab aggere, et a palude Dümmer, pugnae non conuenit; unde ibi inter utriusque gentis equites pugnatum videri potest.“. Übersetzung nach .

Auch der Jurist und Historiker Justus Möser (1720–1794) vermutete im Jahre 1780 einen Zusammenhang mit der Schlacht am Angrivarierwall:Justus Möser: Osnabrückische Geschichte. 1780, S. 181–182, Osnabrücksche Geschichten und historische Einzelschriften, Erster Teil, Dritter Abschnitt, § 15.

Der Osnabrücker Syndikus Johann Eberhard Stüve interpretierte 1789 die Funde als Hinterlassenschaft der Varusschlacht:Johann Eberhard Stüve: Beschreibung und Geschichte des Hochstifts und Fürstenthums Osnabrück: mit einigen Urkunden. Schmidt, Osnabrück 1789. Zitiert nach .

Der Historiker Paul Höfer vermutete 1884 die Schlacht am Angrivarierwall unweit von Kalkriese an der Hunte. Er führte den Schatz von Barenau als Beweis an, den er selbst genau besichtigt hatte. Die einst in der Sammlung auch vorhandenen Goldmünzen sollen während der französischen Besetzung verlorengegangen sein. Er schrieb:Paul Höfer: Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16 n. Chr. 2. Ausgabe, Bernburg 1885, S. 86.

Der Historiker Theodor Mommsen ließ daraufhin im Dezember 1884 die Sammlung durch den Berliner Numismatiker Julius Menadier untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Sammlung einen Aureus, 179 Denare und zwei Asse. 1885 interpretierte er aufgrund der Münzfunde und der Topographie ihres Fundortes Kalkriese als Schauplatz der Varusschlacht.Theodor Mommsen zitiert nach Numa GT.Theodor Mommsen: Die Örtlichkeit der Varusschlacht. Berlin 1885. Am 15. Januar 1885 trug Mommsen seine Schlussfolgerung der Preußischen Akademie der Wissenschaften vor:Zitiert nach Patriotische Zänkereien um den wahren Ort der Varusschlacht. In: Zeitung Universität Osnabrück. Ausgabe Nr. 96/3 vom 1. Juni 1996, Tagungen/Termine, S. 9 .

Der Historiker Friedrich Tewes aus Hannover widersprach Mommsen und ordnete die Funde am 27. Dezember 1887 den Germanicus-Feldzügen des Jahres 15 n. Chr. zu:Friedrich Tewes, 1887, zitiert nach .

Zu den weiteren Funden zählte im Jahre 1908 eine Goldmünze. Die Sammlung enthielt auch Münzen aus Meppen sowie möglicherweise aus Spanien. Schon Mommsen vermutete eine Durchmischung mit nicht-örtlichen Funden. Während der Besetzung durch britische Truppen im Jahre 1945 wurde der Schatz entwendet und ist bis heute zum großen Teil verschollen. Im Jahre 1963 fand der Fund einer Silbermünze nur geringe Beachtung.

Funde des Major Clunn mini|hochkant|Der Fund der drei Schleuderbleie 1988 war Auslöser der archäologischen Grabungen in Kalkriese.

Der britische Offizier und Sondengänger Major Tony Clunn entdeckte 1987 mit einem modernen empfindlichen Metallsuchgerät 160 Silbermünzen und zwei Spielsteine () in einem Verwahrfund auf dem Flurstück Lutterkrug.

Im Sommer 1988 fand er drei Schleuderbleie. Es waren die ersten militärischen Ausrüstungsgegenstände der Römerzeit, die in dieser Gegend gefunden wurden. Sie legen auch die Anwesenheit von Hilfstruppen nahe, da vor allem im Mittelmeerraum rekrutierte Soldaten solche Geschosse benutzten.Wolfgang Schlüter: Zwischen Lutherdamm und Oberesch – Die Anfänge des Kalkriese-Projektes. In: Varus-Gesellschaft (Hrsg.): Varus-Kurier. Georgsmarienhütte, April 2002, S. 7 ff.

Archäologische Untersuchungen (seit 1989) mini|Eine Ausgrabungsstelle auf dem Schlachtfeld Nach den Funden von Clunn fanden ab 1989 systematische Untersuchungen statt, die noch andauern. Dabei wurden große Mengen an archäologischen Funden wie Münzen, militärischen Ausrüstungsgegenständen und Knochen geborgen. Bis auf wenige Ausnahmen handelte es sich um kleine Stücke und Fragmente, die entweder der systematischen Plünderung eines Schlachtfeldes entgangen sind oder die den Siegern des Aufhebens nicht wert waren. Zu den Befunden zählen in erster Linie Reste von Wallanlagen und wieder verfüllte Gräben, die nur noch durch Erdverfärbungen nachweisbar sind.

Zentrum der Untersuchungen bildet die Flur Oberesch, auf der sich die meisten Funde und Befunde erhalten haben. Darüber hinaus erstrecken sich die Spuren der antiken Kriegsereignisse über ein größeres Areal von ungefähr 30 Quadratkilometern.Achim Rost, Susanne Wilbers-Rost: Kalkriese 6: Verteilung der Kleinfunde auf der Oberesch in Kalkriese. Kartierung und Interpretation der römischen Militaria unter Einbeziehung der Befunde. Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2012, ISBN 978-3-8053-4645-0, S. 1 (siehe auch dort Beilage 1). Die östlichsten Fundstellen befinden sich fünf bis sechs Kilometer östlich des Kalkrieser Bergs in den Gemarkungen Schwagstorf und Ostercappeln.

Münzen mini|1987 entdeckter Hort von römischen Silbermünzen Zu den wichtigsten Funden zählen mehrere tausend römische Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Sie stammen überwiegend aus der Regierungszeit des Kaisers Augustus, die übrigen sind älter. Zur zeitlichen Einordnung der Kampfereignisse interessieren nur die jüngsten Münzen. Es sind bisher keine römischen Münzen gefunden worden, die später als 9 n. Chr. geprägt wurden. Zu den jüngsten Stücken gehören Kupfermünzen mit dem Gegenstempel des Varus („VAR“), die in den Jahren 7 bis 9 n. Chr. geprägt wurden. Insgesamt wurden in der Fundregion Kalkriese bisher (2017) sieben Hortfunde mit Münzen entdeckt.

Unter diesen ragt ein 2016 entdeckter Hort aus acht Goldmünzen aus den Jahren zwischen 2 v. Chr. und 5 n. Chr. heraus. Die Geldstücke zeigen Augustus und seine damals vorgesehenen Nachfolger Gaius und Lucius Caesar und hatten in ihrer Zeit eine erhebliche Kaufkraft. bei ndr.de vom 27. Juni 2016. Ein weiterer Hortfund wurde 2017 per Metallsuchgerät etwa 150 Meter nördlich der zentralen Fundstelle am Oberesch entdeckt. Mit etwa 220 Silbermünzen (Denaren), die sich zeitlich vom Jahr 180 v. Chr. bis etwa 2/1 v. Chr. erstrecken und möglicherweise den Rest einer römischen Truppenkasse darstellen, handelt es sich um den bisher größten Hortfund östlich des Rheins.

Unter den in der Fundregion Kalkriese gemachten Münzfunden von Assen befanden sich immer wieder kleinere Siegelstücke, mit denen üblicherweise das Säckchen mit Schreibutensilien verschlossen wurde. Ihr gehäuftes Auftreten in der Gegend von Kalkriese lässt die Vermutung aufkommen, dass das Vergraben der persönlichen Besitztümer der römischen Soldaten vor einem Gefecht von der Armee organisiert wurde, um je nach Ausgang des Gefechtes Eigentumskonflikte zu vermeiden und den beteiligten Soldaten ihre persönliche Habe zurückerstatten zu können. Für Verwundete und Tote werden ähnliche Regeln vorhanden gewesen sein.