Der Begriff Rüsttag ( paraskeuḗ „Zurüstung, Herrichtung, Rüsttag, Freitag“) ist der Vortag eines jüdischen Fests oder Feiertags, an dem dieser vorbereitet wird und an dem man sich besinnlich auf diesen einstellt. Der Begriff „Rüsttag“ ist im deutschsprachigen Judentum eher ungebräuchlich und in erster Linie durch seine christliche Verwendung im Neuen Testament bekannt. Der Todestag Jesu von Nazaret fiel nach den Evangelien auf einen Rüsttag.

Obwohl es keinen wissenschaftlichen Konsens über das genaue Datum des Todestages Jesu gibt, kann man allgemein vermuten, dass seine Todesstrafe am oder um das Pessach-Fest (14. oder 15. Nisan) juristisch vollstreckt wurde, während der Statthalterschaft von Pontius Pilatus, der zwischen 26 und 36 n. Chr. in Judäa regierte. Nach übereinstimmender Aussage aller vier Evangelien starb Jesus an einem Freitag (, , , ). Strittig ist allerdings, ob dieser Freitag der Rüsttag des Pessach-Fests war (14. Nissan, Tag der Schlachtung der Pessachlämmer, Johannesevangelium) oder der Freitag des Todes Jesu auf den ersten Tag des Pessach-Festes fiel (15. Nissan, synoptische Evangelien).Gerd Theißen und Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 3. Aufl. 2001, S. 152.

Erev (; aram. aruvta; beide „Abend“ jeweils in der Zusammensetzung mit Festtagen) ist im Judentum die Bezeichnung für den Vorabend eines jüdischen Festes oder Feiertags,https://www.collinsdictionary.com/de/worterbuch/englisch/erev (abgerufen am 30. Januar 2023) denn im jüdischen Kalender beginnt der neue Tag am Abend und nicht erst um Mitternacht.

Begriffsgeschichte und Bedeutung Verwendung durch Luther Der Begriff Rüsttag ist wohl durch Martin Luther mit der Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache eingeführt oder zumindest bekannt gemacht worden.Jacob und Wilhelm Grimm: Wörterbuch der deutschen Sprache. achter Band, Hirzel, Leipzig 1893, S. 1552. Luther suchte einen passenden Ausdruck für das bibelgriechische paraskeue (griechisch παρασκευή, wörtlich „Zurüstung“), mit dem in der griechischen Fassung des Neuen Testaments die Vorbereitung eines jüdischen Festtags am Vortag gemeint ist. Der griechische Begriff wird aber auch in jüdischen zeitgenössischen Quellen, z. B. bei Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 16,163), verwendet, so dass es sich nicht um einen spezifisch christlichen Sprachgebrauch handelt.

Paraskeue (Παρασκευή) als Vortag des Sabbato (Σάββατο, „Samstag“) ist darüber hinaus bis heute der im Griechischen gebräuchliche Name für den Freitag.

Erev und Aruvta Das hebräische Erev ( „Abend“) und aramäische Aruvta bedeuten Abend und jeweils in Zusammensetzung mit Festtagen „Vorabend“. Erev Schabbat (alternativ Erew Schabbat) und Erev Jom Tow bedeutet also Vorabend des Sabbat bzw. Festes.„Erew – „Abend“, gebräuchlich im Sinne von Vorabend, etwa des Schabbat oder eines Festtages; umgangssprachlich der einem Schabbat oder Festtag vorhergehende Tag.“ Vgl. in der Schreibweise Erew Ignatz Bernstein, Jüdische Sprichwörter und Redensarten, J. Kauffmann, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1908, S. 20; Georg Herlitz und Bruno Kirschner, Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, Jüdischer Verlag 1927, Nachdruck der ersten Auflage Athenäum Verlag 1987, Band 2, S. 460 f. Gemeint ist damit im Judentum der Kalendertag, an dessen Abend der Sabbat oder ein Jüdisches Fest beginnt. Am Vorabend wird der Festtag vorbereitet. Zu beachten ist dabei, dass nach jüdischem Kalender der neue Tag bereits mit dem Sonnenuntergang und nicht erst ca. sechs Stunden später um Mitternacht beginnt: Aus Abend und Morgen wird der erste Tag .

Auch wenn der Begriff „Rüsttag“ von Luther in die deutsche Sprache des Christentums eingeführt worden ist, so war er im deutschsprachigen Judentum vor dem Holocaust bekannt. Schon in dem 1927 unter Mitarbeit von über 250 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern herausgegebenen Jüdischen Lexikon wird der Begriff erklärt:

Vorbereitungen der jüdischen Festtage Vortag des Schabbat

mini|Challot für Sabbat werden bereitgestellt Am Erev Schabbat (), also Freitags bis zum Anbruch des Abends, wird der von Gott gesegnete und geheiligte Ruhetag Schabbat in jüdischen Haushalten vorbereitet. Der Vortag des Sabbats spielt eine wichtige Rolle für die Einstimmung auf den Sabbat.Berel Wein: Besondere Zeit. Was der Freitagnachmittag zur Atmosphäre des Schabbats beiträgt. In: Jüdische Allgemeine. 22. Mai 2008. Es werden alle Dinge erledigt, die zu tun am Schabbat verboten sind. Dazu gehört zum Beispiel das Kochen und Warmhalten der festlichen Speisen oder die Reinigung des Hauses, die Reinigung der Familienmitglieder und das Anlegen neuer sauberer Kleidung. Der Festtagstisch wird feierlich bereitet, die Kerzen und die Challot, die zwei Brote, und der Kiddusch-Wein werden bereitgestellt. Auch auf Reisen treffen Juden Vorbereitungen zum anstehenden Sabbat. Zum Zeichen, dass der Sabbat naht, ertönen in Jerusalem am Freitagnachmittag Signale in der ganzen Stadt.

Vortag des Pessach

Einen Tag vor Pessach sollen alle Erstgeborenen fasten und sich daran erinnern, dass die israelitischen Erstgeborenen gerettet wurden, während die ägyptischen Erstgeborenen getötet wurden . Die Vorzeit des Pessachfestes ist eine geschäftige Zeit, die der Vorbereitung für die Festtage dient, von denen nur der erste und der letzte Pessachtag Hauptfeiertage sind, an denen jegliche Werktagsarbeit vermieden wird. Am Erev Pessach findet der Sederabend statt. Im Christentum ist die Sederfeier zu Pessach als letztes Herren- oder Abendmahl neutestamentlich tradiert.

Historische Bedeutung bis zur Tempelzerstörung mini|Der Jerusalemer Tempel vor der Zerstörung

Zur Zeit des Jerusalemer Tempels, bis zu dessen Zerstörung im Jahre 70, wurde freitags ab 15.00 Uhr aus dem Tempel und außerhalb der Stadt aus den Synagogen mit Trompeten oder Hörnern geblasen. Nach dem ersten Signal hörte die Feldarbeit auf, nach dem zweiten wurden in der Stadt die Geschäfte und Werkstätten geschlossen.

Nach dem sechsten Signal mussten alle Vorkehrungen zum Sabbat getroffen sein. Jeder Hausvater versammelte sich nun mit seiner Familie am Tisch und begann den Sabbat mit einem Gebet. Am Rüsttag war auch der Wechsel der so genannten Wöchner im Tempel, denn der Tempeldienst der Priester betrug eine Woche. Alle diensthabenden Priester versammelten sich hier, die abgehenden um alles zu reinigen und zu ordnen, die neu antretenden, um die Schaubrote zu backen.

Zu den Vorbereitungshandlungen speziell für das Pessachfest gehörte es, die Schlachttiere für den Sederabend zu besorgen . Am Nachmittag des Vortages zu Pessach wurden die Pessachlämmer geschlachtet (Jubiläenbuch 49,10; Mischna mPes 5,1). Nach Flavius Josephus erfolgte dies in der neunten bis elften Stunde (Bellum Iudaicum VI 423, man teilte den Tag zwischen Sonnenaufgang gegen 6 Uhr und Sonnenuntergang gegen 18 Uhr entsprechend der Sonnenuhr in zwölf Stunden).

Der neutestamentliche Rüsttag mini|hochkant|An einem Rüsttag „hauchte er den Geist aus“.

Der Begriff Rüsttag kommt im Neuen Testament je einmal bei den Synoptikern (, , ) und dreimal bei Johannes (, , ) vor. Nach allen vier Evangelien ist Jesus von Nazaret an dem Rüsttag zu einem Sabbat gekreuzigt worden und gestorben:

Nach den synoptischen Evangelien fand das letzte Abendmahl an einem Sederabend statt und Jesus starb am 15. Nisan. Nach dem Johannesevangelium fand das letzte Abendmahl vor dem Pessachfest statt (), und der Todestag Jesu war sowohl der Rüsttag zu einem Sabbat als auch der Rüsttag zu Pessach und damit der 14. Nisan (, ). Ob Johannes damit Jesu Tod als Tod eines Pessachlammes beschreiben wollte, lässt sich aus den vorhandenen Indizien nicht eindeutig belegen,Christine Schlund: Deutungen des Todes Jesu im Rahmen der Pesach-Tradition. In: Jörg Frey, Jens Schröter (Hrsg.), Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, Tübingen 2007, S. 406. im Neuen Testament wird nur im ersten Korintherbrief des Paulus der direkte Vergleich gezogen: „Denn auch unser Pessachlamm ist geopfert, das ist Christus“ . Im Johannesevangelium beginnt der Sederabend und damit der erste Pessachfeiertag also erst, nachdem Jesus bereits gestorben ist. Deshalb wird dort der auf den Rüsttag folgende Tag als ein besonders hoher Feiertag bezeichnet:

Die griechische Fassung des Textesοι ουν ιουδαιοι επει παρασκευη ην ινα μη μεινη επι του σταυρου τα σωματα εν τω σαββατω ην γαρ μεγαλη η ημερα εκεινου του σαββατου ηρωτησαν τον πιλατον ινα κατεαγωσιν αυτων τα σκελη και αρθωσιν. bedeutet wörtlich: „als der Tag jenes Sabbats groß war“.Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung, Fußnote zu Johannes 19, Vers 31 Ob das Johannesevangelium mit dieser Hochschätzung des folgenden Tages als Pessach- und Sabbattages auf zeitgenössischen jüdischen Sprachgebrauch zurückgreift oder den Ausdruck selbst geprägt hat, ist unklar.Udo Schnelle: Das Evangelium nach Johannes = ThHK 4. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 1998, ISBN 3-374-01673-1, S. 292. Es fehlen dazu jedenfalls Belege aus dem rabbinischen Judentum.Hermann L. Strack, Paul Billerbeck: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. Band 2, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1924, S. 581.

Im Christentum galt später der „Sabbatum magnum“ oder „Sabbatum sanctum“ als der Tag, an dem Jesus im Grab lag.Pierer’s Universal-Lexikon, Band 14, S. 643. In mittelalterlichen Urkunden des Rats von Lübeck wird der Sabbatum magnum als „in deme hl. avende der hochtyd tho Paschen“ (1380) und als „up den avent des hl. Paschen“ (1442) bezeichnet. In den Stadtbüchern der Stadt Zürich findet sich dafür die Wendung „an den hohen Samstag“ (1319). Der Begriff Karsamstag war damals noch nicht gebräuchlich.Peter Browe: Die Kommunion an den letzten Kartagen. In: Peter Browe, Hubertus Lutterbach, Thomas Flammer, Die Eucharistie im Mittelalter, Berlin-Hamburg-Münster, 2003, S. 323.

Literatur Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung Ignaz Bernstein: Jüdische Sprichwörter und Redensarten. J. Kauffmann, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1908. Jacob und Wilhelm Grimm: Wörterbuch der deutschen Sprache. Achter Band, Hirzel, Leipzig 1893. Georg Herlitz und Bruno Kirschner: Jüdisches Lexikon: ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Jüdischer Verlag 1927 Leo Hirsch: Jüdische Glaubenswelt. Bertelsmann, Gütersloh 1966 Reinhold Mayer: Der babylonische Talmud. München, Goldmann 1963 Pierer’s Universal-Lexikon. Altenburg 1857–1865 Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. 3. Auflage. 2001

Einzelnachweise

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