Die Abtei Cadouin, ein ehemaliges Zisterzienserkloster, liegt in Cadouin, einem Ortsteil der französischen Gemeinde Le Buisson-de-Cadouin, in der Region Nouvelle-Aquitaine, dem Département Dordogne, der ehemaligen Provinz Périgord, ca. 40 km westlich von Sarlat, ca. 40 km östlich von Bergerac und 5 km entfernt vom Fluss Dordogne. Seit 1998 ist die Abtei als Teil des Weltkulturerbe der UNESCO „Jakobsweg in Frankreich“ ausgezeichnet.
Geschichte Die Abtei Cadouin, in einem engen Tal bei dem Wald la Bessède gelegen, wurde 1115 gegründet. Stifter war Géraud de Salles, ein Schüler von Robert d’Arbrissel, dem Stifter von Fontevrault. Im Jahr 1117 wurde dem Kloster das angebliche Leichentuch Christi, mit dessen Gesichtsabdruck, durch den Bischof von le Puy, Adhémar de Monteil geschenkt. Das Tuch soll von einem Priester aus dem Périgord aus Antiochia am Orontes, einer der ersten Hochburgen des Christentums, mitgebracht worden sein.
Im Jahr 1119 unterstellte sich Cadouin der Abtei Pontigny, dem zweiten Tochterkloster von Cîteaux. Damit wurde das Kloster zur Zisterzienserabtei. Cîteaux überließ Cadouin zwölf Mönche zur ersten Besiedlung des Klosters.
Das „heilige Schweißtuch Christi von Cadouin“ wurde in der Folgezeit zur berühmtesten Reliquie des Périgord und die Abtei ein weithin bekanntes Wallfahrtszentrum mit lebhaftem Zulauf. Ludwig der Heilige, Richard Löwenherz, Karl V. und viele andere hochgestellte Persönlichkeiten sollen der Reliquie ihre Reverenz erwiesen haben. Entgegen den Gepflogenheiten der Zisterzienser, sich von derartigem Wallfahrerandrang zu distanzieren, wurde Cadouin unter ihrer Leitung für acht Jahrhunderte ein wichtiger Wallfahrtsort mit großem Ansehen und Zulauf, folglich auch von großem Reichtum. mini|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Darstellung von 1568 Die Erbauung der Abtei und ihr Anschluss an Citeaux fiel zusammen mit der Blütezeit der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, die für die Christen nördlich der Pyrenäen eine unvorstellbare Popularität erreichte. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zogen die Pilger zu Hunderttausenden nach Santiago. Eine der vier Hauptrouten des Jakobsweges in Frankreich, die Via Lemovicensis, von Vézelay nach Ostabat, kreuzte bei Sainte-Foy-la-Grande die Dordogne. Cadouin lag immerhin etwa 50 Kilometer östlich davon entfernt.
Nach Mitte des 12. Jahrhunderts begann das „Gezänk“ um Aquitanien zwischen England und Frankreich und die Pilgerströme ließen nach, was auch für Cadouin Einbußen bedeutete. Die Kriege des 13. und 14. Jahrhunderts brachten einen dramatischen Einbruch der Pilgerfahrten im Südwesten des heutigen Frankreich, die erst in unseren Zeiten wieder auflebten.
Im Hundertjährigen Krieg (1337–1453) wurde die Reliquie nach Toulouse und später in die Zisterzienserabtei Aubazine (Corrèze) verlegt. Den nach Kriegsende ausgebrochenen Streit zwischen Cadouin und Aubazine um die Rückgabe des Tuches konnten letztlich der Papst und Ludwig XI. beenden. Die im Krieg durch die Engländer beschädigten Abteigebäude wurden wieder in Stand gesetzt. Der Kreuzgang wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit Hilfe der finanziellen Unterstützung Ludwigs XI. im spätgotischen Stil wiederaufgebaut und erst im 16. Jahrhundert entsprechend dem neuen Stil der Zeit ausgestattet.
Der Klosterbetrieb schrumpfte seitdem kläglich, bis 1789 die Abtei Cadouin mit gerade noch vier Mönchen durch die Revolution aufgelöst, ihr reichhaltiges Inventar geplündert und ihre Bibliothek auf dem Dorfplatz verbrannt wurde. Der Bürgermeister Pierre Bureau rettete die Klostergebäude vor Abbruch und Verfall, indem er sie 1792 kaufte.
1933 datierte eine Gruppe von Experten das „heilige Schweißtuch“ anhand arabischer Schriftzeichen auf das 11. Jahrhundert. Der Bischof von Périgueux untersagte daraufhin die Wallfahrten. 1982 kamen andere Forscher zu dem Ergebnis, dass lediglich die Einfassung mit Bordüren mit kufischen Schriftzeichen aus dem 11. Jahrhundert stammt. Das eigentliche Tuch konnte nicht näher datiert werden.
Abteikirche Nôtre-Dame-de-la-Nativité mini|hochkant=2|Abtei Cadouin, Grundriss, mit Abhänglingen Das 1154 fertiggestellte Kirchengebäude weicht von den vorgeschriebenen Regeln der Zisterzienser für den Kirchenbau ab, da der Bau zum Zeitpunkt des Anschlusses an Citeaux bereits erheblich fortgeschritten war. Anstelle einer typischen Basilika errichtete man eine dreischiffige Halle mit leicht erhöhtem Mittelschiff (Pseudobasilika oder Stufenhalle) und einer Vierungskuppel, wie sie im Poitou und im Limousin damals gängig waren. Die ausgewogenen Proportionen des Innenraumes und der weitgehende Verzicht auf Dekorationselemente kommen dem Ideal zisterziensischer Kirchen recht nahe.
Abmessungen circa (aus Plan entnommen):
Gesamtlänge: 51,70 m Langhausbreite: 22,00 m Querhauslänge: 25,20 m Langhausbreite: 19,70 m Mittelschiffbreite: 7,60 m Langhauslänge: 30,70 m Querhauslänge: 22,80 m Querhausbreite: 6,90 m Chorbreite: 7,10 m
Äußere Erscheinung Steinmaterial Das ganze Kirchengebäude wurde aus ehemals einheitlich gelben bis leicht orangefarbenen sauber geschnittenen Werksteinquadern im regelmäßigen Schichtenverband gemauert. Die Verwitterung hat über die Jahrhunderte dem Steinmaterial mehr oder weniger zugesetzt. Die geschützt liegenden Teile von Nischen und Dachüberstände zeigen teilweise noch die Ursprungsfarben. Andere Bereiche sind teilweise weiß und hellgrau, andere wiederum dunkelgrau bis schwarz.
Langhaus mini|hochkant|Abteikirche, Lang- und Querhaus von NO Die drei Schiffe des Langhauses werden von einem gemeinsamen Satteldach mit circa 25 Grad Neigung ohne Höhenversätze, etwa für Obergaden, überdeckt. Die innere Jochunterteilung spiegelt sich auf den äußeren Längswänden wider, durch ihre vertikale Teilung in vier Abschnitte, mit breiten, aber mäßig auftragenden Strebepfeilern, die ein kurzes Stück unter den Traufgesimsen enden und oberseitig steil abgeschrägt sind.
Auf der Nordseite ist zentral in jedem der Felder ein schlankes, rundbogiges Fenster ausgespart, dessen Laibungskanten seitlich und oben in ausgeprägten Versätzen zurücktreten und unten mit abgeschrägten Fensterbänken ausgestattet sind. Die Bogenansätze der Fenster werden durch kräftige Kämpferprofile markiert, die bis hin zu den Strebepfeilern reichen. Die äußeren Bogensteine werden von einem Kragprofil überfangen. Das Fenster im vierten Joch ist etwas höher als die übrigen.
Auf der Südseite können die Fenster erst knapp oberhalb des Pultdachfirstes der nördlichen Kreuzganggalerie beginnen, und ihre Höhe ist dementsprechend deutlich geringer. Bei ihnen fehlt das Überfangprofil.
Die Traufen des Langhauses bestehen aus wuchtigen Gesimsplatten, deren vordere Sichtkante etwa 45 Grad abgeschrägt ist. Sie werden von kräftigen Kragkonsolen getragen, deren einzige schlichte Gestaltung eine abgeschrägte und ausgerundete Sichtseite bildet. Oberseitig auf den Gesimsplatten kragen die Sparren des hölzernen Dachstuhls noch ein gutes Stück aus. Auf ihren Dachlatten liegen die unteren Reihen der Dacheindeckung aus roten Hohlziegeln im römischen Format auf und stehen noch etwas über. Das Regenwasser kann so frei abtropfen.
Das Langhaus wird auf seiner Westseite durch seine Fassade abgeschlossen (siehe separater Abschnitt).
Querhaus und Vierungsturm Die Querhausarme ragen gerade um circa 1,60 Meter über die Langhauswände hinaus. Ihre Satteldächer verlaufen quer zur Längsachse des Gebäudes, haben die gleichen Traufhöhen, deren konstruktive Ausbildung, und Firsthöhen wie die des Langhauses. Ihre Dachneigung ist deutlich steiler, die Dacheindeckung besteht aber aus roten Ziegelschindeln. Ihre Giebelwände ragen ein gutes Stück über die Dachflächen dahinter hinaus und die Neigung ihrer Oberseiten ist etwas geringer, als die der Dachflächen. Diese Oberseiten sind mit flachen Steinplatten abgedeckt, die leicht auskragen. Die Kanten der Querhausarme werden in doppelten Wandrücksprüngen aufgelöst, die bis unter die Traufen reichen.
Auf der Nordseite werden die Giebelwände vertikal von zwei flachen Strebepfeilern aufgeteilt, etwa im Verhältnis 1 / 2 / 1, die nicht ganz bis in die Höhe der Ansätze der Giebelabschrägungen reichen. Etwa mittig zwischen Giebelbasis und Giebelfirst ist ein Fenster ausgespart, fast so groß wie die des Langhauses, nur deutlich höher angeordnet. In seinen Rückversätzen der Laibung ist eine Archivolte eingestellt, deren Bogen aus mehrfachen Rundstäben besteht, teils mit Rollenfries, der auf Säulchen ruht, die mit skulptierten Kapitellen und profilierten Basen ausgestattet sind. Ein kräftiges Kämpferprofil setzt sich bis über die Strebepfeiler hinweg fort. mini|hochkant|Abteikirche, Pecherker Die Giebelwand des südlichen Querhausarms ist nur im oberen Bereich zu betrachten, weil darunter die zweigeschossigen Konventsgebäude anschließen. Es gibt dort keine Strebepfeiler. Das in einer früheren Phase auf der Giebelwand ebenfalls existierende Fenster ist gänzlich unter den Dächern der Anbauten verschwunden. Dass es ein solches gegeben hat, kann man innenseitig im südlichen Querhausarm noch erkennen. Auf der Giebelwand über den Dächern der Anbauten erkennt man die Konturen zweier verschiedener Anschlüsse von Satteldächern, mit deutlich steileren Neigungen, als beim heutigen Dach. Im Winkel zwischen südlicher Langhauswand und dem anschließenden Querhausarm ist unter den Traufen ein Erker angefügt, der an Maschikulis (Pecherker) erinnert, aber als solcher an dieser Stelle eigentlich keinen Sinn ergibt. Unterseitig weist er zwei Öffnungen auf, über die sich rundbogige Arkadenausschnitte öffnen. Er könnte allerdings, wie auch das Fenster auf der Giebelwand, aus einer Zeit stammen, als es die hier anschließenden Konventsgebäude noch nicht gab (?). mini|hochkant|Abteikirche, Chorhaupt von NO
Genau über der Kreuzung von Mittelschiff, Querhaus und Chor ragen aus deren Dächern die glatten und geschlossenen Wände des Vierungsturms heraus, bis kurz über den Firsten des Lang- und Querhauses. In seinem Inneren verbirgt er die Pendentifkuppel der Vierung. Der in der Höhe abgestufte hölzerne Turmhelm, mit einer kleinformatigen dunkelgrauen Schiefereindeckung, entstammt nicht der romanischen Epoche. Der untere Teil, etwa in zwei Drittel der Gesamthöhe, weist die Form eines steil geneigten Pyramidenstumpfes auf, das obere Drittel die Form einer geringfügig weniger steil geneigten Pyramide. Der untere Abschnitt des Turmhelms kragt gegenüber den Wänden des Turms geringfügig aus. Der untere Rand der Pyramide kragt gegenüber dem oberen des Pyramidenstumpfes weit aus. Die Unterseiten dieses Versatzes der Dachflächen bleiben offen, und man kann das Innere der hölzernen Konstruktion des Helms erkennen. Vermutlich sind das die Klangöffnungen des später installierten Glockenturms. mini|Abteikirche, Chor- und Kapellentraufen
Chorhaupt mini|hochkant|Abteikirche, Chorhaupt von SO