mini|Temple Neuf: Front an der Place de la Comédie

Der Temple Neuf (deutsch: Evangelische Stadtkirche Metz) ist eine evangelisch-reformierte Kirche in Metz. Die Gemeinde gehört der Evangelisch-reformierten Kirche von Elsass und Lothringen (Église protestante réformée d’Alsace et de Lorraine) an. Die evangelische Stadtkirche befindet sich an der Südwest-Spitze der „Île du Petit-Saulcy“, der „Kleinen Weideninsel“, die von der Mosel umflossen wird.

Baugeschichte mini|Temple Neuf (Rückseite) auf der Mosel-Insel mini|links|Ehemalige Trinitarierkirche, Straßenecke Bibliothekstraße/Trinitarierstraße (Rue du Haut Poirier/Rue des Trinitaires) mini|Temple Neuf vom Moselufer aus mini|links|Ehemalige Trinitarierkirche, Inneres mit Blick zur Apsis, aktuell als Kunsthalle genutzt mini|Evangelische Stadtkirche Metz, Innenansicht, Blick zur Apsis

Durch den Zuzug von evangelischen Reichsdeutschen nach Metz nach der Annexion der Stadt im Deutsch-Französischen Krieg stieg die Zahl der Stadtbürger evangelischen Bekenntnisses stark an. Als im Jahr 1886 die Gemeinde etwa 8000 Personen umfasste, begann der Metzer Kirchenrat Verhandlungen mit dem Stadtrat mit dem Ziel des Neubaues einer evangelischen Kirche auf. Bisher hatte man als Diasporagemeinde im traditionell katholischen Metz den evangelischen Gottesdienst im ehemaligen Gotteshaus der Trinitarier an der Straßenecke Bibliothekstraße / Trinitarierstraße (Rue du Haut Poirier / Rue des Trinitaires) gefeiert, das im Jahr 1720 errichtet worden war. Das ehemalige Ordensoratorium mit nur 350 Sitzplätzen war im Jahr 1803 nach dem Konkordat von 1801 und den Organischen Artikeln von 1802 der kleinen reformierten Gemeinde von Metz übergeben worden. Die Pläne, das Gebäude entlang der Trinitarierstraße zu erweitern oder die Metzer Clemenskirche umzuwidmen, wurden in Erwägung gezogen, letztendlich aber aufgegeben.Pierre Bronn: Le temple neuf au cœur du protestantisme messin. 2014, S. 28–34. Im Jahr 1891 legte der Metzer Stadtbaumeister Conrad Wahn einen ersten Entwurf für einen Neubau vor. Vom überwiegend katholischen Metzer Stadtrat war ein Kuppelbau ohne Turm vorgegeben worden, damit die neue Kirche, die man damals noch auf dem Baugrund der Trinitarierkirche errichten wollte, nicht die Metzer Domtürme überragen würde; schließlich liegt die Trinitarierkirche auf der höchsten und traditionsreichsten Erhebung der Innenstadt.Zur Einweihung der neuen evangelischen Kirche in Metz. In: Metzer Zeitung, 14. Mai 1904.Aus der Baugeschichte der neuen evangelischen Kirche in Metz. In: Straßburger Post, 18. Mai 1904. Der Gesamtkomplex befindet sich auf dem Gelände der Palastanlage der Merowinger und der Karolinger.Niels Wilcken: Vom Drachen Graully zum Centre Pompidou-Metz. Metz, ein Kulturführer. Merzig 2011, S. 99 ff. Der von Wahn gezeichnete Entwurf nach frühgotischen Vorbildern weist einige Parallelen mit der Heilig-Kreuz-Kirche in der Tempelhofer Vorstadt von Berlin auf, die zwischen 1885 und 1888 nach Plänen des renommierten Architekten Johannes Otzen unter der Bauleitung von Robert Kleinau errichtet worden war. Otzen hatte bereits im Jahr 1892 ein Gutachten für das evangelische Kirchbauprojekt in Metz erstellt und folgerichtig auch den Plan von Wahn zur Ausführung empfohlen.Gutachten betreffend den Bauplan zu einer protestantischen Kirche vom Stadtbaumeister Wahn, Abschrift vom 24. September 1892. In: Archives municipales de Metz, 2-M-63. In der Folgezeit kam es allerdings zu verschiedenen Konflikten um das zukünftige Grundstück, die Finanzplanung sowie zu konfessionell bedingten Meinungsverschiedenheiten zwischen dem überwiegend katholischen Metzer Stadtrat und dem evangelischen Konsistorium, wodurch sich der Baubeginn erheblich verzögerte. Darüber hinaus wurde der geplante Neubau von den katholischen Abgeordneten des Landesausschusses in Straßburg als Luxusprojekt angesehen, da die evangelischen Metzer Bürger ja auch die großdimensionierte Metzer Garnisonkirche mit ihren 2400 Sitzplätzen hätten nutzen können. So wurde die Bewilligung von staatlichen Finanzzuschüssen nochmals verschleppt.Verhandlungen des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen, Sitzung vom 23. Februar 1897. Ebenso gab es Konflikte zwischen den ursprünglichen reformierten Metzer Protestanten und den neuzugezogenen lutherischen Protestanten.Pfarrer Sell: Bericht über die Angelegenheiten des Neubaues der Evangelischen Stadtkirche zu Metz. 1893. (Archives départementales de la Moselle, Metz)François-Yves Le Moigne, Gérard Michaux: Protestants messins et mosellans. Metz 1988, S. 246.

Konkrete Formen nahm das evangelische Bauprojekt erst mit dem Befehl Kaiser Wilhelms II. zur Schleifung der alten Metzer Festungsmauern an. Geplant war ein Kirchenneubau auf dem Gelände der zukünftigen Neustadt im Bereich des Prinz-Friedrich-Karl-Tors (heute Porte Serpenoise) oder am Theobaldsplatz (heute Place Saint Thiébault).Brief des Metzer Bürgermeisters an den Bezirkspräsidenten vom 14. Dezember 1898 (Archives départementales de la Moselle, Metz, 7-AL-218) Jedoch lehnte dies die evangelische Kirchengemeinde entschieden ab, da man weiterhin an einer zentral gelegenen Kirche interessiert war und sich nicht an die Peripherie der Altstadt verdrängen lassen wollte. Darüber hinaus war der Bau der Metzer Neustadt erst in der Planungsphase und man wollte den Kirchneubau nicht noch weiter verzögern.

So kam ein Bauplatz im sogenannten „Jardin d’amour“ auf der kleinen Moselinsel ins Spiel. Diesen Bauplatz empfahl auch der renommierte Stadtplaner Josef Stübben, der mit den Plänen zur Metzer Stadterweiterung beauftragt worden war.Gemeinderatssitzung der Stadt Metz vom 10. Februar 1899 Gegen die Fällung der alten Bäume auf der Spitze der kleinen Moselinsel zugunsten des Kirchenneubaues organisierten sich etwa fünfhundert Bürger und richteten eine entsprechende Petition an Kaiser Wilhelm II. Die Landesregierung des Reichslandes Elsaß-Lothringen leitete die eingereichte Petition erst gar nicht weiter und sandte sie direkt wieder nach Metz zurück.Petition vom 26. März 1899 (Archives départementales de la Moselle, Metz, 7-AL-218) Nachdem auch Kaiser Wilhelm II. den Bauplatz als geeignet erachtet hatte, stimmte der Gemeinderat der Stadt Metz am 10. Februar 1899 schließlich dem Neubau der Kirche an der Süd-West-Spitze der kleinen Moselinsel zu.Protokoll der Gemeinderatssitzung der Stadt Metz vom 3. Februar 1898.

Einflussnahme Kaiser Wilhelms II. Im Jahr 1897 bewilligte die Regierung des Reichslandes Elsaß-Lothringen einen Staatszuschuss in Höhe von 100.000 Mark, während der evangelische Metzer Kirchenneubau noch in der Planungsphase steckte.Straßburger Post vom 18. Mai 1904, Artikel „Aus der Baugeschichte der neuen evangelischen Kirche in Metz“. Im Zusammenhang mit der Umgestaltung der Stadt Metz begann sich auch der Kaiser für das Projekt zu interessieren, obwohl sich Sakralbauten üblicherweise in der kommunalen Zuständigkeit der jeweiligen Gemeinde befanden. So wurden in der Folgezeit alle Entwurfszeichnungen durch den Bezirkspräsidenten Hans von Hammerstein-Loxten persönlich begutachtet und unterzeichnet. Kaiser Wilhelm II. lehnte schließlich das von Otzen befürwortete Projekt Conrad Wahns nach dem Muster der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche ab und ordnete einen neoromanischen Kirchenbau an.Auszug aus dem Berathungsregister (sic!) des Gemeinderates der Stadt Metz, Sitzung vom 5. Juli 1899, Archives départementales de la Moselle (Metz), 7-AL-218.

mini|Evangelische Stadtkirche Metz, undatierter und unsignierter Entwurf Conrad Wahns für das Projekt auf der kleinen Moselinsel, Plansammlungen in den Archives départementales de la Moselle (Metz), 9 Fi 598. mini|Saardom, Chorpartie mit Vierungsturm nach dem Metzer Vorbild Daraufhin fertige Conrad Wahn einen neuen Entwurf für die evangelische Stadtkirche an. Diesen musste er allerdings auf Geheiß des Kaisers wieder überarbeiten. So wurde die Vierungskuppel durch einen dominanteren Vierungsturm ersetzt. Die vorherige, projektierte Vierungskuppel Wahns gelangte allerdings später durch den Architekten Peter Marx beim Ausführungsentwurf des Saardomes in Dillingen/Saar zur Ausführung; beide Kuppeln weisen deutliche Parallelen auf. Ebenfalls auf Weisung des Kaisers musste Conrad Wahn dem Metzer Kirchbauprojekt Chorflankentürme hinzufügen. Im von Conrad Wahn an Wilhelm II. am 26. Mai 1899 übersandten neuen Entwurf änderte der Kaiser persönlich mit Rotstiftstrichen die Pyramidenhelme der Fassadentürme in rheinische Rhombenhelme um. Wilhelm II. legte großen Wert auf die Erzielung einer malerischen Silhouette ganz im Formenkanon der rheinischen Romanik. Im Entwurfsbegleitschreiben vom 26. Mai 1899 hatte der lothringische Bezirkspräsident Hans von Hammerstein-Loxten dem Kaiser den Entwurf Wahns mit dem Hinweis, dass „eine solche Kirche, deren Vorbilder namentlich im Rheinlande zu finden sind, (…) gerade in Metz gut wirken (würde)“, besonders anempfohlen und ihn an das kaiserliche Zivilkabinett in Berlin übersandt. Allerdings empfahl Hammerstein, den massiven Vierungsturm etwas zu verschlanken.Bezirkspräsident Freiherr von Hammerstein an das kaiserliche Civilkabinett, Brief vom 27. Mai 1899, Archives départementales de la Moselle, 7-AL-218 sowie Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, PK, I. HA Rep. 89, Geheimes Zivilkabinett, Nr. 22077. Wilhelm kommentierte den Plan nach Abänderung der Turmhelme mit der Marginalie „sehr gut“ und bestimmte ihn, ohne auf Hammersteins Abänderungsvorschlag hinsichtlich des Vierungsturmes einzugehen, anschließend zur Ausführung.Das Civilkabinett des Kaisers an den Bezirkspräsidenten von Lothringen, Brief vom 8. Juni 1899, Archives départementales de la Moselle, 7-AL-218 sowie Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, PK, I. HA Rep. 89, Geheimes Zivilkabinett, Nr. 22077. Wahn arbeitete die Änderungswünsche Wilhelms II. in seine Pläne ein und legte die Pläne am 28. Februar 1900 zur Ausführung vor.

Daraufhin wurde die Grundsteinlegung am 25. November 1901 feierlich begangen und am 14. Mai 1904 feierte man in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. und dessen Gattin Auguste Viktoria, die mit ihrer Schirmherrschaft des Evangelischen Kirchenbauvereins ebenfalls das Interesse ihres Mannes an der Errichtung neuer protestantischer Sakralbauten teilte, mit großem Gepränge die Einweihung der neuen evangelischen Stadtkirche in Metz.Pierre Bronn: Le temple neuf au cœur du protestantisme messin, 2014, S. 36. Der evangelische Theologe Otto Michaelis, der ab dem Jahr 1903 als Hilfsprediger und ab 1906 als Pfarrer in Metz fungierte, bejubelte das Ereignis in markigen Tönen, indem er Protestantismus, Deutschtum und die Hohenzollerndynastie hochleben lässt:Otto Michaelis: Aus der Geschichte der Metzer evangelischen Gemeinde, Metz 1906, S. 74–75.